Montag, 5. November 2012

Sieben Tage in Utopia: Episode I

Da bin ich wieder. Ja, ich bin wehmütig. Habe ich Lust, mich wieder meinem eigentlichen, richtigen, routinierten Leben zu stellen, meinen Platz einzunehmen? Nein, natürlich nicht. Ich wär' viel lieber dort geblieben. Gut, das landwirtschaftliche Leben liegt mir nicht so; das frühe Aufstehen und der ganze eklige Scheiß. Sonderlich handwerklich begabt bin ich auch nicht - eher im Gegenteil: Ich bin sehr versiert darin, nichts zu können, wofür man Werkzeug verwendet. Eine Fachkraft im weitesten Sinne bin ich leider auch nicht; ich habe ja nicht 'mal irgendeine Ausbildung. Und die Sprache beherrsche ich, bis auf ein paar Floskeln und schmutzige Wörter, natürlich auch nicht. Ich denke, damit verfüge ich über alle nötigen Qualifikationen, um mich bei VOX zu melden. Der Süden Norwegens hätte keinen besonders großen Nutzen von mir. Umgekehrt hingegen schon.

Ich hüte mich vor Formulierungen wie "Isch hab' meine Batterien aufgeladen", "Endlich ma wieder Kraft getankt" oder anderem Quatsch aus den Mündern von Idioten. Aber natürlich war es erholsam und natürlich war es wunderbar, durch die zeitlosen Gefilde vergangener Sommer und Winter zu spazieren. Wenn Zuhause tatsächlich dort ist, wo das Herz ist, möchte ich mich festlegen, dass mein Herz nur schwer in Kiel zu finden ist.

Aber gehen wir chronologisch vor. 


Samstag:

Oh Gott, dieses frühe Aufwachen: 04:00 Uhr. Ich bin immer so aufgeregt, bevor eine Reise beginnt. Irgendwann gegen 01:00 Uhr konnte ich endlich einschlafen. Das reichte bei Weitem nicht, nein. Die Nacht war noch schwarz, als ich schweigend ein Brötchen mit Schokocreme aß und ins Leere starrte, während meine attraktive Reisebegleitung die letzten Sachen zusammensuchte, von denen sie glaubte, dass wir sie brauchen würden. Minusgrade, aber wenigstens sind die Scheiben nicht vereist, als wir uns mit zittrigen Schritten dem Auto aus der Dunkelheit nähern. Es ist so verfickt kalt. Vor uns liegen erst einmal fünf Stunden Fahrt quer durch Dänemark, bis zum Hafen an der Nordküste des Landes. Die Straßen sind noch leer, der Tag noch fern. Ich quäle mich zu einer Unterhaltung, um sicherzugehen, dass sie nicht einschläft während der Fahrt - schließlich würde das unseren Tod bedeuten. Mein Leben als Beifahrer.

Nach weniger als einer Stunde erreichen wir die dänische Grenze. Tankstellen und Raststätten fliegen an uns vorbei und verschwinden immer wieder in der Nacht, welche ja bekanntlich am dunkelsten vor der Dämmerung ist. Ich frage mich, zum wievielten Mal ich auf der E45 unterwegs bin. Ich schätze, inzwischen würde ich den Weg auch ohne Navi und Karte finden. Nach zwei Stunden erreichen wir Vejle, über dessen richtige Aussprache ein reger Diskurs in meiner Familie herrscht. Meine Großeltern sind starke Verfechter der "Vechle"-Variante, während meine Eltern die "Vellje"-Theorie propagieren. Beide haben unrecht. Es ist "Veihle", würd' ich sagen. Egal. Der Weg über den Vejlefjord führt über eine große Hochbrücke, die einen passablen Ausblick auf Stadt und Bucht bietet. Die Sonne beginnt vorsichtig am Himmel zu dämmern, als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet, um der Kulisse angemessen zu erscheinen.
Vejlefjord
Dänemark ist und bleibt ein Durchfahrtsland für mich. Das Licht greift nun nach und nach um sich und der Morgen wird zum Tag, während die Müdigkeit in unseren Gliedern langsam verblasst. Aus dem Radio brüllt mir Marcus Mumford irgendeinen religiösen Kram entgegen, was mein rechtes Bein dazu veranlasst, ebenfalls den Schlag der Basedrum in den Fußraum zu stampfen. Meine Hoffnungen, dass die Temperaturen mit Erscheinen des Tages in die Höhe schnellen würden, verdampfen allmählich. Aus Regen wird Schnee, aus Schnee wird Sturm - je näher wir nach Norden vordringen und uns dem Meer nähern.
E45
Das Telefon klingelt, und mein Vater brüllt in mein Ohr. Ich hasse Freisprechanlagen. Ja, ich verstehe, dass sie nützlich sind, aber sie bringen die Fahrer immer dazu, so absurd laut zu schreien.

