Dienstag, 13. November 2012

Sieben Tage in Utopia: Finale (Part IV)

Wir parken das Auto und gehen zurück ins Haus. Das Leben pulsiert. Alles ist bereits dabei, Sachen zusammenzusuchen und zu packen. Ich verstaue meine Gitarre in ihrer Hülle und stelle alles bereit. Mein Vater kehrt vom Meer zurück. "Ich habe morgens zwei Tassen Kaffee getrunken. Auf dem Meer hab' ich dann acht wieder ausgekotzt", sagt er, völlig erschöpft. Den Steinbutt, den er gefangen hat, wird meine Mutter zum Abendessen vorbereiten. Ich will nicht warten, bis es dunkel wird. Ich will mich nicht verabschieden, und hier vorm Fernseher vegetieren. Als mein Vater dann auch noch "Over the Top" im Fernsehen einschaltet, reicht es mir. Ich streife meine Jacke über und klettere erneut in meine Stiefel.

Einen letzten Gang den Weg herunter. Noch einmal die Strecke, die ich schon millionenmal gelaufen bin. Die schwindende Sonne taucht den gesamten Himmel in einen Ton von Vanille. Wer weiß schon, wann ich zurückkehre?


Der Leuchtturm von Lista wirft nun sein Licht in die Ferne und mein Herz ist schwer. Mein Handy vibriert. Das soll mir wohl signalisieren, nach Hause zu kommen. Ich ignoriere es und öffne zum letzten Mal das kleine Tor neben dem Bootshaus und laufe über die Steine. Ich muss schmunzeln, als ich noch einmal in Ruhe den größten, der umherliegenden Felsbrocken sehe. Vor Jahren habe ich ihn erklommen, nur um kurz danach festzustellen, dass der Abstieg wesentlich schwerer werden würde, dass es manchmal eben fast unmöglich ist, zurückzukehren. Und man es letztendlich doch schafft.

Mein Handy klingelt. Ich soll zurückkommen und gefälligst dabei helfen, die Sachen zu packen. So eine Scheiße. All die anderen Jahre hatte immer große Pläne, wenn es zurück ging - schon als Kind. Diesmal ist es anders. Ich mache ein weiteres kleines Video und verabschiede mich in Gedanken von allem, was ich sehe.
Die Stimmung ist angespannt. Es wird kalt und die Dunkelheit hat bereits um sich gegriffen, als ich die letzten Sachen im Auto verstaue.

Abends im Bett sehe ich mir die Fotos und Videos an, die ich bisher gemacht habe. Es erscheint mir unwirklich, dass all das heute passiert sein soll. Zu wissen, dass um 03:30 Uhr der Wecker klingeln wird, versüßt mir nicht gerade das Einschlafen, doch der viele Sauerstoff macht mich müde. Morgen um diese Zeit sitze ich wieder in Kiel und mache den Scheiß, den ich sonst so mache. Ich vermisse nichts.

Samstag:

Kälte. Es ist so verfickt kalt. Niemand hat mehr geheizt. Kein Rührei mit Speck - nicht einmal irgendein verschissenes Frühstück. Ich wasche mich und pinkele anschließend in Zeitlupe. Abschiede sind nicht mein Ding. Die Straßen sind stockfinster. Obwohl überall strenge Geschwindkeitsreglementierungen herrschen, fahren die Norweger wie beschissene Ruhrpottler zur "Rasch-Auer". Sie drängeln und hetzen. Die Zeitumstellung bringt mich und das Navigationsgerät völlig durcheinander. Als wir in der Warteschlange vor der Fähre halten, regnet es in Strömen in Kristiansand.

Ich laufe durch den Regen zu den Klohäusern. Fuck, ist das kalt. Ich muss fast würgen, als ich die Tür zur Kabine öffne. Ich atme durch meinen Schal. Die Scheiße der Anderen stinkt immer schlimmer als die eigene. Von der Klotür aus grinst mich ein Hansa-Rostock-Aufkleber an. Ausgrechnet in diesem Klo, ausgerechnet an dieser Kabine? Die Gegenwarte streckt ihre kalten Finger nach mir aus.
Eine Zigarette und eine Ladung Anti-Seekrankheits-Kram. Frühstück für Champions. Noch bevor das Schiff ablegt, schlafe ich, gekrümmt wie ein Embryo. Daughter säuseln in mein Ohr, dass sie alles verlassen haben und nur noch eine Silhouette sind. Ich mag das Wort "Silhouette". Ich unterbreche meinen komatösen Tablettenschlaf von Zeit zu Zeit, um an Deck zu gehen und eine zu rauchen. Die Sonne ist aufgegangen. Die See ist ruhig.
Nach 3 1/2 Stunden keimt die dänische Küste langsam am Horizont auf. Ach, Dänemark, du langweiliger, sauberer Ausläufer Schleswig-Holsteins. Zum ersten Mal bemerke ich, dass Hirtshals einen Leuchtturm hat.
Wir verlassen die Fähre und fahren fünf Stunden lang geradeaus. Und dann sind wir wieder in Kiel, wieder im grauen Getriebe. Ich rede wenig. Ich versuche mir vorzustellen, wie es war, heute morgen noch in Norwegen gewesen zu sein. Bereits jetzt erscheint das unwirklich. Ich hoffe, nicht wieder vier Jahre warten zu müssen.

Bevor mir die Augen zufallen, singen Farewell Milwaukee das Lied dieses Urlaubs noch einmal für mich. Ich laufe durch die Erinnerungen der letzten Tage - vor allem durch die, des letzten Tages. Wollt Ihr wissen, was ich sehe?

A.
video
Video: IADST, Music: Farewell Milwaukee - The Night Is Falling For You (I don't own the rights to that song. Go and buy their album "When It Sinks In"!

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