Mittwoch, 5. Dezember 2012

Der Geist der vergangenen Weihnacht

Der Rauch verlässt meine Lungenflügel wieder und steigt in den kalten Nachthimmel auf, als hätte er seine Aufgabe erfüllt, und einen weiteren Teil von mir mitgerissen. Ich muss wirklich aufhören. Bei jedem Mal tausche ich ein Stück Sein gegen ein Stück Nicht-Sein. Da stellen sich keine Fragen mehr. Schnee fällt auf meine ausgestreckte Hand - und wird sofort zu Wasser.

Gestern traf sich der Zirkel der zukünftigen Super-Literaten. Ich bin einer von ihnen - aber das überrascht Euch nicht. Die drei Ausrufezeichen. Statt zu schreiben, oder uns das Geschriebene gegenseitig vorzulesen, machten wir zwei Stunden lang Witze über Sodomie. Ehrgeiz. Fleiß, Professionalität sind die Zutaten guter Arbeit. Ich habe Tränen gelacht. Selbst der metaphorische Fall in den Kaninchenbau sorgte für schmutzige Kalauer über Propeller-Hasen-Analsex. Da hätte jeder ambitionierte Tierschützer seine helle Freude gehabt! Rideo ergo sum.

Als ich neulich Nacht irgendeinen der beschissenen Nachrichtensender eingeschaltet hatte, sagte die zehn Jahre älter geschminkte Tussi im Blazer, die wahrscheinlich in irgendeiner dämlichen Disco im Ruhrgebiet gecastet wurde, statt Journalistik studiert zu haben, dass die SMS, jaha, die Kurzmitteilung, gerade zwanzig Jahre alt geworden sei. Happy Birthday ans Sterbebett, denn sein wir ehrlich: sie ist auf dem Rückzug. Und so, wie ich Mitleid mit einer verwelkten Blume, einer ausgedienten Zahnbürste oder meinem alten Nassrasierer habe, hat mich auch das ein wenig traurig gemacht - und ich habe die schweren Ketten der Vergangenheit hinter den Wänden rasseln hören. 

Die SMS hat nicht nur eine ganze Generation von Jugendlichen dazu gebracht, ihre Sprache zu vergewaltigen, nein, sie hat auch Gutes bewirkt. Ich habe es bisher nicht zugegeben, aber der SMS verdanke ich meine erste, richtige Freundin. Woran ich festmache, dass es meine erste, richtige Freundin war?

Es war Winter. Eine dichte Schneedecke überzog die weiten Felder Mecklenburgs und ließ die Menschen vergessen, dass es überhaupt je einen Sommer gegeben hatte. Schwibbögen säumten die Fenster der Häuser, und immer wieder konnte man Väter erblicken, die ihre Söhne und Töchter auf Schlitten mit rostigen Kufen durch die Landschaft zogen. Über allem reflektierte ein trüber Himmel den Glanz eines welkenden Weihnachtsfestes: Es war die verblassende, tote Zeit zwischen den Feiertagen.

Einer meiner besten Freunde hatte von seinen Eltern ein Handy bekommen, und mir damit einen tiefen Stich versetzt, brauchte ich doch jetzt auch unbedingt ein Handy. Ich würde keine Woche mehr ohne eines auskommen, verdammt! Meine Eltern sahen mehr Vor- als Nachteile, und weil mein Vater durch seinen Job sowieso noch eines herumliegen hatte, gaben zügig nach, und ich bekam mein eigenes Mobiltelefon (mit Antenne und einfarbigem Display). Das waren noch andere Zeiten: Damals bekamen die Kinder ihre Handys noch nicht zum zweiten Geburtstag geschenkt. Ich besuchte die sechste Klasse und verdammt: Ich war in meiner Klasse der Erste, der ein Handy bekam. Wen sollte ich also anrufen? Wem eine Nachricht schicken? Ich hielt diesen futuristischen Klumpen Technik in meiner Hand, änderte jeden Tag meinen Klingelton (es gab weder eine Kamera, noch polyphone Klingeltöne - noch hatte das Ding einen Internetanschluss. Internet war teuer, und die Vorstellung, eines Tages MP3s auf so etwas Kleinem abspeichern zu können, hätte meinen Verstand gesprengt) und dachte mir witzige Ansagen für meine Mailbox aus - die natürlich nicht witzig waren. Ich löschte nicht einmal die Servicenummer des ADAC aus meinem Adressbuch, schließlich wäre es dann darin noch einsamer geworden!

