Freitag, 9. November 2012

Sieben Tage in Utopia: Episode IV

Dienstag:

Zur festen Planung gehört es jedes Mal, den Leuchtturm von Lista, Lista Fyr, zu besuchen - seit ich klein war. Ihr wisst um meine Begeisterung für die Ästhetik von Leuchttürmen? Ich möchte nicht wissen, was Psychoanalytiker oder Feministen davon halten würden. Das ist also die Tagesaufgabe. Rührei mit Speck, 10°C, der Tag kann starten. Inzwischen weiß ich gar nicht mehr, wie ich je allein frühstücken konnte.

Es hat die ganze Nacht geregnet und der Wind hat weiter zugenommen. Das perfekte Wetter zum Einschlafen für mich. Nichts ist gemütlicher, als wenn Wind und Regen gegen die dunklen Fenster peitschen. Aus diesem Grund finde ich den Schimmelreiter auch so gemütlich. Manchmal, wenn ich nicht einschlafen kann, versuche ich durch die Augen des Deichgrafen zu sehen, der nachts, dem rauen Wetter trotzend, über den dunklen Deich reitet.




Der große Leuchtturm überragt die Landschaft und prägt ihr Bild kilometerweit. Was für ein geradliniges Gefühl: Man hat nach zwölf Schritten bereits das Ziel vor Augen. Zwar war der Weg früher schöner, als alles noch dicht bewaldet war, seinen rituellen Charakter hat der Weg nach Lista Fyr trotzdem nicht verloren. Wir verlassen den Weg und orientieren uns Richtung Leuchtturm. Früher gab es einen richtigen Wanderweg. The Times they are a-changin'.
Immer wieder versperren tiefe Pfützen den Weg, der im Prinzip nichts anderes, als die tote Spur gigantischer Traktorenreifen ist. Ein paar weißärschige Rehe schrecken auf und verschwinden in den Weiten des großen Feldes zu unserer Linken. Der Weg verschwindet im Nichts. Wir entscheiden, Richtung Wald zu gehen. Ich sage großspurig, dass ich keinen beschissenen Wanderweg bräuchte. Die kleine Brücke am Waldesrand ist mir durchaus vertraut. Früher war sie Teil des Weges - heute muss man sie nicht einmal mehr überqueren.
Der Wald ist in keinem guten Zustand. Mein Großvater erzählte mir beim Frühstück, dass das völlig normal sei, da durch die viele Rodung, die Niederschlagsaufnahme völlig durcheinandergeraten sei und sich überall Moore bilden würden, da der Boden völlig überwässert sei. Ganze Bäume liegen auf der Seite; an manchen sieht man die Spur einer Säge, andere wiederum sind mit ihren Wurzeln in Schieflage geraten. Sicher scheint es hier wirklich nicht zu sein: Einige Baumstämme, die über den Weg ragen, werden nur von dürren Ästen gehalten.
Der gesamte Wald war zu Kriegszeiten ein deutscher Militärflughafen. Siebzig Jahre späte erscheint dies mehr als unwirklich. Vor ein paar Jahren kam es noch eine kleine Mahntafel. Die ist verschwunden. Alle Spuren sind getilgt. So ist der Lauf der Dinge: Aus einem Flugplatz wird ein Wald, aus einem Wald wird ein mit Heidekraut bewachsenes Moor - und irgendwann vielleicht wieder ein Flugplatz. Eine Biegung weiter scheint sich das Leben jedoch erneut einen Weg zu suchen. Zwischen all den toten Überresten sprießen kleine Nadelbäume aus dem Boden. Irgendwer hat mir einmal gesagt, dass Nadelbäume hier unten die Pest der Landschaft seien. Wahrscheinlich werden sie demnächst von Naturschützern aus dem Boden gerissen.
Plötzlich müssen wir stoppen. Das Wasser hat dem kleinen Holzsteg, der mitten durch den Wald führt jegliche Stabilität genommen. Vorsichtig setze ich meinen linken Fuß auf das Holz und muss doch sogleich feststellen, dass dieser Weg wirklich nicht passierbar ist. So eine dämliche Hurenscheiße! Entweder wir kehren um und geben uns geschlagen, oder wir suchen uns einen eigenen Weg mitten durch das knorrige Dickicht.
Umkehren ist etwas für Pussys. Das Tigerblut kocht in meinen Venen, und der Pfadfinder erwacht. Ich klettere über totes Geäst, aus dem Boden gerissene Wurzeln, Schlamm und Wasser - und drehe mich nach jeder Hürde sofort zurück, um meine Begleitung zu helfen und die Hand zu reichen. Der letzte Gentleman.

