Dienstag, 2. Oktober 2012

Lexman Returns

Der September ist tot,  lang lebe der Oktober. "Alle Kinder werden erwachsen - außer einem." Die geschüttelten Hände, die Umarmungen, die Geschenke; all das ist wieder verschwunden und im Begriff, zu verblassen. Ja ja, jetzt bin ich allein mit meinem neuen Lebensjahr. Und so sehr ich mich auch immer als kritischer Miesepeter aufspiele, irgendwie war es ganz angenehm, im Mittelpunkt zu stehen, gutes Essen zu bekommen und mit aufmerksamen Geschenken bedacht zu werden. Das ist wie Weihnachten; ich kann schimpfen so viel ich auch will, am Ende gefällt es mir. Ist ja auch bald wieder so weit: Die Lebkuchen und Zimtsterne haben bereits ihren Weg zurück in die Supermarkt-Regale gefunden, und meine Mutter hat mir gestanden, dass sie in der letzten Woche, heimlich beim Frühstück, damit begonnen hat, den X-Mas-Channel in ihrem Internet-Radio einzuschalten - schließlich war es draußen ja bereits kalt und grau. Wenn es danach ginge, müsste ich, hier in Kiel, jeden verfluchten Tag "God rest ye' merry, gentlemen" summen.


Da bin ich wieder. Ich weiß, Ihr habt mich vermisst, aber ich musste mir eine kleine Auszeit vom Bloggen nehmen - und sei es nur, um Geburtstag zu haben, mich mit der zauberhaften dänischen Sprache zu befassen, Fifa zu spielen und abzuhängen. Aber: "Don't Panic" - ich bin zurück.

Ich war tatsächlich sehr überrascht, als ich am Morgen meines Geburtstages von einer E-Mail geweckt wurde, die mir eine besonders aufmerksame Leserin geschickt hatte. Es hat ein wenig gedauert, bis mein Blick nicht mehr verschwommen war, aber dann erkannte ich das volle Ausmaß dieser tollen Geste. Dass sich eine von Euch die Mühe macht, nachzurechnen, wann mein Geburtstag ist und dann auch noch so einen so fantastischen Fotogruß (Leuchtturm!) zu kreieren, freut mich nicht nur sehr, sondern erfüllt mich auch mit Stolz, zeigt es doch, dass da draußen Menschen sind, die das hier mögen. Vielen Dank!

Wieder ist ein Jahr vergangen, obwohl ich nur gezwinkert habe. Die Zeit, sie ist ein Dieb. Die Entfernungen werden größer. Inzwischen erhalte ich Glückwünsche von Leuten, die ich seit fast zehn Jahren nicht mehr gesehen habe. Ohne Facebook würde sich wahrscheinlich ohnehin nur ein winziger Bruchteil an den ganzen Zirkus erinnern. Und gefeiert habe ich auch nicht richtig. Keine dicke Party, kein ausschweifendes Gelage. Back to basics: Ich habe stattdessen einfach meine Familie besucht und mich beweihräuchern lassen. Es hätte nur noch gefehlt, dass wir zum Bowling oder zu McDonald's gehen.
Vor dem großen Café-Trinken habe ich mich ans Wasser geflüchtet. Kiel hat auch Wasser, aber das ist nicht so schön. Ich war ewig nicht in diesem Teil Wismars. Das muss jedoch den Meisten so gehen, denn dafür, dass Spaziergangs-Rush-Hour nach dem Mittagessen ist, lassen sich nur wenige Silhouetten auf dem Ende der Seebrücke erkennen, nachdem man das kleine Waldstück durchquert hat. Nach all den Jahren habe ich noch immer Schwierigkeiten damit, eine Seebrücke nicht bis zu ihrem verfluchten Ende zu begehen. Der Himmel ist düster und zugezogen. Während ich mich umsehe, schießen Millionen von Erinnerungen in meinen Kopf. Der Eingang des Hafens, von dem aus mein Vater und ich kleine Bootsausflüge begannen, die große, hässliche Werfthalle, bei deren Einweihung ich, zur Feier des Tages, Bockwurst gegessen hatte, der Küstenstreifen links der Seebrücke, den ich auf tausenden Wandertagen mit der Schule abgelaufen bin.
Ein bisschen Landungsbrücken, ein bisschen Industrie-Chic. Und der Rauch aus den Schornsteinen vermischt sich nahtlos mit den Wolken. Alles wirkt furchtbar traurig und von Krankheit durchzogen. Die wenigen Leute, die sich hierher zu verirren, scheinen Assis mit Hunden (oder Kindern) zu sein. Aber wer kann es ihnen verdenken? Hier ist nicht nur Platz, sondern auch keine Menschenseele. Hätte ich einen Hund (ich steh auf Möpse), hier wäre meine Welt.
Ich kehre der Stadt den Rücken zu und gehe durch ein kleines Waldstück in Richtung der Steilküste. An jedem verfluchten Mülleimer steht "FCH" oder "ACAB". Ja, Hansa: cool, Bullen: uncool. Die Welt kann so einfach sein. Auf Mülleimern. Der Wind wird stärker und lässt meinen Mantel wehen. Das mag ich; ich komm mir dann so westernheldmäßig vor.
Ich entscheide mich für eine Zigarette auf einer kleinen Bank an der Steilküste. Auf dem Meer lässt sich eines dieser kleinen Touristenboote erkennen, mit denen man seit geschätzten 300 Jahren eine Hafenrundfahrt machen kann. Vor ein paar Jahren, als mein Vater und ich mit dem Boot draußen waren und eines dieser winzigen weiß-blauen Schiffe an uns vorbei fuhr, stellte er sich, ohnehin schon nur mit einem Schlüpfer bekleidet, auf den vorderen Teil unseres Bootes, um den Touristen seinen Hintern zu zeigen. Das war mir schrecklich peinlich - für alle Beteiligten.
An dieser Stelle trennt sich der Weg: Entweder, man läuft auf einem asphaltierten Weg, oder aber, man entscheidet sich für einen verwachsenen Pfad durch ein kleines Waldstück. Ist das nicht schön metaphorisch? Ich musste sofort an Big Fish denken. Die Wahl fiel mir leicht. Und dieses Bild! Ich hätte melodramatisches Hinterkopf-Model werden sollen, statt mich an der Uni einzuschreiben. Es wäre mindestens genauso ertragreich, schätze ich.
Scheiße, ich werd' jetzt erst einmal 'ne ganze Weile nicht mehr in die Heimat fahren. Ich werd' dann immer so rührselig und fange an hier diese erinnerungsgeschwängerten Bilderbuch-Posts abzulassen. Meine Stadt wird auch ohne mich untergehen, da bin ich mir sicher.

Morgen verlasse ich das Haus. Macht Euch auf 'was gefasst!

xoxo
A.       



      

Kommentare:

  1. 1. Glückwunsch.
    2. Um melodramatisch zu sein, ist dein Hinterkopf viel zu putzig verwirbelt.
    3. "xoxo"?? WTF?!

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    1. 1. Danke
      2. Äh, Danke
      3. Immer am Puls der Zeit bleiben!

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  2. Deine Texte sind gut geschrieben! Ich musste an ein paar Stellen lachen, wie die mit deinem Vater, oder der Vergleich mit Big Fish. Allein dafür dass du diesen Film kennst verdienst du eine neue Leserin :)

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    1. Vielen Dank, vielen Dank, aber Big Fish sollte wirklich jeder mal gesehen haben.

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  3. Schöner Blog :) gefällt mir sehr gut.

    Liebe Grüße

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