Donnerstag, 25. Oktober 2012

Die fabelhafte Welt der Blasphemie IV

Ich hatte nie zuvor mit dem Tod zu tun. Ich hatte nie vorher eine Leiche gesehen. Hölle, ich war nicht einmal auf einer Beerdigung. Insgesamt müssen es weit über 20 gewesen sein, die ich in den Keller begleitete. Ich erinnere mich jedoch bloß an die, die schockierend waren - auf welche Weise auch immer. Einmal war es ein Kind. Das war scheiße. Ein Mädchen, vielleicht 10 Jahre oder so. Das Laken mit der Leiche war selbst leichter als die ganzen dürren Alten. Einmal war es eine Frau, die so schwer war, dass wir zu viert in den Keller mussten. Wir hatten extreme Probleme, das Spezialbett überhaupt durch die alte Tür zu kriegen. Das war erniedrigend, posthum. 

Inzwischen hatte ich damit begonnen, des Öfteren die Spätschichten der Anderen zu übernehmen. Ich mochte es, wenn es ruhiger war im Krankenhaus. Sicher, bis um 22.00 Uhr zu arbeiten, war scheiße, aber es war einfach weniger stressig und man musste nicht so verfickt früh aufstehen. Und um Zehn Schluss zu haben, hinderte mich auch nicht daran, danach noch irgendwo zu landen. Ich saß im Aufenthaltsraum, bestellte Pizza in die Notaufnahme, redete Schwachsinn mit dem Festangestellten, der ebenfalls Spätschicht hatte, oder las einfach so lange, bis mein Dienst-Handy eine neue Mission verkündete.


Es wurde draußen gerade dunkel, da klingelte mein Handy mit der Melodie von "Sexy Back". Wir bekamen alle diese alten Nokia-Handys aus der Ära der polyphonen Klingeltöne und ich beschloss irgendwann, mir einen Klingelton auf Firmenkosten herunterzuladen. Das war das Mindeste; ein Funken Individualität in der tristen Routine, bedenkt man, dass wir alle in Uniformen gesteckt wurden.
"Ja, hallo, ich habe hier einen Herrn vom Bestattungsinstitut. Der ist wegen einer Übergabe hier. Kommen Sie vorbei?", sagte die Stimme irgendeiner Schwester. Ich erklärte ihr höflich, dass dies nun wirklich nicht in meinem Zuständigkeitsbereich liege, dass ich im Moment allein sei, und dass sie sich damit eher an meine Chefin wenden müsse. Nicht einmal fünf Minuten später klingelte mein Handy erneut. Meine Chefin. Es liege jetzt sehr wohl in meinem Zuständigkeitsbereich, mich mit dem Bestatter zu befassen, und ich solle mich gefälligst auf den Weg machen. Diesmal besorgte ich mir ein ganzes verdammtes Schlüsselbund, um die vielen Türen aufschließen zu können. Der Bestatter sah genauso aus, wie man sich einen Bestatter vorstellt: groß, klobig, schweigsam und ohne Lächeln - eine klotzige Maschine, routiniert und gründlich.

Der Tote ist einem Unfall auf der Autobahn zum Opfer gefallen und verstarb bereits im Krankenwagen, das weiß ich noch. Da unser Krankenhaus am dichtesten lag, als der Patient das Zeitliche segnete, wurde er hergebracht. Zwei Wochen lang meldeten sich weder Angehörige, noch Verwandte, was zur Folge hatte, dass nach Ablauf der Frist, der Staat für seine Bestattung aufkommen musste. Der hässliche, kleine Trauerraum gegenüber der Leichenhalle, in dem sich Angehörige von ihrem Verlust verabschieden konnten, wurde also nicht gebraucht. Ich war da mal drin, um heimlich eine auf dem Klo zu rauchen. Guter Tipp eines Festangestellten.

Nach zwei Wochen sieht keine Leiche gut aus. Generell sehen Leichen nicht so gut aus. Er war steif und gräulich. Im Bereich der Rippen trat gallertartiges Blut durch eine offene Wunde aus, als wir den Toten aus dem Kühlschrank holten. Was für eine feierliche Angelegenheit. Anblick und Geruch waren ekelerregend. Der Bestatter hatte seine eigene Bahre dabei. Oben war eine Art Reisetasche montiert. Sein Blick sagte, dass ich mit anfassen solle. Ich sagte: "Sorry, hab' meine Handschuhe vergessen". Völlig ohne Regung packte der Bestatter die Leiche mit einem Arm und hob sie auf seine Pritsche. Ich wendete meinen Blick ab, um keine Genitalien sehen zu müssen. Man sollte Toten generell Hosen anziehen. Und Socken! Die Füße! Die Füße sind das Schlimmste. Aber wo baumelt man dann das Schildchen an, wenn nicht an den großen Zeh? Ich hasste schon immer die Füße der Lebenden. Ab einem gewissen Krankheitsgrad oder Alter scheinen alle ihre Füße zu vergessen, dabei sind die Patienten eigentlich immer barfuß. Diese ekelhaften, gelben, verformten, verwachsen Füße. Es war so widerwärtig, wenn ich vorn am Bett ging und lenkte, während der Patient immer wieder meine Hand mit seinen ekelhaften Füßen berührte. Ich kam aus dem Desinfizieren gar nicht mehr raus.

Der Bestatter hatte Probleme den Reißverschluss zu schließen. Und dann tat er das, was wir alle schon getan haben, wenn unsere Reisetasche zu voll wurde: Er drückte, presste und tat alles, um den verfluchten Verschluss zusammenzubekommen. Nur war die Leiche eben steif. Das Geräusch schallte noch für Stunden durch meinen Kopf. Knack. Ich musste an die frische Luft. Nachdem die Kofferklappen des Leichenwagends zugeknallt waren, rauchte ich fünf Zigaretten hintereinander.

Das passiert nach dem Tod. Keine Geigen, keine Magie. Körperflüssigkeiten suppen aus euren Öffnungen, euer Mund und eure Augen sind offen und ihr stinkt. Gelangweilte Mitarbeiter, die sich über Fußball unterhalten, befördern euern toten Körper durch routinierte Mühlen der Entsorgung.

Woran auch immer Ihr glaubt, geht auf Nummer sicher, und seid glücklich, bevor Ihr vom Subjekt zum Objekt werdet. Vielleicht schmore ich für all meine Lästereien in einer Hölle. Vielleicht bin ich ein Schmetterling, nachdem all das hier Geschichte ist. Vielleicht wachen wir alle in einem Bizarro-Universum auf. Vielleicht bin ich nächstes Mal auch ein Stück Zuckerwatte in der Hand eines lachenden Kindes, oder aber die Krawatte eines Politikers auf dem Rednerpult, vielleicht ein Fisch, vielleicht ein Geist, vielleicht ein Gott. Oder ich werde eins mit dem gigantischen Nichts, ein ewiger Schlaf ohne Träume. All das ist gleichermaßen wahrscheinlich, wie es unwahrscheinlich ist. Hier von Gewissheiten zu sprechen, ist etwas für ignorante Spastis, rührselige Esoteriker und Vollidioten. Doch eines möchte ich fast ausschließen: Es wird bestimmt nicht so, wie irgendein Lebender es beschreibt, predigt oder haucht. Seid keine Trottel, genießt, was euch bleibt und rechnet mit dem Schlimmsten, immer!

Und jetzt lasst uns an etwas anderes denken, Liebe machen, Geld sammeln und diesen schrecklichen Planeten zerstören!

A.     

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