Dienstag, 13. November 2012

Sieben Tage in Utopia: Finale (Part III)

Regen prasselt auf die Frontscheibe, doch die Wolken formen noch immer ein Gemälde am Himmel. Ich blinke nach links und frage mich, ob ich mit jemandem zusammen sein könnte, der all das hier sofort gegen einen All-inclusive-Urlaub in der Sonne eintauschen würde. Oder mit jemandem, der Simon & Garfunkel scheiße findet. Oder Star Wars nicht mag. Wirklich, ich hasse Leute, die Star Wars nicht mögen. Echt, wir kann man das nicht mögen?

Wir setzen meine Großeltern ab und fahren weiter. Ich habe noch einen Ort auf der Agenda. Als ich klein war, nannten ich und meine Freunde diesen Ort "Grusel-Gespenster-Wald". Wir waren ironisch. Und trotzdem hatten wir Schiss. Als der Wagen hält, donnert es am Himmel. Bevor es in den Wald geht, werfe ich einen Blick ins Wasser. Der kleine Hafen, der fast ein Zwilling des Hafens in unserem Ort sein könnte, ist menschenleer.



Irgendetwas Besonderes umgibt diesen Wald hier. Er ist anders. Sein Eingang ist verschlungen und düster. Kein Licht in ihm. Meine Begleitung greift nach meiner Hand. Vor vier Jahren standen wir vor einem Problem. Es gibt nur einen Weg. Um zu dem Plateau zu gelangen, welches vom Wald verborgen wird, muss man ihn durchqueren. Damals kamen wir zum Einbruch der Dunkelheit. Als wir auf das Plateau gelangten, und die Nacht einsetzte, wagte sie es nicht mehr zurückzugehen. Ich musste uns damals einen unglaublich beschwerlichen Weg, die Klippe herunter und über die Steine am Ufer, suchen, was Stunden dauerte.
Als der Wald uns umschließt, kann ich fast ihren Herzschlag hören. Ich kenne den Wald viel zu gut, um mich zu fürchten. Eine trockene Stille umgibt uns, die lediglich durch das Rauschen des Ozeans durchdrungen wird. Weil die Bäume so dicht beieinanderstehen, und so gut, wie kein Licht nach unten dringt, tragen sie bis zur Spitze kaum Nadeln. Ein düsterer Ort. Der Wald scheint nie gelebt zu haben - und doch besteht er. Niemand hat es gewagt hier auch nur einen Baum zu fällen - entgegen dem allgemeinen Trend.
Als die Totenbäume sich langsam lichten, gelangen wir an ein kleines Holztor, was Schafe und Kühe davon abhalten soll, in dem Wald zu verschwinden. Das Plateau beherbergt eine alte, nordische Kultstätte: ein Phallus-Felsen, der die Fruchtbarkeit fördert, wenn man ihn berührt. Die Aussicht von hier ist grandios. Jedem, den ich mit herbringe, muss ich diesen Ort zeigen.
Die Sonne befindet sich allmählich auf dem Rückweg und meine Begleitung wird langsam nervös. Es wird Zeit, sich von all dem hier zu verabschieden, Zeit, zurückzukehren, die Sachen zu packen, Zeit, sich der Gewissheit zu stellen, dass alles Gute endet (Nelly Furtado, R.I.P.). Morgen früh um 07:00 Uhr fährt unsere Fähre bereits wieder in Kristiansand ab. Ich lächele noch einmal ins Leere und dann machen wir uns auf den Weg, zurück in den Wald.

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