Mittwoch, 6. März 2013

Absolution

Ich laufe, immer laufe ich. Durch düstere Sanitäranlagen in irgendwelchen mythischen Kellern meines Unterbewusstseins. Es tropft von der Decke. Viele der Fliesen an den Wänden sind abgeplatzt oder triefen vor Dreck. Verrostete Duschköpfe ragen aus grauen Nischen hervor. Menschen rennen durch die Gänge, fliehen vor irgendwem. Ich höre Schüsse und bin allein. In mir wächst ein Gefühl: Ich befinde mich in einem Albtraum. Aufwachen kann ich nicht. Irgendetwas muss ich tun, um das Ganze hier zu beenden. Soldaten rennen auf mich zu, bleiben stehen, richten ihre Waffen auf mich, doch sie schießen nicht - ich bin nicht der, den sie suchen. Unbehelligt gehe ich zwischen ihnen hindurch, weiter auf düsteren Fluren unter der Erde, bis irgendwann Licht vor meine Füße fällt. Ich bin draußen: Die Sonne brennt in meinen Augen, und als die Umgebung langsam Konturen annimmt, sehe ich ihr Gesicht. Es verfolgt mich noch immer.

Ich öffne meine Augen. Einige Sonnenstrahlen fallen durch die schmale Lücke meiner Vorhänge direkt in mein Gesicht. Ich strecke mich und taste nach der leeren Seite des Bettes. Früher habe ich immer die Menschen belächelt, die behauptet haben, dass schönes Wetter, dass die Sonne, dass der Frühling irgendeinen mildernden Einfluss auf ihr Gemüt hätte. "Du wirst alt", meinte meine Mutter, als ich ihr gestern am Telefon sagte, dass man förmlich spürt, wie alle Menschen draußen glücklicher werden, wie die Welt ein bisschen besser zu sein scheint, jetzt, wo Vögel zwitschern und die Sonne zurückgekehrt ist. "Wie fühlst du dich, wenn du morgens aufwachst? Erholt?", fragte der Physiotherapeut, nachdem er meine Wirbelsäule abgetastet hatte. "Nein, nicht erholt; eher so, als hätte ich nicht geschlafen", antwortete ich. Er hatte mir sofort das Du angeboten. Seine Hände waren ebenso so warm und weich, wie seine sexuelle Orientierung. Er summt Fanfaren, während er meine miserable Haltung bewundert und er kichert. Aber er ist okay. Nur noch elf Sitzungen. Ich dürfe nicht mehr auf dem Bauch schlafen. Das würde meinen Nacken noch mehr überreizen. Ziel der Übungen, die ich auch zuhause machen soll, ist es offenbar, möglichst bescheuert auszusehen. Aber, jetzt wo ich aufwache, fühle ich mich tatsächlich ein wenig fitter. Und mein Nacken schmerzt. Muskelkater. Von den Übungen, von den Liegestützen, von Sex?  

Ich schiebe die Bettdecke zur Seite und öffne die Balkontüren. Ja, alles ist erträglicher, wenn die Sonne scheint.

A.

Samstag, 2. März 2013

Ein Abend im Sturm

Nichts ist vergleichbar mit dem Geräusch, das zwei Billardkugeln machen, wenn sie in einer verrauchten Kneipe aneinanderstoßen. Die Männer spielen mit Ansage, doch ich verstehe nicht einmal die grundlegendsten Regeln. Ich bekomme meine Cola in einem Bierkrug serviert und rauche an Salzstangen. Die Männer belächeln mich, aber ich komme mir vor, wie ein Komplize bei irgendetwas, irgendwie kriminell, irgendwie erwachsen. Wir müssen los, sagt mein Vater, deine Mutter ist sicher schon wütend. Ich gehorche.

Ich darf mir Chips und ein Comic in der kleinen Tankstelle gegenüber der Kneipe aussuchen. Ich entscheide mich für Monster Munch und Buffy - das weiß ich noch genau. Ich wollte immer Spike sein. Angel war schwul, irgendwie. Der Wind lässt die düsteren Äste am Rande der schmalen Straße gespenstisch tanzen. Doch die Heizung des Wagens und die Musik aus dem Autoradio verscheuchen alle Geister. Der Regen setzt ein, und das monotone Tagwerk der Scheibenwischer lässt die kindliche Euphorie des Kneipenbesuches ebenso verschwinden wie die Tropfen dunklen Regens auf der Windschutzscheibe. Sicherheit war Orientierung noch um Längen voraus in diesen Tagen. Was meinst du, was hier im Sommer los ist, wenn die ganzen Urlauber da sind, sagt mein Vater. Ich kann mir nicht vorstellen, was er meint. Keine Bilder können die triste Dunkelheit bei solchem Wetter im Februar ablösen. Und doch bin ich unbeschwert: Was kümmert es mich, was der Sommer bringt? Ausflüge sind wie Einschnitte in die Zeit: Vergangenheit und Zukunft sind bedeutungslos, was zählt, ist die Gegenwart, immer.