"Søndergade 20! Da ist 'ne Shell! Da treffen wir uns! Søndergade 20! Hast du das?"
"Ja, das heißt Südstraße, glaube ich. Ich geb's ins Navi ein."
"Klugscheißer, wo seid ihr? Seid ihr eher da?", blafft er zurück.

Mein Vater ist das, was man gemeinhin als routinierten Berufsfahrer bezeichnen würde. Die Baustellen, auf denen er arbeitet, sind nicht nur über ganz Deutschland, sondern auch über weite Teile Skandinaviens verteilt. Ich war ehrlich gesagt überrascht, dass er uns noch nicht eingeholt hatte. Doch die drei weiteren Personen im Auto, vor allem wohl aber die Anwesenheit meiner Großeltern, bremste die Gewalt seines VW's wohl buchstäblich ein wenig aus. Wir erreichen tatsächlich vor dem Rest meiner Familie Hirtshals, die letzte, hässliche Bastion Zentraleuropas. Noch einmal volltanken, rauchen und pinkeln, bevor wir uns zum Terminal der Fähre aufmachen. Nach kurzer Zeit trifft auch der Rest der Waltons ein. Die sechsstündige Autofahrt scheint Spuren bei den älteren Generationen hinterlassen zu haben: Aufgeregt quasseln alle wild durcheinander, als sie die Autotüren öffnen und ihre Beine strecken. Ich werde dreimal hintereinander umarmt - nur mein Großvater gibt mir die Hand.

Gigantische Wellen peitschen gegen die Hafenmauer. Mir zieht sich der Magen zusammen. Wir reihen uns in die Schlange ein. "Lane seventeen", ruft ein Mitarbeiter der Fährgesellschaft in das offene Fahrerfenster und macht eine Bewegung mit seiner Hand, die uns offensichtlich zum Weiterfahren bringen soll. Ich erinnere mich, dass sich hier früher Unmengen deutscher Touristen aufhielten - aber das war auch im Sommer. Jetzt sehe ich nur skandinavische und osteuropäische Nummernschilder.

Als wir aussteigen, klopft in der Reihe neben uns ein Mann an die Innenscheibe eines VW-Busses. Er winkt meine Begleitung zu sich heran und bittet in gebrochenem Englisch um die Uhrzeit. Ich verfolge misstrauisch das Geschehen. Die Fähre wird erst in einer Stunde ablegen, was bei allen - außer mir - den Wunsch aufkeimen lässt, im Terminal zu frühstücken. Mir wird fast schlecht, als fast jedes der Mitglieder meiner Familie ein Ei köpft. Der Geruch steigt in meine Nase und weckt eine Übelkeit, mit der ich eigentlich erst auf dem Meer gerechnet hatte. Mein Frühstück besteht aus Reisetabletten und bösen Vorahnungen. Wellen brechen in der schwarzen See.

