Sonntag, 11. November 2012

Sieben Tage in Utopia: Episode V. One Night In Farsund

Mittwoch:

Rührei und Speck. Regen und Wind zersetzen alles. Kein Wetter zum Spazierengehen. Die Dynastie ist sympathisch aber eigen. Absurdität des Familienurlaubs Nr. 1: Meine Familie hat tatsächlich norwegischen Käse aus Deutschland mitgebracht - denselben Käse, den sie hier vor Jahren für sich entdeckt haben. Ja, Lebensmittel sind teurer hier oben, aber ist das nicht trotzdem irgendwie merkwürdig? Wenn schon nicht von meiner Familie, dann zumindest von Europa. Es ist dasselbe verfickte Lebensmittel!

Meine Mutter hat sich in die hauseigene Kaffeemaschine und den Fernsehsessel verliebt, und lag nun meinem Vater so lange in den Ohren, bis er sich dazu bereit erklärt hatte, die Vermieter eingehend zu befragen, wo sie denn die Gerätschaften erstanden hätten. Das Wetter gibt nicht viel mehr her, also willigen ich und meine Begleitung ein, mitzufahren, falls man den Platz in unserem Auto benötigen würde.

Die kleinen Städte sind leer und grau. Der Winter kommt mit dem Ende der Saison. Deutsche scheinen sich hier momentan genauso wenige aufzuhalten wie Norweger in Kiel. Wir finden die begehrte Kaffeemaschine in einer kleinen Euronics-Filiale, die eher an einen Trödelladen erinnert. Während ich im Kopf die Preise in Euro umrechne, stelle ich fest, wie verfickt teuer alles hier ist. Die Kaffeemaschine kostet zärtliche 270 €. Wir lachen und verlassen das Geschäft. Der Stuhl kostet über 300 €. Wir lachen und verlassen das Geschäft. Bevor wir gehen, erstehe ich jedoch ein Paar enge Lederhandschuhe für 13 € (!). Mit ihnen an den Fingern, sieht es aus meiner Perspektive so aus, als hätte ich die Hände eines SS-Manns, während ich eine Zigarette zum Mund führe. Das beunruhigt mich kurz. Absurdität des Familienurlaubs Nr. 2: Meine Großeltern kaufen ein Kristall-Service. Made in Germany. Wir bringen den Import/Export-Kosmos völlig durcheinander.



Zu Hause heize ich den Ofen ein und versinke im "Der Gefangene des Himmels". Gefällt mir das Buch? Ich weiß es nicht.
Abends sind wir zum Essen eingeladen. Ritualisiert wurden wir von den Vermietern am Vortag dazu aufgefordert. Wie viele Mahlzeiten ich dort wohl schon bekommen habe? Als ich klein war, bin ich jeden Tag, aus fadenscheinigen Gründen, zu dem großen, gelb-gestrichenen Holzhaus marschiert, um ein Stück Kuchen abzugreifen. Ihr Schokoladenkuchen war schon immer fantastisch und hat nicht zuletzt dafür gesorgt, dass ich auch einen Geschmack auf der Zunge spüre, wenn ich an Norwegen denke. Wir begrüßen uns überschwänglich und setzen uns.

Es ist schrecklich heiß, und aus Verlegenheit trinke ich ein 0,5l-Bier in wenigen Zügen. Der Sohn des Vermieters (ich kenne ihn, seit er selbst noch ein Kind war. Inzwischen hat er Frau und Kind, Geld und Haus.) kommentiert das Ganze mit: "Alexander ist ein Bierfreund. Ja, ja.". Vor ein paar Jahren waren wir 'mal gemeinsam on the road - ein Freund aus Deutschland, der damalige Bassist meiner Band, war auch dabei. Eine herrliche Partynacht mit allem, was dazugehört.

