Sonntag, 29. Dezember 2013

Schlangen und Ratten und Fische

Mecklenburg, Dezember 2013

"Alex? Alex? Alex, bist du wach?"
Langsam dringen die einzelnen Töne zu mir vor und setzen sich mit Verzögerung zu einer Stimme zusammen.
"Alex, ich glaube, du musst einen Fisch töten", sagt die Stimme.
"Was muss ich?", frage ich schwerfällig.
"Na guck doch mal, der Orangefarbene dort, der zuckt und ist krank. Die Anderen haben schon seine Schwanzflosse angefressen. Der schwimmt nicht mehr richtig."
"Aber er lebt noch, also töte ich ihn nicht. Das ist Aquariendarwinismus", sage ich und öffne dabei langsam die Augen.
"Aber er quält sich doch. Ist es dir lieber, dass er sich quält?"
"Was meinst du, wie angenehm es ist, im Toilettenwasser zu ersticken? Das könnte ich ethisch nicht verantworten", sage ich, aber eigentlich bin ich einfach zu faul. Zu faul, den Fisch aus dem Becken zu holen. Zu faul, ihn zu töten - womit auch immer. Zu faul, mich zu bewegen. Zu faul, irgendetwas zu tun, zu denken, zu sehen. Vielleicht kommt das von den Pillen.
Eigentlich gehört das Aquarium mir, aber seit ich ausgezogen bin, kümmere ich mich nicht wirklich darum, weswegen mein Vater nicht müde wird zu betonen, dass es nun ihm gehört, schließlich sei es mir ja offensichtlich egal geworden. Nach meinem Abitur stellten mich meine Eltern vor die Wahl: Entweder, ich würde einen Laptop für mein Studium bekommen, oder aber ein Aquarium. Die Zukunft schüchterte mich immer eher ein. Den Laptop kaufte ich mir dann eben später selbst und plünderte dafür meine gesamte Abfindung vom Zivildienst. Es war ein schrecklich heißer Tag, als die Postfrau eine Schubkarre mit all den Kartons meiner Computerbestellung die Auffahrt hochschob. Ihr Gesicht tropfte vor Schweiß und wir boten ihr ein Glas Wasser an, bevor ich dann alles in bar bezahlte. Tausend Euro. Unglaublich, dass ich mal so viel Geld leichtfertig ausgeben konnte. Ich habe das Aquarium trotzdem nicht bereut. Die erste Zeit saß ich jeden Abend vor der Scheibe und sah den Fischen dabei zu, wie sie das stinkende Krümelfutter fraßen, sich gegenseitig durch das Becken jagten (manchmal auch nur ihr eigenes Spiegelbild), oder, wie sie einfach friedlich von einer Glaswand zur anderen schwammen, ohne wirklich zu merken oder zu verstehen, dass einfach alles Grenzen hat.
Im Flur begegne ich meinem Vater, der stehenbleibt und mich anstarrt.
"Na, haben wir auch mal ausgeschlafen? Du siehst beschissen aus. Ich mach' dir jetzt einen Friseurtermin. Ich bezahl' das auch."
"Jo, mach'", antworte ich und schiebe mich an ihm vorbei.

Samstag, 28. Dezember 2013

Sandgeflüster

Mecklenburg, Dezember 2013

"There must be lots of stories about this place, right?", fragt sie, so dass ich es kaum hören kann. "I mean from the time when both of you were younger."
"Yeah", antwortet Andreas, "but I think Alex has much more stories to tell 'bout this city. Long stories, you know?" Er nickt mit dem Kopf in meine Richtung.
"Love stories"?, fahre ich dazwischen, als hätte ich es nicht richtig verstanden. "Lasst uns nicht über die Vergangenheit reden heute. Es ist schließlich Weihnachten."
"Oh, really?", fragt sie Andreas. Beide wirken, als hätte sie mich nicht gehört.
"There was a time when he felt like he was the king of all of this", sagt Andreas und deutet dabei auf den Strand und das Meer, die Bäume und die Dünen. Das sollen wohl die Grenzen meines Königreichs gewesen sein. "To be honest he thought he was the king of everything. And then there was this girl", fährt er fort.
Ich weiß nicht, wo ich hinsehen soll. Ich gehe einfach weiter über die Promenade und lasse Andreas meine kleine Legende erzählen.
"There's always a girl", sagt seine Freundin, während meine Begleitung - ich weiß nicht, ob sie zuhört oder nicht - über den weißen Strand blickt, der so gar nicht nach Winter aussehen will. Ruhig und behutsam schieben sich sanfte Wellen auf den Sand. Niemand redet so richtig laut, als wäre dies hier ein Museum oder ein Friedhof.
"Yeah, but this girl was different. She changed everything."
"You mean she took him back to the ground?", fragt sie.
"Yes, but she destroyed him and she broke his heart."
"Oh", entgegnet sie leise.
Ein bisschen pathetisch, aber es trifft den Kern, denke ich. Auf Englisch klingt all das wie ein verfluchter Song oder der Trailer eines miesen Films.
"So, und jetzt lasst uns über Euch sprechen und nicht mehr über die alten Geschichten", sage ich. Ich bin ein wenig verlegen, wenngleich es mir schmeichelt, dass ich meinen Mythos so lange allen auf die Nase gebunden habe, bis er tatsächlich zu einer Art Sage wurde. Ich habe Big Fish einfach zu ernst genommen.
 "Sie ist nett, oder? Aber warum gehen die so schnell?", fragt mich meine Begleitung, als wir wieder mal eher Andreas und seiner Freundin hinterherlaufen, als dass wir neben ihnen über die Strandpromenade oder die Seebrücke schlendern.
"Ich habe keine Ahnung! Das muss das verfickte Großstadttempo sein."
Ich mache ein Foto von den Beiden und sage spöttisch, dass sie es sich dann auf meinem Blog angucken können. Ich dachte auch, dass das ein Witz sei. Sie nuscheln sich weiterhin Dinge auf Englisch zu - wie schon auf der Fahrt.
"Ey, geht mal nicht so schnell. Wir sind hier nicht auf dem Kurfürstendamm", rufe ich nach vorn.
"Vorsicht", sagt Andreas und sieht mir in die Augen, während ich meine verdrehe.

Donnerstag, 26. Dezember 2013

Durchsage

Offenbar gab es ein Problem mit Blogspot. Ab jetzt sollte das Kommentieren von Posts wieder möglich sein, also denkt nicht, ich hätte irgendetwas gesperrt oder nicht freigegeben.

Noch einen schönen letzten Weihnachtsfeiertag!

A.

Das Mädchen vom Strand: Blitz und Donner

Mecklenburg, Juni 2005

Die Luft riecht nach Sommer und es ist schrecklich heiß, den ganzen Tag schon. Die Grenze zwischen dem kaputten, aufgerissenen Asphalt und der Stelle, wo der Boden aufhört und der Himmel beginnt, schimmert verschwommen wie bei einer Straße in der Wüste - glatt so, als würden sich die Bilder an der von Hitze verwaschenen Kante überschneiden. Immer wieder weht die Luft vom benachbarten Pferdestall herüber, als wir, bepackt mit Kabeln, Möbeln und irgendwelchen Bauteilen, über den alten Weg, bis hin zur Lagerhalle gehen. Mit jedem Mal werden die Schritte langsamer und kürzer. Wir labern uns gegenseitig voll und versuchen uns dadurch zu beeindrucken, immer schwerere und unhandlichere Dinge aus den dunklen Winkeln der Lagerräume zu ziehen, um sie anschließend, unter hektischen Atemzügen, in die große Halle zu bringen, an deren Außenfassade, hässliche weiße Farbe abblättert. Es gibt Orte, die sehen nicht einmal richtig schön aus, wenn sie von einer abendlichen Sommersonne beschienen werden; nicht einmal, wenn man einigermaßen betrunken ist - und nicht einmal in der Erinnerung. 

Den ganzen Tag schon mühen wir uns zu zehnt oder so hier in der Hitze ab. Schweiß klebt an uns allen und unsere Gesichter sind rot. Ich hieve gerade einen großen lila Sessel, den jemand vor Jahren oder Jahrzehnten ausrangiert haben musste, auf das Gestell der Bühne, ziehe eine Flasche Bier aus meinem Rucksack und lasse mich in den riesigen hässlichen Sessel sinken, während Wolken von Staub unter meinem Gewicht wie ein letzter Atemstoß aus seinen Poren drängen und in der Luft um mich herum schweben, bevor sie für immer verschwinden. Meine dünnen Arme zittern von der Kraftanstrengung, als ich mit der Ecke meines Feuerzeugs das Bier öffne. Mit einem Mal spüre ich den ganzen Tag in meinen Armen und Beinen. Seit den Morgenstunden haben wir unser Möglichstes versucht, aus der alten Lagerhalle so etwas wie eine Location zu machen. Was für ein beschissenes Wort. Das Gelände gehörte zur Firma der Familie eines Freundes, und ein eigenes Konzert zu organisieren, klang wie eine gute Idee, als wir vor Monaten auf irgendeiner Party zusammensaßen und uns über einen beschissenen Gig auf einer Dorfbühne geärgert hatten. Ja, wir machen selbst alles. "Rock in der Lagerhalle": Zumindest was den Namen betraf, schienen wir all den anderen Konzertveranstaltern in der Gegend keinen beschissenen Millimeter voraus zu sein. Die Flyer waren in Schulen verteilt und klebten an den Bushaltestellen der Überlandbusse, sogar unsere spärlichen Verbindungen zur Regionalpresse hatten sich ausgezahlt, eine Bierzapfanlage (mit ein paar hübschen Kellnerinnen) war aufgebaut und eine Lichtanlage installiert. Das Bühnengestell hatten wir uns von einer Musikschule geliehen, genau wie die Gesangsanlage und das Mischpult. Der Rest war improvisiert. Ein großer, mit Decken verhangener, Bauzaun trennte dazu einen Backstage-Bereich mit Couchen, Tischen und Alkohol ab, der bestimmt ein Viertel der ganzen Fläche einnahm - was wir aber vollkommen angebracht fanden.

Die anderen Jungs arbeiteten weiter, trugen Dinge, fegten den schmutzigen Boden und verkabelten irgendetwas, mir aber wurde langsam klar, dass ich die Lust am Helfen und Kräftemessen endgültig verloren hatte, und von nun an, alles dafür tun würde, hier oben auf der Bühne, in diesem nach Trockenheit stinkenden Sessel, sitzen zu bleiben, zu rauchen und das Geschehen gnädig zu beobachten.
"Die Pause geht aber schon lange, ne? Wat is, Alex, lässt der feine Herr Künstler lieber das Fußvolk schuften?", brüllt der Hausherr grinsend zu mir nach oben, zu mir, meiner Bühne und meinem lila Thron. Das Image der arroganten Schlange habe ich mir so lang aufgebaut, bis ich es nicht mehr loswerden konnte. Das störte mich aber nur manchmal.
"Fick dich! Ich habe ja nun wirklich schon mehr als genug getan", rufe ich zurück, und greife mir, um meine Gleichgültigkeit gegenüber der eigentlich ernst gemeinten Kritik noch zu verstärken, eine Gitarre, die ich unter allerlei Anstrengungen sogar in einen Verstärker gestöpselt bekomme, ohne aufstehen zu müssen. Ich habe so viel geraucht, dass ich kaum noch an der Zigarette ziehe, die schlaff in meinem Mundwinkel hängt, während ich eine kleine Melodie aus wenigen und immer wiederkehrenden hohen Tönen durch die staubige Halle schallen lasse. Feine Kopfschmerzen bohren sich mit jedem Zug in meine Schläfen und immer wieder steigt mir der Qualm in die Augen und lässt sie kurz tränen. Andreas setzt sich neben mich und fragt, von wem die Melodie sei, die ich da spiele. Sie komme ihm bekannt vor. Seine schwarzen Haare kleben an seiner Stirn und wellen sich vom Schweiß der Arbeit. Seine Augen sind müde.
"Keine Ahnung! Denke ich mir gerade aus", antworte ich wahrheitsgemäß, obwohl sie mir nun auch irgendwie bekannt vorkommt, jetzt, wo er es gesagt hat. Ich frage mich, wie oft sich schon irgendwo zwei Menschen dieselben Tonfolgen ausgedacht haben, ohne davon zu wissen, dass sie nicht allein sind, mit dem, was sie schaffen: Es ist keine Kopie, kein Plagiat - und trotzdem weit weniger wert als anderes, so vom Gefühl her. Ist eigentlich Quatsch. Ich kann nicht aufhören, die Melodie zu spielen und sehe immer wieder in das Gesicht des Bassisten, auf der Suche nach irgendeiner Regung, irgendeiner Anerkennung oder Reaktion; irgendetwas, das mir sagt: Lass' uns daraus etwas machen. Ich bin süchtig nach Bestätigung. Doch er ist einfach nur beleidigt, dass ich seinen MP3-Player ausgemacht hatte, um den Verstärker für die Gitarre zu nutzen. Wie ich es wagen konnte, einfach seine Playlist zum Schweigen zu bringen! Manchmal hasse ich ihn, aber das geht ihm genauso mit mir. Er liest meine Gedanken wie ich seine.

