Sonntag, 2. Dezember 2012

Sonntag, blutiger Sonntag

Schwerfällig und unbeholfen dreht sich der Haustürschlüssel im Schloß. Deutlich hörbar bemüht sich mein Mitbewohner darum, sich im Flur leise zu verhalten. Ein Paar Adidas-Sneaker poltert in den Schuhschrank, selbst, wenn ihr Fall ein wenig gedämpft wird. Mir kommt es vor, als könnte ich hören, wie schwer es ihm fällt, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich beende das Hörspiel und offenbare, dass ich noch nicht schlafe, indem ich laut seinen Namen rufe. Nach fast einer ganzen Minute öffnet sich die Tür zu meinem Zimmer, nicht ohne ein vorheriges, ohnehin ziemlich überflüssiges Klopfen mit einem metallernen Gegenstand.
"Ich hab' Blut auffer Hose - aber nicht meines!", lallt er, mit dem seligen Lächeln eines Betrunkenen. Seine Haut ist blass, der Bereich unter seinen Augen fast dunkelgrau.
"Sondern?", entgegne ich erheitert.
"Naja, keine Ahnung. Ich bin hingefallen, ne? Und als ich wieder aufgestanden bin, war da sauviel Blut auf meiner Hose. Das war noch viel mehr. Alles war voller Blut. Habs ein bisschen gereinigt im Mecces. Das war viel schlimmer, aber von mir ist das nicht, Mann! Und Toni Kroos ist ein krass guter Fußballer, der Toni." Er greift immer wieder Hilfe suchend nach dem Türdrücker, während er auf der Schwelle umherschwankt.
"Warum bist du denn hingefallen?"
"Weil ich so besoffen war?", sagt er als wäre das eine Selbstverständlichkeit und ich ein dämlicher Hinterwäldler.
Wir verabschieden uns, und er verschwindet in seinem Zimmer. Ich weiß nicht, zum wievielten Mal ich die South-Park-Folge sehe, die gerade läuft. Leichter Schlaf ist ein Segen. Ich bin zu träge, um zu lesen, doch auch zu wach, um einfach das Licht auszuschalten. Es klopft.


"Guck mal, was ich gerade gefunden habe:", sagt mein Mitbewohner und hebt seinen Arm an, um mir eine Wunde am Ellenbogen zu präsentieren.
"Also hast du das große Rätsel gelüftet?"
"Scheint so, wa? Naja, ich wollt nur Bescheid geben."
"Ist richtig, vielen Dank! Ich habe mir schon Sorgen gemacht", antworte ich, ohne mir die Mühe zu machen, eine Prise Sarkasmus in meine Stimme zu legen. Inzwischen wird sowieso alles als Sarkasmus ausgelegt, was ich sage. Fluch und Segen. Niemand glaubt einem mehr.

Als ich wach werde, meine ich Schnee vor dem Fenster meines Zimmers zu sehen, aber bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass lediglich meine Augen flackern. Ich fühle mich, als hätte ich erst zehn Minuten geschlafen. Ein Bekannter hat das Foto seines zwanzig Minuten zuvor geborenen Kindes bereits bei Facebook hochgeladen. Wahrscheinlich haben sie dem Baby einfach den ganzen ekligen Schleim abgewischt, und haben dann direkt ihr Smartphone darüber gehalten: Einmal Lächeln für die Spacken im Internet. Zu meiner Überraschung geht der Vorname des Kindes in Ordnung. Ist ja heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Meine Mutter, Kindergärtnerin in Mecklenburg, versorgt mich da ab und an mit herausragenden Beispielen. Meine bisherigen Favoriten sind: Angel-Joy und Rohan-Aragorn. Die armen Kinder können nichts dafür, dass sie als Kinder von Idioten wohl auch dazu verdammt sind, welche zu werden. Das ist die Lotterie der Geburt: Einige haben Glück und rutschen aus der Vagina einer liebevollen, norwegischen Immobilienmaklerin, während Andere Pech haben, und in den dreckigen Sand eines somalischen Fischerdorfs plumpsen. Aber das ist Gerechtigkeit, die man nur in der Obhut des Zufalls findet. Viel wichtiger ist ja auch, dass man ganz doll liebevolle Eltern hat, die sich um einen kümmern, bla, bla, bla.

Wahrscheinlich wird mein hypothetischer Sohn später einmal in der Schule gehänselt, weil sein Vorname nicht behindert ist. Doch dann haben sich die Verhältnisse verschoben; "fair is foul and foul is fair", unten ist oben, hübsch ist hässlich. Dann machen Urteile aus der Gegenwart keinen Sinn mehr, ney. Ich schicke ihm, meinem Bekannten, meine herzlichsten Glückwünsche, in einer Facebooknachricht. Das ist fast intim - in Zeiten, in denen die Meisten, durchgehend klein geschriebene Kommentare, frei von Satzzeichen und Geschmack, unter sein Babyfoto klatschen: "schööön eure kleine prinzessin liebe grüsse" oder "Alles alles gute stolzer papa". Mir kommt ein bisschen Kotze hoch. Das kommt wohl davon, wenn man nur in Jugendclubs und Karnevalsvereinen rumhängt. Sag mir, mit wem du trinkst, und ich sag dir, wer du bist.