Da kam meinem Freund, der gerade in eine andere Stadt gezogen war, eine bahnbrechende Idee: Warum erweiterten wir nicht unsere Kontaktdaten um die, des Anderen? Also hatten wir auf einen Schlag viele neue Nummern von Teenagern, die auch Handys besaßen. Mit Hilfe von Klassenfotos, die damals noch nicht digital waren, stellten wir uns gegenseitig unsere neuen Freunde vor. Ich bekam die Nummer eines Mädchens mit dunklem, schulterlangen Haar und braunen Augen. Sie erinnerte mich unglaublich an Miriam Pielhau, die damals noch jung und sexy war - und GIGA moderierte. Inzwischen gibt es GIGA nicht mehr - und es scheint auch Miriam Pielhau nicht mehr zu geben. Wie dem auch sei, jedenfalls schickte ich ihr eine SMS, wartete, klingelte sie einmal an, wartete, klingelte sie einmal an. Dann antwortete sie, nicht einmal ein wenig verwundert über die Umstände unseres schicksalsträchtigen Kennenlernens. Ich überlegte umständlich, was ich antworten würde, während meine Gedanken immer wieder davon unterbrochen wurden, dass sie mich anklingelte. Ich schätze, dieses Verb kennt heute kaum noch jemand.

Noch immer liegt Schnee. Ich bin in der Stadt meines Freundes und sitze, die Hände in die Taschen meiner Jacke vergraben, auf einer Schaukel und starre ins Leere. War es wirklich eine gute Idee, mich mit ihr zu treffen? Was ist, wenn sie mich scheiße findet?

Der Schnee knackt unter unseren Schuhsohlen, als ich sie zur Tür ihres Elternhauses begleite. Ich kann überhaupt nicht einschätzen, ob die letzten Stunden gut oder schlecht liefen. Meine Hände sind schweißnass. Ich frage sie, ob wir uns noch einmal treffen wollen. Sie sagt: "Ich denke schon. Warum nicht?", was ich mit einem "Ich schreib Dir nachher" kontere. Und dann, ich weiß nicht, was mich dazu bringt, schließe ich meine Augen und bewege meinen Kopf langsam auf sie zu, Millimeter für Millimeter - so, wie ich es aus den Filmen kannte. Stunden, Jahre vergehen, während ich meine Augen nicht öffne. Irgendwann gebe ich auf, denn ich stoße nicht auf den erhofften Widerstand. Sie schüttelt den Kopf, lacht und sagt: "Nein". Jetzt war ich mir sicher: Ich bin unheilvoll verliebt. Warum bloß wollte sie mich nicht küssen? Ich meine, wir kannten uns doch bestimmt schon zwei Stunden, so von Angesicht zu Angesicht.

Ich spule ein Stück vor: Der Schnee ist geschmolzen - der Schnee schmilzt immer! Die Sonne des Frühlings lässt die Menschen beinahe vergessen, dass es je einen Winter gab - und sie blendet mich. Ich stehe zwischen Sportplätzen und komme mir ungeheuer scharf vor, in den Klamotten, die ich mir vom Jugendweihegeld (Jugendweihe = Konfirmation ohne Kirchenscheiß, ihr Wessis) gekauft habe. Das Mädchen, das mich nicht küssen wollte, sitzt vor mir und lächelt mir zu. Sie erzählt mir, wie sehr sie das neue Lied von Crazytown doch vergöttere. Mir waren Musiker, die in ihren Videos mit eingeöltem, nackten Oberkörper zusehen sind, schon immer suspekt. Ich hatte mir gerade meine erste Westerngitarre gekauft, doch noch war ich mir nicht der Magie bewusst: Sie habe ich noch ohne traurige Songs auf meine Seite gezogen - bei Allen, die folgten, habe ich viel dem Charme des dramatischen Musikers zu verdanken. Scheiße, ich glaube, tatsächlich bei fast allen.

Ich komme mir so erwachsen vor, wie ich Hand in Hand mit ihr zu mir nach Hause schlendere. Ich genieße die Blicke auf unser junges Glück. Ich bin mir sicher, dass alle gucken.

