Mittwoch, 7. November 2012

Sieben Tage in Utopia: Episode II

"Morgen" ist immer eine Sache des Blickwinkels.


Sonntag:

Wo zur Hölle bin ich? Es dauert ein wenig, bis ich die Umgebung erkenne. Schritte auf einer Treppe. Ich greife zu meiner Armbanduhr. Eiskristalle haben sich unter dem Glas des Ziffernblattes gebildet. Es ist kalt. Sehr kalt. 07:30 Uhr. Das kann doch nicht mein Ernst sein. Das reichhaltige Frühstück im Kreise der gesamten Dynastie ist laut, lauter als erwartet, und irgendwie fast zu laut - aber wirklich vielfältig. Ich erkundige mich trotzdem nach Rührei und gebratenem Speck und kassiere böse Blicke dafür. Vielleicht morgen. Wenigstens gibt es zwei Badezimmer.
Der Blick aus dem Fenster verheißt eine ruhige See; keine Schaumkronen in Sicht, was meinen Vater dazu bringt, sein Frühstück herunterzuschlingen, um so schnell wie nur möglich raus, aufs Meer, zu fahren. Angeln war nie wirklich mein Ding. Ich find' es irgendwie widerlich, die Fische vom Haken zu entfernen. Nicht, weil ich ein unglaublicher Tierfreund bin oder so - ich finde es schlichtweg eklig. Sicher, so cooler Ehrgeizscheiß mit dicken Angeberfischen, da kann ich mich auch für begeistern, aber die Viecher vom Haken nehmen oder gar filetieren, nope. Abgesehen davon muss ich bei leichtem Seegang schon kotzen. Mir reicht es, einmal im Jahr an irgendeinem bescheuerten Bach kleine Plötze zu fangen, und sie anschließend braten zu lassen. Damit befriedige ich meinen Jäger-und-Sammler-Trieb wirklich zu Genüge. Mein Vater ist trotzdem beleidigt, als ich seine Frage, ob ich mit wolle, mit einem Lachen quittiere. Kein Tigerblut in mir.



Ich beschließe hingegen, einen langen Spaziergang nach dem Frühstück einzulegen. Ortsbegehung. Während ich meine Winterkluft anlege, erzählt meine Mutter, dass die, die auf der Fähre am norwegischsten ausgesehen hätten, in ihrer bescheuerten Outdoor-Montur, keine Norweger gewesen seien, sondern einfach alberne Touristen. Manchmal lässt sich unsere Verwandtschaft doch sehr erkennen, in dem, was wir so von uns geben. Doch über mir hängt ein größerer Schatten, denke ich.