Während er sein Kind die ersten Male in den Armen hält, sind seine Eltern auf der Beerdigung eines Verwandten. Das ist wohl die Romantik des Schicksals.

Ich bleibe im Kinderkanal hängen: "Die Sendung mit der Maus", "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Allein die Titelmelodie des tschechischen Märchens läutet die Weihnachtszeit in meinem Kopf ein. Ich weiß noch, wie meine Mutter gestrahlt hat, als ich ihr eine CD mit dem Soundtrack schenkte. Sie dachte, das sei unmöglich. Aber: Die Musikindustrie, das Internet und ich wissen, dass verfickt noch'mal nichts unmöglich ist.

Erkenntnisse der Woche:
  • Ich habe die Reeperbahn überlebt. Jetzt kann ich alles überleben. Ich bin unsterblich. TIGERBLOOD!
  • Die 1'000'000 Toupets des Nicholas Cage sind gut peinlich.
  • Es fällt mir schwer, tolerant gegenüber gläubigen Menschen zu sein. Das stört mich an mir.
  • Ich bin fantastisch darin, anderen Leuten auf den Schlips zu treten.
  • Auch ein sechsstündiges Pädagogik-Seminar lässt sich überstehen - ohne, dass man mitarbeitet.
  • Der Satz: "Zeit ist nur eine pseudo-physilakische und politische Konstruktion." hat mich ganz schön aus dem Gleichgewicht gebracht. Für wenige Sekunden starre ich meinen Dozenten ungläubig an, doch bemerke sogleich, was er meint - und, dass er recht hat. Trotzdem lässt es den Boden schwanken. Ich erspare Euch meine Theorien zum nackten Wesen der Monogamie.
  • Habe ich erwähnt, dass Sushi eklig ist?
  • Couscous ist der neue Reis - und irgendwie auch: die neue Kartoffel.
  • Einige meiner alten Freunde nehmen Drogen, deren Namen ich nicht einmal kenne.
  • Kein Kunstweihnachtsbaum!
  • In meinen Geschmacksknospen ist nur Platz für die Plätzchen zweier Bäcker.
  • Ich habe keine Angst vor dem Tod; ich habe Angst vor dem Nicht-Sein.
  • Pyjamas sind cool!
  • Früher oder später beginnen die Meisten, die mich vorher interessant, charmant und witzig fanden, mich scheiße zu finden.
  • Ich hasse, hasse, hasse, hasse, hasse es, wie oft Menschen ihre Sätze mit "von daher" ins Leere laufen lassen.
  • Entschließt man sich dazu, in alle Richtungen zu schießen, trifft man auch die, die neben einem stehen.
Ich wünsche Euch allen einen besinnlichen, gesegneten und zauberhaften ersten Advent,
 
A.

Kommentare:

  1. Bin angetan. Geradezu mildbesinnlich, für IADS-Standards.

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  2. Es lebe Couscous! Aber Kartoffeln sollen noch höher leben.

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  3. Angel-Joy. Das wäre ein Grund für mich, meine Eltern zu verklagen, den Namen zu wechseln oder mich einfach anders zu nennen. Ich finde es ja schön, wenn Menschen ihren Kindern Individualität mit auf den Weg geben wollen, aber vielleicht doch lieber in einer anderen Art und Weise.

    Muss ich jetzt tatsächlich mal Couscous probieren???

    Deine Theorien zum nackten Wesen der Monogamie hätten mich interessiert.

    Ich hoffe Dein Mitbewohner ist nicht verblutet.

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  4. @owy: Vielen Dank! Nicht alles verdient Flüche

    @Alice: Den Kartoffeln gehört auch mein Herz. Couscous ist mehr so etwas wie ein Zeitvertreib.

    @Madame: Damn right, du solltest Couscous probieren. Angel-Joy hätte mein Verhältnis zu familiären Werten auch völlig demoliert. Mitbewohner lebt! Hab' ihn heute gesehen.

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  5. Schönes Shakespeare--Zitat. Couscous ist aber natürlich nicht die neue Kartoffel. Von daher trotzdem in Ordnung.

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  6. ...mir schwant, Couscous läuft Gefahr der neue Rucola zu werden, oder was auch immer sonst so in den letzten Jahren zum Trendgemüse deklariert wurde. Und überhaupt @Alex was kürzt du hier einfach meinen Namen ab, war das ein Wink mit dem Zaunpfahl, ich habe mich bald zu Tode erschreckt! Was - im Angesicht des sicheren selbigen natürlich annähernd gerechtfertigt wäre.

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    1. Überinterpretiert. Das war so ein kumpeliges Schulterklopfen. Lieber "Anna"? Rucola war ein Trendgemüse? Ich ess' Gemüse eigentlich immer nur als Belag.

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