Nervös stehe ich am Fenster und sehe auf den Parkplatz. Irgendetwas hält mich davon ab, mich zu bewegen. Sie liegt auf meinem Bett und sieht mich an. Ich komme mir vor, als würde ich hier gar nicht wohnen. Aus meiner Stereoanlage säuselt die hässliche Garbage-Sängerin "The trick is to keep breathing" (auf Jahre mein heimlicher Lieblingssong). Ich hatte das Lied bewusst aufgelegt, fand ich doch nicht nur, dass es irgendwie repräsentativ war, sondern auch, dass es so etwas wie intime Stimmung vermittelte. Durch einen Blick und ein leichtes Anheben des Kopfes signalisiert sie mir, dass ich endlich zu ihr kommen soll. Als sich unsere Zungen berühren, öffne ich erschrocken die Augen. Ihre Augen sind geschlossen. Ich war verdammt froh, dass mein Mund beschäftigt war, sonst hätte ich sicherlich etwas Dämliches gesagt. Bei genauem Hinsehen lässt sich hinter den geschlossenen Lidern ein leichtes Zucken ihrer Augen erkennen. Bedeutete das etwas Gutes? Ich hoffte es. "Und?", fragt sie, als wir uns voneinander lösen. "Ja", antworte ich. Was soll man auch Kluges entgegnen? Zumindest implizierte es doch generelle Zustimmung mit der ganzen Sache. Ich küsste sie erneut.

Wie es ihr wohl geht? Danach haben sich unsere Lebensläufe ebenso voneinander gelöst wie einst unsere Zungen. "Münder" wäre an dieser Stelle stilvoller gewesen, oder? Egal. Vor ein paar Jahren habe ich sie auf der Toilette eines Burger King getroffen. In Anbetracht dieser vorzüglichen Kulisse waren wir relativ kurz angebunden. Ob sie sich an all dies erinnert? Sie war mein erster Kuss.

Wie kam ich denn hier jetzt hin? Ach ja, die SMS! SMS, ich danke dir! Das Internet tötet alles und jeden, mach' Dir nichts daraus! Ruhe in Frieden, alte Freundin. Ab und an verschicken wir noch eine. Versprochen! Als wir DVD-Player kauften, haben wir unsere Videorecorder auch nicht gleich weggeworfen - aber es ist ein Tod auf Raten, das weißt Du: Das Ende hat begonnen. Andererseits hat das Ende immer irgendwie begonnen.

Der Trick ist, weiter zu atmen.

A.              

Kommentare:

  1. (Bin ich schon wieder die erste die kommentiert? Ich brauche mehr Hobbys.)
    Großartig. Gerade wenn man tagtäglich von neunzehnjährigen umschwirrt wird, die einen mitleidig ansehen, weil man "Meine Freundin Conni" nicht kennt -das ist quasi gleichzusetzen mit der Trostlosigkeit einer Kindheit im Gulag, in ihren Augen, Zitat: "Aber Farbfernsehen hattet ihr, oder?")- wärmt es Herz und Füße, an all die Call-Ya Karten zu denken, die man dem Handy in den Rachen werfen musste um überhaupt erstmal wieder aus den Miesen wieder auf null zu kommen, nachdem man gar nächtelang SMS hin und her geschickt hat... Während, im CD-Player Garbage rauf und runter dudelt, und parallel dazu "Butterfly" auf Viva II...

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  2. Die SMS ist auf dem Rückzug? Ist das so? Also bei mir kann ich das zumindest nicht feststellen, ich liebe diese kleinen, feinen Nachrichten. Schreiben und bekommen. Aber ich höre und kaufe ja auch immer noch CDs, über die ich auch hörte, dass man das heutzutage eigentlich nicht mehr macht. Ist auch egal, ich bleibe dabei, so lange es möglich ist. Irgendwann wird es retro genannt ist ist wieder salonfähig, davon bin ich überzeugt!
    Übrigens erinnere ich mich auch noch an mein erstes Handy; es war ein blaues (ich HASSE blau) Alcatel one-touch-easy. Und ich hatte eine E-Plus prepaid Card und fühlte mich total modern...
    Den ersten Kuss habe ich aber dann doch ohne Handy-Hilfe hinbekommen - zu dem Zeitpunkt war ich noch weit entfernt vom ersten Mobiltelefon. Nicht weil ich so besonders früh geküsst hätte sondern weil ich schon "alt" war als ich das Alcatel gekauft habe.

    Und last but not least - Posts wie dieser sind der Grund, warum ich Fan bin. Und bleibe.

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    1. Naja, manche Sachen kommen nicht wieder. Das Fax ist da noch näher am Ende, glaube ich.

      Danke.

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