Sonntag, 14. Oktober 2012

Wolf unter Nackten

Pfefferminztee von Eilles und "The '59 Sound" von The Gaslight Anthem. Das habe ich mir nun aber auch wirklich verdient. Dieser verfluchte Tee ist so sagenhaft gut - genau wie das Album. Ich komme mir zwar vor wie ein alter Mann, wenn ich mir eine Kanne Tee aufsetze, doch der Geschmack entschädigt. Früher hätte ich mir lieber meine verfickte Zunge abgebissen, als auch nur einen Schluck Kamillen- oder Pfefferminztee zu trinken. Meine Mutter zwang mich immer dazu, wenn ich kränkelte. Aber genug der herzerwärmenden Plauderei, meine Damen.

Ich weiß gar nicht, wie ich mich darauf einlassen konnte, denke ich, als ich den schlammigen, völlig überfüllten Parkplatz sehe. Ein Satz, vier "Ichs" - Egozentrik für Fortgeschrittene. Es ist Herbstmarkt. Irgendwo im Nichts zwischen Kiel und Dänemark. Zum Kotzen. Das Auto wendet und kommt erst im Nachbardorf zum Stehen. Egal, dann laufen wir eben. Ist ja nicht weit.

"Wollen wir umkehren und nach Hause fahren?"
"Nein, ich bin doch hier, oder nicht?"
"Aber du siehst wirklich nicht so aus, als würdest du wollen"
"Tue ich auch nicht, aber ich bin hier - darauf kommt es an"



Ich kann nicht einmal Weihnachtsmärkte leiden. Alles Humbug! Humbug! Aber sich diesem ganzen dämlichen Scheiß, völlig anlasslos, mitten im Jahr aussetzten? Das verstehe ich noch weniger. Keine Schaumkronen auf dem Meer. Alle Einhörner sind tot. In der Ferne lässt sich die Silhouette Eckernfördes erkennen, die sich als verschwommene, elfenbeinfarbende Stadt am Rande der grau-blauen See abzeichnet. Das Wetter war zu gut (und mein Konto zu leer), um ins Einkaufszentrum zu fahren. Außerdem fällt mir langsam nicht einmal mehr ein, was ich noch brauchen oder wollen könnte. Ich alter Aussteiger. Wir kommen am Parkplatz vorbei. Vielmehr ist es ein Stück Feld, das vom Regen der letzten 666 Jahre durchtränkt und zerwühlt ist. Gut, dass wir den Parkplatz verschmähten, die Reifen der parkenden Autos strotzen nur so vor klaffendem Schmutz. Eine ältere Frau winkt mich heran: Ob ich hier helfen könne, das Auto freizubekommen. Nicht mit meinen Fahrkünsten (niemals Führerschein!), nur mit roher Gewalt. Ich nicke und lächle.

Mir platzen fast die Augäpfel aus den Höhlen, als ich wie ein Verrückter gegen ihren dämlichen, alten BMW drücke. Immer wieder habe ich das Gefühl, das Auto schiebt mich durch den Schlamm. Der Wagen hat denselben grau-bronzenen Ton wie die Haare der Fahrerin - und einen Heckantrieb. Ich weiß wirklich nicht viel über Autos, aber einen Heckantrieb zu haben, während man sich festgefahren hat, ist scheiße. Amen. "Schwingende Bewegungen! Du musst das Auto schaukeln!", die Worte meines Vaters hallen durch meinen Kopf - leider erst jetzt, während ich diese Zeilen tippe. Irgendwann kommt mir ein schnöseliger Familienvater mit Ray-Ban-Brille und Schleimfrisur zur Hilfe. Gemeinsam schieben wir die Alte und ihr trauriges Auto zurück ins Leben. Sie kurbelt ihr Fenster herunter und ruft, dass sie gerührt sei, dass wir ihr so sehr geholfen hätten. Hupen, dann fährt sie davon. Ich stehe in feuchtem, drei-vier Zentimeter tiefen Schlamm, während ich die Hand zum Abschied hebe. Das ist in der Tat rührend.

