Freitag, 26. Oktober 2012

CRZ + AVZ = Big Love

Ich war noch nie bei einer Lesung. Warum auch? Ich bin doch cool! Mein Bedarf, Autoren zu sehen und selbige über Interviews ein wenig besser kennenzulernen, wird eigentlich an jedem letzten Sonntag im Monat von Denis Scheck gedeckt. Mal davon abgesehen, dass für mich auch noch immer die Theorie im Raum steht, dass das, was Autoren zu sagen haben, in ihren Büchern steht. Und mal im Ernst: Gehen nicht eigentlich nur Mädchen, die einen Ersatz für den Boyband-Kult ihrer Teenager-Jahre suchen, auf Lesungen? Alle anderen Teilnehmer sind doch schleimige Schnösel und pseudo-intellektuelle Schwanzgesichter mit Retro-Brillen und kunstvoll gebundenen Schals, oder? So stellte ich mir das vor. Noch dazu ist der ganze Quatsch dann in einem Theater, und Theater sind doch, wie man weiß, wie Berlin; wenn man zu oft da ist, bekommt man nicht einmal mehr mit, was für ein Arschloch man geworden ist.

Doch dann las ich, dass Carlos Ruiz Zafón nach Deutschland kommt, um, am Tag des Verkaufsstarts, aus seinem neusten Roman "Der Gefangene des Himmels" zu lesen. Verflucht, diesmal musste ich wohl über meinen Schatten springen und mich meinen eingebildeten Dämonen stellen.

Ungefähr zwei Jahre zuvor fiel mir auf einem uninspirierten Spaziergang durch die Buchhandlung, "Der Schatten des Windes" in die Hände: Der Klappentext klang mittelmäßig, die Covergestaltung schrie " Kitschiger Weltkriegsfrauenroman", aber der Titel war schön. Ich gab also dem ersten Roman aus Ruiz Zafón's Epos um den Friedhof der vergessenen Bücher eine Chance - und ich sollte es nicht bereuen: Selten hat mich ein Buch so direkt ins Herz getroffen und auf so viele Weisen unterhalten. Ich verschlang es, ebenso wie seinen etwas schwächeren Nachfolger, "Das Spiel des Engels", in wenigen Nächten. Sollte ich also wirklich dorthin fahren? Nach Hamburg? Ich kann Hamburg eigentlich nicht ausstehen, und komme nur, wenn ich etwas will: Konzerte, Einkäufe etc. Die Entscheidung wurde mir jedoch abgenommen: Freunde schenkten mir die Karte zum Geburtstag und waren sogar so umsichtig, dafür zu sorgen, dass ich nicht allein fahren müsste. Keinen Führerschein besitzen zu wollen, ist nicht immer einfach these days. Was zieht man denn an, wenn man zu einer Lesung geht? Ich entscheide mich für dunkle Jeans, schwarze Sneaker, ein kariertes Hemd, ein brauner Pullover mit Kragen und meinen dunklen Mantel.

Thalia-Theater. Einfallsreicher Name. Die Schlange hielt sich in Grenzen, zum Glück. Im Foyer war es dafür ein bisschen beengter. Augenscheinlich haben viele Spanier ihren Weg hierher gefunden - ein bisschen Heimat in der vom Wind gegerbten Hansestadt. Mein erster Gang führt mich zur Herrentoilette. Mache nur ich diese Erfahrung, oder sind die Männerklos, egal, wohin man kommt, immer zum Kotzen? Benehmen wir uns immer daneben, sobald sanitäres Porzellan in der Nähe ist? Selbst in einem verfluchten Theater? Das Licht in den Kabinen ist ausgefallen, weswegen ich mit meinem Handy meinen Pimmel anleuchten muss, um überhaupt sehen zu können, wo es lang geht. Der Mann, in der Kabine neben mir, scheint wegen einer größeren Angelegenheit hier zu sein. Sympathisch: Erst einmal scheiße ich, und dann vielleicht ein Glas Champagner im Foyer, wird er sich denken. Immer wieder hallen dumpfe Fürze von den Pissoirs herüber. Es gibt einfach Orte, an denen gilt keine Etikette - nicht einmal in einem verfluchten Theater.