"Warum trägst du die Mütze nicht richtig 'rum?", fragt mein Vater, als ich vom Tisch aufstehe, um dem Geruch der Frühstückseier zu entfliehen und eine Zigarette rauchen zu gehen. Ich trage die schwarze Wintermütze immer mit dem Etikett nach hinten - weil ich kein Idiot bin.
"Ich muss doch keine Werbung für Eure Firma machen. Du arbeitest doch dort, nicht ich."
"Aber du lebst von dem Geld, oder nicht?"

Ich gehe wortlos weiter. Eine Durchsage ertönt: Alle Passagiere mögen sich bitte bei ihren Fahrzeugen einfinden. Als wir wieder im Auto sitzen, kehrt auch der Pole, der sich vorhin die Uhrzeit erbeten hatte, zurück. Er grient durch unsere Frontscheibe und winkt meiner Begleitung, als wäre sie eine verschissene Nutte und er ein wohlhabender Gönner. Doch die Verhältnisse sind umgekehrt, du Arschloch. Sie sieht weg, während ich ihm einen Blick zuwerfe, der ihm verdeutlicht, was ich von ihm halte. Ich lege allen Zorn dieser Welt in meine Augen. Er erwidert kurz meinen Blick, hält ihm jedoch nicht stand, und steigt zurück in sein beschissenes Ausbeuter-Frachttaxi. Ich zwinge meinen Verstand zur Vernunft und beherrsche mich, während ich in Gedanken Hasstiraden und Beschimpfungen auf Englisch formuliere. Meine Lippen bleiben geschlossen. Ich lege mein Seekrankheitsarmband um und werfe einen Reisekaugummi ein. Wir verschwinden im Bauch des Schiffes.

Als wir einen Platz finden, und mein Vater und mein Großvater jeweils eine Dose Bier öffnen (die Deutschen sind da), werfe ich eine Vomacur ein. Ein letzter Gang auf Deck, und ich verabschiede mich vom geliebten Festland. Ja, Fontane, "Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee". Die Medikamente, das frühe Aufstehen, der wenige Schlaf; all das weckt in mir eine tiefe, erkaufte Müdigkeit. Ich versinke dankbar in nebligen Schlaf.

Ein Handy? Musik? Ein Videospiel? Ich öffne die Augen. Ich habe auf meine Hand gesabbert. Mein Kopf schwebt in den Wolken. Woher kommt diese laute Scheißmusik? Ein dickes, asiatisches Kind macht unglaublichen Lärm mit einem Tablet-PC, ungefähr fünf Meter von meinem Kopf entfernt. Ich beschimpfe ihn in meiner herzerwärmenden Muttersprache, was ihn wahrscheinlich unheilvoll an den Geschichtsunterricht erinnert. Sein Vater ermahnt ihn, die Musik abzustellen. Zumindest glaube ich, dass er das tut. Wieder Ruhe. Ich falle zurück in dunklen Schlaf.

Meine Begleitung rüttelt an meinem Fuß. Das Schiff läuft in den Hafen von Kristiansand ein. Meine Familie stürmt an Deck, um den, zugegebener Maßen, schönen Anblick der zerklüfteten Bucht Kristiansands zu begutachten. Ich bleibe sitzen. Das Wachwerden fällt mir schwer und ich starre die Wand an. Als ich zu mir komme, fahren wir bereits vom Schiff herunter.

Aufregung. Wie viel Alkohol darf man mit sich führen? Wie viele Zigaretten? Ich habe es vergessen. Der Zoll ist streng in Norwegen. Fusel, Kippen und Lebensmittel kosten hier ein Vermögen. Ich wurde noch nie angehalten, aber man weiß ja nie. Das Auto meiner Eltern passiert problemlos die Zollbeamten, doch als wir an der Reihe sind, werden wir zur Seite gewunken. Der Beamte ist kaum älter als ich und redet irgendwas auf Norwegisch. Hat der Idiot nicht unser Kennzeichen gesehen?

