Freitag, 5. Oktober 2012

Halt! Im Namen der Liebe

Ich war gestern in einem meiner Lieblingsrestaurants/Bars hier. Ich finde es immer schwer, einen Laden zu finden, der gutes, abwechslungsreiches und billiges Essen aufbietet, ohne dabei so szenig und affektiert zu sein, dass ich brechen muss. Ich kann z.b. leider nicht von eckigen Tellern essen - weil ich das dämlich finde. Nennt mich konservativ, aber ein Gericht wird nicht besser, nur weil das Geschirr von irgend 'nem schwulen Designer-Arschloch ist.

Das Oblomow tanzt auf der Grenze. Das Essen ist fantastisch und trotzdem erschwinglich. Die Karte ist komplex, jedoch nicht unrealistisch breit gefächert. Kleine Karte = gutes Essen. Eiserne Regel. Ich hege außerdem eine grundsolide Nostalgie für den Laden, da ich an meinem ersten Uni-Tag dort mit ein paar Fremden, die später zu Freunden wurden, versackt bin, während die Happy-Hour-Sirene sanft dazu leuchtete.

Die Kellnerinnen duzen einen und reden ein wenig wie Radiomoderatorinnen, womit ich jedoch einigermaßen leben kann, selbst wenn es befremdlich war, als eine Bedienung, die vermutlich so alt wie ich war, an den Tisch schritt und meinen siebzigjährigen Großvater mit einem "Möchtest du noch 'was trinken?" bedachte. Meine Großeltern besuchten mich damals in Kiel und ich zeigte ihnen die Hood. Nennt mich versnobt, aber da, wo ich herkomme, macht man so etwas nicht. Kieler Schnauze? When keep it kumpelhaft goes wrong. Ja ja, das ist kess, frech und gewitzt, aber doch auch irgendwie dämlich.

Der eigentliche Haken am Oblomow ist jedoch: Man sitzt einfach verflucht nah an allen anderen Gästen. Das birgt erfahrungsgemäß immense Risiken. Dass das Essen sehr gut ist, hat sich bereits rumgesprochen, bevor ich hierher gezogen bin. Nächste eiserne Regel: volles Restaurant = hohe Arschlochquote. Jede Seite hat zwei Medaillen oder so. Ich kann mich einfach nicht entspannen, wenn ich beim Essen das behinderte Gelaber irgendwelcher Anzugwichser, Sportstudenten oder Ökoschlampen ertragen muss. Alle sind so laut und sprechen, als redeten sie vor Publikum. Und dieses ganze beschissene Gefasel über ihre scheiß Freunde und geilen Partys! Es ist immer diesselbe verdammte Scheiße. Wichser.

Egal. Ich manövriere meine Begleitung und mich zu einem kleinen Tisch in einer menschenleeren Ecke und danke unserem ehrwürdigen Schöpfer für den Feiertag, der den Großteil des Mittagspausen-Mobs in die Wohnungen und Familienwagen verbannt und von hier fernhält. Ein Drei-Gänge-Menü für 14,50 € ist unschlagbar.
  • Erster Gang: Tomatensuppe mit Fleischklößchen, Reis und frischen Kräutern, verfeinert mit Crème fraîche
  • Zweiter Gang: Scheiben vom Räucherlachs mit Ofenkartoffel und Sourcream, dazu eine knackige Salatbeilage
  • Dritter Gang: Dunkle Mousse au Chocolat mit Vanillesoße
Das Ganze garniere ich mit einem schmackhaften Bier aus der Flasche.

Noch während der Vorspeise setzt sich ein Pärchen an den nur 50cm entfernten Nebentisch. Sie hat einen deutlich sichtbaren Esoterik-Einschlag, steht jedoch, trotz aller Abzüge, deutlich über ihrem amourösen Sidekick; einem angegothten Wurm mit lockigem, schwarzem Haar, einer runden Brille, zerranzten, dunklen Schlaghosen und einem sichtbar übersteigerten Selbstbewusstsein. Du Trottel hattest in der Schule bestimmt nicht viel zu lachen, denke ich. Aber die Zeit hat dich zu dem gemacht, der du jetzt bist, nicht wahr? Hat sie dich geprägt? All die Beschränkten haben dich gehänselt, was? Bist du ein zauberhafter Freigeist? Und jetzt, im Theologiestudiengang (oder Politikwissenschaften), bist du King - mit deinem, nach Patschuli stinkenden, Goa-Flittchen, billigem Rotwein, beschissenen Nouvelle-Vague-Filmen und richtig tiefgründigen Gesprächen, während im Hintergrund irgendeine nervige Kackband singt. Würde ich nicht den 80'ern entstammen (kaum merklich), würde ich dieses unnütze Jahrzehnt hassen. Gut, The Cure sind ganz cool, und 1980 waren wir (oder damals noch: Ihr) Europameister, aber trotzdem, verflucht noch'mal.