Dienstag, 17. Dezember 2013

Wissenschaftliches Arbeiten

Immer wieder lese ich die gleichen Sätze; stolpere immer wieder über den Begriff "Praeceptor Germaniae", Lehrer Deutschlands. Wahrscheinlich waren es immer Idioten, die sich selbst mit so einem Titel versehen haben - oder die damit versehen wurden. Für jeden König, der stirbt, krönen sie einen neuen. Ich lese nationalistische Pamphlete, politische Forderungen und antisemitische Hetze aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Für meine Abschlussarbeit. Wenn Nationalismus tatsächlich die reine Zuspitzung von Egoismus und Angst ist, wird man seine Keime niemals ausrotten können, denn sie gehören doch zur Seele der Menschheit wie Neid, Zorn, Verlustangst. Zur dunklen Seite sie dich führen werden. 
Das klingt jetzt beschissen schulmeisterlich, aber Scheiße, ich meine es ernst: Vielleicht ist all das Schlechte, all das Böse ein fester Bestandteil unserer Natur, und Fantasie und die Fähigkeit abstrakten Denkens führen uns unwiderruflich zu all den Gräueltaten, all dem Leid und all dem Schrecken, den wir hervorbringen. Wohlmöglich sind es sogar nur eine Handvoll Kardinalsünden, wenn man so will, die einfach jedem Menschen vertraut sind und von jedem empfunden wurden oder empfunden werden können. Egozentrik, die kombiniert mit Furcht dann Fremdenhass ergibt - in immer größeren Dimensionen, bis es gar in Völkermord ausufert. Was ein Sandkastenstreit im Kleinen ist, wird zu einem tobenden Blutrausch im Großen. Es verhält sich wie bei einem gigantischen Projektor, der Bilder und Staubkörner, und seien sie noch so klein, an eine Wand wirft und endlos vergrößert. So trägt jeder Mensch zu jeder Zeit alle Verbrechen und alle Sünden der Menschheit in sich. Ordnung und Gesetz könnten dann nichts weiter als Illusionen sein; gemeinsame Komponenten, geheuchelte Bekenntnisse zur Moral und zur Sitte, tatsächlich gemauert aus der Furcht vor dem Chaos und der Gefahr durch den Stärkeren, aus Feigheit. Demnach wäre es vielleicht doch nur eine Sünde, die übrig bleibt: die Angst. 

Wie ein vernachlässigter Hund, jage ich aufgeregt und dankbar jedem Gedanken hinterher, als böte nahezu alles den Hauch einer Ablenkung von mir selbst und dieser tristen Scheiße.    
Ich habe extra die Heizung im Wohnzimmer ausgelassen, damit es nicht zu bequem ist, Kopfhörer in meinen Ohren, damit ich mich konzentriere, aber ich bin einfach ein verlorener Junge: Wenn es mir keinen Spaß macht, muss ich mir jeden Satz mühevoll aus dem Fleisch schneiden. Sonst fließen die Worte nur so aus mir heraus, als müsste ich nur den Verschluss öffnen, doch dieses blutleere wissenschaftliche Arbeiten quält mich, und ich muss mir jeden prosaischen Schlenker und fast jeden kleinen Kniff verkneifen. Einen Kniff verkneifen, oh Mann. Ich wünschte, ich könnte einfach den ganzen Tag schreiben, was ich will. Je länger ich hier sitze, desto mehr fühlt es sich an, als würden sich meine spitzen Knochen in das Holz des Stuhls bohren - oder umgedreht. Ich verlagere das Gewicht von einer Arschbacke auf die andere.
Ich checke meine Mails, schreibe ein Wort oder eine Zahl, manchmal auch eine ganze Fußnote, checke meine Mails, checke Facebook, höre mir einen Song an, überlege mir coole Albentitel, entwerfe den Plot einer Kurzgeschichte, schreibe ein Wort oder eine Zahl, telefoniere zu lang mit irgendeinem Callcenter-Bimbo, der mir einen neuen Vertrag aufquatschen will und erkläre ihm schlussendlich, dass ich kein Geld habe für weitere Scheiße, ihm aber trotzdem ein frohes Fest wünsche, gehe Pfandflaschen wegbringen, kaufe ein, rauche eine, schenke der Obdachlosen vor dem Supermarkt mein Feuerzeug, beobachte einen Streit auf der anderen Straßenseite, überlege, hinzugehen und zu helfen, stelle meine Getränke auf den Bürgersteig und puste Luft aus meinen Lungen, sehe die Polizeiwagen mit Blaulicht kommen, bin erleichtert, gehe nach Hause, setze mich wieder an den Schreibtisch, schlage das Fachbuch auf, schweife ab, überlege mir den Titel einer Kurzgeschichte, singe "Stand By Me" (auch die Bassline), lese einen Satz, während ich noch immer die Melodie von "Stand By Me" summe, singe wieder "Stand By Me", ohne dabei zu lesen, gehe eine rauchen, checke meine Mails, checke Facebook, checke den Kicker, den Spiegel, die Zeit, die Süddeutsche, die Bild und singe dabei "Stand By Me", bekomme schlechtes Gewissen und öffne wieder das Fenster mit dem Word-Dokument, lese noch einmal die letzten zwei Sätze, lasse meine Fingerknochen knacken, dann meinen Nacken, lese den letzten Satz laut und stelle ihn mir in irgendeinem langweiligen Fachbuch vor, trommele mit meinen Fingern den Rythmus und beginne "Stand By Me" zu singen, sehe auf mein Handy, öffne das Fenster mit einem leeren Blogpost, schäme mich, überlege, einen ganzen Post nur in Form einer Aufzählung zu schreiben.

A.  

Sonntag, 15. Dezember 2013

Der Schatten grünen Kupfers

Sonntag. Das Erste, was ich merke, als ich aufwache, ist, dass die Fingerkuppen an meiner linken Hand schmerzen und ein wenig taub sind. Das ist ein vertrautes Gefühl - ich hatte es nur lange nicht mehr. Es ist noch nicht einmal acht Uhr, warum bin ich also schon wach? Draußen weht Regen gegen die Scheibe und noch ist es dunkel. Obwohl ich kaum etwas erkenne, bilde ich mir ein, den grünlichen Schatten zu erkennen, der sich über Nacht in die Konturen meiner Fingerspitzen hineingefressen hat, als hätte er eine Art Beweis zurücklassen wollen; einen Fingerabdruck auf dem Fingerabdruck. Ich kenne dieses Grün, denn ich habe es tausende Male gesehen. Auch meine ich, den Geruch von Metall wahrnehmen zu können; dieser kalte, unappetitliche - und vertraute - Duft von Säure und Rost, Schweiß und Stahl, nur alles irgendwie in einem. Ich habe wieder Gitarre gespielt - und zwar länger, vielleicht für Stunden, so richtig mit Singen und allem und Weihnachtsliedern und meinen Freunden. Eigentlich wollte ich nicht, aber das Mädchen mit der Gitarre zierte sich so und wir wollten doch Weihnachtslieder singen - und irgendwann überkam es mich. Es war nur für mich eine spirituelle Erfahrung, während die anderen Glühwein tranken und die Geschenke vor sich bewunderten. Nach kurzer Zeit ließ das Zittern meiner Hände nach und alles war wieder da. 
Das Kupfer in den Saiten also vielmehr die Kupferbestandteile der Legierung in der rauen Ummantelung der Westerngitarrensaiten oxidierten durch den Schweiß meiner Finger und färbten daraufhin grün ab. Genau wie früher. Ein bisschen eklig. Ich glaube, das ist einer der wenigen chemischen Prozesse, die ich jemals tatsächlich begriffen habe. Chemie ist scheiße. Wer will denn schon wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält - wenn es keine Gefühle sind?
In all den Monaten des untätigen Herumliegens hat sich die Hornhaut auf den Fingerkuppen meiner linken Hand ein Stück weit zurückgebildet, weswegen es nun ein wenig schmerzt, aber nicht doll - nur so sehr, dass man sich erinnert, und das ist ja etwas Gutes. Die Haut wird wieder dicker werden, bis nicht einmal Nadelspitzen sie noch verletzen können - und das ist keine verfickte Metapher.

A.   

Samstag, 14. Dezember 2013

Friedrichshain Redemption

"Umarmen wir uns morgen?", steht in der Facebooknachricht.
"Ja, aber keine Tränen", schreibe ich zurück.
"Nein, wir sind ja Männer."

Zwei Jahre ist es her, dass Andreas und ich uns zum letzten Mal gesehen haben. Unter ähnlichen Bedingungen. Wir kennen uns seit mehr als einem Jahrzehnt, und früher haben wir uns tatsächlich jeden Tag gesehen. Wir haben im selben Wohngebiet gelebt und gingen auf dieselbe Schule. Ich konnte ihm alles erzählen, und er saß sogar am Heiligen Abend mit meiner Familie und mir am Esstisch, weil ihm das Fest bei sich und seinen Leuten auf den Sack ging. Wir waren immer potenzielle Taufparten und Trauzeugen - auch wenn keiner von uns kirchlich war. Doch die Windungen des Lebens unmittelbar nach dem Abschlussball neigen dazu, Freundschaften auf harte Proben zu stellen. Während ich nach Kiel ging, einfach, weil es am Wasser liegt und nicht unendlich weit von meiner Heimatstadt entfernt ist, verschlug es Andreas, nach einem kurzen erfolglosen Studium, nach Berlin. Er war verliebt und folgte seinem Herzen und seinem Penis in die Hauptstadt. Das Mädchen ist natürlich längst Geschichte, doch er ist noch immer dort und arbeitet in der Finanzabteilung eines hippen Musikunternehmens mit Filialen in Tokyo und Los Angeles.

Berlin war nie meine Welt, genau wie Hamburg. Ich habe die Begeisterung für diese Städte nie verstanden und werde es auch nie. Ich bin nur dort, wenn es etwas zu erledigen oder etwas Wichtiges zu sehen gibt, nie einfach so. Beim letzten Mal Berlin war es eine Exkursion im Rahmen eines Seminars, bei der es darum ging, Museen unter pädagogischen Aspekten zu analysieren. Damals schlief ich bei Andreas, um mir die Übernachtung in irgendeinem billigen Hotel oder Hostel zu sparen und, weil wir einfach sehr gute, wenn nicht sogar die besten Freunde waren. Danach sahen wir uns nicht mehr. Die Welt drehte sich weiter und die Sonne ging auf und unter. So selten gelang es, sich zu schreiben oder auch nur zu telefonieren, und die Verbindungen des Alltags sind nun einmal das Fundament jeder guten Freundschaft. Brechen sie weg, wird alles oberflächlich, künstlich und kühl. Man wird zu Fremden mit einer verwobenen Vergangenheit, und der Mensch, den man so gut kannte, ist nichts weiter als eine Erinnerung an alte Zeiten, ein Foto oder ein Lied, das Bilder von früher hervorruft.     
Vor Wochen erwähnte ich beiläufig in einer Zehn-Zeilen-Unterhaltung auf Facebook, dass ich im Dezember in Berlin sein würde, um mir ein Konzert anzusehen. Das Hotelzimmer war bereits gebucht und eigentlich wollte ich mich überhaupt nicht melden - doch ich bin viel zu sehr in meiner Vergangenheit verwurzelt, als dass ich es über mein Herz bringen würde, eine solche Gelegenheit verstreichen zu lassen, wenn ich schon einmal wieder in der Stadt sein würde. Die Karten waren ein Geschenk. Andreas sagte sofort, dass ich die Zimmerreservierung canceln solle und natürlich bei ihm schlafen könne. Ich zögerte zwar, aber das dämliche Zimmer würde immerhin einhundertdreißig Euro die Nacht kosten, wenn auch mit Frühstück. Also sagte ich zu und nun bin ich tatsächlich auf dem Weg in die Hauptstadt. Und ich bin aufgeregt. Nicht nur, weil es mir so scheiße ging in den letzten Monaten und mich ein ausverkauftes Konzert in einer kleinen, stickigen Halle sicher nervös machen wird, sondern auch, weil ich nach so langer Zeit einen guten Freund wiedersehen werde und man ja nie so genau weiß, wie nahtlos alles ist, ob viel peinliches Schweigen in der Luft liegt, ob man sich zu sehr verändert hat oder ob es sofort wieder so ist, wie es früher war.