"I didn't understand what you just said. We're German", entgegne ich ihm. Ich strenge mich an, meine Stimme nicht brechen zu lassen.
"Okay, what are your plans in Norway?"
"Vacation. We're on a seven-day-vactiontrip with our family", antworte ich musterknabenmäßig.
"So where are you going?" - der alte Fuchs.
"Lista, Farsund", entgegne ich, halb als Antwort, halb als Gegenfrage.

Ohne uns eines weiteren Wortes zu würdigen, tritt er zwei Schritte zurück, um uns schließlich doch durchzuwinken. Puh. Die Sonne hat bereits ihren Rückweg begonnen und hüllt die Bergkulisse in ein Postkarten-Licht. Noch ungefähr zwei Stunden Fahrt, dann dürften wir es geschafft haben.
Die Gegend um Mandal
      
Mit jedem Kilometer wird mir die Gegend vertrauter. Farsund. Kurz vorm Ziel. Die sich senkende Sonne erweckt den tückischen Eindruck, es sei draußen warm, doch die Temperaturen bewegen sich noch immer unter 0°C. Von hier an kenne ich jeden Baum, jeden Stein und jeden Tropfen Wasser. Selig blicke ich aus dem Beifahrerfenster, als wäre ich gerade erst ins Auto gestiegen.
Home is where the heart is
Ich schalte das Navigationssystem ab und verstaue es im Handschuhfach. Ich kenne den Weg. Man nähert sich dem kleinen Dorf von einem Berg. Die Sonne versinkt im Ozean, als ich unwillkürlich lächeln muss, weil ich wieder hier bin. Der Leuchtturm, die Felder, der Wald, das Meer, alles ist an seinem Platz.

"Alexander, ein erwachsener Mann geworden", sagt die Vermieterin, als sie mich mit ihrem sympathischen Akzent begrüßt. Ja, die Jahre vergehen. 2008 war ich zuletzt hier. Sie kennt mich jedoch, seitdem ich acht war. Sie bittet uns herein. Alle begrüßen sich überschwänglich. Sofort beginnen meine Eltern ebenfalls gebrochen Deutsch zu sprechen. Das ist eine merkwürdige Angewohnheit. Waffeln werden extra gemacht. Ein Abwinken nützt da nichts - hat es auch noch nie. Und schon sitze ich, drei Waffeln im Magen, eine Tasse Kaffee vor mir, und bin wieder zehn Jahre alt. Meine Karriere verlaufe relativ unspektakulär. Es gehe uns allen gut. Sie zeigt uns eine Briefmarke, deren Motiv ihre Tochter ist (!). Sie ist Wissenschaftlerin in Stavanger. Mein Vater grient mich an: "Wo ist deine Briefmarke, Herr Wissenschaftler?"

In unserm Haus ist es bitterkalt. Seit Wochen müssen keine Urlauber hier gewesen sein. Eine klirrende Kälte ist in jede Diele, in jeden Balken gezogen. Der Kamin wird angeheizt und auf einmal ist es tatsächlich wie bei den Waltons.
Nach kurzer Zeit merke ich, wie wenig ich inzwischen noch daran gewöhnt bin, so viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen, vor allem im Urlaub. Ob das gut geht? Die Nacht ist so schwarz, dass ich nicht einmal das Meer sehen kann. Müdigkeit überfällt mich, und während ich oben in meinem Zimmer liege und den Geräuschen des Hauses lausche, wird mir bewusst, dass ich tatsächlich zurück bin.

Morgen gehts weiter,
A.                     

Kommentare:

  1. Das ist ganz große Klasse, ich beneide dich um diese Reise. Irgendwann mache ich sowas auch mal. Ganz sicher :) Die Fotos sind auch toll! Danke für den schönen Bericht!

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  2. Man hab ich deine Posts vermisst. Ich bin schon gespannt auf die Fortsetzung. (Und ich liebe Skandinavien)

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  3. Wie sehr muss Dein Herz an diesem Stückchen der Welt hängen, wenn Du all das auf Dich nimmst, um hin zu kommen. Ich denke, Du solltest norwegisch lernen...

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