Donnerstag, 11. Oktober 2012

Das Ende aller Träume

Mein Kopf schmerzt, und ein wenig schwindelig ist mir auch. Es ist schrecklichen kalt in meinem Schlafzimmer. Verwirrende und manische Träume haben mich durch die Nacht gepeitscht, und ich fühle mich nicht unbedingt ausgeschlafener als gestern Abend, als ich mit einem stetigen Pfeifen in den Ohren und alten South-Park-Folgen auf den Schlaf gewartet habe. Grelle und verwaschene Trugbilder: Angesoffene Träume sind die schlimmsten; ich erinnere mich an nichts, und trotzdem haben sie mich geschafft. Pfefferminztee und Ibuprofen helfen mir auf die Beine.

Der Abend hatte schon ein paar Spuren hinterlassen, da marschierten zwei ältere Männer in die Bar. Dickliche, haarlose Normalos um die 60 mit rutschenden Hosen und wackligem Gang. Schwerfällig torkeln sie in Richtung Tresen. Von Zeit zu Zeit schleppt sich einer der beiden Typen zur Toilette. Seine Hose rutscht und lässt tiefe Blicke auf seinen wabernden, weißen Arsch zu. Angewidert wende ich meinen Blick ab. Er hatte, denke ich, schon genug, bevor er hergekommen ist. Das muss der Abgrund sein. Zeit vergeht, man lacht laut, Gläser stoßen aneinander. Während ich mich gerade mit meinen Freunden über die Kontaktanzeigen-Spalten irgendeines bescheuerten Gratis-Regional-Blattes lustig mache, wird es lauter am Tresen. Konspirative Blicke werden ausgetauscht. Die Wirtin ist allein im Laden. "Nein, ihr geht jetzt. Hausverbot!" Die beiden Fettsäcke gackern und stellen fest, dass sie ihr Bier nicht einmal bezahlen können. Wir stehen, da wir sowieso gerade eine rauchen gehen wollen. In den Blicken meiner Freunde sehe ich, was gleich passiert. Einer geht Richtung Tresen. Ein Zweiter geht hinterher. Ich gehe hinterher. Es ist eng, und ich bin nicht einmal in der Nähe des Epizentrums. Meine Hände zittern unter dem Gewicht des Ungewissen. Was passiert als Nächstes? Ich schätze alle Möglichkeiten in meinem Kopf ab. Der Besoffenere der Beiden hat Mühe aufzustehen, ohne dabei die völlige Kontrolle über seinen Körper zu verlieren. "Ich werd ja hier gerade rausgeflogen", brüllt er und fuchtelt mit den speckigen Armen. Sein Pullover ist hochgerutscht und offenbart seine Wampe. Und das übliche Spiel, der übliche, immer wiederkehrende Dialog beginnt: "Fass mich nicht an! Nimm deine Hände weg!" "Nee, fass Du mich nicht an. Fass mich nicht an!"

Der Besonnenere der Beiden stellt sich vor seinen idiotischen Freund und meint, dass alles gut sei und sie jetzt wirklich gehen würden. Offenbar hat er die Zeichen der Zeit erkannt. Während die Visagen finsterer werden, muss ich lachen. Diese ganze verfickte Situation ist unglaublich bescheuert. "Ich komme mir vor wie auf RTL2", sage ich und schüttele meinen Kopf. Eine zerfurchte Alkoholikerin, ebenfalls um die 60, kommt aus dem Nichts dazu und sagt, dass wie wir uns nicht unglücklich machen sollen - wegen so eines besoffenen Idioten. Offenbar kennt sich der Abschaum trotzdem. "Nu hör auf, Bernd. Komm, wir gehen jetzt", ruft der Besonnene und zerrt Bernd final aus der Kneipe, an mir vorbei. Ich weiche keinen Schritt zurück. Ich schäme mich für die Beiden. Was musste passieren, damit das hier aus ihnen geworden ist? Welche Träume mussten sterben?

Als wir auf die Straße kommen, sind die beiden Fettsäcke verschwunden. Kälte und Adrenalin durchziehen meine Venen. Neben mir, am Zigarettenautomaten, hängt ein Phantombild. Ein neunzehnjähriges Mädchen wurde nach einem Discobesuch vergewaltigt. Von den beiden südländischen Tätern, die offenbar Zwillinge sein müssen (ein Fahndungsfoto), fehle jede Spur. Es wird um sachdienliche Hinweise gebeten. Die zerfurchte Alkoholikerin kommt nach draußen. "Darf ich mich zu Euch gesellen?" Selbstverständlich. Sie setzt erneut an: "Ich hätte die beiden ja auch rausgeschmissen. Ich mein, ich bin ja nur ein Zwerg, aber allein, dass der sich da an' Tresen setzt und erzählt, dass er seinen Sohn fickt, hätte gereicht, ne?" Was? Noch bevor das erdrückende Schweigen entsteht, bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich richtig gehört habe. In den Blicken meiner Freunde lässt sich jedoch ablesen, dass ich mich nicht irrte. Ich schnippe meine halb gerauchte Zigarette weg und gehe, ohne ein weiteres Wort, wieder rein, zurück zu den Anderen. Die Welt ist ein schmutziger Ort. Als ich an unseren Tisch komme, bringt die Kellnerin eine Runde Kurze. Eine milde Gabe der zerfurchten Alkoholikerin. Ich erzähle den Anderen am Tisch nicht, was ich draußen gerade gehört hatte, sondern proste der Alten zu. Wir trinken aus. Bevor wir jedoch gehen, bringt die Kellnerin eine weitere Runde. Diesmal ist es eine kleine Anerkennung der Wirtin.

In mir regt sich der Wunsch, weiter zu ziehen und mich irgendwo bis zum Sonnenaufgang herumzutreiben. Ich kämpfe dagegen an, besinne mich und gehe nach Hause. Die Zeiten sind vorbei.

A.  

Kommentare:

  1. Manchmal liest man und weiß nichts dazu zu sagen. Wirkt trotzdem.

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    1. Danke, liebe Alice. Ich verstehe, was du meinst.

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