Mittwoch, 26. Dezember 2012

Der Geist der zukünftigen Weihnacht

Ihre Augen sind geschlossen, ihre Finger winzig. Während draußen der Regen dabei ist, die letzten Spuren des Winters zu verwischen, sehen alle bedächtig auf das kleine Kind, welches, nicht einmal fünf Wochen alt, mit einem Lächeln auf dem Gesicht eingeschlafen ist.
     "Na Alex, wär' das nicht auch 'was?", fragt mich der junge Vater routiniert.
     "Nein, noch nicht, wirklich nicht, nein", antworte ich. Ich bin doch selbst noch fast ein Kind, denke ich, du aber eigentlich auch.
     Hätte ich ihm vor ein paar Jahren erzählt, dass wirklich nur noch wenig Zeit vergehen würde, bis wir vor dem Weihnachtsbaum hocken, und seine frisch geborene Tochter anglotzen, als sei sie vom Himmel gefallen, um alle Menschen von jeglichem Leid dieser Welt zu heilen, hätte er wahrscheinlich seine Zigarette ausgedrückt, und mir gesagt, dass dies absoluter Quatsch sei und dass er nun wirklich andere Probleme hätte. Immer wieder öffnet sich der kleine Mund, um ein kehliges Geräusch in den unbekannten Raum zu schicken, das seine Eltern beruhigt und stets daran erinnert, dass sich, für sie, alles, das ganze Leben, verändert hat - innerhalb weniger Monate, als wäre die ganze Welt aus einem tiefen, trüben See aufgetaucht, und alle Sorgen, jedes Problem und jeder schlechte Gedanke nur noch eine trübe Erinnerung, ähnlich dem Gefühl nach dem Aufwachen, wenn man die Konturen des Traumes schon vergessen hat, doch das Gefühl dieser fremden Welt noch immer in den Knochen spürt.

Montag, 24. Dezember 2012

Der Geist der gegenwärtigen Weihnacht

Von einem Tag auf den anderen rasen die Temperaturen in die Höhe. Pünktlich zum Heiligen Abend schmilzt der Schnee. Sind das die letzten Wellen des Weltuntergangs? Und die Antarktis versinkt ebenfalls im Meer. Aber was kümmert uns das Schicksal irgendwelcher pazifischer Inseln, die über kurz oder lang dem Untergang geweiht sind, wenn unsere christliche Nächstenliebe nur bis unter den Baum reicht? Was sind schon die Malediven? Die sind doch so weit weg!

Ich bin tief versunken in einem Strudel aus Weihnachtsliedern, gutem Essen, warmen Wohnzimmern und Büchern. Ich werde nicht einmal richtig wach. Die Stunden rasen an mir vorbei - und ich verlasse eigentlich nur das Haus, um irgendwo anders zu essen, und in einer Stimmung aus Vergangenheit und Christbaumschmuck zu vergehen.

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Vertigo

Und hier sehen wir uns wieder: am Wendepunkt der Gezeiten. Was meint ihr, wie bescheuert all die Wichser gucken, wenn morgen tatsächlich die Welt untergehen sollte? Dann hatten all die Trottel mit ihrem pseudo-wissenschaftlichen Verschwörungstheorien-Wichs aus dem Internet die Wahrheit gesagt: Die Illuminaten sacken noch fix die Bilderberg-Gruppe ein, alle Fische verlassen die Erde, die Pyramiden öffnen sich (überall auf der Welt, überall), und Echnaton reitet, mit der Leiche von Paul McCartney auf dem Schoß, an der Seite von Rasputin, dem Mothman, Dick Cheney und allen ehemaligen Skull-&-Bones-Mitgliedern nach Rosswell, wie es Päpstin Johanna, Nostradmus, die Protokolle der Weisen von Zion und die Tempelritter einst prophezeiten. Und dann hebt ein Raumschiff ab (zum ersten Mal mit Menschen an Bord). Und wir gucken blöd und ungläubig in den Himmel mit all unserem verwesenden Spott, während Cobain und L. Ron Hubbard aus den Trümmern von Ground Zero auferstehen, um, mithilfe der Salafisten und der N.R.A. alle Menschen einfach aufzufressen. Eigentlich hätten wir alle doch nur 11 und 12 zusammenzählen müssen!  

