Donnerstag, 8. November 2012

Sieben Tage in Utopia: Episode III

Montag:

Rührei mit Speck, und das Frühstück ist gar nicht mehr so laut. Der Himmel ist zugezogen, doch die Temperaturen sind gestiegen. Ein starker Wind bläst vom Land auf das Meer und lässt all die vielen Windkrafträder rotieren. Das Essen mit den Waltons finde ich tatsächlich nicht mehr anstrengend. Mein Plan war, jeden Tag früh aufzustehen, um möglichst viel in mich aufzusaugen, also muss ich sowieso damit arrangieren.

Alle wollen in die Stadt fahren - nur ich nicht. Seit Jahrzehnten liebt meine Familie das Softeis in Farsund, einer kleinen Hafenstadt, zwanzig Minuten mit dem Auto entfernt. Ich bin kein Eisfan - schon gar nicht im Herbst. Abgesehen davon war ich schon sechshundertsechsundsechzigmal in Farsund. Vor ein paar Jahren habe ich sogar das Nachtleben kennengelernt, aber die Geschichte darüber, würde einen ganzen Post füllen.

Als der Rest vom Hof fährt, freue ich mich fast ein wenig auf die Ruhe. Ich werfe ein paar Stücken Holz in den Kamin und lege mich auf die Couch. Es ist so weit: Ich werde den neuen Zafón beginnen. Signierte Erstausgabe, Biatch. Ich wünschte, ich wäre geduldiger, schließlich wird die Fortsetzung erst in ein paar Jahren erscheinen. Mein einziges Zugeständnis ist, dass ich mich beim Lesen nicht beeilen werde. Das Gefühl, die ersten Seiten zu lesen, kommt in meiner Erinnerung, meinen Empfindungen, als ich den Vorspann von Episode I im Kino sah, ziemlich nahe. Lange hat man gewartet, und im Geist hält sich eine Mischung aus Angst und Spannung die Waage; Spannung, weil man es kaum erwarten kann, zu sehen, wie es weitergeht - Angst, weil es auch scheiße werden könnte, und somit etwas beschädigt wird, das man sehr schätzt.