[FLASHBACK]
Ein unendliches Arsenal an Tuborg-Dosen liegt vor mir. Die Sonne geht über einem weiten Feld unter. Die Gäste der Party sehen aus wie Jackass-Darsteller, die Mädchen sind süß. Ich bin siebzehn Jahre alt, besoffen und übergebe mich noch, bevor die Nacht das Feld, auf dem mehrere Bänke für die Party aufgestellt wurden, ganz und gar einnimmt. Ich labere über die Bundesliga und die angeblich berühmte Band, in der wir in Deutschland spielen. Mit jedem Schluck wird mein Englisch besser. Aus einem Impuls heraus springen wir in ein Sammeltaxi, ohne zu wissen, wohin die Reise gehen würde. Woohoooooo. Noch im Auto bescheinigen mir die Mädchen, dass ich für mein Alter sehr reif aussehe - für norwegische Verhältnisse. Ich habe einfach keine Gummistiefel an und fahre kein Moped. Das ist, was letztendlich den Unterschied macht. Wir fahren durch Städte, die ich noch nie im Dunkeln gesehen habe, während mir klar wird, dass ich in einem Abenteuer stecke, von dem ich noch Jahre später den Leuten berichten werde. Als das Taxi hält, suchen ich und der Bassist meiner Band erst einmal schnell das Weite, schließlich habe ich keine einzige Münze des norwegischen Fantasiegeldes in den Taschen meiner Jeans. 

Als ob ich pinkeln gewesen wäre, stoße ich jedoch nach kurzer Zeit zurück zur Gruppe. Alle Namen sind mir entfallen, aber wir trinken und prosten uns zu. "Deuschland, Deuschland uber allez", brüllt ein Norweger und stößt mit seiner Bierflasche gegen meine. Ich brülle "Jawohl". Geschmack kann man nicht kaufen. Und beleidigter Nationalstolz ist etwas für Trottel. 

Wir verlieren den Sohn der Vermieter aus den Augen, und ehe ich begreife, was passiert, stehe ich in einer Schlange. Wo mag sie enden? Alles verschwimmt langsam und ich stehe bei Weitem nicht mehr sicher auf meinen Füßen. Neben mir steht ein Mädchen. Sie ist hübsch. Sie flüstert in mein Ohr, dass man in den Club erst ab 21 Jahren dürfe, sie das aber regeln würde. War sie die ganze Zeit schon dabei? Ich habe keine Ahnung. Kurz bevor wir an der Reihe sind, hakt sie sich bei mir ein. Vielleicht hat sie mich auch gestützt. Lena? Hieß sie Lena? Der Türsteher labert mich auf Norwegisch voll. Ich entgegne ihm ein freundliches (aber bestimmtes) "Geeermanyyyy". Das Mädchen redet kurz mit ihm auf Elbisch, und auf einmal stehe ich mitten auf der Tanzfläche. 

Ich habe ein Bier in der Hand. Woher? Kopf und Nacken haben Probleme, den Takt zu finden. Die Musik ist scheiße: 90'er-Trance. Ich tanze mit Lena. Hieß sie Lena? War mein Bassist auch in der Schlange? Wusste überhaupt jemand, wo ich war? Egal, ich tanze mit Lena. Sie hieß ganz sicher Lena. Ich muss pinkeln. Als ich von der Tanzfläche will, renne ich fast einen Rollstuhl um. Verdutzt bleibe ich stehen und sehe einem Rollstuhlfahrer dabei zu, wie er sich zum Rhythmus der Musik auf der Tanzfläche dreht und albern rumhampelt. Ein Kreis hat sich gebildet, als wäre er ein beschissener Breakdancer. Na gut, ist er ja auch irgendwie. Geschmack kann man nicht kaufen. Die Leute sagen wahrscheinlich gerade so etwas wie "Mann, ich bewundere seine Kraft so sehr. Er ist so stark. Smörebröd.", "Ja, Smörebröd, er ist wirklich so bewundernswert", während sie in Wahrheit meinen, dass sie einfach nur verfickt froh sind, selbst nicht im Rollstuhl zu sitzen. Ich torkel von der Tanzfläche.

Kotze klatscht auf Porzellan. Die Schwerkraft ist gegen mich. Ich habe das Gefühl, meine Organe und meine Seele mit auszukotzen - als würde all das aus mir herausgezogen werden. Das Adrenalin pumpt durch meine Venen, lässt meine Gedanken ein wenig aufklaren und erzeugt Kopfschmerzen. Ich blicke in den Spiegel: Schweißnasse Strähnen kleben an meiner Stirn, meine Haut ist grau. Wie zum Henker kommen wir zurück? Wo ist der Bassist? Kaltes Wasser klatscht auf meine Haut. Ich klopfe an jede Kabine und rufe lallend seinen Namen. Nichts. Die Bässe hämmern an meine Schläfen - oder umgekehrt. Auf der Tanzfläche ist er auch nicht. War er überhaupt mit in den Club gekommen? Ich werde panisch. Muss ich auf irgendeiner Parkbank schlafen? Lachend und benommen stolpert er aus der Mädchentoilette. Er war also mit. Ich packe ihn am Arm und schleife uns beide nach draußen. 