Freitag, 13. Dezember 2013

Mixtape: Christmas

Freunde, 

in zwei Wochen ist wieder alles vorbei und wir alle warten, gelangweilt und fettgefressen auf den bescheuerten Jahreswechsel, um uns immer schneller einem Jahrzehnt zu nähern, dem wir endlich wieder einen Namen geben können. Ja, dann sind es noch sechs Jahre, bis die goldenen Zwanziger beginnen und wir alle alt sind. Aber Schluss mit Tristesse, es ist Weihnachten, das Fest der Nähe, der Liebe und der Geschenke! 

Hier im Exil, abseits der Familie, setzt die Festtagstimmung irgendwie später ein. Zuhause wird all das ernster genommen: Meine Mutter ist eine glühende Verfechterin jeglichen Weihnachtskults, und wenn es nach ihr ginge, würde all dies hier bereits im Oktober einsetzen, sofern die letzten wärmenden Sonnenstrahlen durch den Garten geschienen sind und es langsam zu kalt wird, um sich mit einem Buch auf die Terrasse zu setzen und sich über kläffende Köter und den Lärm zu ärgern, den all die in die Jahre gekommenen Jack-Wolfskin-Träger machen, während sie ihre passgenauen Rasenflächen in der Eigenheimsiedlung mähen, an dessen Rande auch das Haus meiner Eltern steht. Die amerikanische Familie, so nennen die Nachbarn, zu denen meine Eltern keinen Kontakt pflegen, uns, wenn sie im Winter mit ein wenig Hohn und Lästereien auf der Zunge zu dem geschmückten und mit Lichterketten behangenen Haus am Ende der Stichstraße blicken, in dessen Fenstern immer ab dem ersten Dezember Schwibbogen stehen. Das Haus ist nicht geschmacklos oder irgendwie kitschig geschmückt. Sicher, ein bisschen idealisiere ich das Ganze, weil mich der Nebel der Familie vor objektiven Urteilen schützt, aber es gibt keine bunten oder flackernden Lichter oder Gartenzwerge in Santa-Claus-Kostümen, sondern schlichte weiß-gelb leuchtende Lichterketten an Terasse, Dachgiebel und Carport, zwei geschmückte Tannenbäume im Garten und den Geruch von Plätzchen und Vanille aus der Küche, in der nun pausenlos Licht zu brennen scheint. Die amerikanische Familie. Von so einem Schmähnamen hatte meine Mutter ihr Leben lang geträumt in den Zeiten, in denen es uns noch schlechter ging. Sie war ganz begeistert, als sie mir davon erzählte, dass sie gehört hätte, dass einige der Nachbarn sie so nennen. Und auch ich bin ihr Sohn: Bereits vor über einer Woche habe ich einen Tannenbaum besorgt, der geschmückt im Wohnzimmer steht, den Schwibbogen vom Dachboden geholt und Morgen für Morgen öffne ich das kleine Türchen in meinem dekadent teuren Niederegger-Weihnachtskalender.

Ja, ich weiß, viele von Euch werden diesen ganzen Weihnachtskram ziemlich bescheuert finden oder zynisch gegenüberstehen, weil sie damit irgendetwas Schlechtes assoziieren: Einsamkeit, erdrückende Nähe oder das Gefühl, in all diesem besinnlichen Lebensreflexionskosmos der freien Tage, den Erwartungen an das eigene Leben hinterherzuhängen, das ist doch normal, aber nichtsdestotrotz ist es irgendwie eine andere, eine nostalgische und eine so herrlich beruhigte Zeit im Jahr - mit tollem Essen, das muss man sich immer vor Augen und im Gedächtnis halten. Weihnachten ist, was Ihr daraus macht. Wenn Euch das beschissene Fernsehprogramm auf den Sack geht, lest ein gutes Buch. Wenn die Geschäfte und die Paare in den Einkaufszentren nerven, unterstützt die ehrbaren Internetversandhäuser. Wenn Ihr Weihnachtsmärkte so sehr hasst wie ich, scheißt auf sie und macht Euch über die Leute lustig, die sie mögen. Keine Zwänge, alles ist gut.

Um hier meinen kleinen Beitrag zum Fest zu leisten, habe ich ein Mixtape vorbereitet mit nur einundsiebzig Weihnachtssongs im Indie/Singer-Songwriter-Gewand (Ich weiß selbst, dass Bing Crosby kein verdammter Indieguy ist, das ist nur das Intro, wegen der Stimmung und so), weil ich ein ganz normaler Junge mit ganz gewöhnlichen Hobbys bin. Den Player findet ihr wie gewohnt auf der rechten Seite oder aber direkt unter dem Beitrag, vorausgesetzt, ihr habt Eure Seele bereits an Spotify verkauft (Anmeldung schnell und kostenlos). Ich hoffe sie gefallen Euch. Keine Panik, in zwei Wochen ist alles wieder vorbei.

In diesem Sinne wünsche Euch allen ein gesegnetes Fest, ruhige Tage, die Euch die Scheiße des Jahres vergessen lassen, schöne Geschenke und dass Ihr einfach glücklich und gesund seid.

A.
   

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Cortisone Lovesongs

Irgendwie muss ich vor etwa einem Jahr das Karma gefickt haben. Aber so richtig. Nicht nur, dass meine gesundheitliche Talfahrt gerade ihren ersten Geburtstag feiert, es kommt auch immer wieder einfach irgendein neuer Scheiß dazu, als hätte mich irgendjemand verflucht, der Böse Blick einer wütenden, alten Zigeun-pardon-Sinti-und-Roma-Frau oder so. Gestern Morgen wollte ich einfach nur ein beschissenes Rezept für eine Physiotherapie abholen. 

Eine Dreiviertelstunde habe ich gewartet, nur um dann von der Vertretung meiner Hausärztin gesagt zu bekommen, dass das Budget für Krankengymnastik und Physiotherapie dieses Jahr leider erschöpft sei, was ja nicht ihre Schuld (oder die, all der beschissenen, fetten Büroweiber, die zu faul sind, eine Scheißtreppe hochzulaufen, sich aber stattdessen fleißig Massagen verschreiben lassen, für'n Rücken, ich hab ja immer so Rücken, weißte?) wäre, die Verantwortung sei vielmehr bei den Krankenkassen und dem Gesetzgeber zu suchen. Jaha, die da oben. Ich solle es doch noch mal lieber bei meinem Neurologen oder Orthopäden probieren - die hätten da mehr Möglichkeiten. Während ich mich gleichgültig ob dieser herzerweichenden Predigt in dem Doppelnamen auf dem Namensschild, vor mir auf dem Schreibtisch, festgucke, wird mir sogar noch angeboten, dass man mir eine Überweisung ausstelle. "Was soll ich dann damit? Mir die Praxisgebühr sparen, die es nicht mehr gibt?", frage ich. Das ist keine von Nächstenliebe geschwängerte Hilfestellung, sondern einfach nur der Versuch, noch etwas auf den eigenen Abrechnungsbogen zu quetschen. Unser Gesundheitssektor ist eine tückische Hure. Höhnisch bedanke ich mich für ihre Zeit und gehe. Aber mein verficktes Problem hat sich dadurch auch nicht gelöst: Ich brauchte das Rezept am besten schon vor einem Monat, denn so lange läuft die Behandlung schon, und so lange vertröste ich meinen Physiotherapeuten auch jede Woche.

Ich wähle die Nummer meines Neurologen und zünde mir eine Kippe an. Mein letzter Ausweg heißt Charme. Ich habe Glück und erwische eine Sprechstundenhilfe, die sich an mich zu erinnern scheint, als ich mich vorstelle. Ich sage ihr, dass sie mein letzter Ausweg sei und ich sie um einen großen Gefallen würde bitten müssen. Ich weiß, dass mein Arzt gar nicht im Haus ist, aber die Gute versichert mir, dass sie es auch so irgendwie regeln würde und ich am Nachmittag das fertige Rezept mit irgendeiner erfundenen Diagnose würde abholen können. Das ist nicht selbstverständlich, schließlich hat mir der Arzt noch nie so etwas verschrieben und generell bekommt man nur einfach so am Tresen, was einem schon einmal verordnet wurde. Ich sage ihr, dass sie ein Engel sei, und wundere mich sofort, wo ich diese schleimige Formulierung hergeholt habe. 

Ihre Stimme klingt metallern und ich muss die Augen zusammen kneifen. Irgendwie höre ich seit Tagen schlecht auf dem rechten Ohr und hatte vor ein paar Wochen schon einmal Probleme mit dem Trommelfell. Tinnitus, schriller Nachklang hoher Töne. Mir gegenüber ist ein HNO-Arzt. Wohin mit so einem angebrochenen Vormittag und ich habe ja ein Buch dabei. Als ich ihm die Symptome schildere und er meine Krankenakte studiert, überredet er mich zu einem Hörtest. Seit der Musterung habe ich eine trotzige Aversion gegen diese Scheiße - und natürlich werde ich den Verdacht nicht los, dass so etwas inzwischen immer gemacht wird, bei jedem, einfach um doch noch etwas mehr abrechnen zu können. Als ich wieder hineingerufen werde, offenbart mir der Doktor, dass ich einen Hörsturz habe. "Oh, fantastisch", rutscht es mir heraus. So scheiße fühle ich mich nun auch nicht. Er legt zwei Diagramme übereinander und verdeutlicht so den rasanten Abstieg meines rechten Ohres im Vergleich zu einem meiner Hörtests vom letzten Jahr. Ich wusste nicht, das Hörsturz tatsächlich buchstäblich gemeint ist. Er verschreibt mir Kortison, nachdem wir ausführlich den Wechselwirkungskatalog bezogen auf meine anderen Medikamente gewälzt haben. Jetzt bin ich schon bei vier Pillen jeden Morgen. Neuer Highscore. Das Erste, was mir in den Kopf schießt, ist "aufgeschwemmt". Ich will nicht aufgeschwemmt aussehen! Ich erinnere mich daran, dass eine Freundin an Rheuma erkrankte und Kortison nehmen musste. Die sah danach furchtbar aus, ernsthaft. Aber ich bekomme es nur zwölf Tage lang verabreicht, also keine Panik. Ich war dieses Jahr bei mehr Ärzten, als in meinem ganzen Leben zuvor.

Allgemein könnte es jedoch schlimmer sein, alles: Es gibt Millionen, denen es weit schlechter geht, und ich reiß' mich jetzt auch zusammen mit dem Gejammere, aber Hölle, wenn es tatsächlich so etwas wie ein Schicksal gibt - und ich bin da eher skeptisch -, dann will ich, dass es weiß, dass ich es nicht leiden kann. Langsam ist das nur noch zum Lachen. Vielleicht rächt sich ja irgendeine kosmische Macht an mir, weil ich jahrelang so ein Wichser war, mich ständig über Gläubige lustig gemacht habe und nie vor irgendetwas Respekt hatte. So wie bei Hiob, nur ohne die Frömmigkeit. Also vielleicht doch eher wie bei Babylon. Aber ich habe jetzt die Schnauze gestrichen voll von all dem Scheiß. Ich weine nicht mehr über irgendetwas. Keine Träne seit fast sieben Jahren, seit sie mein Herz gefressen hatte, verdammt. Wenn mir das Leben beschließt, in die Fresse zu hauen, stehe ich eben wieder auf und halte die andere Wange hin. Hast du das gehört, Jesus? Die andere Wange. Morgen hole ich mir einen Termin für's Weisheitszähneziehen.

Und jetzt Schluss damit,

A.     