Drei Euro! Drei verfickte Euro Eintritt! Wofür? Wird man dafür irgendwo hingefahren? Sieht man dafür Tiere? Ist da dann 'ne bekackte Achterbahnfahrt mit dabei? Gibt es irgendeine Dienstleistung? 'Ne Massage? Ein Happy End? Nein! Drei Euro, dafür, dass wir die Gelegenheit haben, irgendeinen Handarbeits-Plunder in diesem Inzest-Kaff zu kaufen. Ich mache böse Miene zum bösen Spiel.

"Das ist normal. So etwas kostet immer Eintritt"
"Aber warum? Hier wird einem doch nichts geboten, außer dieser ganzen Pisse. Die verkaufen doch hier nur. Das ist Wucher! Und für die scheiß Kohle, könnte man wenigstens einen richtigen Parkplatz erwarten"
"Das sehen nicht alle so"

Und sie hat recht: Der Parkplatz ist trotz aller Widrigkeiten prall gefüllt. Massen von Menschen drängen sich über den schmalen, matschigen Weg zum Gut, zum Hof, zur Farm - was auch immer. Würden die alle auch Geld bezahlen, um in einen Supermarkt zu dürfen? Was ist eigentlich "Supermarkt" für ein bescheuertes Wort? Super-Markt. Klingt nach irgendeiner dämlichen Dystopie aus den 50'ern: Die Menschen der Zukunft werden in sogenannten Supermärkten einkaufen. Stellt Euch das wie einen Wochenmarkt vor; nur, dass es dort wirklich immer, an jedem Tag, zu jeder Tageszeit, alles, ja, wirklich alles, zu kaufen gibt. Und der ganze Markt ist überdacht und taghell! Die Menschen der Zukunft haben sogar Türen, die sich von allein öffnen, fahrende Körbe aus Stahl und Warentische, die sich wie von Geisterhand bewegen, es erklingt Musik, doch nirgends scheint jemand zu singen, und sie kaufen weit mehr, als sie eigentlich bräuchten. Weil es eben zu viel gibt, versteht Ihr? Alles ist dort grell und laut, voll und hypnotisierend. Sie haben es wirklich nicht leicht, diese Menschen, diese Menschen aus der Zukunft. Jedenfalls ist das Wort bescheuert. Warum nicht gleich "Robomarkt 2000"? Mal wieder "Kaufhalle" sagen. Back to the roots.

Uns wird neben der Eintrittskarte auch ein Lageplan in die Hand gedrückt. Der ist bestimmt bitter nötig. Während meine Begleitung die ersten Stände inspiziert, Käsesorten probiert und Hüte in die Hand nimmt, halte ich mich in der Mitte des morastigen Weges, beobachte mürrisch die Szenerie und weiche Hunden, Kindern und Rentnern aus. Nach kurzer Zeit gelangen wir in eine Art Zentrum, zum Marktplatz. Ein Freund von mir hat mal gesagt, dass ich mich wie ein Raubtier benehme, wenn ich in fremde Umgebungen gerate. Auch wenn er eigentlich von Diskotheken gesprochen hatte, verstehe ich jetzt, was er meint. Ich stehe inmitten dieser albtraumhaften Kulisse einer Regionalsendung im Dritten, spanne meine Gesichtszüge an, und sauge misstrauisch alles, was ich sehe, auf. Um mich herum pulsiert es: Stehtische mit dicken Männern, die fettiges Spanferkel oder Currywurst essen, Jack-Wolfskin-Familien frönen ihren Landliebe-Fantasien, während sie ihre blonden Kinder mit Scheißnamen vor sich hertreiben, tatterige Rentner in Fleecejacken, die alles berühren, nur nicht ihren Ehepartner. Eine aufgedunsene Blondine, die wie der Prototyp einer Frisörin aus den 90'ern aussieht, schlendert neben ihrem Mann, einem bulligen, Glatzkopf um die 40, gekleidet in schwarze Lederhosen und eine Biker-Kutte, an mir vorbei. Der riesige Köter, den er wie einen Löwen an der Leine führt, könnte mir problemlos meinen schönen Kopf abbeißen.

