Samstag, 5. Januar 2013

Rubik

Liebes Tagebuch,

9:45 Uhr, ich bin pünktlich. Die große Uhr hinter der Anmeldung gibt mir recht. Ob ich noch kurz im Wartezimmer Platz nehmen würde? Man werde mich gleich hineinrufen. Die Musik ist neu. Schleimiges Lounge-Piano aus winzigen Boxen. Fehlen nur noch Walgesänge. Ohne die bescheuerte Musik gefiel es mir besser hier. Eine Frau betritt kurz nach mir den Raum. Ihr Geruch sagt Raucher, ihre Gesichtspartie Säufer, ihr ausgewaschener, hellblauer Anorak flüstert Existenzminimum, gestopfte Zigaretten, Couch mit Plüschtieren, Husky-Poster, verblichene Tattoos, mehrere Ehen, schlechte Erinnerungen. Sie sagt "Guten Morgen". Zerstreut entschuldigt sie sich für ihr Husten. Ich schäme mich meiner Gedanken. Walgesang setzt ein. Ich muss lächeln.

Ich habe kein Netz. Verflucht, ich kann für kurze Zeit nicht ins Internet: Facebook baut sich nicht auf. Ich bin mir selbst peinlich und lasse mein Handy wieder in meiner Hosentasche verschwinden. Niemand wird aufgerufen, eine halbe Stunde lang. Gottseidank hatte ich einen beschissenen Termin, du dämliche Fotze Allgemeinmedizienerin! Erst mal schön Frühstückspause gemacht? Du wolltest doch, dass ich persönlich komme. Datenschutz, Bla, Bla. Ich hätte mir die behinderten Ergebnisse auch am Telefon geben lassen. Meine niedliche Empörung verdampft sofort, als mein Name aufgerufen wird. Ich kann mich noch immer nicht an den Klang gewöhnen.

Mein Hirn sei, meinem Alter entsprechend, in Ordnung. Meinem Alter entsprechend? Was soll das heißen? Ich bin doch nicht siebzig, ey. "Das ist beruhigend", sage ich mit zittriger Stimme. Mit Ärzten ist es wie mit Bullen: Irgendwie fühle ich mich immer, als hätte ich etwas ausgefressen, wenn ich mit ihnen spreche. Es wird einfach eine "vestibuläre Migräne" sein - das sage auch der Befund des Neurologen. Machen könne man da nichts, lediglich die Symptome können behandelt werden. Okay, das hätte man mir nicht am Telefon sagen können. Diese Nachrichten hätten mir ja nun wirklich den gottverdammten Boden unter den Füßen weggerissen. Vollidioten. Wenigstens hat der Spaß keine zehn Euro gekostet. Ob deswegen tatsächlich jemand die CDU wählt dieses Jahr?
 
Der Regen prasselt auf grauen Asphalt, und der Wind streift meine Kapuze vom Kopf. Ich gehe zu langsam; immer und immer wieder drängeln Menschen an mir vorbei, die ihre Köter und Kinder hinter sich über den nassen Stein ziehen. Die Busse sind gefüllt wie dreckige Viehtransporter auf dem Weg zum Schlachthof. Die Musik aus meinem MP3-Player passt zwar zum Wetter, jedoch nicht zur Hektik auf der Straße. Für kurze Zeit bilde ich mir, man könne mir diese Diskrepanz ansehen.

Ich zerbeiße das Kaugummi in meinem Mund, während mein rechter Fuß in eine Pfütze tritt. Ich blicke kurz auf den Boden. Verbunden mit der Musik in meinen Ohren ergibt all das die traurige Szene kurz vor dem Ende der Folge einer Sitcom. Ihr wisst schon, in jeder Serie gibt es diese Szenen: keine Dialoge, ein trauriger Song, verlorene Blicke, und die Kamera zoomt langsam davon. Abspann. Werbung.

Ich bin auf der Jagd nach einem Sticker. Seit Jahren schlage ich mich mit dem schrecklichen Problem herum, dass mein Kalender und mein Notizbuch identisch aussehen, was mich dazu verpflichtet, eines davon mit einem Aufkleber zu versehen. Vor zwei Jahren fand ich einen Ghostbusters-Aufkleber - ein Glücksgriff. Ich bin also auf der Suche nach einem Aufkleber. Nur leider zehn Jahre zu spät. Nirgends scheint es so etwas noch zu geben! Ich habe nicht einmal einen verschissenen Schreibwarenladen gefunden. Gibt es die noch? Fast schon geschlagen lief ich in eine Drogerie: auch nichts. Dafür habe ich jetzt 'nen Zauberwürfel. Ich glaube, ich wusste bereits an der Kasse, dass ich das verfluchte Ding niemals würde lösen können. Und das schaffen Leute in weniger als zehn Sekunden? Dafür haben die bestimmt kleine Penisse. Ein verficktes Sudoku überfordert mich ja schon.

Ich kann nicht am Buchladen vorbei gehen. Die Auslage hat wenig Neues. Eine junge Familie mit, gefühlt, dreihundert Kindern betritt den Laden. Die Eltern sprechen in der dritten Person von sich: "Papa kommt ja gleich", "Mama hat dir doch daraus vorgelesen, weißt du noch, Leonie?". Man möchte brechen. Ich gehe mit leeren Händen. Ich bin verabredet.

Soll ich eine Blume kaufen? Das Wetter lässt all die Pflanzen vor dem Laden beschissen aussehen. Als ich die Tür des Cafés aufdrücke, stelle ich mit Entzücken fest, dass meine Verabredung bereits ein Bier für mich bestellt hat. Als komme man nach Hause. In einer 50'er-Fantasie. Der Regen peitscht uns ins Gesicht, als wir das Café verlassen.

A.

P.S.: Bei Amazon gibt es Star-Wars-Sticker. Die Welt ist also gerettet. Schon wieder. 

Kommentare:

  1. Ich bin auch immer wieder verwundert, wenn ich mich bei Ärzten bei diesem demütigen Tonfall erwische. An der Sache mit den Haöbgöttern in weiß muss wohl was dran sein.

    Zum Thema "Machen könne man da nichts, lediglich die Symptome können behandelt werden. Okay, das hätte man mir nicht am Telefon sagen können" könnte ich schon wieder an die Decke gehen. Sehr oft sogar kann man da etwas machen, viele Hausärzte sind da nur einfach nicht informiert oder haben keinen Bock/zuviel falschen Stolz an einen Fachmann zu überweisen.
    Falls Du also wirklich des öfteren so sehr darunter leidest, könnte Hilfe ganz in Deine Nähe sein, nämlich in Form der Schmerz-und Migräneklinik in Kiel (schmerzklinik.de).

    Star-Wars-Sticker? Yeah! ;-)

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    1. Ach, so schlimm wirds schon nicht. Ich wusste gar nicht, dass es für sowas Kliniken gibt - und dann auch noch in der schönsten Stadt der Welt.

      STAR-WARS-STICKER!

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  2. Magnesiummangel kann eine Ursache für Migräne/Kopfschmerzen sein. Rauchen raubt große Mengen Magnesium, und davon haben wir meist so schon nicht genug.

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