Dienstag, 10. Dezember 2013

Die Wurzeln des Zorns

Diese verdammten Außenbezirke werden immer verfickte weiße Flecken auf meiner Landkarte bleiben. Hier draußen wird Kiel zu Itzehoe, Bad Oldesloe und Bad Segeberg: schleswig-holstein'sche Einöde, die sich partout nicht unterscheiden lässt. Obwohl ich gerade vor zwei Wochen hier war, schien es nahezu unmöglich zu sein, die Adresse ohne das Navi meines Smartphones zu finden. Ich bin fast zu spät, wegen des Feierabendverkehrs und all der Ampeln. Ich habe acht Stunden gemalert. Gott, wie können das andere Leute bloß jeden Tag machen? Also acht Stunden arbeiten. Am Stück! Da ich überall weiße Farbe hatte und wie eine Baustelle gerochen habe, musste ich unbedingt noch in die Badewanne. Duschen ging ja nicht, weil ich nun einmal bade. Das ist der eigentliche Grund, warum die Zeit so knapp geworden ist. Ich hätte mich rasieren sollen. Ich will doch einen guten Eindruck machen. Ja, ich weiß, ich werde nicht bewertet.
"Hol' mich bitte in einer Stunde hier wieder ab", sage ich, während ich aus dem Wagen steige. Meine Haare sind noch nass vom Baden. Ich versuche, sie halbwegs zu einer Frisur zu formen. Durchatmen. Klingeln.

Wir reden über die Vergangenheit. Irgendwie scheint die immer das Wichtigste zu sein. Ich rutsche im Sessel hin und her. Selten habe ich einen Raum erlebt, der so eine unauffällige Kulisse war. Alles scheint verhangen und unwichtig. Die gesamte Konzentration und aller Fokus liegen zwischen den zwei Sesseln, die sich vor den großen Fenstern mit Blick auf den abendlichen, verregneten Garten gegenüber stehen. Es gibt Dinge, die man nur im Dunkeln sehen kann. Ihre Gesichtszüge sind streng, beinahe undurchdringlich. Sie trägt eine Art Umhang aus Strick, keine Ahnung, wie so etwas heißt. Bolero? Ja, vielleicht ist das ein Bolero. Eine Frau wüsste das. Ich weiß nicht, wie alt sie ist, und man sieht nie, was sie denkt. Ich mag das. Normalerweise bin ich gut darin, Menschen zu lesen. Hier ist es umgekehrt.

"Woher kommt all dieser Zorn?", fragt sie, beugt sich ein Stück vor und sieht mir direkt in die Augen. 
Ich weiß es nicht. "Ich schätze, er kommt tief aus meinem Innereren", sage ich und weiche ihrem Blick aus. Das klingt wie eine Antwort. Mit den Füßen schiebe ich dieses bescheuerte Fußkissen zur Seite. Es entspannt mich wirklich kein Stück, meine Beine auf diesem Scheißstrickkissen zu balancieren, während ich in einem halbbequemen Korbsessel sitze. Wen zur Hölle entspannt das? Wie nennt man diese Scheißdinger überhaupt? Bei der Osteopathin lagen die auch. Dämlicher Esoterikkram. 
"Der Zorn kommt aus Ihrer Jugend, aus Ihrer Kindheit, um genau zu sein", präzisiert sie, "denn Sie haben Grausames erlebt. Darin liegt all Ihre Wut begründet. Wissen Sie, wir vergessen niemals, auch, wenn wir glauben, dass wir es tun." 
Das ist ja fast ein Merksatz, denke ich. 
"Wie fühlen Sie sich dabei, wenn Sie wütend sind, wenn Sie ihrem Zorn seinen freien Lauf lassen?" 
Ich zögere kurz. "Ich fühle mich gut, denke ich, ich genieße es fast sogar ein bisschen", sage ich leise und vorsichtig. Hoppla, wo kam das denn her? Was sage ich da? Vermutlich erzähle ich gleich auch noch, dass ich mit Schlangen sprechen kann. 
"Das ist nur natürlich. Sie erzählen so lapidar von ihrer Vergangenheit, immer mit einem Lächeln auf den Lippen, dabei sehe ich vor mir diesen kleinen Jungen, dem all jene teilweise fürchterlichen Dinge widerfahren sind, der zwischen allen stand und so viele Jahre für die Erwachsenen, von denen er abhängig war, mitdenken musste, und gerade dadurch auch immer allein war. Sie haben sich zurückgehalten, sind sorgsam mit allen anderen und sorglos mit sich selbst gewesen, haben das Spiel so lange mitgespielt, bis es in diesem sozialen Konstrukt zu viel für Sie wurde, bis Ihr Körper schließlich rebellierte, bis Sie elf waren, dann sind Sie geflohen und es ging Ihnen besser, oder? Es ist nur eine Hypothese, aber was, wenn es diese Dinge sind, die sich auch jetzt ihren Weg nach außen suchen und ihren Körper gegen ihren Geist kämpfen lassen? Sie verfügen über viel Zorn, sehr viel Zorn, das kann ich deutlich sehen". 
"Wenn Sie das sagen, klingt das alles irgendwie dramatischer, als es tatsächlich war. Da kann man ja von Glück sagen, dass ich bei alle dem, nicht einen mitbekommen habe", antworte ich.  Oh. Da müssen wir beide kurz schmunzeln.

"Sagt Ihnen die Begrifflichkeit 'Schwarze Pädagogik' etwas?", fragt sie. 
"Nein", gestehe ich. Das ist sicher nichts Gutes. Schwarze Magie, Schwarzer Tod, Schwarzer Donnerstag, mir fallen da nur miese Dinge ein.

Montag, 9. Dezember 2013

Champagne Supernova für immer

Der Himmel sieht wunderschön aus, als mein Wecker klingelt. Wenn ich aufwache und noch ein bisschen Zeit brauche, um zu verstehen wo und wer ich bin, gucke ich mich manchmal so lange im Licht, in der Sonne und den Wolken fest, dass ich danach nur schwer wieder in die dunklen Konturen meines Schlafzimmers zurückfinde, so, als sei man nachts mit starkem Blitz fotografiert worden, nur irgendwie langsamer und schöner. Es ist noch nicht einmal zehn und die dämlichen Skandinavier schieben schon wieder körbeweise Schnaps auf den Parkplatz vorm Einkaufszentrum. Es vergeht kein Tag in Kiel, an dem nicht irgendwelche Dänen Alkohol für Zuhause kaufen. Aber wer sollte es ihnen verübeln? In Dänemark ist das alles viel teurer und Kiel hat ja auch sonst nicht besonders viel Sehenswertes, das in Dänemark nicht zu finden wäre. Das Schönste hier ist doch noch immer das Meer. 

Alles drängt sich durch die Gänge. Das heilige Weihnachtsfest wirft seine großen Schatten voraus. Mütter werden mit heulenden Babys in einem improvisierten Fotostand mit kitschig künstlichem Weihnachtsbaum abgelichtet. Das Blitzlicht, der Lärm und die Menschenmengen bringen die Kinder mehr und mehr zum Weinen, doch Mutti will es unbedingt, und die arme Fotografen-Auszubildende beherrscht offenbar noch nicht die große Rassel- und Bespaßungskunst, die die süßen Kleinen zum Lachen statt zum Weinen bringt, wenn auf den Auslöser gedrückt wird. Wahrscheinlich lernt man das erst in irgendeinem krassen Geheimritual am Ende des dritten Lehrjahres; eine düstere Zeremonie mit jeder Menge Totenköpfen, miesen Gags und Handpuppen.

Gelangweilt schiebe ich den Korb in die Obst- und Gemüseabteilung. Sie braucht Mandarinen oder Clementinen (wo ist eigentlich der verfickte Unterschied?) für den Cupcake-Teig. Ich mag keine Cupcakes, und Muffins finde ich auch doof. Ich kann die Begeisterung dafür nicht verstehen. Ich zeige auf die teuerste Sorte Mandarinen, an der extra ein paar grüne Blätter gelassen wurden und sage: "Guck mal, warum haben die nicht auch noch 'frisch' mit 'nem Edding auf die Schale geschrieben, um sicher zu gehen?" Ich ernte nicht einmal ein müdes Lächeln. Mich bringt außerdem zum Schmunzeln, dass die importierten spanischen Avocados den klangvollen Namen "Hass" tragen. Ist das subtile Kleinstrache an der von Deutschland dominierten Sparpolitik Europas? Ich habe keine Ahnung, wie Avocado schmeckt, aber ich mag das Wort irgendwie. Es klingt so elegant und gleichzeitig exotisch. Avocado. Ich mag auch "Advokat". Geht ja in eine ähnliche Richtung. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt schon einmal welche gegessen habe, also Avocados, keine Anwälte. Dinge landen in unserem Korb und reißen mich aus den Gedanken. "Wofür brauchen wir den ganzen Kram noch mal?", frage ich. Ich bekomme keine Antwort. Man kann ja nicht ohne Backwaren bei einer Familienfeier auftauchen.

Dienstag, 3. Dezember 2013

Was Sie wirklich unbedingt über meine Haare wissen sollten

Ich wollte immer schwarze, glatte Haare haben wie ein Zeichentrickfilm-Bösewicht. So ein verwegener, mysteriöser Typ mit wehender dunkler Kleidung, der nie lächelt oder lacht. Doch ich habe Locken. Keine unglaublich fiesen Locken, die sich bereits bei kurzen Haaren zeigen und einen auf ewig kindlich oder wie Art Garfunkel aussehen lassen, dennoch: Je länger meine Haare werden, desto dicker und welliger sind sie auch. Mit sechzehn war das eine schmerzhafte Erkenntnis. Ich war gerade in meiner Teenage-Riot-Epoche angekommen; hatte neue Freunde, lernte mehr Mädchen kennen, die Jeans wurden wieder enger und niemand verstand wirklich irgendetwas. Eine merkwürdige Zeit: Alles war ununterbrochen in Bewegung und irgendwie schien es immer zu regnen. Ich wusste nicht, wohin. Alle suchten sich Jobs und die meisten hatten schon irgendetwas gefunden. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ich mich jetzt für etwas würde entscheiden müssen, das ich dann für Rest meines Lebens machen soll. Wie kann man so endgültige Entscheidungen treffen?

Nachdem das Reisebüro meine Bewerbung abgelehnt hatte, beschloss ich, dann eben einfach weiter zur Schule zu gehen und mein Abitur nachzuholen. Alles veränderte sich, also schien es mir nur natürlich zu sein, dass auch ich es tat - wenn schon nicht beruflich, dann zumindest persönlich. Ich verbrannte die Vergangenheit. Und ich ging auf Partys, fing an zu rauchen und verhedderte mich in den nach Schnaps schmeckenden Zungen süßer, brünetter Mädchen im Mondlicht. Hach. So viele neue Gedanken, so viele Eindrücke. Ich kaufte mir ein T-Shirt mit einer blutenden Amerikaflagge und besorgte mir die Che-Biografie. Die war wirklich zu langweilig, um sie zu lesen, weswegen ich sie stattdessen einfach dekorativ in meinem Regal platzierte. Viva la Revolution! Zu dieser Zeit las ich sowieso nur, was mir durch die Schule auferlegt wurde, und außer dem Schimmelreiter, hasste ich alles. Effi Briest, Das Fräulein von Scuderi, Woyzeck, Antigone, alles Scheiße. Und Der Tod in Venedig erst! Günter Grass hat mich auch nicht so umgehauen. Erst der Steppenwolf und Macbeth änderten meine Meinung und brachten mich dazu, mich in die Literatur zu verlieben. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte, die viel später ihren Lauf nahm.

FVCK THE HYPE

Jetzt mal ernsthaft: Das CHVRCHES-Album ist wirklich gut und ich glaube, ich habe mich ein wenig in die Sängerin verliebt.

A.


Sonntag, 1. Dezember 2013

Mixtape: Dezember

Brüder und Schwestern,
es hat ein wenig gedauert, aber nun ist das neue Mixtape online. Ja, genau. Die Playlist ist voll mit Bands, die zu meinen kleinen Lieblingen gehören: Ryan Adams, Joshua James, Libertines, Gaslight Anthem und andere. 

Viel Spaß beim Hören und noch einen schönen ersten Advent.

A.

Mittwoch, 27. November 2013

#schockstarre

Ich bin nicht stolz auf mich. Überhaupt nicht stolz. Als ich heute Morgen in den Spiegel gesehen habe, hat mein Kopf gezittert und kurz habe ich an die wertenden Blicke gedacht. Ich konnte mich nicht dazu aufraffen, mich dem zu stellen und jetzt schäme ich mich. Ich will nicht freakig aussehen, ich will cool aussehen und lässig, so als ob mir die ganze Welt egal wäre und ich im Bus immer hinten sitzen würde. Vielleicht bin ich ein bisschen hängen geblieben, aber verfickt noch mal, das ist meine Vorstellung von Coolness. Zigarette im Mundwinkel, hochgezogene Augenbrauen und so. Ich hab schon keine Lederjacke oder ein altes Motorrad. Ich habe nicht einmal ein Fahrrad, weil ich finde, dass ich dämlich beim Fahren aussehe - außerdem habe ich Angst vor dem Verkehr der Großstadt. Großstadt, Kiel, haha. In Wismar musste ich nie auf der Straße fahren. Und damals, vor 1000 Jahren, gab es auch noch keine Verkehrsregeln.