"Das nächste Lied war auf unserer ersten Platte, von der wir, nun ja, ungefähr 100 bis 150 Exemplare verkauft haben. Ein gutes Gefühl"

Ich bemühe mich, nicht zu lachen. Auf der kleinen Bühne steht eine dreiköpfige Band: Cajón, E-Bass und ein Sänger mit Westerngitarre. Im Kopf überschlage ich, wie viele Platten ich wohl verkauft habe. Mit "Platten" meine ich: selbstgebrannte CDs mit teilweise amateurhaft aufgenommener Musik - er aber wahrscheinlich auch. Der Sänger ist eines dieser Arschlöcher, die selbst grinsen, wenn sie weinen. In seinen Ohren stecken diese riesigen, schwarzen Ethno-Plugs. Ein paar Mädchen mit mächtigen Beinen sitzen auf Partybänken und himmeln ihn an. Und er grinst, er grinst, als würde es kein Morgen geben. Und trotzdem empfinde ich so etwas wie Solidarität. Ich weiß, wie es ist, eigene Songs zu solch undankbaren Anlässen zu singen. Doch ich war jünger, habe diese Situationen nicht so überschätzt und ich hätte mit Sicherheit nicht gegrinst, hätte ich meine traurigen Songs auf einem Herbstmarkt, irgendwo in der verschissenen Provinz, zum Besten gegeben.

Seine Stimme ist mittelmäßig, die Melodie schlecht und seine Texte hätten Silbermond stolz gemacht. Lyrik aus dem Deutsch-Grundkurs. Er sieht zu mir herüber. Ich schätze, er spürt, wie meine Blicke ihn durchbohren. Das Lied endet. Ein paar Leute klatschen. Ich nicht. Ich hatte ihm eine Chance gegeben, doch das hier ist Müll.

"Danke, dankeschön, wirklich. Das nächste Lied handelt von der Heimat"

Während sein trotteliger Bassist einen Punk-Einzähler (Eins-Zwei-Drei-Vüüür) brüllt (er hat kein Mikrofon), wende ich mich ab und folge meiner Begleitung weiter in die Untiefen dieses schrecklichen Happenings. Ein dicker, alter Mann sitzt an einem kleinen Tisch und spricht mit zwei weiblichen Klonen seiner selbst. "Thoddy signiert für Sie" steht auf einem Schild über ihm. Wer? Ist das einer dieser Autoren, die diese unsäglichen Regional-Krimis schreiben? Ihr wisst schon, die, die immer an der Kasse stehen, und von rührseligen Idioten gekauft werden, die seit Wochen endlich mal keine Lust auf irgendein bescheuertes Sachbuch haben. Nein, während ich das Ganze weiter beobachte, setzen sich die Puzzleteile zusammen. Er ist Zeichner: Comics, Karikaturen, irgend' so etwas. Lächerlich.

Ich entdecke, ein paar Stände weiter, ein ziemlich gutes Gemälde: ein Sonnenuntergang über dem Meer. Sicher, ein wenig plakativ, aber nichtsdestotrotz ziemlich schön. 250€. Wir gehen weiter. 

"Sei doch nicht so negativ. So schlimm ist es doch gar nicht. Wollen wir was essen?"
"Ich bin nicht negativ. Mir und den anderen Fünfzigjährigen gefällt es hier. Gott, hast du die Band gehört?"

Als die Verkäuferin mir meine Fischfrikadelle in die Hand drückt, frage ich mich, welchen Sinn ihre Handschuhe haben, wenn sie damit auch das Geld und die Kasse anfasst. All das schmutzige Geld. Ich beiße in das Brötchen. Vielleicht sollte ich lieber Handschuhe tragen. Ich habe das Zwei-Euro-Stück doch auch angefasst. Wer weiß, wer die Vorbesitzer waren. Ich zwinge meine Gedanken zur Ordnung. Der ehemals strahlend klare Himmel verdunkelt sich. Das Ende ist nah. Während ich meine Serviette in den Müllbeutel werfe, belausche ich das Gespräch zweier Männer.