Meine Beine wippen unaufhörlich. Ich klappe das Buch zu, blockiere die Luftzufuhr des Kamins, ziehe mich an und gehe raus. Ich bin doch nicht hier, um im Warmen abzuhängen.
Ich spüre, wie der Rückenwind meinen Gang antreibt. Immer und immer wieder drückt die Kapuze meiner Jacke gegen meinen Hinterkopf. Als ich am Haus der Vermieter vorbeikomme und die Dame des Hauses im Hof stehen sehe, hebe ich die Hand und lächele. Sie erwidert meinen Gruß und ruft dazu: "Hej Hej". Gehe ich in den Kuhstall? Früher, in vergangenen Jahren, war ich fast jeden Tag dort, um Kälbchen zu füttern, Kraftfutter zu essen (!), Mutproben mit den anderen erschaffen (Wer traut sich noch näher an die Bullen heran?), oder mich einfach ein bisschen bauernhofmäßiger zu fühlen. Jetzt, als alter Mann, gehe ich an der Auffahrt zum Stall vorbei. Ich muss zum Meer. Es gibt mehrere Wege. Ich entscheide mich für den über die Hügel, durch einen ehemaligen Wald. Der nächtliche Starkregen hat deutliche Spuren hinterlassen: ein Minenfeld aus Pfützen und Morast. An vielen Stellen wurde altes Gestrüpp oder Heidekraut verbrannt. Ich fühle mich stark an Herr der Ringe erinnert. Hier muss die große Schlacht stattgefunden haben. Früher betrat man von einer kleinen Lichtung aus den tiefen Wald.
Der Weg nach Mordor
Aber so ist das: Alles verändert sich, selbst das Paradies. Ich hau' die krassen Zitatvorlagen aber auch nur so raus in letzter Zeit, was? Ein Baum hat überlegt, und steht, vom Wind geschunden, allein, als Relikt der Vergangenheit. Dass Naturschützer es immer so einfach mit ihrem Gewissen vereinbaren können, Pflanzen und Tiere zu töten, nur weil sie von Menschenhand in einen neuen Lebensraum geworfen wurden und jetzt andere Tier- und Pflanzenarten bedrohen. Ja, ich weiß, ohne die Ratten auf den Schiffen würde der Dodo noch immer leben. Trotzdem macht man das Ganze nicht besser, indem immer und immer wieder in die Geschicke der Natur eingegriffen wird. Außerdem kommen mir die meisten dieser Öko-Nationalisten immer wieder kiffende Heuchler vor. Einen Fehler kann man nur schwer durch tausend weitere ungeschehen machen. Versteht mich nicht falsch, ich stehe da auf keiner Seite. Es ist nur irgendwie befremdlich für mich, Pflanzenschützern dabei zuzusehen, wie sie lachend nicht-einheimische Pflanzen aus dem Boden reißen, um sie anschließend zu verbrennen und ums Feuer zu tanzen, oder neuseeländische Tierschützer zu bewundern, die voller Inbrunst überall Ratten- und Igelfallen aufstellen, weil diese die Feinde des Kiwi sind, und weil nicht der Igel oder die Ratte ihr bescheuertes Wappentier ist, haben die da auch nichts zu lachen. Das ist ein philosophisches Problem. Hunde werden gestreichelt und Fliegen zerschlagen, Rosen gegossen und Unkraut gejätet.    
Der Baum, der überlebt hat
Der Untergrund ist so von Wasser durchtränkt, dass es sich anfühlt, als laufe man auf etwas Lebendigem. Nach ein paar Minuten gelange ich zu den Überresten deutscher Bunker. Da ich mit ihnen aufgewachsen bin, stört mich ihre Anwesenheit nicht im Geringsten. Sie gehören dazu. Als Kind habe ich nicht darüber nachgedacht, aber irgendwie ist es doch befremdlich, in dieser Kulisse auf alte Anlagen des Atlantikwalls der Nazis zu stoßen. Ob die Soldaten, die hier stationiert waren, dieses raue Panorama wohl auch zu schätzen wussten, als sie aufs Meer zielten? Die Deutschen, die jetzt hierher kommen, angeln und trinken Bier. Ja, diese alten Betonmahnmale. Zurückgelassen und neutral überstehen sie die Zeiten und trotzen dem Wetter, als wären sie alte Kultstätten.
Ich springe von Stein zu Stein und höre Musik. Unglaublich, dass ich erwachsen bin - dasselbe habe ich nämlich schon immer gemacht. Während ich zwischen den Steinen sitze und eine rauche, formuliere ich im Kopf bereits die Sätze für IADST. Bin ich zu dem geworden, was ich eigentlich bekämpfen wollte? Ich bleibe am Rande des Wassers und genieße die frische Luft.
Ich habe nicht einmal 'ne Uhr mit. Irgendwann gehe ich einfach zurück. Das ist auch mal ganz schön. Ich merke wie ein Stück Scheiße unter der Sohle meines Stiefels nachgibt. Als ich aufblicke, laufen zwei Schafe aufgeschreckt vor mir davon. Irgendwo im Zaun muss ein Loch sein, doch sie sind zu groß, um sie einfach so wieder in ihre Welt zu heben. Ich streife die Schafscheiße am Wegesrand ab und gehe weiter. In Deutschland hätte mir das ziemlich die Laune verdorben - hier muss ich fast darüber lachen, als ich wäre ich irgendein debiler Kirchenmann.
Als ich zurück am Haus bin, ist noch niemand wieder da. Egal, ich leg wieder Holz auf und mache dort weiter, wo ich aufgehört habe.

Mehr Berichtenswertes ist nicht geschehen am Montag.

A.      

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