Ich bin wieder da. Alles wird langsam wieder klarer. Der Boden hat außerdem aufgehört, zu schwanken. So umgehauen war ich, glaube ich, selten zuvor. Die letzten zwei Wochen gehen somit also auch in meine persönliche Krankheiten-Hiliste ein:
  1. Die große Virusinfektion in Ohr und Rachen, 2002
  2. Morbus Osgood-Schlatter (oder: "Rugby Knee"): dreimonatiger Totalausfall mit Vollgips in Neongrün, 1998
  3. Der absolut ungeklärte Schwindel-Knockout, 2012 (Neueinsteiger)
Gott, bin ich froh, dass alles wieder läuft. Da ein extremer Ausraster von mir das Ganze bewirkt zu haben scheint, muss ich mich wohl tatsächlich ein wenig zusammenreißen. Aber im Ernst: Ich kann die Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern wirklich nicht leiden! Ich bin weder Dortmund noch Wolfsburgfan, doch habe ich mich trotzdem so sehr aufgeregt, dass es für alle um mich herum - und auch für mich selbst - überaus beängstigend wurde. Überhaupt lässt mich totaler Kleinscheiß so sehr aus der Haut fahren: die Ticketpreise von Chris de Burgh (ich wollte da nicht hin; ich fand nur absurd, wie beschissen teuer die Karten sind), das Fernsehprogramm, Hansi Hinterseer (wirklich: er ist das Symbol für Falschheit, dieser dämliche Wichser), österreichischer Akzent, "Von daher" (im Ernst: Es ist eine sprachliche Epidemie), Apple, überflüssig und inflationär gebrauchte QR-Codes oder der peinliche Zirkus um Pyrotechnik in den Fußballstadien - mit all seinen Beteiligten.

Es ist ein Fluch, aber ich muss einfach gelassener werden. Deswegen habe ich mich heute Nacht auch nicht aufgeregt, als der Marine-Idiot über uns eine Frau auf dem Boden gevögelt hat, die offensichtlich eine Nutte war; ihr Stöhnen klang wie Anfang 20, aufgesetzt und professionell (mehr so, als hätte er einen Porno gefickt). Also sehe entweder nur ich in ihm einen armseligen, cholerischen Fettsack in den späten Vierzigern, und er ist in Wirklichkeit ein ziemlicher Player, oder man hat sich vom Bundeswehr-Weihnachtsgeld eine anständige Hure gegönnt. Wie dem auch sei; ich bin nicht grün geworden, und zeriss auch nicht mein Shirt, sondern schlief mit einem seligen Lächeln in einer wundervollen Welt ein.

Hulk ist tot! Lang lebe:

A.       

Montag, 10. Dezember 2012

Der Betrieb ist gefährdet

Seit Samstagnachmittag stimmt etwas nicht mit mir. Ich bin fast durchgehend erschöpft - und mir ist unglaublich, unglaublich, unglaublich schwindelig, permanent. Was mir fehlt, ist noch ein großes Mysterium. Erst im Januar darf ich mir in den Schädel sehen lassen. Blöd ist, dass diese Symptome nicht neu sind. Nachdem ich also den ganzen Vormitag in Wartezimmern abhing, steht für heute noch ein weiterer Termin in der HNO-Klinik an. Da freu' ich mich drauf. Mal sehen, ob die Jungs etwas finden. Das Wartezimmer beim Neurologen wird sicherlich nicht mehr getoppt - Dawn of the dead. In meinem Kopf habe ich mich noch über alle lustig gemacht, doch, als ich dann aufgerufen wurde, stolperte ich genauso unbeholfen und slow-mo'esk auf die Schwester zu.

Bis auf Weiteres werdet Ihr also nichts von mir hören - es sei denn, dass die Zauberpillen, die ich nachher in der Apotheke abholen kann, ein absoluter Erfolg sind. Ich lese trotzdem alle Kommentare, Liebesbriefe (die schmutzigen Sachen aber lieber per Mail, ne?) und Fanpost, weil es verfickt langweilig ist, allein im Bett zu liegen, während es draußen noch hell ist.

Bis bald,

A.  

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Das Shoppen in der Nähe der Opera

Und wieder, wie jedes Jahr, verbringe ich Massen von Zeit auf der Amazon-Seite. Was soll ich bloß allen schenken? Wenigstens bin ich inzwischen von der Strategie abgerückt, die Geschenke am 22. oder 23. Dezember zu kaufen. Jeder scheint bereits fast alles zu besitzen - der Rest ist völlig unerschwinglich für mich. Wenn mich jemand fragt, was ich mir denn wünsche, muss ich eigentlich auch immer passen. Irgendwie besitze ich fast alles - der Rest ist völlig unerschwinglich für die, die mir am nächsten sind. Klug wäre es, sich einfach nichts mehr zu schenken, aber das bringe ich nicht über mein steinernes Herz, schließlich würde es den Geist von Weihnachten kastrieren. Ja, für mich bedeutet Weihnachten: "Christmas with the Rat Pack", osteuropäische Märchenverfilmungen, Judy Garland in "Der Zauberer von Oz", super-kapitalistische, blutrote Kommerzweihnachtsmänner, Marzipan, Entenbraten, die Weihnachtsdekoration im Haus meiner Eltern, Plätzchen, stundenlanges Lesen in überheizten Wohnzimmern, in heißen Kakao getunkte Erinnerungen  - und Geschenke, verdammt!