Jazz hat gesagt, dass er jeden verprügelt, der mich auch nur falsch ansieht in der Uni. Und seine Worte sind immer etwas wert. Zumindest ist das ein wenig wie im Film. Gute Freunde sind rar. Aber ich kann nicht gehen, wenn ich zittere. Das ist mir klar, als ich rauchend auf dem Balkon stehe, in den eiskalten Sonnenschein blicke und Jazz anrufe, um zu fragen, ob er mich in die Anwesenheitsliste eintragen kann. Inzwischen beherrscht er meine Unterschrift vermutlich besser als ich selbst. "Was kümmert es dich, was irgendwelche Spastis von dir halten?", hat er gefragt. Dasselbe hatte mich Sophia auch schon gefragt, und meine Antwort bleibt die dieselbe, auch wenn ich mir ihrer maßlosen Unreife bewusst bin: Ich will scheinbar auch von den Spastis cool gefunden werden, so traurig das ist. Meine Fußsohlen kribbeln, was dazu führt, dass es sich anfühlt, als würde sich der Boden bewegen. Geschlagen ziehe ich mich zurück ins Bett, die Kapuze meines Sweatshirts tief ins Gesicht gezogen, und höre das neue Album von Farewell Milwaukee.


Kurz frage ich mich, ob ich die Band nur so exzessiv höre, weil mich die Stimme des Sängers und das Songwriting so unglaublich an Ryan Adams erinnern. Sind Farewell Milwaukee etwa nur meine Musikhure für mich, während ich ewig auf ein neues Album von Adams warten muss? Nein, sie sind wirklich gut. Das Schöne an den Neuen Medien ist, dass sie einem die Möglichkeit geben, diese noch nicht so richtig erfolgreichen Bands einfach mal anzuschleimen, wenn einem danach ist, ohne die Gewissheit zu haben, in Wahrheit mit irgendeinem PR-Arschloch zu kommunizieren. Ich habe FM zu ihrem Album gratuliert und ihnen geschrieben, dass es gut sei. Kurze Zeit später haben sie sich höflich bedankt, mir ihre Liebe versichert und sich gefreut, dass sie Hörer in Deutschland haben - und wenn es nur einer sei.

Dienstag, 26. November 2013

Geisterstunde

0:00 Uhr. Zwölf Uhr nachts. Das hat mir früher oft Angst gemacht, als ich ein Kind war. Meine Großmutter hat immer von der Geisterstunde gesprochen; von Toten, die auferstehen und auf knarrenden Dielen durch die Flure wandeln. Ich habe sie bildlich vor mir gesehen, die Verstorbenen, wie sie zurückkehren mit blassen und leeren Gesichtern und einen mitreißen, wenn man es wagt, die Augen offen zu halten zu so einer gottlosen Zeit. Also war es immer das Ziel, vorher zu schlafen. Ich kannte nicht einmal jemanden, der gestorben war, außer meinen Urgroßvater, und an den hatte ich eigentlich kaum noch irgendwelche Erinnerungen. Ein knorriger alter Mann mit ewig ernstem Gesichtsausdruck, den ich "Opa Stock" nannte, weil er stets einen hölzernen Gehstock bei sich trug, wenn wir sonntags mit der ganzen Familie unseren Spaziergang zum Friedhof antraten, wobei mir nie klar war, wen wir dort eigentlich besuchten. Ich weiß nicht, ob das wirklich meine Erinnerungen oder nur die Erzählungen der Anderen sind. Nachdem meine Mutter mir eine Geschichte oder ein Kapitel aus irgendeinem Buch vorgelesen hatte (meine liebste Geschichte war "Das Wirtshaus 'Zum Weidenbusch'"), bat ich sie immer, meine Zimmertür noch angelehnt zu lassen, damit durch den schmalen Spalt ein wenig Licht in das dunkle Zimmer fiel und ich die Geräusche hören konnte, die die Frauen beim Spülen des Geschirrs und dem Aufräumen der Küche machten. Manchmal, im Sommer, wenn mein Fenster einen Spalt geöffnet stand und der Wind günstig wehte, konnte man sogar das Heulen der Wölfe aus dem Tierpark hören. Das fand ich dann schrecklich gemütlich - und so gelang es mir, immer zu schlafen, bevor die Geisterstunde anbrach und ich Gefahr laufen würde, mit in den schwarzen Tod gerissen zu werden.

Gute Nacht,

A.

Sonntag, 24. November 2013

Abendspaziergang

Ich versuche, nicht daran zu denken, dass ich daran denken könnte, nicht daran zu denken, dass ich eigentlich daran denke, mit Gewalt nicht daran zu denken, dass die Dosiserhöhung der Tabletten sehr wahrscheinlich Nebenwirkungen zur Folge hat, doch mit einer Kette von Bluffs verhält es sich wie mit einer Reihe von Dominosteinen: Nur einer muss fallen und alles steht in Brand. Beim Domino geht es doch darum, Dinge in Brand zu setzen, oder? Tolle Metapher. Und ich habe extra nicht die Packungsbeilage gelesen, um nicht verrückt zu werden. "Wir wollen doch bis an das Maximum gehen, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen", sagte die Ärztin und ich hatte devot genickt wie ein belehrtes Schulkind. Noch einmal um 1/3 erhöht. Die neue Pille ist so groß wie ein verficktes Zäpfchen, und wenn man sie schüttelt, rasselt es richtig, wie bei einer Tic-Tac-Dose in Miniaturgröße - aber wenigstens hat sie keinen ekligen Nachgeschmack, es ist vielmehr, als verschlucke man irgendeinen Gegenstand aus Plastik oder so, einen Legostein mit abgerundeten Kanten. Naja, zumindest stelle ich es mir so vor. 

Der Boden schwankte ein wenig, meine Fußsohlen kribbelten und ich hatte das Gefühl, die Schwerkraft hätte plötzlich ein wenig zugenommen. Manchmal hilft Bewegung, also beschloss ich, mir noch einmal kurz die Beine vertreten zu gehen und Zigaretten zu kaufen. Im Fernsehen läuft sowieso nur Scheiße. Meine Füße steigen schwach und ein wenig zitternd, die dunklen Treppenstufen hinunter. Draußen ist schwarze Nacht, die nur vom orangefarbenen Licht der Straßenlaternen durchschnitten wird. Mir ist übel. Obwohl erheblich weniger Autos unterwegs sind, bleibe ich an der Straße stehen und sehe immer wieder von rechts nach links, als würde ich den eigenen Sinnen nicht trauen können, dann erst setze ich mich in Bewegung, ruhig und behebig, einen Schritt vor den anderen. Ich habe meine Jacke bis oben hin zugezogen, aber so kalt ist es gar nicht. Ein bisschen windig vielleicht, aber das ist nur die Nähe zum Meer. Die Lichter verschwimmen vor meinen Augen und ab und an muss ich einen Ausfallschritt hinnehmen.

Bierflaschen klirren aneinander, als ich die Tankstelle betrete. Ein paar Typen kaufen offenbar Nachschub. Als sie gehen, mustern sie mich kritisch, doch ich halte ihrem Blick stand. Das helle Verkaufslicht brennt in meinen Augen. Gauloises Blondes für sechs Euro. Es ist mir unbegreiflich, warum Shell Geld in diesen bescheuerten Automaten investiert hat, der einem jetzt das Wechselgeld rausgibt. Ich könnte schwören, das ging früher schneller. Und Verkäufer und Kunde standen sich so auch keine zwanzig Sekunden nutzlos gegenüber und haben sich angeglotzt. Ich reiße die Schachtel bereits beim Hinausgehen auf und merke, wie sehr meine Hände dabei zittern. Dann schäme ich mich und frage mich, wie das wohl auf den Überwachungsaufnahmen aussehen muss. Wahrscheinlich guckt sich die jedoch nur jemand an, wenn irgendetwas vorgefallen sein sollte. Ich klemme die Zigarette zwischen meine Lippen, vergrabe meine Hände tief in den Jackentaschen und versuche, mit sicheren Schritten wieder nach Hause zu laufen.

Es kommt mir schrecklich heiß zu Hause vor. Mein graues Star-Wars-T-Shirt klebt an meinem Rücken. Ich reiße die Balkontüren auf, lasse die Nacht hinein wehen und lege mich auf mein Bett. Ich schiebe mir die Kopfhörer meines MP3-Players in die Ohren und wähle James Vincent McMorrows großartiges 2011'er Album "Early in the Morning" aus, dann schließe ich meine Augen und sehe Paris im August, das sich vielleicht nach einem abendlichen Sommerregen von einem heißen und geschäftigen Tag erholt und endlich ein wenig abkühlt. Es sind nicht mehr so viele Leute im Tuileriengarten und rings um die Springbrunnen sind nun auch einige der tagsüber sehr begehrten Liegen frei geworden, von denen aus es sich so herrlich die Leute beobachten lässt, wie sie auf ihrem Weg vom Place de la Concorde zur gläsernen Pyramide des Louvre hier vorbeikommen. Auch die Straßenhändler in der Rue de Rivoli, die sich an solch heißen Tagen mit ihren mit Eis und Plastikflaschen gefüllten Eimern an die Hauswände lehnen und ausgedörrten Touristen "Mineralwasser" verkaufen, haben sich inzwischen zurückgezogen oder verhökern jetzt kitschig blinkende Miniatur-Eiffeltürme auf dem Plateau des Palais de Chaillot, von dem aus sich so klassische abendliche Fotomotive schießen lassen, wenn im Hintergrund der beleuchtete Eiffelturm zu sehen ist.

Am Ufer der Seine haben die Bouquinisten inzwischen ihre kleinen hölzernen Läden versperrt, weiter unten jedoch, direkt an der Promenade, zu beiden Seiten des Wassers, sieht man vereinzelt Paare auf Decken sitzen, die, mit einer Flasche Wein zu ihren Füßen, den Touristendampfern dabei zu sehen, wie sie noch immer ihre routinierten Bahnen durch den Fluss ziehen, das ganze Außendeck erleuchtet von den Blitzlichtern der Kameras. Jetzt, im Schutze der immer mächtiger werdenden Dunkelheit, wagen sich auch die Obdachlosen, die Clochards, zurück in ihre Burgen aus Kartons, Bauzäunen und Plastikmüll, ihr Reich am Rande der Welt, unter den meisten, der geschichtsträchtigen und reichverzierten Brücken, die jeden Tag von Millionen von Touristen überquert werden, nichtsahndend, was zu ihren Füßen geschiet. Der Kreisverkehr auf dem Place de la Bastille scheint ob der unglaublichen Menge an Autos niemals wieder ein Ende zu finden, obwohl man meinen möchte, die ganze Welt befände sich gerade bereits in den Stationen und Waggons der Metro, die wie ein Netzwerk von Adern unter dem Kopfsteinpflaster, den undurchdringlichen Straßenzügen, dem Fluss und den Parks den Menschen die einzige Möglichkeit zu bieten scheint, bepackt mit Einkaufstüten, Rucksäcken oder Aktentaschen endlich ihren Weg nach Hause zu finden. Währenddessen erwachen Pigalle und Montmartre zum Leben und die Lichter der Bars, Stripclubs und Bordelle wirken nun nicht mehr so zahnlos wie noch bei Tage. Der Norden der Stadt und das Quartier des Halles werden düsterer, und finstere Gestalten mit skeptischen Augen rotten sich in kleinen Gassen zusammen, werten den Tag aus und pusten Rauch in den Himmel. Zigaretten glimmen in Ecken, in die kein Licht mehr fällt.

Doch wenn man im Herzen der Stadt bleibt, während die Dunkelheit hereinbricht, kann man nicht nur dabei zusehen, wie sich die Straßen langsam leeren und es den Abendstunden gelingt, Paris jegliche Hektik zu nehmen, es zu beruhigen und zur schönsten Stadt der Welt zu machen. Steht man auch an der richtigen Ecke, in der richtigen Straße, kann es sein, dass man Zeuge wird, wie die Nacht mehr und mehr die Beweise unserer Gegenwart zu tilgen scheint und die Stadt zu einem Ort macht, von dem man meint, die Zeit würde rückwärts laufen und nichts auf dieser Welt könnte einem gefährlich werden oder der Romantik dieses Augenblicks berauben.

Als ich die Augen wieder öffne, geht es mir besser. Seit Tagen brenne ich vor Ideen und guten Gedanken, langsam scheint es aufwärts zu gehen, irgendwann wird auch mein Körper wieder mitmachen.