Zurück aus der dunklen Hölle. Das Foyer hat sich weiter gefüllt. Das Publikum ist eigentlich relativ gemischt: junge Menschen, alte Menschen, gegelte FDP-Politiker-Prototypen, abgehalfterte Kunstbetrieb-Tussis mit (zu) rotem Lippenstift, Studenten, die von ihren Freundinnen hergeschleppt wurden - ein Klassentreffen mehrerer Generationen. Ein Verkaufsstand wurde errichtet, an dem die Besucher die Greatest Hits des Señor erstehen können. Und die Leute kaufen wie im Wahn. Ich stelle mich natürlich an, um "Der Gefangene des Himmels" zu kaufen - immerhin ist heute der Erscheinungstag, aber es gibt die Bücher doch auch morgen noch. Ist das so eine ideelle Geschichte? Die Frau, die vor mir an der Reihe ist, ersteht fünf Exemplare: 114,95 €. Selbstverständlich. Ein Klingelsignal fordert den Mob zum Eintreten auf. Garderobe, Häppchen oder Getränke kann ich mir nicht leisten; ich setz mich einfach auf meinen Mantel und fahr anschließend zu McDonald's, das ist der Plan: Ein kulturelles Gegengewicht schaffen und so.

Das Licht stirbt langsam und der ganze Saal hüllt sich allmählich in Anonymität. Schräg hinter mir hat eine nuttige Version von Herta Müller Platz genommen und lässt sich, mit der Stimme Reich-Ranickis, über Richard David Precht aus, ohne seinen Namen zu nennen, während ihre Freundin - und vor allem: sie selbst - sich an ihren Worten erfreut: Der Autor, ja, dieser Autor betreibe Plagiat an der gesamten Zunft der Philosophiegeschichte. Tun das nicht alle Philosophen, sich auf die Schultern von Giganten stellen, du hässliche, alte Nutte? Sicher, niemand mag den schleimigen Richard (bis auf die vielen Menschen, die seine populärwissenschaftlichen Bücher kaufen und jedes Mal auf die Bestsellerliste hieven), aber ich bin mir sicher, dass es wohl nie sein Anspruch war, das verschissene Rad neu zu erfinden. Selbstgefälliges Scheißpack.

Eine schüchterne Mitarbeiterin des Theaters entert die Bühne, begrüßt uns, dankt der Academy und bittet um Applaus für eine dolmetschende Moderatorin, einen wirklich extremst klischeehaft aussehenden Schauspieler, der die deutschen Parts übernehmen soll, und natürlich, für den Star des Abends: Barcelonas liebsten Sohn, Carlos Ruiz Zafón. Der Maestro, ein dicklicher Mann mit Bart, Harry-Potter-Brille und bereits geschwundenem Haupthaar schlendert, schlechter gekleidet als der Großteil der Gäste, mit den Händen in den Taschen auf die Bühne und hebt lediglich die Faust zur Begrüßung der Anwesenden. Sympathische Lässigkeit, authentisch und amerikanisch, kalifornisch. Der Lebensmittelpunkt Los Angeles scheint sich bezahlt zu machen. Einleitende Worte auf Deutsch und Spanisch. Ruiz Zafón selbst, spricht, laut eigene Angabe, kein einziges Wort Deutsch.

Als die Moderatorin und der Autor um Handzeichen bitten, wer denn Spanisch verstehe, schwant mir Böses. Bestimmt 80% des Saals heben ihre Arme. Der Schriftsteller sagt ein paar Worte. Ich verstehe nichts. Herta Müller lacht immer wieder im spanischen Teil, um dem Umfeld zu verdeutlichen, was für ein verfickter Weltbürger sie ist. Die Dolmetscherin sagt, dass Ruiz Zafón uns nicht mit dem Spanischen foltern wolle; wir sollen lediglich einen Eindruck der Melodie der Sätze im Original gewinnen. Finde ich gut und nachvollziehbar. Ununterbrochen hustet irgendwo jemand. Das bilde ich mir nicht ein, oder? Jeder Zweite muss hier 'ne verfickte Erkältung haben. Seine Stimme ist leise, gelassen und, in der Tat, sehr melodisch. Zwanzig Minuten, und ich würde selig schlafen. Nach kurzer Zeit endet jedoch der spanische Teil. Der deutsche Schauspieler liest nun, und Hölle, er ist ein fantastischer Vorleser! Die Übersetzung Peter Schwaars scheint ebenfalls erneut sehr gelungen zu sein.