Der Wagen biegt in auf eine noch schmalere Straße. Mit ganzer Kraft drücke ich gegen die Autotür und kämpfe dabei gegen den Wind an, einen fast übermächtigen Gegner. Regen fällt in mein Gesicht. Mach' schnell, ruft mein Vater, sieh' zu. Ich war schon immer ein Träumer. Das Ferienhaus scheint das einzige zu sein, welches bewohnt ist - zu dieser Zeit. Schlamm und Wasser glänzen an meinen Schuhen. Ihr habt aber auf euch warten lassen, sagt meine Mutter. Ich lächele und fühle mich wieder als Komplize. Weiber, ne? Ich bekomme ein wenig Kleingeld, um zur Telefonzelle auf der anderen Straßenseite zu laufen und meiner Großmutter eine Gute Nacht zu wünschen, wie ich es seit jeher tat. 

Freitag, 1. März 2013

Der erste schöne Tag des Jahres

Der Nebel hat sich gelichtet, Wolken sind verschwunden, Vögel zwitschern und ein Obdachloser lächelt mich an. Ich verschlucke fast den Rauch meiner Zigarette und wende meinen Blick erschrocken ab. Die Lotterie des Lebens: Er ist zur falschen Zeit am falschen Ort geboren. Während ich meine neue Jacke spazieren trage und mich selbst in den Reflexionen der Bushaltestellen betrachte, immer auf dem Weg, um irgendeine nutzlose und halbherzige Seminararbeit oder was auch immer abzugeben, sitzt dieser bärtige Typ, der ungefähr in meinem Alter sein dürfte, verloren und trunken von den ersten Sonnenstrahlen eines weiteren beschissenen Jahres, voller Lebensmittelskandale, Regierungswahlen und Fußballspielen, auf einer kleinen Mauer neben dem Wissenschaftszentrum, einen Bergsteigerrucksack, der wahrscheinlich alle Habseligkeiten seines Lebens enthält, zu seinen Füßen. Das Grausamste und das Gerechteste auf unserer Welt ist der Zufall - er steht über allem, über Gott, dem Schicksal und über Paulo Coelho. Niemand ist seines verdammten Glückes Schmied. Vorbestimmt ist auch nichts. Wir alle werden in Grenzen und Beschränkungen geboren und können uns nur so sehr entfalten, wie es die Wände des Aquariums zulassen. Und trotzdem: Es hätte wohl jeden noch schlimmer treffen können. Jedes Problem und jedes Elend ist relativ. Das macht es aber auch nicht besser.

Ich fasse einen Beschluss: Sollte der Penner noch da sein, wenn ich auf meinem Rückweg hier vorbei komme, geb' ich ihm ein paar Zigaretten und 'nen Café aus. Ich bin fast ein wenig aufgeregt. Das Licht der Sonne bleicht die Farben der Sportplätze und schenkt selbst den hässlichen Betonklötzen der Philosophischen Fakultät ein wenig Charme und Glanz - wie am ersten Morgen nach Kriegsende. Vor dem Haupteingang stehen zwei Typen, die mit mir im selben Seminar gesessen haben. Ich grüße sie, doch in ihren Gesichtern, lässt sich ablesen, dass sie keine Ahnung haben, wer ich bin. Ich auch nicht.

Ohne ein Lächeln nimmt die unscheinbare Sekretärin meine Arbeit an. Sei sei die Letzte, die hier die Stellung halte, sagte sie. Ich wünsche ihr ein schönes Wochenende und verschwinde. Es scheint noch ein wenig wärmer zu sein, als ich wieder auf die Straße trete. Jack White brüllt in mein Ohr, so, dass ich die Lautstärke runterregeln muss. Die wilden Jahre sind wohl vorbei. Der Ohrenarzt sagte mir vor ein paar Wochen, dass ich gut auf meine Ohren achten solle - die Tinnitus-Jahre in den Probenräumen sind mir nicht gut bekommen. Es sei wichtig, schließlich sei ich jetzt in dem Alter, in dem ich Mozart noch uneingeschränkt genießen könne. Deine Mutter genießt Mozart, du Verbindungs-Wiesel, dachte ich. Ja, stimmt, sagte ich.

Als ich am Wissenschaftszentrum vorbei komme, ist der Penner verschwunden. Kein Aufgespiele, keine Philanthropie - aber wir leben ja auch nicht in der fabelhaften Welt der Amélie. Hätte ich das wirklich gemacht? Wahrscheinlich nicht.

A.