Er fällt auf eine Bank am Straßenrand und glotzt mich mit wartenden Augen an. Besoffen und selig. Scheiße, und jetzt? Ich quatsche wahllos irgendwelche Norweger an und frage sie nach dem Sohn der Vermieter, dessen Name wohl das verschissene Äquivalent zu "Jan Schmidt" oder so sein musste. Viele kannten jedenfalls einen. Wie durch ein Wunder stolpert der Gesuchte jedoch plötzlich auf uns zu. Hatte er uns gesucht? Ich denke nicht. Er ist total voll und drückt mir ein hohe Summe Elbengeld in die Hand. Wir sollen einfach ein Taxi nehmen, wenn wir zurück wollten. Ist das hier scheiß New York City? Wo fahren denn hier irgendwelche bekackten Taxis? Er zeigt die Straße 'runter.

Ich richte den Bassisten auf. Plötzlich steht Lena hinter mir. This is goodbye. Sie will mich umarmen. Meine Hände fahren über ihren Arsch und plötzlich ist meine Zunge in ihrem Mund. Ich öffne meine Augen. Hatte sie mich geküsst? Hieß sie überhaupt Lena? Als unsere Lippen sich voneinander lösen, sage ich "Goodbye" und drehe mich um. Der Sohn der Vermieter und der Bassist grinsen mich an. Lena zieht mich zurück und küsst mich erneut. Ob sie das Erbrochene schmeckt? Alles dreht sich. Ich küsse sie auf die Wange. Goodbye. Hieß sie Lena?

Im Taxi sitzen zwei Mädchen neben dem Bassisten und mir. Keine Ahnung, woher die kamen.  Während ich versuche, dem Taxifahrer in besoffenem Englisch zu erklären, wohin wir wollten, pennt der Bassist auf der Schulter eines der Mädchen. Wir halten irgendwo in der Dunkelheit und die Mädchen steigen aus. Wir fahren weiter. Als auch unsere Fahrt endet, gebe ich dem Taxifahrer unser ganzes Geld. Fremdländische Währungen erscheinen mir immer so wertlos.

Wir lachen und schreien hinaus in die Nacht. Ist das unser Haus? Nein. Ist das unser Haus? Nein. Dieses? Möglich. Mühevoll manövriere ich eine Zigarette aus meiner Hosentasche. Als wir endlich vor dem richtigen Holzhaus stehen, sind wir uns dessen nicht einmal zu 100% bewusst. Während draußen alle Vorbereitungen für den Sonnenaufgang getroffen werden, fallen wir in unsere Betten.   


Beschämt schalte ich einen Gang zurück. Erinnerungen nehmen Gestalt an. Ich zerschlage sie. Ich bin dran in der Runde. Ob ich noch in Kiel lebe? Das tue ich. Ob ich noch studiere? Das tue ich. Was ich denn studiere? Philosophie und Geschichte. Als stünde überhaupt nichts anderes zur Debatte, nicken alle und lächeln, als hätte ich ihnen etwas gesagt, dass sie schon lange wüssten. Ich erschrecke. Ich bin doch kein bärtiger Patschuli-Idiot. Sieht man mir den Studiengang an? Bin ich wie die trotteligen Sportstudenten oder die Juristen? Gott! Ich schiebe es auf meine ruhige, schwermütige Art - Kontemplation und Landschaftsmelancholie. In meinen Augen ist ein Sonnenuntergang. Seit jeher.

Ich lobe das Essen der Gastgeberin und bitte um das Rezept ihres Weihnachtskuchens. Natürlich kann ich nicht backen - ich habe einen Penis, Freunde! Ich möchte, dass ihn irgendjemand für mich backt. Sie willigt ein und freut sich, dass ich mich erinnere. Man kennt sich so lange. Ich bin erwachsen und sie Rentner.

Wir verabschieden uns, und als wir die Tür öffnen, schlägt uns schwarze Nacht entgegen.


A.          

Kommentare:

  1. sehr amüsant, da kommen auch bei mir so manche erinnerungen hoch..

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  2. Woohooooo, herrlicher Flashback! Wie geil!
    Bin auf den Rest gespannt,
    Diana

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