Nach jeder gelesenen Passage folgt ein kurzes Interview der Moderatorin dem Autor. Die Fragen sind gut: Was bedeute ihm die Figur des Fermín Romero de Torres, was die Figur des Andreas Corelli, welches sei die Literatur, die ihn selbst, zu seinen Büchern inspiriert hat. Ruiz Zafón antwortet stets gelassen und klug; so sei Corelli zum Beispiel seine Variation des altbekannten Teufels, den er als "die beste literarische Figur der Geschichte" bezeichnet. Die drei bisher erschienenen Bücher zum Kosmos um den Friedhof der vergessenen Bücher können dem Autor zur Folge, in beliebiger Reihenfolge gelesen werden; was zähle, ist, was der Leser empfinde, was er bereit sei, hineinzulesen. Und was sei das Lieblingsbuch des Autor selbst? Er habe keines. Er verweist stattdessen auf den Friedhof der vergessenen Bücher: Jedes erdenkliche Buch könne für einen Menschen einen bestimmten Zauber entfalten, wenn es denn das vermeintliche Schicksal so wolle. Die Liebe zur erzählenden Literatur begleite ihn sein ganzes Leben, und das spürt man auch mit jeder Silbe.

Als aus dem Publikum die Frage nach seiner Beurteilung der momentanen (politischen) Situation Spaniens kommt, entgegnet der Autor, dass dies und die gesamte Finanzpolitik Spaniens, der E.U. und der Welt, ein viel komplexeres Feld sein, als es den meisten, vorschnellen Meinungsmachern auf den ersten Blick erscheinen mag. Er hüte sich vor unqualifizierten Urteilen und überlasse diese lieber den Experten. Weise Worte. Amen. Ein wenig verstimmt setzt sich der Fragesteller wieder. Ich wette, das löst keine Demut aus. Es gibt einfach Schuhe, die man nicht tragen sollte, wenn sie einem nicht passen.

Die vorgelesenen Passagen waren nicht nur hervorragend vorgetragen, sondern auch so gewählt, dass sie wahrlich nicht zu viel verraten, sondern in erster Linie nur den Wunsch bestärken, das Buch in einer nebligen Nacht zu verschlingen, um dann sogleich zu bereuen, dass der vierte Teil der Saga, die eigentlich keine Saga sein will, wahrscheinlich erst in vier oder fünf Jahren erscheint.

Ehe ich mich versehe, stehe ich der Schlange zur anschließenden Signierstunde. Pro Person, ein Buch! Zehn Minuten langweilige Warterei, dann Nervosität. Ich drücke meinem mitgereisten Kumpel meine Erstausgabe von "Der Schatten des Windes" in die Hand und bläue ihm ein, ebenfalls zu sagen, dass sein Name Alex sei, während ich vorhabe, mir das neueste Werk signieren zu lassen. Ich fühle mich ein bisschen groupiemäßig. Mein Kumpel ist vor mir an der Reihe, und plötzlich, in dem Moment, als Ruiz Zafón gerade unterschreibt, reißt die verfluchte Seite aus dem Buch. Ich bin zu überrascht und zu aufgeregt, um mich zu ärgern. Der Autor lächelt, blickt auf und sagt: "And that has even enhanced it's value". Er hat recht, doch mein Interesse lag sowieso nie darin, es zu verkaufen, schließlich habe ich selbst überall reingekritzelt, mir die schönsten Stellen markiert und die persönliche Geschenkwidmung der Vorbesitzer herausgeschnitten. Der Autor selbst hat meine teure Erstausgabe beschädigt. Ist das diese Ironie, von der immer alle sprechen? Ich kleb's zusammen. Man kann alles wieder zusammenkleben. Ich bin an der Reihe. Ein bisschen schüchtern sage ich, dass mein Name ebenfalls Alex sei. Zufälle gibt's. Ich bedanke mich höflich. Er lächelt, reicht mir mein heiliges Buch und sagt, dass das Vergnügen ganz seinerseits sei. Ich drehe mich um und gehe.

In der Zwischenzeit ist der Winter eingebrochen. Eine klirrende Kälte begrüßt uns, als wir, mit Zigarette im Mund, aus dem Theater stolzieren. Wir mussten nicht schreien, haben nicht gezittert und waren auch nicht albern, aber es ist uns nicht einmal aufgefallen, dass wir auf der gesamten, neunzigminütigen Rückfahrt, nicht eine einzige Sekunde das Radio eingeschaltet hatten, sondern ununterbrochen redeten.

Was also zu sagen ist: Wenn Lesungen bekannter, internationaler Literaturgrößen immer so ablaufen und bei jedem Mal so reibungslos und unterhaltsam organisiert sind, kann man sich den ganzen Scheiß ruhig öfter zumuten.

A.         

1 Kommentar:

  1. Ein vom Meister signiertes Buch - wow. Freut mich wirklich für Dich!

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