Dienstag, 13. November 2012

Sieben Tage in Utopia: Finale (Part I)

Der folgende Post wird Euch viel Zeit kosten und den ewigen Wunsch in Euch wecken, das zu sehen, was ich gesehen habe. Ich warne Euch bloß. Falls Ihr die bisherigen Fotos schon gut fandet, macht euch auf etwas gefasst. Ich ziehe alle Register. Aufgrund der Masse an Text und Bildern musste ich diesen Post auf mehrere Posts verteilen. Ich dachte dabei nur an die Größe Eures Scroll-Rädchens. Ich hoffe, Ihr wisst diesen Mehraufwand zu schätzen. Der letzte Tag war der beste.

Donnerstag:

Ich habe heute leider kein Foto für Euch. Rührei und Speck. Wind peitscht gegen die Wände des kleinen Hauses. Ich versinke den ganzen Tag in der Couch und lese "Der Gefangene des Himmels" zu Ende. Ich bin enttäuscht. Nicht einmal die unterschriebene Erstausgabe trübt meine Wahrnehmung. Kein Zauber, keine Magie. Resigniert klappe ich das Buch zu und verstaue es in meinem Rucksack. Jetzt habe ich nichts mehr, was ich hier lesen könnte - außer dem Käse, den die Anderen mitgebracht haben. Ich hasse es, kein Buch neben mir auf dem Nachttisch liegen zu haben. Das ist wie mit den Zigaretten: Habe ich welche, fällt es bei Weitem nicht so schwer, nicht zu rauchen, wie es mir fallen würde, wenn die Schachtel leer wäre. Macht das Sinn?

Das schlechte Wetter zwingt meinen Vater dazu, untätig neben der Familie auf der Couch zu sitzen. Das fällt ihm sichtbar schwer; er ist ein Getriebener. Man kann die Unruhe in seinen Augen sehen. Er ist daran gewöhnt, keine Zeit zu haben und zwölf Stunden am Stück, die ganze Nacht hindurch, irgendwo im Dreck auf einer Baustelle in Dänemark zu arbeiten. Wenn er frei hat, repariert er ständig Dinge und findet irgendetwas, das unbedingt am Haus getan werden muss. Für ihn bedeutet Urlaub schon, dass er nicht auf irgendeine Baustelle muss, genügend schlafen kann und Zeit zum Angeln hat. Dass er bisher nur zweimal auf See war, schlägt auf seine Stimmung, und das kleine Wohnzimmer beginnt langsam, zu eng für uns beide zu werden. Er provoziert mich, ich provoziere ihn.



Freitag:

Sonnenstrahlen dringen durch das Fenster und lassen das Holz an der Dachschräge deutlicher heller erscheinen als den Rest des Raumes. Ich beuge mich vor und blicke hinaus. Der letzte Tag. Meine Begleitung erwacht neben mir und ordnet ihre Gedanken. Es wird Zeit, an den Strand zu fahren.

Rührei und Speck. Mein Vater ist bereits vor Anbruch des Tages mit dem Boot hinausgefahren. Bevor ich mich zum Frühstück setze, suche ich mit dem Fernglas seine Silhouette auf dem Meer. Ich finde ihn nicht. Er ist eins mit den Wogen.

Ich frage meine Großeltern, ob sie uns nicht begleiten wollen. Sie zieren sich ein bisschen, aber letztendlich sagen sie zu. Ich dirigiere das Auto über die einsamen Landstraßen zum Parkplatz von Lomsesanden - so heißt der Strand, der beste Strand meines Lebens. Ein riesiges Areal aus Dünen, Sand, Felsen und Erinnerungen. Als wir halten, singt Patrick Park gerade darüber, dass das Leben nur ein Lied sei.


Nach wenigen Metern hat der Ort mich völlig eingenommen. Ich habe all das hier nicht grundlos so verklärt. Überall hat der Regen kleine Tümpel gebildet, in denen sich die Sonne spiegelt. Es ist fantastisch, das scheint allen klar zu sein, denn wir schweigen, während wir den Weg hinunter zum Strand gehen.
Winzige Rinnsale suchen sich ihren Weg durch das Gras und den Sand. Nach ein paar Dünen eröffnet sich mir der Blick über die Lagune. Das Meer hat den Strand halbiert und sich seinen Teil zurückgeholt. Niemand ist zu sehen. Utopia.
Die Wolken zeichnen ein wunderbares Panorama und ich muss meine Augen zusammenkneifen, als ich aufs Meer hinaussehe. Scheiße, und heute ist der mein letzter Tag? Gegen das hier ist Kiel nur ein Klumpen Scheiße. Ein großer Klumpen Scheiße. Doch das, was meine Augen sehen, ist viel zu schön, um jetzt schon wehmütig zu werden. Die Wellen gleiten langsam bis zu meinen Füßen. Vor mir, im Sand, entdecke ich einen kleinen Seeigel. Beim genaueren Betrachten fällt mir ein winziger Seestern auf, der an seiner Hülle klebt.
Ich werfe die Beiden zurück ins Meer, so weit wie nur möglich. Verflucht, ist das schön hier! Wir laufen so lange den Strand entlang, bis der Sand langsam einem dichten, feuchten Grün weicht. Alles hier besteht eigentlich aus vielen Stränden, vielen kleinen Buchten, die jedoch alle miteinander verbunden sind. Ein Berg aus Felsen türmt sich vor uns auf, doch statt umzukehren, suchen wir uns einen Weg um ihn herum. Die Reste irgendeines deutschen Bunkerbaus sind mit der Natur verschmolzen. Eine Treppe ragt hinauf ins Nichts. Ja, ich verkneife mir das dumme Stairway-to-heaven-Wortspiel.
Ohne darüber zu sprechen, gehen wir langsam immer weiter bergauf. In der Ferne sieht man Wellen, die sich an Felsen brechen, die aus dem Meer ragen. Es gibt wieder Einhörner. Wasser läuft den Weg herunter. Ob meine Großeltern dieselbe kindliche Neugier empfinden, was den Gipfel betrifft? Zumindest steuern sie auch unaufhörlich auf das Ende des Hügels zu.

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