Dienstag, 23. Oktober 2012

Die fabelhafte Welt der Blasphemie III

Wir gingen zur Rezeption. Heißt das überhaupt Rezeption im Krankenhaus? Ach, Ihr wisst trotzdem, was ich meine. Teil des Prozedere war es, zuerst nach einem Schlüssel mit einer bestimmten Nummer zu fragen. Drei Zahlen. So sehr ich mich auch anstrenge, alles, was mir einfällt, ist 7-5-3: Rom kroch aus dem Ei. Ich glaube nicht, dass das die gesuchten Ziffern sind. 187 oder 666 waren es aber auch nicht. Der Portier übergab uns den Schlüssel, mein Kollege ließ daraufhin selbigen in der Brusttasche seines Kittels verschwinden und unterschrieb in einem großen Buch.

Ich merkte, wie Kälte in meinen Körper zog und meine Hände schwitzen ließ. Aufregung bahnte sich ihren Weg durch meine Venen. Seine Haltung wurde förmlich. Die Verantwortung des Spezialauftrags zeichnete sich in unserem Gang ab.


"Wir sollen jemanden in den Keller bringen?"
"Ja, ich komme sofort. Es sind so viele Patienten auf den Gängen. Denkt daran, durch den Keller zu fahren. Muss ja nicht jeder mitbekommen", sagte die Stationsschwester.

Als wir das Zimmer betraten, hätte nichts die Szenerie verraten, wenn man nicht deutlich die Silhouette eines Körpers unter der Decke auf dem Bett in Ecke hätte ausmachen können. Ein Einzelzimmer, Gott sei Dank. Mit übertriebener Diskretion und einem stinkenden Anflug von Pflichtbewusstsein sprach mein Kollege noch kurz mit der Schwester. Ich starrte auf die Stelle der Ecke, wo ich den Kopf vermutete. Ich postierte mich am Fußende, um die Lenkung zu übernehmen, während mein Kollege das Bett schob. Wir verließen die Station, und als sich die Fahrstuhltüren schlossen, verschwand auf einmal das ernste und pflichtbewusste Gesicht.
"Ist irgendwie komisch", sagte ich. Ich konnte das alles noch nicht so ganz einordnen, als er mich plötzlich angrinste.
"Willst du ma' 'ne Leiche sehen?"
Ehe ich antworten konnte, hob er die Decke am Kopfende an. Der Mann war dürr und alt. Sein Gesicht war faltig und eingefallen. Es sah eher aus, als sei er schon seit Jahren tot. Seine Augen waren zwar geschlossen, trotzdem ließ sich ein kleiner Spalt erkennen, als sei kurz davor, aufzuwachen. Sein Mund stand offen.War er 21 Gramm leichter? Eigentlich schoben wir nur das Eigengewicht des Krankenbettes. Die Leichenhalle (oder vielmehr: der Kühlraum) lag im alten Trakt des Hauses. Man spürte deutlich die Gegenwart der 30'er Jahre. Eine Zeit, in der das Gebäude, aus der Luft betrachtet, tatsächlich die Form des Hakenkreuzes hatte. Fantasievoll, nicht?

Die Luft war schlecht hier unten. Um die Leiche aus dem Bett, und in eines der Fächer zu bekommen, brauchten wir eine senkfähige Bahre, die rostig und kalt in der Ecke, neben den Fächern stand. Sie fungierte als eine Art Schleuse - die letzte Station quasi. Das Ding war garantiert älter als der ganze verdammte Laden, aber es erfüllte eisern seine düstere Pflicht. Bevor wir die Leiche jedoch auf die Bahre hievten, mussten wir Kissen und Decke in einen großen gelben Müllsack pressen und in den Wäschecontainer werfen. Ein ewiger Kreislauf: Die Neuankömmlinge von morgen schlafen im Bettzeug der Abgänge von gestern. Während mein Kollege die Bahre bereit machte, übertrug ich Namen und Station des Toten in ein Buch neben dem Ausgang. Ich unterschrieb daneben. Unglaublich, dass sie das uns ungelernte Vollidioten machen lassen, dachte ich. So eine Verantwortung, so etwas Wichtiges - Drama und Magie eines Debütanten.

Als Nächstes musste ich mich ans Fußende des Bettes stellen. Jeder griff sich seine zwei Ecken des Lakens, und so hoben wir den Toten auf die Bahre. Ich gab mir die größte Mühe, nicht die runzligen, alten Genitalien der Leiche sehen zu müssen. Wir schlossen das Laken über ihm und schoben ihn in ein freies Fach. Zwar öffnete man dann nur die Tür eines einzelnen Fachs, innen gab es jedoch keine Begrenzungen zwischen den einzelnen Liegeplätzen. Sobald also ein Türchen dieses riesigen, gekühlten Adventskalenders geöffnet war, sah man auch die übrigen Insassen liegen. Ein süßlicher Geruch bahnte sich den Weg in meine Nase. War ein Zettel am Zeh? Ja. Tür zu. Ich desinfizierte meine Hände wesentlich länger und gründlicher als sonst.

Hat es mich berührt, getroffen, aufgewühlt? Nein. Viel zu sächlich, viel zu neutral war das Gefühl, das sich danach in mir ausbreitete. Ich hätte genauso gut einen toten Hund oder einen Haufen Steine wegbringen können.

Der endlose Post teilt sich erneut. Morgen geht es weiter - again.

A.      

Kommentare:

  1. "viel zu neutral war das Gefühl, das sich danach in mir ausbreitete"...
    So ging es mir nach meiner ersten Leiche, damals, als Krankenpflegeschülerin, auch.
    Ich kannte Tod, sterben, Leichen bis dahin nur aus dem Fernsehen und ich lernte:
    Sterben ist nun mal nicht Hollywood.
    Keine rührselige Geigenmucke im Hintergrund, keine dramatischen Gesten seitens der anwesenden Ärzte, keine tränenumflorten Augen bei den Schwestern.
    Statt dessen Stille.
    Neutrale Stille.
    Es war ein Leben, das ganz leise & friedlich zu Ende gegangen war.
    Punkt.

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