Ich danke Gott für mein peripheres Sehvermögen. Ohne von meinem Essen aufzublicken, sehe ich, wie sich ihre Beine ineinander verknoten, während sie die Karte durchstöbern. Sie säuseln sich irgendetwas zu, was so frivol oder amüsant gewesen sein muss, dass Madame danach ein so hässliches Lachen von sich gibt, dass ihr weitere Punkte vom Attraktivitätskonto abgezogen werden müssen. Auch oberhalb der Tischplatte verwischen ihre Körper nun zu einem. Meine Begleitung liest aus meinen Augen, was ich denke, und nickt anschließend zustimmend. So ein penetrantes Scheißpack. Ihre Köpfe sind nun wenige Millimeter voneinander entfernt und sie geben sich unentwegt kleine, schmatzende Küsse. Ich möchte in meine Ofenkartoffel kotzen. Jeder Kuss ein Nadelstich ins Trommelfell. Die Pest auf eure beiden Häuser.

Ich krame in meinem Gedächtnis. Habe ich mich auch schon so verhalten? Bestimmt. Nur war ich da 16 oder so. Dieses beschissene Hollywood-Romance-Getue ist so dämlich und peinlich. Versteht mich nicht falsch, ich bin weder einsam, noch bin ich ein Romantik-Hasser, der den super-kapitalistischen Valentinstag boykottiert; ich kann diese Inszenierungen junger Liebe (oder zumindest: die Inszenierungen davon, was dieser Abschaum für junge Liebe hält) einfach nicht leiden. Scheiße, liebt und küsst euch den ganzen verfickten Tag, vögelt, habt Spaß miteinander und seid glücklich - aber verdammt, nicht neben mir im Restaurant oder an der Supermarkt-Kasse (und im Kino! Haltet die Fresse im Kino!), denn dort ist weder ein Strand noch der verfickte Sonnenuntergang.

Ich geh' mir jetzt den Mund auswaschen.
A. 

Kommentare:

  1. Kleine, schmatzende Küsse - alleine beim Gedanken daran werde ich aggressiv! Allerdings dachte ich bisher, die gäbe es nur in schlechten Filmen und Serien. Weil sie so unglaublich unnatürlich sind. Finde ich. Wenn ich also in Film und/oder Fernsehen soetwas zu Ohren bekomme, MUSS ich entweder den Ton abschalten, mir die Ohren zuhalten (im Kino ist das mit dem Ton abschalten nicht ganz so einfach) oder ausschalten bzw. gehen. Oder eben aggressiv sein!
    Mein Mitleid ist Dir sicher, aus 50cm Entfernung hätte es mich wahrscheinlich nicht dort gehalten!
    Das einzige, was annähernd an dieses nervtötende Verhalten herankommt ist, wenn zwei Turteltäubchen miteinander sprechen wie die meisten Leuten mit Babys. Hutzidutzi Mausezähnchen Zuckerschnute etc. Grausam!

    Mitfühlende Grüße von einer, die fast nur eckige Teller besitzt...

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    1. Ich find' ein einfaches "Hase" oder "Schatzi" schon ziemlich dämlich.

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    2. Ich mache das weniger am Wort fest als an der Tonlage muss ich sagen. Hase finde ich auch komisch, Schatzi ist zwar nicht originell, finde ich aber ok. Allerdings sagt meine Erfahrung, dass Männer eh lieber nicht mit Kosenamen bedacht werden - schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Irgendwie schade, ich finde das ganz nett.

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  2. Du scheinst ja ein echt gefrusteter Geselle zu sein. Klingt fast nach einem BWLer.

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