Dienstag, 16. Oktober 2012

Zurück ins Leben



Ich habe seit ungefähr drei Monaten frei. Ja, seit drei Monaten. Ich will gar nicht rumheulen, ich wusste mich immer zu beschäftigen. Da ich jedoch am Freitag eine ziemlich entscheidende Klausur schreibe, gewöhne mich gerade wieder daran, früh aufzustehen. Es ist die Hölle. Wie macht Ihr das bloß Tag für Tag, Ihr emsigen Bienchen?

Um 7:00 Uhr beginnt mein Handy, zu vibrieren. Drei Sekunden später setzen die Faded Paper Figures mit "B Film" ein. Jeden verfluchten Morgen ärgere ich mich und nehme mir vor, ein anderes Lied als Weckton auszuwählen. Machen tue ich es jedoch nie. Der Song ist viel zu ruhig, viel zu tragend, um mich ernsthaft zu wecken. Zwar wache ich auf, doch bleibe ich irgendwie zwischen den Welten. Als würde mich das Lied verwunden, jedoch nicht töten können. Ihr wisst, was ich meine! Während meine Augen sich öffnen, und meine Glieder sich recken, dämmert mein Hirn noch immer in abstrusen Traumwelten; falschen Erinnerungen, Abenteuern, Kriegen und Verfolgungsjagden.

Als ich heute zu mir komme, bekomme ich keine Luft. Meine Augen sind geschwollen, meine Nase rot und ringsum mein Bett liegen Kadaver von Taschentüchern. Ich bin krank. Zum Kotzen, doch: Show must go on! Ich könnte die Klausur erst Ende des nächsten Semesters nachschreiben. Das geht nicht, und deswegen tue ich einfach so, als wäre ich gesund. Ich lerne ein wenig, schlendere in die Bibliothek und treff mich morgen mit meinen Freunden in unserer Lieblingsbar. Das ist der Plan.

Doch ich liege noch immer im Bett. Wenn ich in dieser Position lag, kann ich die langsam rotierenden Spitzen der Tannenbäume im Hof sehen. Irgendwie erinnert mich das immer an die Urlaubsausflüge in den Harz, die meine Großeltern mit mir unternahmen, als ich klein war. Wir fuhren immer in den gleichen Ort, immer in das gleiche Hotel und wir buchten jedes Jahr dasselbe Zimmer: Nummer 12. Meistens reservierte mein Opa das Zimmer bereits am Tag der Abreise gleich für das nächste Jahr. Wobei "Zimmer" eigentlich nicht stimmte. Wir sprechen hier eher von einer Ferienwohnung; zwei Etagen, direkt unterm Dach. Ich habe es geliebt. Meine Großeltern haben unten gewohnt, während ich mich oben, in der zweiten Etage stets wie ein König für sieben Tage fühlte. Die großen Giebelfenster, die die Grenze meines einwöchigen Reiches darstellten, ließen den Blick auf ein weites Tal, gesäumt von Tannen, Kiefern und allen möglichen Bäumen zu. Direkt vorm Fenster begann der Wald. Wenn ich abends in meinem Bett lag und noch einmal beruhigt die dunklen Konturen meines Zimmers musterte, zeichneten sich – immer, wenn das Mondlicht günstig stand – die schaukelnden Silhouetten der Baumspitzen an den Wänden ab. In solchen Momenten war mir schon als Kind, die romantische Gemütlichkeit solcher Augenblicke mehr wert, als die Stumpfheit des Schlafes, der nichts tut, außer die Zeit in einem Mantel aus Lügen und Erinnerungen schneller vergehen zu lassen - und in diesem Fall: die wertvollen Urlaubsstunden zu stehlen. Natürlich konnte ich das damals nicht so klar benennen, das Gefühl war jedoch bereits da. Dem Schlaf zu widerstehen, um einen gemütlichen Moment auszukosten, war wahrscheinlich so etwas wie Tantra. Am Schönsten war es, wenn es regnete oder ein Gewitter über den Wald zog. Ich fürchtete mich nie vor Gewittern. Nichts ist gemütlicher, als wenn draußen der Himmel immer wieder von Donner und der kurzen Helligkeit der Blitze durchzogen wird, während der Regen an die Scheibe prasselt und man selbst, in Sicherheit gebettet, als stiller Beobachter im Trockenen liegt.

Aber, ich muss aufstehen. Man muss immer wieder aufstehen. Wenigstens regnet es heute mal nicht. Das ist in Kiel wirklich selten. Habe ich mich eigentlich schon über das Wetter in Kiel beklagt? Ich glaube, ich habe so etwas mal angedeutet, oder? Doch es ist kalt, es ist bitter, bitter kalt. Meine Hand zittert, als ich die Zigarette zum Mund führe. Ich hab' gehört, Rauchen ist der pure Balsam, wenn man krank ist.