Doch die Einkaufszentren sind so schrecklich übervölkert um diese Zeit des Jahres. Ich wär' außerdem viel lieber im betörend glänzenden Palast des Konsums gegenüber der Oper von Paris - als in irgendeinem Scheißmarkt, hier im Gewerbegebiet. Galeries Lafayette, das Stammhaus am Boulevard Haussmann ist ein prunkvoller Jugendstilpalast, ein Kaufhaus der alten Garde.

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Der Geist der vergangenen Weihnacht

Der Rauch verlässt meine Lungenflügel wieder und steigt in den kalten Nachthimmel auf, als hätte er seine Aufgabe erfüllt, und einen weiteren Teil von mir mitgerissen. Ich muss wirklich aufhören. Bei jedem Mal tausche ich ein Stück Sein gegen ein Stück Nicht-Sein. Da stellen sich keine Fragen mehr. Schnee fällt auf meine ausgestreckte Hand - und wird sofort zu Wasser.

Gestern traf sich der Zirkel der zukünftigen Super-Literaten. Ich bin einer von ihnen - aber das überrascht Euch nicht. Die drei Ausrufezeichen. Statt zu schreiben, oder uns das Geschriebene gegenseitig vorzulesen, machten wir zwei Stunden lang Witze über Sodomie. Ehrgeiz. Fleiß, Professionalität sind die Zutaten guter Arbeit. Ich habe Tränen gelacht. Selbst der metaphorische Fall in den Kaninchenbau sorgte für schmutzige Kalauer über Propeller-Hasen-Analsex. Da hätte jeder ambitionierte Tierschützer seine helle Freude gehabt! Rideo ergo sum.

Als ich neulich Nacht irgendeinen der beschissenen Nachrichtensender eingeschaltet hatte, sagte die zehn Jahre älter geschminkte Tussi im Blazer, die wahrscheinlich in irgendeiner dämlichen Disco im Ruhrgebiet gecastet wurde, statt Journalistik studiert zu haben, dass die SMS, jaha, die Kurzmitteilung, gerade zwanzig Jahre alt geworden sei. Happy Birthday ans Sterbebett, denn sein wir ehrlich: sie ist auf dem Rückzug. Und so, wie ich Mitleid mit einer verwelkten Blume, einer ausgedienten Zahnbürste oder meinem alten Nassrasierer habe, hat mich auch das ein wenig traurig gemacht - und ich habe die schweren Ketten der Vergangenheit hinter den Wänden rasseln hören. 

Die SMS hat nicht nur eine ganze Generation von Jugendlichen dazu gebracht, ihre Sprache zu vergewaltigen, nein, sie hat auch Gutes bewirkt. Ich habe es bisher nicht zugegeben, aber der SMS verdanke ich meine erste, richtige Freundin. Woran ich festmache, dass es meine erste, richtige Freundin war?

Sonntag, 2. Dezember 2012

Sonntag, blutiger Sonntag

Schwerfällig und unbeholfen dreht sich der Haustürschlüssel im Schloß. Deutlich hörbar bemüht sich mein Mitbewohner darum, sich im Flur leise zu verhalten. Ein Paar Adidas-Sneaker poltert in den Schuhschrank, selbst, wenn ihr Fall ein wenig gedämpft wird. Mir kommt es vor, als könnte ich hören, wie schwer es ihm fällt, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich beende das Hörspiel und offenbare, dass ich noch nicht schlafe, indem ich laut seinen Namen rufe. Nach fast einer ganzen Minute öffnet sich die Tür zu meinem Zimmer, nicht ohne ein vorheriges, ohnehin ziemlich überflüssiges Klopfen mit einem metallernen Gegenstand.
"Ich hab' Blut auffer Hose - aber nicht meines!", lallt er, mit dem seligen Lächeln eines Betrunkenen. Seine Haut ist blass, der Bereich unter seinen Augen fast dunkelgrau.
"Sondern?", entgegne ich erheitert.
"Naja, keine Ahnung. Ich bin hingefallen, ne? Und als ich wieder aufgestanden bin, war da sauviel Blut auf meiner Hose. Das war noch viel mehr. Alles war voller Blut. Habs ein bisschen gereinigt im Mecces. Das war viel schlimmer, aber von mir ist das nicht, Mann! Und Toni Kroos ist ein krass guter Fußballer, der Toni." Er greift immer wieder Hilfe suchend nach dem Türdrücker, während er auf der Schwelle umherschwankt.
"Warum bist du denn hingefallen?"
"Weil ich so besoffen war?", sagt er als wäre das eine Selbstverständlichkeit und ich ein dämlicher Hinterwäldler.
Wir verabschieden uns, und er verschwindet in seinem Zimmer. Ich weiß nicht, zum wievielten Mal ich die South-Park-Folge sehe, die gerade läuft. Leichter Schlaf ist ein Segen. Ich bin zu träge, um zu lesen, doch auch zu wach, um einfach das Licht auszuschalten. Es klopft.

