Freitag, 1. März 2013

Der erste schöne Tag des Jahres

Der Nebel hat sich gelichtet, Wolken sind verschwunden, Vögel zwitschern und ein Obdachloser lächelt mich an. Ich verschlucke fast den Rauch meiner Zigarette und wende meinen Blick erschrocken ab. Die Lotterie des Lebens: Er ist zur falschen Zeit am falschen Ort geboren. Während ich meine neue Jacke spazieren trage und mich selbst in den Reflexionen der Bushaltestellen betrachte, immer auf dem Weg, um irgendeine nutzlose und halbherzige Seminararbeit oder was auch immer abzugeben, sitzt dieser bärtige Typ, der ungefähr in meinem Alter sein dürfte, verloren und trunken von den ersten Sonnenstrahlen eines weiteren beschissenen Jahres, voller Lebensmittelskandale, Regierungswahlen und Fußballspielen, auf einer kleinen Mauer neben dem Wissenschaftszentrum, einen Bergsteigerrucksack, der wahrscheinlich alle Habseligkeiten seines Lebens enthält, zu seinen Füßen. Das Grausamste und das Gerechteste auf unserer Welt ist der Zufall - er steht über allem, über Gott, dem Schicksal und über Paulo Coelho. Niemand ist seines verdammten Glückes Schmied. Vorbestimmt ist auch nichts. Wir alle werden in Grenzen und Beschränkungen geboren und können uns nur so sehr entfalten, wie es die Wände des Aquariums zulassen. Und trotzdem: Es hätte wohl jeden noch schlimmer treffen können. Jedes Problem und jedes Elend ist relativ. Das macht es aber auch nicht besser.

Ich fasse einen Beschluss: Sollte der Penner noch da sein, wenn ich auf meinem Rückweg hier vorbei komme, geb' ich ihm ein paar Zigaretten und 'nen Café aus. Ich bin fast ein wenig aufgeregt. Das Licht der Sonne bleicht die Farben der Sportplätze und schenkt selbst den hässlichen Betonklötzen der Philosophischen Fakultät ein wenig Charme und Glanz - wie am ersten Morgen nach Kriegsende. Vor dem Haupteingang stehen zwei Typen, die mit mir im selben Seminar gesessen haben. Ich grüße sie, doch in ihren Gesichtern, lässt sich ablesen, dass sie keine Ahnung haben, wer ich bin. Ich auch nicht.

Ohne ein Lächeln nimmt die unscheinbare Sekretärin meine Arbeit an. Sei sei die Letzte, die hier die Stellung halte, sagte sie. Ich wünsche ihr ein schönes Wochenende und verschwinde. Es scheint noch ein wenig wärmer zu sein, als ich wieder auf die Straße trete. Jack White brüllt in mein Ohr, so, dass ich die Lautstärke runterregeln muss. Die wilden Jahre sind wohl vorbei. Der Ohrenarzt sagte mir vor ein paar Wochen, dass ich gut auf meine Ohren achten solle - die Tinnitus-Jahre in den Probenräumen sind mir nicht gut bekommen. Es sei wichtig, schließlich sei ich jetzt in dem Alter, in dem ich Mozart noch uneingeschränkt genießen könne. Deine Mutter genießt Mozart, du Verbindungs-Wiesel, dachte ich. Ja, stimmt, sagte ich.

Als ich am Wissenschaftszentrum vorbei komme, ist der Penner verschwunden. Kein Aufgespiele, keine Philanthropie - aber wir leben ja auch nicht in der fabelhaften Welt der Amélie. Hätte ich das wirklich gemacht? Wahrscheinlich nicht.

A.
        

Kommentare:

  1. Ja, was so ein paar Sonnenstrahöen nicht alles ausrichten können. Offensichtlich habe sie bewirkt, dass ich mich wieder an Deinen Posts erfreuen darf. Sehr schön.
    Und vielleicht, beim nächsten Mal, spendierst Du dem (oder einem anderen) Obdachlosen sofort einen Kaffee oder etwas in der Richtung. Ich denke, es kostet Überwindung. Und ich denke auch, es wird gemischte Gefühle hinterlassen. Aber ich denke, es würde sich lohnen. Für beide Seiten!

    Ich freue mich, dass Du wieder hier bist!

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  2. ich hab letztens 'nen cent gespendet, und fühlte mich wahnsinnig gut dabei. (und ich hoffe es zahlt sich im nächsten leben aus.)
    in berlin waren aber heute auch alle gleich viel entspannter durch die ersten sonnenstrahlen, und selbst die facebookwelt zeigte sich mal milimal weniger angepisst und aggressiv...oh wunder.

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