Samstag, 2. März 2013

Ein Abend im Sturm

Nichts ist vergleichbar mit dem Geräusch, das zwei Billardkugeln machen, wenn sie in einer verrauchten Kneipe aneinanderstoßen. Die Männer spielen mit Ansage, doch ich verstehe nicht einmal die grundlegendsten Regeln. Ich bekomme meine Cola in einem Bierkrug serviert und rauche an Salzstangen. Die Männer belächeln mich, aber ich komme mir vor, wie ein Komplize bei irgendetwas, irgendwie kriminell, irgendwie erwachsen. Wir müssen los, sagt mein Vater, deine Mutter ist sicher schon wütend. Ich gehorche.

Ich darf mir Chips und ein Comic in der kleinen Tankstelle gegenüber der Kneipe aussuchen. Ich entscheide mich für Monster Munch und Buffy - das weiß ich noch genau. Ich wollte immer Spike sein. Angel war schwul, irgendwie. Der Wind lässt die düsteren Äste am Rande der schmalen Straße gespenstisch tanzen. Doch die Heizung des Wagens und die Musik aus dem Autoradio verscheuchen alle Geister. Der Regen setzt ein, und das monotone Tagwerk der Scheibenwischer lässt die kindliche Euphorie des Kneipenbesuches ebenso verschwinden wie die Tropfen dunklen Regens auf der Windschutzscheibe. Sicherheit war Orientierung noch um Längen voraus in diesen Tagen. Was meinst du, was hier im Sommer los ist, wenn die ganzen Urlauber da sind, sagt mein Vater. Ich kann mir nicht vorstellen, was er meint. Keine Bilder können die triste Dunkelheit bei solchem Wetter im Februar ablösen. Und doch bin ich unbeschwert: Was kümmert es mich, was der Sommer bringt? Ausflüge sind wie Einschnitte in die Zeit: Vergangenheit und Zukunft sind bedeutungslos, was zählt, ist die Gegenwart, immer.

Der Wagen biegt in auf eine noch schmalere Straße. Mit ganzer Kraft drücke ich gegen die Autotür und kämpfe dabei gegen den Wind an, einen fast übermächtigen Gegner. Regen fällt in mein Gesicht. Mach' schnell, ruft mein Vater, sieh' zu. Ich war schon immer ein Träumer. Das Ferienhaus scheint das einzige zu sein, welches bewohnt ist - zu dieser Zeit. Schlamm und Wasser glänzen an meinen Schuhen. Ihr habt aber auf euch warten lassen, sagt meine Mutter. Ich lächele und fühle mich wieder als Komplize. Weiber, ne? Ich bekomme ein wenig Kleingeld, um zur Telefonzelle auf der anderen Straßenseite zu laufen und meiner Großmutter eine Gute Nacht zu wünschen, wie ich es seit jeher tat. 
 
Die Nacht drang mit aller Kraft in die Welt - abermals schien es mir, hatte sich alles verdunkelt. Meine zitternden, nassen Finger werfen Münzen in den Fernsprecher, bis anschließend das dröhnende Freizeichen von der vertrauten und behutsamen Stimme meiner Großmutter abgelöst wird. Hallo, Omi, hier ist Alex, sage ich - mit der Stimme eines Kindes. Na, du Urlauber, antwortet meine Oma. Die Freude in ihrer Stimme war nie zu überhören. Und schon plappere ich los. Jeden Abend vor dem Schlafen rief ich sie an, und, während andere Leute ein Tagebuch oder so etwas führten, redete ich mir bei ihr die Dinge von der Seele, bis mein Kopf leer und rein war und ich schlafen konnte. Ich erzähle ihr von der Kneipe, vom Billard, von dem fantastischen Frühstück, vom schlechten Wetter und von dem dunklen, nebelverhangenen Deich, auf dem mir meine Mutter die Geschichte von irgendeinem Deichgrafen erzählte, dessen Geist in stürmischen Nächten noch immer über den Deich ritt. Ich musste dabei die ganze Zeit an den Erlkönig denken. Ja, ich barg bang mein Gesicht, denn jetzt hatte ich eine Scheißangst vor'm Schimmelreiter. Während ich weitererzähle, beißt sich mein Blick immer wieder an der Stelle in der Dunkelheit fest, an der ich den Deich, das Meer, den Schimmelreiter vermute. Wir wünschen uns eine gute Nacht. Die Angst beflügelt meine Schritte, als ich zurück zum Haus laufe.

Und dann stehe ich vor einem riesigen Bett. Viel größer als jedes andere Bett, in dem ich je geschlafen hatte. In einem eigenen Zimmer! Ich streife meine Klamotten ab und knipse die Nachttischlampe an, als käme ich von einem langen Tag nach Hause, in mein Appartment, im verfickten New York City. Ich blättere in meinem Comic umher - gefallen tut es mir nicht. Licht aus. Der Wind hatte erneut zugenommen und peitschte den Regen und ein paar dünne Äste gegen mein Fenster. Wohlige Wärme umgab mich in meinem weißen Bettzeug. Ich weiß noch, wie ich mich anstrengte, nicht einzuschlafen. Ich wollte nicht, dass dieser Moment stirbt, unter keinen Umständen. Ich würde ihn festhalten, an mich binden und unsterblich machen. Nie hatte ich mich wohler gefühlt als an diesem Tag, in dieser stürmischen Nacht, in diesem riesigen Bett, in einem Ort, dessen Namen ich nicht einmal mehr weiß. Das ist über fünfzehn Jahre her, denke ich.

Noch heute, wenn ich nicht schlafen kann, denke ich an diese Nacht an der Nordsee. Egal, wo ich bin. Egal, ob jemand neben mir im Bett liegt. Und dann sehe ich das Mondlicht durch die Äste in mein Zimmer scheinen, höre den Sturm, der, von der See her, über Felder und Wiesen jagt, in dem Gefühl, das niemand ihn aufhalten kann. Ich höre den Regen, wie er an die Fassade und das Fenster prasselt, und fühle mich für einen Moment so sicher und geborgen, dass selbst der Schlaf, ein Verbrechen an dieser Gemütlichkeit wäre - und dann schlafe ich ein.

A. 

1 Kommentar:

  1. Sehr stimmungsvolle, schöne Schilderung.
    Dein letzter Satz beschreibt perfekt, wie es auch mir dann geht!

    AntwortenLöschen