Samstag, 1. Dezember 2012

Zōon politikon

Pünktlich zum ersten Tag des zwölften Monats im Jahre des Herrn zweitausendundzwölf fällt Schnee vom Himmel auf ein Land, das zwar im Herzen Europas liegt, welches jedoch Europa nicht im Herzen zu tragen scheint (glaubt man den Meinungen auf der Straße, die das Frühstücksfernsehen sendet), und veranlasst den zusammengewürfelten Haufen von Freunden, Bekannten, Fremden und Erinnerungen in meiner Facebook-Freundesliste dazu, mit Fotos und witzigen Kommentaren darauf hinzuweisen, dass bei ihnen, wo auch immer sie alle inzwischen leben, Schnee liegt. Ich glaube, ich lösche heute meine Fotoalben.

Unterhaltsam geträumt. Ich erinnere mich fast immer an meine Träume. Aus welchem Grund auch immer, ich befand mich an einem Strand, der so weit ich weiß, nur in meiner Fantasie existiert. Ich kenne mich dort jedoch inzwischen aus. Ein silberner Opel Astra hielt und gab mir mit einer impulshaften Lichthupe zu verstehen, dass ich mich nähern sollte. Am Steuer saß ein russischer DJ, mit dem ich befreundet bin. Ich schlug ihm einen Roadtrip vor, klassisch, auf die alte Weise, wie im Film: Nur die Straße, Abenteuer; keine Karten, keine Ziele. Ein Klischee auf vier Rädern. Und schon fuhren wir los. Wir lachten, sangen und schnipsten aufgerauchte Zigaretten aus offenen Autofenstern. Wenn Du das hier liest, und ich weiß, das tust du, lass uns das 'mal machen, irgendwann, irgendwann, irgendwann, wenn die Sonne wieder scheint.

Andrea Berg singt zum tausendsten Mal, dass sie tausendmal belogen wurde, als ich aufwache. Ich wünsche mir zum tausendsten Mal, dass sie sich gegen die Kunst entschieden hätte. Aber na gut, das hat sie ja, falsche Formulierung: Ich wünschte, sie wäre Kassiererin, Bankkauffrau oder Radiologin geworden, oder, dass sie in einem anderen Land geboren wäre, dessen Landessprache keinen Zugang zum hiesigen Musikmarkt hätte (also auch nicht Spanisch, Italienisch oder Portugiesisch, denn das würde die fetten, alten Weiber zu sehr an den Urlaub erinnern) - ein Geburtsfehler wäre auch nett: Am 28. Januar wurde im Klinikum Krefeld die kleine Andrea geboren, jedoch unter einem dunklen Stern. Die Ärzte sind ratlos; das kleine Mädchen wurde ohne Stimmbänder geboren. So wird sie niemals den Traum ihrer Familie verwirklichen können, eine Schlagersängerin in nuttigen Kostümen zu werden, die das Lebensgefühl pseudo-romantischer Bierzelttrottel völlig neu definieren wird.

Ich drehe mich zur Seite und hämmere willkürlich auf die Tasten der Fernbedienung. In meinem Niederegger-Weihnachtskalender ist meine Lieblingskombination Rot/Grün: normales Marzipan und Pistazie. Es gelingt der 300. Auflage einer Batman-Zeichentrickserie, mich zu fesseln. Erst, als der außerirdische Feind besiegt ist, schalte ich weiter: Eine Dokumentation über Baby-Elefanten. Alle zwanzig Minuten sterbe eine Tierart aus, sagt Ranga Yogeshwar. Wir sind ein Parasit, der alles befällt und aussaugt. Agent Smith hatte recht.

A.