Mittwoch, 26. Dezember 2012

Der Geist der zukünftigen Weihnacht

Ihre Augen sind geschlossen, ihre Finger winzig. Während draußen der Regen dabei ist, die letzten Spuren des Winters zu verwischen, sehen alle bedächtig auf das kleine Kind, welches, nicht einmal fünf Wochen alt, mit einem Lächeln auf dem Gesicht eingeschlafen ist.
     "Na Alex, wär' das nicht auch 'was?", fragt mich der junge Vater routiniert.
     "Nein, noch nicht, wirklich nicht, nein", antworte ich. Ich bin doch selbst noch fast ein Kind, denke ich, du aber eigentlich auch.
     Hätte ich ihm vor ein paar Jahren erzählt, dass wirklich nur noch wenig Zeit vergehen würde, bis wir vor dem Weihnachtsbaum hocken, und seine frisch geborene Tochter anglotzen, als sei sie vom Himmel gefallen, um alle Menschen von jeglichem Leid dieser Welt zu heilen, hätte er wahrscheinlich seine Zigarette ausgedrückt, und mir gesagt, dass dies absoluter Quatsch sei und dass er nun wirklich andere Probleme hätte. Immer wieder öffnet sich der kleine Mund, um ein kehliges Geräusch in den unbekannten Raum zu schicken, das seine Eltern beruhigt und stets daran erinnert, dass sich, für sie, alles, das ganze Leben, verändert hat - innerhalb weniger Monate, als wäre die ganze Welt aus einem tiefen, trüben See aufgetaucht, und alle Sorgen, jedes Problem und jeder schlechte Gedanke nur noch eine trübe Erinnerung, ähnlich dem Gefühl nach dem Aufwachen, wenn man die Konturen des Traumes schon vergessen hat, doch das Gefühl dieser fremden Welt noch immer in den Knochen spürt.



Jeder zweite Satz scheint sich von nun an um das Baby zu drehen: "Jetzt, wo die Lütte da ist, ..." - immer und immer wieder. Mir beginnt es, auf den Sack zu gehen. Alle Frauen im Raum werden magnetisch von der Kleinen angezogen; in ihren Augen sieht man den innigen Wunsch; die Gier, das Baby in den eigenen Armen zu wiegen, und sei es doch nur für einen Moment. Das kann ich nicht verstehen. Alles an ihr wirkt so zerbrechlich und weich, so fein und grazil. So etwas Wertvolles möchte ich nun wirklich nicht in meinen unsicheren Armen halten. Wie sollten meine kalten, schwitzigen Hände auch schon so einer Verantwortung gerecht werden, wo ich doch kaum eine Kaffeetasse zum Mund führen kann, ohne wie ein verfluchter Alkoholiker zu zittern. Und doch darf niemand, außer der Mutter, das Baby in den Armen halten. Beleidigt und voller Unverständnis, ziehen die Frauen zurück, während sich in ihren Köpfen die Gedanken für eine Sekunde lang verfinstern.

Ich stelle mein Bier ab, als plötzlich das Wort "Gebärneid" in meine Gedanken schießt. Es gibt philosophische bzw. psychoanalytische Theorien, die, sinngemäß, die Annahme vertreten, dass jeglicher Tatendrang des Mannes, jedes Genie, jede Kreativität allein eine Ursache hat: Wir, Jungs, wir können kein Leben erschaffen, zumindest nicht so richtig. Kein biologisches Wunder der Schöpfung und so. Der Theorie zufolge macht das jeden von uns, der einen soliden Penis zwischen den Beinen baumeln hat, verfickt neidisch. Ob das stimmt? Alle großen Errungenschaften, jede Erfindung, alle Kunst, die von Männern hervorgebracht wurde (und Ladys, wir wissen, dass das der Löwenanteil ist), würde somit aus einem natürlichen Gefühl der Unzulänglichkeit, aus bitterem Neid und Eifersucht, resultieren. Ich weiß nicht: Vaginaneid? Soweit ich mich erinnere, stammt der Topos von einer Frau. Weiber, ne?

Als alle sich verabschieden, frage ich mich, ob die junge Mutter überhaupt ein Wort gesagt hat, und, ob die Beiden überhaupt noch zusammen wären, ohne die Schwangerschaft? Ich neige zum Zweifel. Ist das der richtige Weg? Sind das gute Aussichten für das junge Mädchen, die Frucht einer Beziehung, an die nur wenige glauben? Und ich bin auch nicht einmal sicher, ob es die jungen Eltern wirklich beide getan haben. Also daran geglaubt, meine ich. Getan haben sie es ganz sicher. Ich bin witzig. Aber im Ernst: Ich frag' mich, was die Zukunft für die Kleine auf Lager hat. Sind die Eltern reif genug, ihre eigene Scheiße hintenanzustellen? Ich wünsche diesem winzigen Klumpen Fleisch, dass es so ist.
Gott, bin ich satt. An unseren Händen klebt das Blut unzähliger Enten und Gänse, aufgezogen, genährt, gestreichelt, um am Ende zur richtigen Zeit zu sterben. Da haben wir etwas gemeinsam, was?

So, Weihnachten ist tot. Lang lebe Silvester!

Ich hoffe, es geht Euch gut.

A.    

1 Kommentar:

  1. Na ja, vergleichbar zum Vaginaneid (von dem ich übrigens noch nie was gehört hab Oo faszinierend, wieder was gelernt) gibt's ja auch den Penisneid. Dem ich manchmal sogar zustimmen kann. Mitten auf der Autobahn, drei Stunden Stau und ne Blase, mit dessen Inhalt man nen mittelgroßen Waldbrand löschen könnte? Da wäre im Stehen pinkeln können doch schon mal ganz schön.

    Bist wirklich witzig. Musste lachen. Schreibst das alles sehr schön. Grüße

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