Habt eine schöne Woche,

A.      


James Vincent McMorrow - This Old Dark Machine from Vagrant Records on Vimeo.

Samstag, 23. November 2013

Offener Brief #1

Liebe Menschen des Jahres 2013 nach Christus,

versteht mich bitte nicht falsch, ich bin einer von Euch, aber Ihr seid da in etwas hineingeraten, das langsam wirklich abartig wird - und extrem penetrante Züge annimmt. Ich weiß, wie so etwas passiert: Man erliegt einfach der Gewohnheit und bekommt es am Ende nicht einmal mehr mit. Langsam und nahezu unauffällig hat es sich eingeschlichen, sich im eigenen Bewusstsein breitgemacht, und versteckt sich nun tief in der undurchsichtigen, grauen Routine des Alltags, kaum noch wahrzunehmen für die getrübten Augen und Ohren. Es ist selbstverständlich geworden und Ihr seid nicht allein: Eure Freunde tun es, auch Eure Kollegen, Mitschüler oder Kommilitonen sind davon betroffen, die Politiker, Moderatoren im Fernsehen, das lustige Duo aus der Morgensendung Eures Radiosenders, Schauspieler, Musiker, der Bundestrainer, ja selbst Eure gute Frau Mama tut es wahrscheinlich manchmal.

Und doch ist es schrecklich und muss aufhören! Lange genug haben wir mit angesehen, wie unsere Fähigkeiten und unsere Art zu leben korrumpiert und beeinträchtigt wurden, wie bei einer Epidemie; einem Virus, das sich unaufhörlich ausbreitet, immer mehr Menschen infiziert, nur, dass wir es erst mitbekommen, wenn es zu spät ist. Es ist wie ein brennendes Streichholz, das in ein von Dürre vertrocknetes Feld geworfen wurde.

In aller Höflichkeit, bitte hört auf, "von daher" zu sagen. Und noch wichtiger: Bitte benutzt es nicht mehr als Satz-Schluss-Formel mit den gedachten drei Punkten als Nachklang. Das ist ganz, ganz, ganz scheußlich. Sprachliche Vielfalt ist wichtig und schön. Benutzt Kraftausdrücke, tristen Bürokratenschick oder seid Poeten, aber Hölle, bitte sagt keine Sätze wie "Naja, ich bin ja sowieso ein Mensch, dem Gerechtigkeit echt viel bedeutet, ne? Von daher..." oder "Ich habe mich gut darauf vorbereitet, mir kann relativ wenig passieren, von daher..." mehr, denn das ist absolut abscheulich. Scheiße, und niemand, wirklich niemand, sollte mehr "Kopfkino" sagen. Das ist nämlich eine sehr behinderte Alliteration. Wenn jemand "Kopfkino" sagt, erzeugt das bei mir ein Bild des grinsenden Mario Barth vor meinem inneren Auge - und das mag ich ganz und gar nicht.

Es gibt Worte, die klingen einfach schön, Worte wie "Imperium" oder "Velociraptor", "Zauberstab" oder "Holzglasur", natürlich gibt es auch Worte, die einfach scheiße klingen, zum Beispiel "Kartoffel", "Nagelknipser" oder "Pümpel", aber das ist natürlich rein subjektiv. Bei keiner anderen blöden Floskel jedoch schwingen für mich so viel Dummheit und Selbstgerechtigkeit, so viel stumpfe Arroganz und süffisantes Arschloch-Lächeln mit wie bei "von daher...".

Achtet mal darauf, es ist nämlich überall. Ständig sagt das irgendwer und wird dabei unsympathischer. Wir können das nicht länger hinnehmen. Es muss aufhören. Nur wir können das beenden, und zwar gemeinsam. Macht mit, werdet ein Teil der Bewegung und nennt ab jetzt jeden, der "von daher" sagt, einen Schwanz. Das ist erwachsen und kultiviert. Auf diese Weise können wir die Gefahr bannen, dass wir irgendwann nicht mehr merken, wie kacke wir klingen, wenn wir das sagen - und zwar geschmackvoll.

Höflichst,
Ihr Alexander von Zolldan, 
Bundespräsident und Piratenkapitän

Freitag, 22. November 2013

35'000 Meilen auf dem Meer

Liebe Leser,
in dieser Nacht hat sich der fünfunddreißigtausendste Besucher auf IADST verirrt. Eine schöne Zahl. Das waren also fast 1 1/2 Jahre Bloggen, und nach einigen Höhen und Tiefen macht es mir gerade wieder so richtig Spaß, hier mit Euch meine Scheiße zu teilen, Ihr süßen Mäuse. Ich weiß die Aufmerksamkeit sehr zu schätzen und möchte mich für die Treue, die Kommentare und E-Mails, die Beschimpfungen und Liebesbriefe und dafür, dass Ihr mir meistens gewogen seid, von Herzen bedanken. So bin ich nie allein mit dem, was in meinem Kopf vorgeht, denn Ihr lest meine Gedanken, Ihr hört meine Stimme. Und bei allem Größenwahn, all der Selbstverliebtheit, all der Melancholie, Nostalgie und Bosheit, scheint Ihr dem Ganzen etwas abgewinnen zu können. Und vielleicht gehe ich meinen Freunden durch das hier auch nicht mehr so sehr mit den immer gleichen Geschichten und Anekdoten auf den Sack. Ah, falsche Hoffnung; wenn ich mich erst einmal wohlfühle, kann ich mein Maul nicht halten, ich bin ein Geschichtenerzähler.

Ich habe nie Tagebuch geführt. Naja, doch einmal kurz, als ich zwölf war oder so: ein Didl-Maus-Tagebuch in Weiß und Rosa mit einem kleinen Vorhängeschloss in Herzform, in das ich Sätze geschrieben habe wie "Ich möchte von ganzem Herzen Mitglied im Lego-World-Club sein und ich hoffe, dass meine Eltern nicht rausbekommen, dass ich mich heimlich angemeldet und ihre Unterschriften gefälscht habe" oder "Heute war ich mit Claudia im Kino zu 'Spice World' und sie hat kurz meine Hand berührt". Gott, "Spice World" war ein beschissener Film. Was man sich nicht alles schon für miese Filme ansehen musste, um Mädchen abzuschleppen. Wenigstens stand in dem Alter noch niemand auf Horrorfilme. Es hat Ewigkeiten gedauert, bis ich darauf gekommen bin, dass auch ich einfach immer die Filme aussuchen könnte. Aber das waren dann andere Zeiten. 

Claudias Spitzname war auch damals schon "Muschi". Ich hätte wissen müssen, dass ich sie nicht würde halten können, aber ich war unsterblich verliebt, auch ohne mit ihren namensgebenden Elementen in Kontakt gekommen zu sein. Das waren unschuldige Zeiten. Ich weiß noch wie schockiert und verletzt ich war, als sie mir einmal, an einem Abend auf dem Spielplatz, gesagt hatte, dass sie noch nicht wisse, ob sie mich heiraten und mit mir Kinder bekommen werde, wenn wir alt seien. Als ich dann aus Schüchternheit kurze Zeit später freitags nicht mit in die einzige Disco der Stadt fuhr, in der zu diesen Zeiten wirklich nur bratzige Dancemusik lief, war unser gemeinsames Schicksal besiegelt und ich wurde ersetzt. Und auch wenn es mich traurig machte, irgendwie verstand ich sie. Später hat sie sich in einen Nazi verliebt, ist in die rechte Szene abgerutscht und inzwischen hat sie, soweit ich weiß, mehrere Kinder, die bereits in die Schule gehen. 

Scheiße, wie bin ich jetzt dahin gekommen? Ach ja, ich habe nie Tagebuch geführt, also fast nie. Jetzt verstehe ich jedoch endlich, warum das Tagebuch so eine lange und romantische Tradition hat. Es geht natürlich auch um Angeberei und Gefasel, aber: Die eigenen Gedanken zu fassen, hilft nicht nur bei der Reflexion und dem Verständnis von allem, sondern ist auch ein wunderbarer Weg, Struktur ins eigene Leben und die eigene Gedankenwelt zu bringen. Mir hilft es, Gedanken, Erinnerungen und Emotionen zu artikulieren, die mir manchmal erst während des Schreibens klar werden. Die meiste Zeit nehme ich mir nicht einmal vor, worüber ich schreiben werde, wenn ich das Fenster öffne, um einen Artikel zu beginnen. Ich schreibe einfach los und lasse alldem hier seinen freien Lauf. Und das gefällt mir und befreit. 

Und so freut es mich umso mehr, dass ich damit dann auch noch auf Interesse bei anderen stoße. Das wollte ich loswerden. 

Danke.

A.


Donnerstag, 21. November 2013

No more Mr. Night Sky

Liebes Tagebuch,
in meinen jüngeren und verwundbareren Jahren gab mein Vater mir einen Rat, der mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. "Wann immer du an jemandem etwas auszusetzen hast", sagte er, "vergiss nicht, dass nicht alle auf dieser Welt einen so leichten Start hatten wie du." Gute Worte, die vor Voreingenommenheit schützen - im Bezug auf alles, nicht nur auf Kohle. Nein, das hat er nicht gesagt. Das war eine Lüge. Das sind nicht die Worte meines Vaters, das sind die Eröffnungssätze von Fitzgeralds großem Gatsby. Der einzige Rat, an den ich mich erinnere, ist: "Alex, weißt du, du musst versuchen, so viele Weiber wie möglich zu bumsen, solange du jung bist." Es ist nicht so, dass er mir sonst keine Ratschläge gegeben hätte, vermutlich waren sogar weit bessere dabei, ich erinnere mich einfach nur am ehesten an diesen Rat, weil die Situation so furchtbar befremdlich war. Wir standen beide auf dem Balkon und sahen in den dichten Nebel. Ein Mädchen aus meiner Klasse läuft die Auffahrt hinunter; sie und ich, wir hatten gerade unsere Hausaufgaben zusammen gemacht. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich, glaube ich, noch überhaupt kein Mädchen gevögelt. Ach, mein Vater.

Es ist schon lange her, dass ich das letzte Mal allein eine Freistunde auf dem Campus verbringen musste, denke ich, als ich mich auf die kalten Treppenstufen eines der Fakultätsgebäude setze und eine Kippe anzünde. Naja, "Freistunde" ist vielleicht das falsche Wort. Ich bin vielmehr einfach im Seminar aufgestanden und gegangen, bevor der Dozent mich entdecken konnte. Und jetzt sitz ich draußen und blase Rauch in den Himmel. Es ist so schrecklich grau hier überall. Ein übermächtiges und erdrückendes Grau, das sich auf die Haut legt, wenn man nicht aufpasst. Hinter mir redet ein kurzhaariges, dickliches Mädchen lautstark mit ihren hässlichen Freundinnen darüber, warum sie Lehrerin werden will. Ich muss fast kotzen. Sie hält ein grandioses Plädoyer mit Sätzen wie "Mit jungen Menschen kann man wenigstens noch normal reden, ne?" oder "Und, selbst wenn es 'ne Herausforderung ist, da sage ich 'Bring it on, immer her damit'". Dass die sich nicht selbst krankmachen.

Dienstag, 19. November 2013

Die Regen von Castamere

Verdammte Scheiße. Wär' ich nur nicht immer so ein ignoranter Großkotz, dann könnte ich viel öfter in den Genuss toller Sachen kommen. Es fällt mir furchtbar schwer, Sachen cool zu finden, auf die ich nicht allein gestoßen bin. Es geht kaum selbstverliebter. Und wo wir hier gerade bei der Beichte sind: Mir sind Bücher suspekt, in denen Frauen die Hauptfiguren sind. Das habe ich heute im Buchladen mal wieder bemerkt. Ja, jetzt ist es raus. Nein, ich bin nicht in den 50'ern hängen geblieben. Ich respektiere Frauen, ja. Und ich bewundere ihre Fähigkeiten und ihre wohlgeformten Körper gern und häufig. War nur Spaß! Oder?

