Montag, 22. Oktober 2012

Die fabelhafte Welt der Blasphemie II

Wie auch immer! Darum sollte es auch nicht gehen. Ich wär' jedenfalls überrascht, nach meinem Tod auf einer Wolke, in einem Kessel oder als Kuh wieder auf zu wachen. Es sollte hier eigentlich viel praktischer zugehen. Ihr habt den langweiligen Teil überstanden. Neues aus unserer beliebten Rubrik: "Die Erinnerungen des Regenkönigs". Heute: "Lexman und die Toten".

Wir schreiben das Jahr 2007 nach Christus. Ich hatte mein Abitur gerade geschafft, und ruhte mich noch immer auf diesem unvorhersehbaren Triumph aus. Die Zukunft hatte noch nicht damit begonnen, ihre kalten Hände um meine Kehle zu legen. Erst einmal würde ich irgendwo meinen Zivildienst ableisten - danach könnte ich mir doch immer noch überlegen, was ich mit meinem Leben würde anfangen wollen. Der Bassist aus meiner Band erzählte mir, dass es im Krankenhaus relativ lässig sei. Nachdem ich mich also davon überzeugt hatte, dass ich dort nicht irgendwelche Ärsche würde sauber wischen müssen, stimmte ich zu. Warum auch nicht? Betten und Rollstühle durch die Gegend schieben, hübschen Schwestern auf den Arsch glotzen, während ich mit den anderen Jungs pokern würde. Das klang reizvoll. Selbst mit dem schlechten Essen und dem weißen Kittel konnte ich mich schnell arrangieren. Meine Mitstreiter waren sympathische, pöbelnde Großmäuler, mit denen ich an den Wochenenden meinen Sold versoff. Es war toll. Die eigentliche Arbeit hätte auch von dressierten Äffchen verrichtet werden können, doch die Bezahlung war großzügig (und ohne Abzüge). Ich war in der wohligen Routine eines Drohnenlebens angekommen, und das fühlte sich großartig an. Ich trottete in aller Herrgottsfrühe, mit meinem MP3-Player im Ohr, zum Krankenhaus, kaufte mir ein Mettbrötchen zum Frühstück, löste das Kreuzworträtsel in der Bild, schnitt mit den Anderen das Oben-Ohne-Mädchen aus, um es an die Tür unseres Schrankes zu kleben, machte mich über alles und jeden lustig, legte alle 30min eine Raucherpause ein und verprasste das viele nutzlose Geld.



Nach ungefähr zwei Wochen ging ich eines Morgens zur Arbeit (hach, wie das klingt). Meistens, wenn die Zeit es zuließ, rauchte ich noch eine vorm Haupteingang (die Arroganz der gesunden Jugend), bevor ich in den Umkleidekabinen verschwand, um mich zu verkleiden. Während ich an der Fassade des Krankenhauses entlang blickte, sah ich plötzlich zwei meiner Kollegen, wie sie ein Krankenbett durch einen gläsernen Verbindungsgang schoben. Wie überambitioniert diese Idioten sind, dachte ich noch, bis es plötzlich schreckliche Gewissheit wurde: Ich hatte mich tatsächlich über eine Stunde verspätet. Das wäre sicher kein Weltuntergang gewesen, hätte ich nicht ausgerechnet an diesem Tag ein Gespräch mit meiner Chefin gehabt. Worum es ging, wollte sie mir am Vortag nicht sagen. Vielleicht sollte ich irgendetwas bekommen? Ich verkniff mir die Umkleidekabine und ging, in Zivil, direkt zum Bürotrakt.

Bereits auf dem Flur konnte ich zwei Frauen hören, die sich so sehr über irgendjemanden aufregten, dass sie schrien. Ich musste fast lachen. Dann sah ich, dass der Lärm aus dem Büro kam, in das ich beordert wurde. Klopfen.