Als ich die knarrende Holztür öffne und tief einatme, sticht die kalte Luft in meine Lunge wie ein Speer. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke hoch. Die Kälte lässt einen kaum die so typische Landluft wahrnehmen. Ein erster Blick Richtung Wasser beruhigt mich: Man hat damit aufgehört, den Wald weiter abzuholzen. Vor ein paar Jahren, so sagte man mir, seien den Bauern hohe Prämien dafür gezahlt worden, wenn sie die Waldstücke auf ihren Ländereien in der Küstenregion rodeten. Ziel sei es gewesen, die ursprüngliche Landschaft Listas zu rekonstruieren, welche karg und unbewaldet gewesen sei. Der Weg knackt unter meinen Füßen. Wie oft bin ich schon die Strecke hinunter zum kleinen Hafen gelaufen, den ich stets verlassen vorfand?
Ein kurzer Blick zurück auf das weite Land, auf den Stall, auf die Felder, auf die Berge. Ironie lacht mir ins Gesicht: Auf den breiten Bergkämmen, die seit jeher das Panorama meines Utopia bestimmen, wurden Massen von Windkrafträdern errichtet. Irgendwer hat mir mal erzählt, dass Norwegen kein einziges Kohle- oder Atomkraftwerk besäße. Mein eigenes Gerede über nervige Bürgerbewegungen in den Sumpflandschaften Niedersachsens schießt mir in den Kopf, und ich muss schmunzeln. Veränderungen setzen immer Nadelstiche in nostalgische Seelen. Was soll's, dieselben Maßstäbe muss ich auch auf mich anwenden.
Das Panorama Utopias
Als ich den Hafen erreiche, der dieser Bezeichnung eigentlich nur spärlich gerecht werden kann, brüllt mir mein Vater vom Bootsanleger entgegen, dass ich ein Brett aus seinem Auto holen solle. Er braucht eine Stütze für das Echolot. Angler scheinen kein besonderes Ethos zu haben, was das betrifft. Wenn man die Fische bereits von der Wasseroberfläche aus, auf einem kleinen Bildschirm, sieht, ist das Ganze dann nicht irgendwie zu stark vereinfacht? Ich meine, wo bleibt die Kunst der Jagd, Mensch gegen Tier, geduldiges Warten und harter Kampf? Der Fisch hat doch auch kein verschissenes Warnsystem. Ist die Intelligenz des Menschen nicht schon Handicap genug - für den Fisch? Aber mit solchen Überlegungen stoße ich auf Unverständnis und taube Ohren. Bereits, als ich versuchte, ihm zu erklären, dass das Angeln in einem künstlich erschaffenen Karpfenteich genauso sei, als halte man die Route über ein Aquarium und bezahle auch noch Geld dafür, reagierte er verständnislos und sagte, dass ich ein Idiot sei. Ich könnte mir nun wirklich Schöneres vorstellen, als bei dieser Hundskälte allein, in einen gelben, unsinkbaren Overall verpackt, in einem Boot auf dem Meer zu treiben.
Ich sehe dabei zu, wie die Silhouette des weißen Bootes eins wird mit dem Meer, von langgezogenen, schaumlosen Wellen verschlungen. Das Wasser ist nicht mein Terrain. Hier an Land jedoch, mit geschlossenen Augen könnte ich mich hier zurechtfinden, schließlich habe ich hier die Sommer meiner Kindheit verbracht. Am stärksten sind wir in der Erinnerung. Das kleine Holztor neben dem letzten Bootshaus ächzt vertraut, als ich den Verschluss löse, um ins gelobte Land gehen zu können. Wie automatisch finden meine Füße über die unwegsamen Millionen von Steinen, die seit einer Ewigkeit hier liegen. Meine Beine haben nichts verlernt. Ohne hinsehen zu müssen, springe ich von Stein zu Stein und atme in tiefen Zügen die klare, kalte Luft.
Obwohl es gerade einmal Mittag ist, scheint sich der Tag bereits seinem Ende entgegen zu neigen. Es ist nicht ganz so schlimm, wie es im Winter war, wenn bereits gegen 15.00 Uhr die Sonne unterzugehen pflegte, doch rinnt einem die Zeit trotzdem spürbar durch die dünnen Finger. Ich gehe zurück. Die Steine weichen einem dichten Gras, einer ewigen Wiese am Rand des Waldes.
"...einer ewigen Wiese am Rand des Waldes."
Als ich die Tür des Hauses öffne, pralle ich gegen eine Wand aus heißer Kaminluft. Im engen Wohnzimmer herrscht Eintracht. Ich versinke in dieser warmen Umgebung, suche mir einen Platz mit Blick aufs Meer und lese endlich den Wolkenatlas fertig. Der Tag verschwimmt immer mehr, und als die Dunkelheit tatsächlich allgegenwärtig ist, kehrt mein Vater vom Meer zurück. Durchwachsene Ausbeute, das sehe ich bereits in seinem Gesicht, bevor ich einen Blick in den Bottich werfe.

Kohlrouladen und Fernsehen. Wie früher. Leider entscheidet sich die Mehrheit für Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels. Gott, ich hatte diesen Film aus gutem Grund ignoriert. Ich mag die Reihe, aber was zur Hölle ist denn der letzte Teil für ein unglaublicher Scheißfilm? Als würde Shia LaBeouf noch nicht reichen, hat man sich offenbar dafür entschieden, das bekackteste Drehbuch zu nehmen, was auffindbar war. Aliens, Mann? Aliens? Was für eine scheiß Rotze. Ich hätte lieber gelesen und am Kamin gesessen. Noch während der Film läuft, ärgere ich mich über die verschwendete Lebenszeit. Wenn ich so etwas sehe, graut es mir vor der anvisierten Star-Wars-Fortsetzung in drei Jahren.

Als ich im Bett liege, und ich die anderen Generationen im Haus, durch die dünnen Holzwände und Dielen, reden und schnarchen höre, wird eines bittere Gewissheit, düstere Vorahnungen erfüllen sich: Ich werde hier keinen Sex haben.

A.                          

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