Ich möchte Euch außerdem noch um etwas bitten, bevor ich gehe. Jaha, das ist hier nämlich keinesfalls nur der einseitige Therapiekanal des Regenkönigs. Interaktivität und so, Kommunikation, Ihr wisst schon. Jeder Dämon will sein Pfund Fleisch. Und ich möchte Eure "To-Do-Before-I-Die-Listen". Warum? Das kann ich Euch noch nicht sagen. Zehn Dinge, die Ihr, liebe Leser, getan haben wollt, bevor Ihr erhobenen Hauptes ins Elysium, in den Tod geht. Ich will keine Diskussion, kein "Aber Alex, das ist doch großer Quatsch". Macht es, oder lasst es ganz sein. Ich erwarte auch keine ausschweifenden Erklärungen, sondern einfach nur eine Liste mit zehn Punkten. Wenn Ihr nur sieben zusammengekriegt, zählt die Aufgabe jedoch trotzdem als bestanden. Wenn Euch das zu persönlich ist, was ich verstehen könnte, dann macht es anonym in den Kommentaren. Wenn Ihr nicht wollt, dass die Anderen es lesen können, schickt mir einfach eine Mail (das wäre mir am Liebsten). Lasst mich nicht hängen, mich interessiert das.

Ich bin gespannt und freue mich auf Eure Zusendungen.
In Liebe,
A. 
   

Kommentare:

  1. 3 Monate frei... mir erging es genauso. Viel zu lang, meiner Meinung nach. Und dafür zahle ich über 300 Studiengebühren. :/
    Wäre ich nach Kiel gegangen an die FH, käme ich glaube günstiger, aber naja... shit happens, Berlin wars geworden, näher an der Heimat...

    Liste kommt vielleicht noch, mal sehen.

    lg
    zelakram.blogspot.com

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  2. Hm, gute Besserung... kaum wird's kälter...

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  3. Über diese finale Tuliste habe ich schon oft nachgedacht.
    Bin ja auch in dem Alter, in dem es jederzeit losgehen kann.
    Diese Liste enthält allerdings nur 1 Punkt, weil ich Dinge wie:
    "Ich will unbedingt noch den Mount Everest / George Clooney besteigen" für überflüssigen und hinfälligen Bullshit halte.
    Zumindest, wenn der Tod schon anklopft...
    Also, Punkt 1 (-10):
    Ich werde die Leuten, die ich toll fand, in die ich heimlich verliebt war, die ich bewundert habe, das in Briefform wissen lassen.
    Ich spreche jetzt nicht von Promis, sondern von Menschen, mit denen ich in meinem Leben zu tun hatte.
    Und ich werde natürlich auch Briefe an die Leute schicken, die mir mein Leben schwer gemacht, die sich mir gegenüber scheiße verhalten haben, an die Nervensägen.

    Schade eigentlich, dass ich dann die Antworten nicht mehr mitbekomme...

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    1. Naja, ich glaube die Liste bezieht sich eher darauf, was du in deinem gesamten Leben geschafft haben willst - gar nicht so sehr in diese Letzter-Wunsch-Richtung. Es spricht also doch auch nichts dagegen, sofort mit der Verwirklichung zu beginnen.

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  4. Ich habe gerade feststellen müssen, dass es gerade mal zwei Dinge gibt die ich machen möchte. Ich werd nochmal nachdenken und bekomme vielleicht was zusammen. ;)

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  5. Mein Liste (spät ist besser als nie):
    1. Kinder bekommen (so 2 wären schön)
    2. nochmal eine Zeit im Ausland leben (ja, es ist grad einfach zu schön)
    3. eine große Leinwand bemalen und das Bild ins Wohnzimmer hängen
    4. Studium (Bachelor und Master) fertig machen
    5. work and travel in Skandinavien
    6. einen Fernwanderweg (Eifelsteig?) laufen
    7. alle Hauptstädte Europas gesehen haben
    8. Ein Host bei Couchsurfing werden und bleiben, surfen macht so viel Spaß!


    Das sind jetzt Acht. Mehr fällt mir nicht mehr ein.

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  6. Ich wollte dir ne Mail schreiben, aber irgendwie ist die weg. Schwares Loch und so. Daher jetzt doch schnell hier:
    Ich bin da wo ich hin wollte, alles was ich im Leben noch will ist die Welt sehen und ich bin bis auf den Marathon auch recht realistisch^^:
    1. tauchen auf den Galapagos Inseln - wegen der Viecher
    2. Wracktauchen (irgendein besonders cooles, das ganz tief liegt, hab mich noch für keins entschieden, Titanic fällt aber wohl weg)
    3. tauchen auf Fiji - wegen der Viecher
    4. zum Machu Picchu hoch steigen - will ich seit dem Abi, aber immer fehlte Zeit oder Geld
    5. eine Insel-Hopping-Fahrradtour über die Schären
    6. die chinesische Mauer sehen, drauf stehen - mal gucken was sich dort dann machen lässt
    7. einen Marathon laufen, NY wäre cool (ja, ich trainiere, wenn auch nicht sehr zielführend^^)
    8. Neuseeland, Hobbit-Feeling schnuppern, soll ja hübsch sein, da
    9. eine Safari in Namibia
    10. im Sabbatical, falls es mir denn genehmigt wird, in einem Kinderhilfsprojekt meines Kindearztes in Peru mitarbeiten

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    1. Vielen Dank für deine Teilnahme. Über "wegen der Viecher" habe ich so herzlich gelacht, dass es in einen Hustenanfall übergegangen ist!

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