"Kann ich helfen?"
"Oh nein, ich gucke nur. Ich bin auch noch ein bisschen hier; ich stelle ja selbst aus"

So, er stellt aus. Ihr hättet den selbstgefälligen Gesichtsausdruck des Spinners sehen sollen, als er dem anderen Verkäufer den Arm sacht auf die Schulter legte, um zu verkünden, dass er ja auch ausstelle. Ausstelle? Er verkauft Plunder, verdammt. Kann man das nicht einmal mehr beim Namen nennen? Man muss die Dinge beim Namen nennen! Diese ganzen antikapitalistischen Lebenskünstler verkaufen hier, sie verkaufen! Ware gegen Geld. Da ist kein Idealismus, keine Magie: Es ist kalt und sie stehen im Schlamm, während sie auf die Almosen von anderen Heuchlern angewiesen sind, die hier ihre bescheuerten Outdoorschuhe spazieren führen.

Eine Frau spielt Harfe. Faszinierendes Instrument, dem aber irgendwie so etwas Mittelalterliches anhaftet. Wie auf Kommando stellt sich ein Pärchen in Hofnarren-Pumphosen davor. Sie kamen aus dem Open-Air-Schmiede-Zelt, glaube ich. Idioten. Er, blondes, scheinbar selbstgeschnittenes Haar, legt liebevoll seinen Arm um sie, rote, scheinbar selbstgeschnittene Locken. Sie sind Karikaturen pseudo-alternativer, mittelalteraffiner Öko-Spastis. Thoddy hätte seine helle Freude gehabt.

Meine Begleitung entgleitet mir buchstäblich im Getümmel, als ich den Pfützen ausweiche. Wir sind auf dem Rückweg. Mein Gemüt erhellt sich. Hinter einer Menschenmenge erkenne ich sie vor dem Hütestand. Sie winkt und präsentiert mir den zierlichen Hut einer viktorianischen Lady im Winter. Ich nenne sie "Bobby" und frage, ob sie den auch außerhalb der Wohnung tragen würde. Sie wisse es nicht genau, das sei das Problem. Ich kaufe ihn, selbst wenn ich mir dabei vorkomme, als entstamme dies den Erinnerungen eines Anderen oder, als wäre es eine Szene aus irgendeinem Film.

"Danke, dass du mit mir hier warst"
"Keine Ursache, war ja gar nicht so schlimm. Das war jedoch erst einmal genug Herbstmarkt für mich - für die nächsten 25 Jahre"

Puh, das war weit mehr Text, als ich erwartet hatte. Wer sich tatsächlich die Mühe gemacht hat, das alles zu lesen, dem danke ich vielmals. Habt einen schönen Sonntag, Freunde!

A.           

Kommentare:

  1. Wow, da warst Du aber wirklich tapfer. Ich hoffe, die Dame weiß das zu schätzen.
    Ich selber bin ja auch gerne mal auf diesen Märkten unterwegs. Gewesen. Ist ja doch immer irgendwie das gleiche. Und die meisten Leute da sind wirklich nervig. Weil sie im Weg rumstehen und nebenbei unkultiviert essen. Und überhaupt. Das meiste ist zu teuer und man will es auch eigentlich gar nicht haben. Trotzdem habe ich meistens etwas gekauft. Bei den Hüten findet man mich auch immer. Ich liebe Mützen und Hüte und so. Aber die Preise sind auch dafür unverschämt. Also bleibe ich unbehütet.
    Im Gegensatz zu Deiner Begleitung. Der Hut ist übrigens hübsch. Ein schönes Geschenk. Von einem Gentleman wie es aussieht...

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    1. Ich bin da noch in der Meinungsfindung. Aber die Zweifel werden weniger.

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