Naja, jedenfalls sind mir durch diesen miesen Charakterzug (nicht das mit den Frauen, das geht nämlich klar) öfters schon Dinge durch die Lappen gegangen, die sich dann später als doch gar nicht sooooooo blöd herausstellten. Ich erinnere mich noch genau daran, wie Andreas mir vor zehn Jahren oder so sagte, dass ich mir unbedingt diese neue Band, "The Killers", anhören müsste, während ich so etwas wie "Pah, Synthies in Rocksongs, ich glaube, die 80'er haben angerufen" antwortete. Ein paar Jahre später stand ich in der dritten Reihe bei einem der Deutschland-Konzerte der Band und brüllte mit, dass ich "Mr. Brightside" sei. Hab' ich das schon einmal erzählt? Ich komm' mir vor wie ein Rentner. Oder "Into the Wild". Unbedingt müsse ich den gucken, sagte Jazz, wirklich unbedingt. Und ich dachte: Pah, Aussteiger-Hippie-Kram. Und dann sah ich den Film irgendwann im Spätpogramm, weil wirklich nichts anderes kam und der Lexman immer ein wenig Probleme hat, den Tag loszulassen und zu schlafen, und stand dann anschließend um 03:00 Uhr nachts völlig fassungslos auf meinem Balkon und wollte die Zivilisation verlassen und in der Wildnis leben.

Ja, und unter Umständen habe ich auch gesagt, dass "Caspers" Stimme viel zu rough sei für Rap. Ich sollte recht behalten. Okay, ich habe damals auch "Lost" und "Stromberg" geguckt, aber irgendwann gingen mir die Jungs auf dem Schulhof, die in jeder verschissenen Hofpause die jeweils letzte Folge ausgewertet haben, so damit auf die Eier, dass ich es aus Trotz nicht mehr geguckt habe. Als ich dann dieses Jahr noch einmal mit "Lost" angefangen habe, konnte ich kaum anders, als es zu verschlingen und alle sechs Staffeln in kürzester Zeit zu bewältigen, jeden damit vollzulabern und mir Merchandise zu bestellen. Ich habe eine Tasse der "Dharma Initiative". Es war vielleicht doch ganz okay. Aber "Ted" war wirklich scheiße, obwohl alle sich ja so weggelacht haben - da müssen wir uns echt nichts vormachen. Ich bin einfach ein bisschen hype-empfindlich oder vielmehr -allergisch.

Aber verdammter Mist, wie krass ist bitte "Game of Thrones"? Ich habe damals die erste Folge bei RTL2 gesehen und gedacht: Pah, Herr der Ringe mit Inzest; ich mach wieder aus. Aber wie falsch ich doch lag! Wie falsch ich doch lag! "Herr der Ringe", "Harry Potter", alles schwuler Zirkus gegen "Game of Thrones". Ich war noch nie so begeistert von einer Serie. Ich habe in den letzten sieben Tage alle drei Staffeln gesehen und höre seit Tagen ununterfuckingbrochen den Soundtrack. Ich stehe wirklich nicht auf Schwerter und Mittelalterkram, aber das ist tatsächlich die beste Serie aller Zeiten. Ich bin heute morgen zum Buchladen stolziert, um das erste Buch der Romanvorlage zu kaufen, einfach, um mehr Details zu erfahren. Diejenigen von Euch, die mir auf Facebook folgen habe ich schon damit genervt, aber dieses Lied bekomme ich nicht aus meinem Kopf. Wenn ich es nicht höre, singe ich es.


Ja, diesmal hätte man dem Hype glauben können - ohne es zu bereuen. Lieber spät als nie. Ihr solltet das alle gucken oder lesen, um bessere Menschen zu werden. Also, erster guter Vorsatz fürs neue Jahr: Nicht mehr so ignorant sein, wenn alle etwas mögen und dich damit nerven.

Der Winter naht,

A.

Sonntag, 17. November 2013

Die Ballade von Kassandra

Die Schreie der Krähen im Hof wecken mich. Ich schlafe nicht gut, wenn das Fenster geschlossen ist. Naja, wirklich gut habe ich trotzdem nicht geschlafen. Aus der Ferne läuten die Kirchenglocken. Ich drehe mich auf die Seite und sehe den Spitzen der Tannen dabei zu, wie sie vom Wind hin und her gewogen werden. Draußen ist es noch nicht richtig hell, aber das scheint schon seit Tagen so zu sein. Der Winter wirft seine Schatten und Nebel voraus. Ich kann mir kaum noch vorstellen, wie jemals die Sonne über Kiel geschienen hat. Diese hässliche graue Stadt. Es ist still in der Wohnung, doch von oben hört man stampfende Schritte. Die ganze Welt ist fett und laut. Wenn ich mich darauf konzentriere, werde ich zu zornig. Wut ist ein falscher Freund - und doch mein ständiger Begleiter. So wie viele dazu neigen, mehr mit ihrem Schwanz als mit ihrem Kopf zu denken, macht mich die Wut oft blind, während Schwanz und Kopf um die Vorherrschaft streiten. Vorsichtig ziehe ich die Wohnungstür hinter mir zu. Die Treppen fallen mir schon erheblich leichter als vor Monaten. Mit meinen langen, schlaksigen Beinen nehme ich gleich mehrere Stufen auf einmal. 

Der Wind lässt meine Haare wehen. Ich müsste dringend zum Friseur; mit meiner blassen Haut, dem dünnen Körper und meinem zersausten dunklen Haar sehe ich bald aus wie eine Tim-Burton-Figur. Ich ziehe den Schal bis über meinen Mund und mache mich auf den Weg. Unglaublich, wie viele Leute um diese Zeit bereits einkaufen gehen! Ich greife mir ein irisches Rindersteak an der Fleischtheke und stelle mich in die Kassenschlange, dabei ist es noch nicht einmal neun. Der Tankwart in der Shell öffnet mir die Tür und wünscht einen guten Morgen. Ich nicke ihm zu. "Gauloises, die Blauen, Big Box, ja, die 23'er", sage ich. Eine feste, eiserne Formel, tausendmal mit meinen Lippen gesprochen. Ich weiß gar nicht, wie viel die Dinger kosten im Moment. Die werden schließlich alle zwei Wochen teurer und irgendwie ist mir das Geld egal. Ich wünschte, es wäre nicht so, aber die Kohle interessiert mich immer erst, wenn sie alle ist. 

Ich stelle mich in die Schlange vorm Bäcker. Während ich zwischen Vätern mit ihren Kindern, Studenten und alten Männern darauf warte, endlich die verfickten Brötchen kaufen zu können, muss ich - und ich schwöre, ich habe nicht den verschissenen Hauch einer Ahnung, warum es so ist - an den Mythos der Kassandra denken.

Freitag, 15. November 2013

Im Rausch der Kälte II

Wie lange ich schon hier bin, weiß ich nicht. Habe ich geschlafen? Vielleicht. Mein Bier ist schal, also ich habe ich wohl geschlafen oder zumindest seit einer Stunde oder länger nichts getrunken. Ich lasse mir nichts anmerken und trinke weiter. So läuft das. Wie spät es wohl sein mag? Wir starren Kelis an, wie sie tanzt und etwas über ihren Milkshake singt. Langsam habe ich das Gefühl, es geht gar nicht um Milchshakes! Seit wann sehen wir wohl Musikvideos? Ich mag Kelis nicht. Dass die Anderen sie mögen, ist überhaupt nicht Rock'n'Roll! Meine Augen sind schwer und ich spüre die vielen Fußballspiele vom Morgen deutlich in meinen Knochen und mein großer Zeh brennt ein bisschen. Als ich den anderen beiden erzählt habe, dass gerade mein Zehnagel abgegangen ist, haben sie mich begeisterungslos angestarrt. Ich hatte mir eben so viel Euphorie erhofft, wie ich selbst empfunden habe. Wahrscheinlich haben sie gedacht, dass nur ein bisschen abgeplatzt ist, wie bei einem Reißnagel oder so und nicht der ganze beschissene Zehnagel. Ach, ist ja auch egal. Fickt euch doch. Scheiße, noch ein Kelis-Video. "Warum gucken wir das eigentlich?", frage ich ins Leere. "Weil es cool ist, du Hoschi", antwortet der Bassist. 

Ein Handy vibriert auf dem zerkratzten Tisch vor uns. "Martin ist da, er steht vor der Tür", sagt eine Stimme. Sind meine Augen geschlossen? Ich will es gar nicht wissen. "Ey, penn' mal hier nicht weg. Es geht doch erst richtig los", sagt Felix. Ich weiß, dass er mich meint und ich öffne widerwillig die Augen, langsam und zäh wie ein altes Garagentor. Ich ziehe mein Handy aus meiner Hosentasche. "Hey, geht's dir gut? Seid ihr schon bei der Party? Liebe dich", steht in der SMS, die schon vor zwei Stunden gekommen ist. "Ja, alles gut. Ist ganz cool hier. Ich melde mich", schicke ich als Antwort zurück. Schon diese paar Worte vielen mir schwer. "Na, Herr Alex, Sie sehen aber schon fertig aus. Das wird doch hier nicht etwa eine 'Drogenparty'"?, sagt Martin zur Begrüßung und gibt mir die Hand. Das Wort "Drogenparty" betont er wie einer dieser Sprecher aus der Wochenschau während des Zweiten Weltkrieges. "Oh, die gute Kelis!", sagt er, als er auf den Bildschirm sieht. Na super.

Mittwoch, 13. November 2013

Die Schlachtbank der Geschichte

Manchmal, nach dem Aufstehen, wenn alles noch ein bisschen langsam und still ist, frage ich mich, wie unsere Epoche wohl durch den Abstand der Zeit aussehen muss. Modernität ist ein verräterischer Freund und wir sind mit Sicherheit ziemlich bescheuert durch die Schatten der Retrospektive. Fortschritt, Erfolg und Vernunft sind nichts als relative Größen und arrogante Illusionen, das sollte man sich immer wieder bewusst machen.

Mit Erstaunen blickt man doch auf die medizinischen Methoden der Ärzte des Mittelalters zurück, oder ist erschrocken von der Gleichgültigkeit und der Dekadenz des europäischen Adels gegenüber dem eigenen hungernden Volk. Kinder waren nicht immer die kleinen Lieblinge ihrer Eltern; das emotional geprägte Verhältnis, wie wir es kennen, ist in seinen gröbsten Zügen erst eine Errungenschaft der letzten paar hundert Jahre. Die Schrecken des Imperialismus und der Inquisition - überhaupt all die unsäglichen Dummheiten, die im Namen eines Glaubens begangen wurden (Na gut, ist Letzteres wirklich Geschichte?), wirken heute manchmal so unvorstellbar absurd. Die Gräueltaten der Menschen von Sklaverei und Massenmord bis hin zur Jahrtausende andauernden gesellschaftlichen Unterdrückung der Frau - wir fühlen uns so rein und gut, blicken wir auf all das zurück. All die Kriege und die Willkür. Am Arsch.

Pathetischer Posttitel

Ich deprimiere mich. Und Lotte Kestner macht die Sache nicht unbedingt besser. Aber zumindest irgendwie stilvoller, denke ich. Oh Gott, ey. Manchmal gehe ich mir selbst auf den Sack mit meinem Gerede. Aber nur manchmal. Die meiste Zeit geht es. Man gewöhnt sich daran.

Ich habe in den letzten Tagen so viel "Game of Thrones" gesehen, dass ich nachts davon träume, irgendwelche Idioten in Mittelalterkostümen mit "Gewiss, my Lord" oder "Natürlich, my Lady" zu verabschieden. Ich kann solche Sachen einfach nicht locker sehen. Das war bei "Lost", "Star Wars", Fußball und Scheiße, sogar bei "Harry Potter" schon genauso schlimm. Ich weiß nicht, warum, aber ich muss den ganzen Schwachsinn dann immer auswendig lernen und über jede kleine Fußnote bescheid wissen. Das ist total bescheuert, mit welch einem manischen Eifer ich dann plötzlich dabei bin. Ich wünschte, ich könnte diese ehrgeizige Jagd nach Wissen auch mal in andere, in sinnvolle Richtungen lenken. Ich lese viel und gern - nur nie in den Büchern, die ich lesen sollte.

Ich weiß, welche Farben die aktuellen Schuhe von Toni Kroos haben und wer sein Ausrüster ist, bei welchen Vereinen er gespielt hat, wer seine Trainer waren, dass sein Bruder bei Bremen spielt, aber beide in Greifswald geboren sind und aus der Jugend von Hansa Rostock stammen, fragt mich jedoch mal nach dem beschissenen Amtsantrittsjahr von Julius Cäsar. Und ich studiere seit fünf Jahren Geschichtswissenschaften. Oder sind es schon sechs? Und Scheiße, ich mag Toni Kroos nicht einmal! Ich bin auch kein Bayernfan. Ich geh' nicht einmal ins Stadion, weil mir die Leute dort zuwider sind. Das sollte nicht so versnobt klingen. Klang es aber. Als ich zum letzten Mal im Stadion war, wurde ich 90 Minuten vom Gästeblock neben mir beschimpft, hinter mir saßen Nazis in Camouflagehosen, die mich ständig mit ihren Knien berührten, und gegen Mitte der zweiten Halbzeit sah ich, wie ein alter Freund von mir von den Ordnern abgeführt wurde, nachdem er die Gästefans mit einem Bierbecher voll Pisse beworfen hatte. Und wenn ich nur an diese ganze Stehplatz-Traditions-Pyro-Fankultur-Debatte denke, muss ich fast kotzen. Ich habe Liebe für das Spiel, unglaublich viel Liebe, aber Idioten sind Idioten, überall.