"Guten Morgen, entschuldigen Sie, dass ich so spät bin. Das ist das erste Mal und ich verspreche, das kommt nie wieder vor", sagte ich vorsichtig, als ich in die wütenden Augen dreier untersetzter Frauen blickte. Vor mir saßen: die Chefin meiner Abteilung, die Personalchefin des gesamten Hauses und eine Chefin, deren genaue Funktion ich inzwischen vergessen habe.
"Können Sie sich vorstellen, warum wir Sie herbestellt haben?"
"Ja, ich schätze, weil ich gestern nicht bei meinem Termin beim Amtsarzt war, oder? Ich werd' mir 'nen neuen Termin geben lassen"
"Falsch, das wussten wir noch gar nicht. Aber ebenfalls interessant. Können Sie hiermit etwas anfangen?", sagte sie, während man deutlich spürte, wie sehr sie dieses Vorspiel vor der großen Eruption genoss. Sie warf einen Stapel Blätter auf den Schreibtisch vor mir. Hoppla, auf den Blättern waren Bilder von mir und den anderen Zivis zu sehen; wie wir, während der Arbeitszeit Poker spielten, während einige von uns schliefen. Ein weiteres Bild zeigte den Bassisten und mich in Knastpose vor einem Krankenwagen mit verschränkten Armen und Zigarettenschachteln in den hochgekrempelten Kittelärmeln. Naja, so wild fand' ich das jetzt nicht, was man mir offensichtlich ansah. Aber woher hatten die alten Puten diese Fotos?
"Haben Sie diese Bilder ins Internet gestellt?", fragte die Bienenkönigin deutlich erregter. Ups, schuldig im Sinne der Anklage, Euer Ehren.
"Ja, aber ich dachte wirklich nicht, dass das so furchtbar schlimm sei. Ich lösch' die Bilder natürlich, wenn Sie das wollen?!", gab ich mich unvorsichtig geständig. Das hätte ich wirklich nicht sagen sollen, nein. Zumindest nicht so. Ein Inferno brach über mich herein. Die drei Furien schrien mich abwechselnd eine halbe Stunde lang an. Da ich leider nach wenigen Sekunden abgeschaltet habe, sind das hier die einzigen Stichworte, die ich wiedergeben kann: "Rufschädigung", "Ungeheuerlichkeit", "Strafe", "Disziplinarmaßnahmen", "Schmutz", "Dummheit".
"Das geht so nicht! Und das lassen wir auch nicht mit uns machen. Wir werden den Bund einschalten, Sie werden angehört werden und dann wird über ihr Strafmaß entschieden. Das kann von einem Bußgeld bis sogar zum Verweis von der Dienststelle liegen. Also machen Sie sich auf was gefasst! Und jetzt gehen Sie sich umziehen!", blaffte die Oberhexe. Als ich mich erhob, funkelte mich auch meine Abteilungsleiterin wütend an und sagte: "Darüber reden wir nochma', Alexander!"

Um Gottes willen, ey! Ich war richtig geschafft von alledem. Noch nie zuvor hat man mich so angeschrien. Die Dienststelle verweisen? Das wäre schrecklich. Der Bund feuert einen nicht, sondern versetzt einen stattdessen irgendwo hin. Und dann wär ich allein in irgendeiner bescheuerten norddeutschen Stadt und würde in einer Dienstwohnung versauern - vielleicht müsste ich dann sogar etwas Ekliges tun. Und wer hatte mich eigentlich verpfiffen? Die drei Chefinnen hatten sich doch sicher nicht auf mein StudiVZ-Profil verirrt, um mich auszuchecken. Bis heute weiß ich es nicht mit absoluter Sicherheit, aber einer meiner Kollegen hatte zufällig seinen letzten Tag. Am Morgen hing, wie aus dem Nichts, ein Aufkleber am Schrank, auf dem, garniert mit einer miesen Karikatur, der Spruch "Heute schon einen Kollegen angeschissen?" zu lesen war. Als sich die Nachricht langsam verbreitete, beschloss er plötzlich, früher zu gehen - noch bevor ich mit ihm reden konnte. Das war wohl verspätete Rache. Ich kannte ihn aus der Schule. Er war einer dieser Wichser, denen ihre unbegründete Überheblichkeit bereits in Gesicht geschrieben steht. Dort hatte mich öfter über ihn lustig gemacht, wenn er irgendwelche hässlichen Weiber anbaggerte oder sich einfach wie der wurmhafte Vollidiot benahm, der er nun einmal war. Man trifft sich also tatsächlich zweimal im Leben. Ich hoffe auf ein drittes Mal, du hässliches Wiesel! Und doch weiß ich eine sauber durchgeplante Intrige zu schätzen. Gut gespielt.

Aber: Thorsten, du dämliches Arschloch, du hast die Rechnung ohne den Charme des Lexman gemacht. Die Beauftragte des damaligen Bundesamtes für Zivildienst war Mitte 30, neutral und keinesfalls wütend auf mich. Dass ich auch noch zufällig am Tag meiner Anhörung Geburtstag hatte, spielte mir ebenfalls in die Karten. Wir waren schnell auf einer Wellenlänge.
"Mal unter uns, ich verstehe auch nicht, warum alle hier so eine Welle machen", gestand sie mir, halb flüsternd. Ich bekam die Mindeststrafe: eine Bußgeldzahlung von 50€. Peanuts, gemessen an meinem Gehalt für den ganzen Quatsch. Ich verstehe bis heute die Aufregung nicht, aber ich bin mit einem blauen Auge davon gekommen.

Wir waren zuständig für den Transport der Patienten innerhalb des Gebäudes. Wir brachten sie aus der Notaufnahme auf ihre Stationen, fuhren sie zu den Untersuchungen, holten sie wieder ab, und wir begleiteten sie auch auf ihrer letzten Fahrt innerhalb des Gebäudes.
"Jeder von Euch kann selbst entscheiden, ob er das machen will, oder, ob er damit nicht umgehen kann"
Worte in einen Raum voller gelangweilter Männer. Ich erinnere mich an niemanden, der das nicht mit sich vereinbaren konnte - oder dies zumindest zugab. Und dann, noch während meiner Einarbeitungsphase kam der Auftrag für eine "Kellerfahrt". Ein dienstälterer Zivi sah mich an und fragte, ob ich mit wolle.
"Jo, kein Ding", antwortete ich, ohne überhaupt darüber nachzudenken.

Der endlose Post teilt sich ein weiteres Mal. Morgen geht es weiter.

A.        

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