Samstag, 1. Dezember 2012

Zōon politikon

Pünktlich zum ersten Tag des zwölften Monats im Jahre des Herrn zweitausendundzwölf fällt Schnee vom Himmel auf ein Land, das zwar im Herzen Europas liegt, welches jedoch Europa nicht im Herzen zu tragen scheint (glaubt man den Meinungen auf der Straße, die das Frühstücksfernsehen sendet), und veranlasst den zusammengewürfelten Haufen von Freunden, Bekannten, Fremden und Erinnerungen in meiner Facebook-Freundesliste dazu, mit Fotos und witzigen Kommentaren darauf hinzuweisen, dass bei ihnen, wo auch immer sie alle inzwischen leben, Schnee liegt. Ich glaube, ich lösche heute meine Fotoalben.

Unterhaltsam geträumt. Ich erinnere mich fast immer an meine Träume. Aus welchem Grund auch immer, ich befand mich an einem Strand, der so weit ich weiß, nur in meiner Fantasie existiert. Ich kenne mich dort jedoch inzwischen aus. Ein silberner Opel Astra hielt und gab mir mit einer impulshaften Lichthupe zu verstehen, dass ich mich nähern sollte. Am Steuer saß ein russischer DJ, mit dem ich befreundet bin. Ich schlug ihm einen Roadtrip vor, klassisch, auf die alte Weise, wie im Film: Nur die Straße, Abenteuer; keine Karten, keine Ziele. Ein Klischee auf vier Rädern. Und schon fuhren wir los. Wir lachten, sangen und schnipsten aufgerauchte Zigaretten aus offenen Autofenstern. Wenn Du das hier liest, und ich weiß, das tust du, lass uns das 'mal machen, irgendwann, irgendwann, irgendwann, wenn die Sonne wieder scheint.

Andrea Berg singt zum tausendsten Mal, dass sie tausendmal belogen wurde, als ich aufwache. Ich wünsche mir zum tausendsten Mal, dass sie sich gegen die Kunst entschieden hätte. Aber na gut, das hat sie ja, falsche Formulierung: Ich wünschte, sie wäre Kassiererin, Bankkauffrau oder Radiologin geworden, oder, dass sie in einem anderen Land geboren wäre, dessen Landessprache keinen Zugang zum hiesigen Musikmarkt hätte (also auch nicht Spanisch, Italienisch oder Portugiesisch, denn das würde die fetten, alten Weiber zu sehr an den Urlaub erinnern) - ein Geburtsfehler wäre auch nett: Am 28. Januar wurde im Klinikum Krefeld die kleine Andrea geboren, jedoch unter einem dunklen Stern. Die Ärzte sind ratlos; das kleine Mädchen wurde ohne Stimmbänder geboren. So wird sie niemals den Traum ihrer Familie verwirklichen können, eine Schlagersängerin in nuttigen Kostümen zu werden, die das Lebensgefühl pseudo-romantischer Bierzelttrottel völlig neu definieren wird.

Ich drehe mich zur Seite und hämmere willkürlich auf die Tasten der Fernbedienung. In meinem Niederegger-Weihnachtskalender ist meine Lieblingskombination Rot/Grün: normales Marzipan und Pistazie. Es gelingt der 300. Auflage einer Batman-Zeichentrickserie, mich zu fesseln. Erst, als der außerirdische Feind besiegt ist, schalte ich weiter: Eine Dokumentation über Baby-Elefanten. Alle zwanzig Minuten sterbe eine Tierart aus, sagt Ranga Yogeshwar. Wir sind ein Parasit, der alles befällt und aussaugt. Agent Smith hatte recht.

A.

Kommentare:

  1. zieht den leser mit, auch wenn es eher an einen tagebucheintrag erinnert, wie ich finde.
    dein umgang mit der sprache ist bewundernswert.

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    1. Merci beaucoup, Monsieur! Ich weiß das zu schätzen.

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