Eigentlich wollte ich über meine Gefühle schreiben, aber alles, was aus mir rauskommt, ist dieses Zeug. So richtig emotionales Rehkitz-Gefasel, ganz ohne pseudocoole Maskerade, aber es geht nicht. Vielleicht morgen. Langsam erkenne ich auch die Tasten nicht mehr in der Dunkelheit und das verfickte Licht vom Laptop blendet in meinen Augen, aber ich knipse die Nachttischlampe nicht an, weil sie sonst aufwacht.

Morgen lacht die Sonne wieder!

Gute Nacht,

A.

  

Lotte Kestner / Wrestler from Edgardo Flores on Vimeo.

Sonntag, 10. November 2013

Im Rausch der Kälte I

"So, Jungs, wir haben auch alle anderen geschafft, dann packen wir jetzt auch die! Verstanden, Männer?", sagt der Einzige von uns, der im Verein spielt, und muss dabei selbst lachen. Wir lachen auch. Er ist nicht der Typ für Motivationsreden, aber wahrscheinlich kennt er das so und hatte das Gefühl, dass zumindest vor dem wichtigsten Spiel irgendwer etwas Feierliches sagen muss. Mein Magen krampft und meine Luftröhre fühlt sich an, als hätte sie innen ein dichtes Fell, das kaum durchlässig ist. Ich habe die halbe Nacht mit Freunden in einer Kneipe gesessen, und bin anschließend bei Minusgraden über eine Stunde zu Fuß nach Hause gelaufen. In den Gesichtern von Andreas und dem Bassisten lässt sich Ähnliches ablesen. Die waren auch mit. Im Nachhinein war das wohl eine ziemlich beschissene Idee. Kurzzeitig habe ich in einer Hecke gelegen und es war so kalt, dass ich mich kaum zum Weitergehen aufraffen konnte. Im Schnee sieht alles so friedlich und still aus. Ich kann besoffen einfach nicht richtig geradeaus laufen und so bin ich gestolpert und in die verfluchte Hecke gefallen. Der Bassist hat sich aus Solidarität daneben gelegt. Die schneebedeckten Äste und Blätter unter mir wurden immer weicher und bequemer, bis uns Andreas anschrie und uns als Vollidioten beschimpfte. Widerwillig gingen wir weiter, noch immer torkelnd und kurz vorm Einschlafen.

Die Tür zur Umkleide öffnet sich. Der Name unserer Klasse wird aufgerufen. "Ihr habt noch zehn Minuten, dann ist Finale!", sagt die Stimme eines der Organisatoren. Es riecht nach Schweiß und Füßen. Zehn Minuten? Dann gehe ich noch eine rauchen, denke ich. Mein rechter Fuß schmerzt beim Auftreten. Unangenehm. Ich hatte morgens in all der verkaterten Hektik vergessen, meine Schuhe einzupacken und musste mir hier welche leihen. Leider nicht in meiner Größe. Statt der normalen 45 trage ich nun 40. In den ersten Spielen ging es noch, aber nun wird es immer schlimmer, mit jedem Schritt. Der Rauch der Zigarette brennt in meinem Hals. "So ist's richtig, Alex, noch schnell eine durchziehen vor dem Sport. Das ist richtig gut für die Kondition", brüllt mein Sportlehrer im Vorbeigehen. Er ist Schiedsrichter heute. Seine silberne Pfeife trägt er an einer Kette um den Hals.

Durch die verglaste Tür sehe ich einen meiner Mitspieler im Gang zum Innenraum stehen. Er sieht mich direkt an und klatscht in die Hände. Ich weiß, was das heißt. Ich trete meine Kippe aus und gehe gemächlich zurück in die Halle. Als wir aufs Feld laufen, ertönt kein Applaus, niemand liest unsere Namen vor. Alles, was zu hören ist, ist das Gemurmel von den Rängen und das Quietschen unserer Schuhe auf dem Parkett. Unser Gegner ist unsere Parallelklasse. Ein bisschen sind wir, glaube ich, alle überrascht, dass wir die anderen Teams besiegt haben - immerhin sind wir die beiden jüngsten Klassen der Schule. Der schrille Pfiff des Schiedsrichters durchschneidet meine Gedanken und hallt von den Wänden der Sporthalle zurück.

Freitag, 8. November 2013

Fliegende Affen

Man sagt vielleicht, dass die Nacht am Dunkelsten vor der Dämmerung ist, der Himmel jedoch, ist am Schönsten, kurz bevor die Dunkelheit einsetzt; wenn die Wolken allmählich verschwinden und das Licht langsam in vielen Farben seinen Abschied ankündigt. So viele Töne von Grau, Grün und Blau. Die Autobahn ist voll: Wie eine rote Schlange zieht sich die Kette aus Rücklichtern langsam auf dem Asphalt durch all die Felder Mecklenburgs. Die Abenddämmerung lässt den Wald am Rande der Straße tiefschwarz wie einen Schattenriss aussehen; spitz ragen die Silhouetten der riesigen Nadelbäume hinein in die Farbe des Himmels.

Je näher Kiel kommt, desto kälter wird es. Regen setzt ein und langsam sind erste Sterne im stärker werdenden Dunkelgrau zu entdecken. Das Licht der Scheinwerfer bricht sich in den Regentropfen, jedoch immer nur so lange, bis sie von den Scheibenwischern fast geräuschlos zur Seite, ins Abseits, geschoben werden. Ich versuche andere Gesichter hinter den Autofenstern zu erkennen, aber sie fliegen zu schnell an mir vorbei, verschwimmen zwischen Licht, Regen und Dunkelheit. Wir reden nicht, wir fahren nur.

Mittwoch, 6. November 2013

Remember, remember äh the Sixth of November

Gut, einen Tag zu spät, aber ich erinnere mich, ich erinnere mich an dich, Natalie Portman mit kurzgeschorenen Haaren. Selbst damit warst du heiß, du hübsches Ding. Im Ernst, du hattest mich schon mit all der komischen Schminke und den albernen Kostümen in Episode I. Dich in "Léon - Der Profi" schon heiß zu finden, wäre allerdings irgendwie ein bisschen merkwürdig, trotzdem, du, Natalie Portman, du hast das hübscheste Lächeln der Welt! Darum ging es doch am 5. November oder habe ich da etwas missverstanden? 

Ach, war nur Spaß. Gunpowder Treason, gegen das System und so! Guy-Fawkes-Masken gegen Windmühlen. Natalie ist natürlich wirklich superscharf, aber die Message ist wichtig! Im Ernst, es ist eine Schande, dass sich die öffentliche Empörung über die blockadeartige Haltung der Regierung zum Snowden-Asyl so in Grenzen hält. Es muss die Bevölkerung sein, die fordert, lauthals, denn schließlich hat Edward Snowden nun wirklich eher ihr einen Gefallen getan als der Politik, der die Wirtschaftsbeziehungen weit mehr bedeuten als die Privatsphäresicherung des Einzelnen. Gott, ich klinge wie irgendein Dreadlock-Idiot aus dem zweiten Semester, der in einer WG-Küche ein besoffenes Plädoyer für politische Wachsamkeit hält, um irgendeine hässliche Frutte zu beeindrucken. Nennt mich ruhig einen idealistischen Naivling, aber Scheiße, warum scheint das denn allen am Arsch vorbei zu gehen? Diese ganze Affäre könnte zu einem wichtigen Moment unseres noch jungen Jahrhunderts werden - und kaum jemanden interessiert's? Politjournalisten und die Opposition zählen nicht. Es muss ein unverfälschtes wütendes Interesse daran sein, dass die ganze Scheiße aufgeklärt wird, und zwar hier und man darf keine Angst vor den Resultaten haben. Dissidenten sind nicht nur in China und Russland cool - wo es uns sattgefressenen Ignoranten in den Kram passt!

Gleich checke ich wieder Facebook und teile diesen Artikel und in drei Wochen hole ich mir die neue Playsation mit Gesichtserkennung und Kamera - so kann mir die NSA demnächst auch endlich beim Vögeln zusehen. 

Es ist fünf vor zwölf, Sylvester 1983! *dramatische Streicher im Hintergrund

A.

Dienstag, 5. November 2013

Aus den Träumen

Geträumt, ich sei wieder in der Schule: Mathe-AG am Nachmittag mit meiner Grundschullehrerin. Ich wache auf: Habe die Fernbedienung in meiner Hand. Ich sehe meine Finger, wie sie auf den Powerschalter drücken. Der Fernseher geht aus. Er war an? Ich drücke nochmal: Er geht wieder an. Es ist kurz vor vier. Neben mir bewegt sich jemand unter der Decke. "Er ist einfach so wieder angegangen", sage ich, obwohl ich nicht weiß warum und obwohl mich niemand danach gefragt hat. Ich falle zurück auf mein Kissen. 

Man versucht, mich zu vergiften. Ich versuche, zu fliehen, kann meine Beine jedoch nicht bewegen. Ein Labor. Anschließend in Jugendnervenheilanstalt. Zeitreisen. Gefängnisinnenhof. Diamanten gestohlen. Reich geworden. In Sicherheit. Happy End.

"Alles Okay?", fragt eine Stimme aus der anderen Ecke des Zimmers. "Du hast geredet im Schlaf", fügt sie noch hinzu, als müsse sie sich rechtfertigen. Ich höre die Schnalle eines Gürtels zuschnappen.
"Ja, alles gut", sage ich, wundere mich jedoch gleichzeitig, wie mein Mund die Worte formt. Langsam erkenne ich die Umrisse des Zimmers. Auf der großen Wanduhr sehe ich verschwommen, dass es erst 5:40 Uhr ist. "Scheiße, ist das kalt", sage ich.
"Wir haben November, das hast du selbst gesagt. Da ist es nunmal kalt. Versuche, noch ein wenig zu schlafen", antwortet sie. "Wann musst du zur Uni?"
"Keine Ahnung", sage ich in mein Kopfkissen. Ich höre die Wohnungstür und bin plötzlich allein. Habe ich wieder geschlafen? Ich knipse meine Nachttischlampe an und nehme mir ein Buch von dem Stapel, der neben meinem Bett liegt. 

Montag, 4. November 2013

Nicht-Lesetipp

Hey, ich habe gedacht, es wäre doch mal wieder Zeit, dass auch hier eine Rezension zu finden ist. Also! Falls Ihr Interesse an mehr haben solltet, besucht: Buchpiraten!

Genre: Roman, Erotik
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Heyne 
Erscheinungsdatum: 23. September 2013
ISBN: 978-3-453-26886-9
 
Ich will gar nicht lang um den oft zitierten heißen Brei herumreden. Eigentlich sollte man Sasha Grey dankbar sein, denn mit "Die Juliette Society" ist der ehemaligen Porno-Actrice ein Denkmal, nein, was sag ich, ein Mahnmal gelungen, erinnert es uns doch schmerzhaft an vieles, das Literatur nicht sein sollte. Jetzt immer nur auf der Vergangenheit Marina Hantzis, so Greys bürgerlicher Name, herumzureiten, mag unfair erscheinen, aber es entspricht doch schließlich genau dem Kalkül, welches sich die Autorin, ihr Management und ihre Verleger selbst zu eigen machen, denn ohne die Pornovergangenheit Sasha Greys hätte diese Sammlung an Papierverschwendung vermutlich nicht einmal einen Platz in der Kummer gewohnten Erotikliteraturlandschaft gefunden.

Sasha Grey mag, gemessen an den meisten ihrer ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, sicherlich etwas Besonderes sein, interessiert sie sich doch so herzzerreißend für Filmgeschichte, beschäftigt sich mit Philosophie, liest fast ununterbrochen und vergöttert avantgardistische Musik vergangener Jahrzehnte. Der Kunst, der Kunst, ja der Kunst habe sich dieser gebildete Sonderling im Körper eines scharfen Dirty-Girls verschrieben. Und auch ich habe ihr geglaubt, als der Rolling Stone vor ein paar Jahren Sasha Grey mit einem Interview und einer Feature-Story mit einem weltweiten Publikum bekannt zu machen versuchte.