Als wäre all das noch nicht genug, versperrt uns plötzlich ein Stromzaun den Weg - er ist sogar mit Stacheldraht umwickelt. Heilige Kühe beherbergen sich nicht von selbst. Wie ich diese Hürde bewältige? Nun, das hat mich selbst überrascht. Ich ziehe mich an zwei Ästen an einem Baum hoch, stoße mich ab und springe in der Rückwärtsbewegung über den Zaun. Meine Knie knacken bei der Landung, aber verflucht, dass das wirklich geklappt hat, haut mich selbst um. Ja, Bundeswehr, was sagst du nun? Dafür allein hätte ich ein T1 verdient gehabt. Meine Begleitung zieht sich ebenfalls an den Ästen hoch, dann packe ich sie und hebe sie sicher auf die andere Seite. Noch zwanzig Minuten später schwärme ich davon, wie cool ich gerade gewesen bin.
Ach, Lista Fyr, wir beide. Keine Touristen haben sich zu dieser Jahreszeit hierher verirrt. Die Tür des Turms ist verschlossen, was es unmöglich macht, ihn zu besteigen, um die weite Landschaft zu bestaunen. Von der Spitze des Turms kann man sogar das Haus sehen, in dem die Dynastie gerade wahrscheinlich Kreuzworträtsel löst und Obstler trinkt.
Der Rückweg, oder vielmehr: der Versuch den Wald zu umgehen, ist nicht weniger beschwerlich. Bis zu den Knöcheln verschwinden wir im Schlamm. Noch nie war ich auf dieser Seite des Waldes. Trotz allem wirkt die See hier sehr ruhig. Statt in Steinen, endet das Land hier fast in einer Wiese. Dichtes, grünes Gras, das in eine spiegelglatte Bucht überzugehen scheint.
Der Sand am Grunde des Wassers scheint rötlich wie Rost. Müdigkeit überfällt mich. Den ganzen Sauerstoff, all das Gewandere bin ich nicht mehr gewöhnt. Nachdem wir durch eine weitere tropfnasse Wiese laufen, erreichen wir endlich den Weg. Gegenwind.

An dieser Stelle reißen meine Notizen ab, was am ehesten dafür zu sprechen scheint, dass ich tatsächlich im Urlaub angekommen bin und mich auch um nichts anderes mehr kümmere. Aber: Ich hab ein Elefantengedächtnis. Und mein Geschmack ist gut genug, um keinen Witz über lange Rüssel zu machen. Ich werde die restlichen Tage einfach anhand von Fotos und Erinnerungen rekonstruieren.

A.             

Kommentare:

  1. "Schimmelreiter" und "gemütlich" in 1 Satz zu packen hat was.
    Mal wieder: tolle Bilder!
    Und wetten, es gibt wohl Sex. Einem Gentleman kann nämlich keine/r widerstehen.

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  2. Atemraubende Natur... Ich notiere das mal auf meiner 40+Liste!

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  3. Da muss ich Juliane zustimmen. Was das schwer widerstehen können angeht meine ich. Und die tollen Bilder.

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  4. Ach Ihr! Es ging ja um die Geräuschkulisse. Dünne Wände und so.

    Freut mich, dass Euch die Bilder gefallen.

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  5. Benutzt du nen Filter?

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    1. Ja, natürlich. Meine bahnbrechenden Superfotos entstehen größtenteils lediglich mit Hilfe einer 80€-Casio-Exilm und www.befunky.com (Das Photoshop der Versager).

      Ich hoffe, das konnte Dir helfen.

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  6. *schmacht* Super Bilder! Tolle raue Landschaft ... da macht hinsehen wirklich Spaß!

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