Mittwoch, 17. April 2013

Aus den Erinnerungen des Katzenfürsten

Dreck. Ich schmecke Dreck in meinem Mund. Obwohl mir völlig unklar ist, woher ich das so genau wissen kann, bin ich absolut sicher. Es ist still um mich herum: Wind weht, ein paar Vögel singen, aber sonst ist Stille. Ich drehe mich auf den Rücken und spüre dabei, dass ich nicht in einem Bett liege. Ein stechender Schmerz zieht von meinem Nacken durch meine Schläfen wie ein Gift, das durch meine Venen direkt in mein Hirn pumpt. Vorsichtig öffne ich meine Augen. Grelles Sonnenlicht lässt meine Ohren kurz aufschrillen und verschlimmert für wenige Sekunden den Schmerz in meinem Kopf. Wo bin ich? Ich richte mich ein Stück auf, um den Sand neben mich auf den Boden zu spucken, sinke jedoch sogleich wieder zusammen. Ich bin auf einem Feld. Niemand ist bei mir. Ich lache mit meinem dreckigsten Lächeln die weiße Sonne an. Sie lacht zurück.

Es fühlt sich an, als würde ich meine Gliedmaßen zum ersten Mal benutzen. Die Erdanziehung reißt an mir, doch ich stehe. Etwa einhundert Meter neben mir liegt das bewachsene Ufer eines Sees, in dem sich die Sonnenstrahlen spiegeln. Sonst sehe ich nur Feld, das erst am Horizont von vereinzelten Waldstücken und kleinen Häusern abgelöst wird. Der Boden zu meinen Füßen ist zertrampelt und aufgewühlt. Als ich im Dreck meinen Schlafsack entdecke, treffen mich Gedankenfetzen wie Faustschläge. Aus meiner Erinnerung schallen die besoffenen Stimmen der Anderen zu mir. Kurze Episoden kehren zurück und werfen mich fast von meinen wackeligen Beinen. 
    
     "Lass' mal aufs Feld, da sind Kühe irgendwo!", ruft eine Stimme aus der Dunkelheit. "Wusstet ihr, dass Kühe im Stehen schlafen? Wenn man sie schubst, fallen sie einfach um."
     "So ein Schwachsinn! Als könntest du Hemd, 'ne verdammte Kuh umschmeißen", sagt eine andere Stimme. Ich kann zu diesem Zeitpunkt bereits keinen geraden Satz mehr hervorbringen.
     "Doch, Mann, ohne Scheiß, wenn du die anpogst, fallen die einfach um, die dämlichen Viecher. Das könnt ihr mir schon glauben. Haben wir neulich gerade gemacht. Ich geh' da jetzt hin und zeig euch das!", sagt die Stimme.

Eine Gruppe von zehn bis fünfzehn Jugendlichen erhebt sich vom Feuer. Ein paar Freunde von mir sind unter ihnen, also erhebe ich auch mich, wenn auch mühsam wie eine kaputte Maschine. Die Mädchen bleiben sitzen, was ich kurz bedauere, wenngleich es uns in dem Gefühl bestärkt, in den Krieg zu ziehen, martialische, harte Männer zu sein. Kettensägen und Tittenhefte. Ich verstehe kaum noch, was die anderen sagen, so sehr bin ich darauf konzentriert, nicht einfach umzufallen. Nach einer ganzen Weile stehen wir irgendwo in der Dunkelheit. Zwei einheimische Jungs streiten sich darüber, wo die verdammten Kühe denn überhaupt seien. Immer tiefer stolpern wir in die Nacht. Ich bekomm kaum noch etwas mit, doch plötzlich schallen fremde Stimmen durch die Finsternis. Kollektiv hören wir alle auf zu atmen. Zwei unserer Leuten rennen auf uns zu. Waren die weg?
     "Schnell, da ist irgendwer. Die haben uns gesehen! Lauft! Lauft!", rufen sie, als sie auf uns zu stürzen. Adrenalin rauscht durch meinen Körper und verschafft mir einen klaren Moment.
     Ich renne, ohne zu stürzen und halte irgendwie den Anschluss zur Gruppe, was mich ziemlich begeistert. Nach einiger Zeit holt mich mein besoffenes Hirn ein. So schnell hätte ich auch gar nicht laufen können. Wir bleiben stehen und schon bald löst unser Gelächter das verzweifelte Gieren nach Luft ab. Wir waren entkommen, selbst, wenn nicht wussten, vor wem oder was. Doch wo zur Scheißhölle waren wir? Die Gruppe zerstreute sich, glaube ich. Irgendwie waren wir mal mehr, am Anfang. Das Feuer und der See ließen sich in der Dunkelheit nicht einmal erahnen. Planlos und schwankend irrten wir weiter durch die Nacht, während unsere Zigaretten wie Glühwürmchen vor unseren Gesichtern glimmten, ohne uns den richtigen Weg zu weisen. Wir kamen zurück zu der Stelle, wo wir unsere Schlafsäcke zurückgelassen hatten.
     "Schlafsackpogen!", ruft irgendwer von uns. Ich war es nicht. Ich habe kaum noch Kraft.
     "Schlafsackpogen!", ruft ein anderer.
     Ich steuere meine Bewegungen nicht mehr selbst, denke ich, während ich benommen auf den Boden starre - und den Schlafsack von unten nach oben hochziehe. Schon habe ich den ersten Ellenbogen in den Rippen. Debil-grinsend stoße ich zurück. Gelächter erfüllt die Nacht. Wie Idioten springen wir in unseren Schlafsäcken umher, rempeln gegeneinander und grölen. Irgendwann verliere ich kurz das Gleichgewicht und stürze. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich irgendetwas gegen den Kopf bekomme. Licht aus.

Okay, so bin ich also auf dieses verfluchte Feld gekommen. Noch immer brennt die Sonne in meinen Augen. Ich muss fast lachen, so albern ist das alles hier. Ich komme mir vor wie im Leben eines Fremden. Ein Fuß vor den anderen. Ein Fuß vor den anderen. Langsam kommt die Maschine wieder in Gang. Verloren schlendere ich, mit meinem schmutzigen Schlafsack über der Schulter, zurück zum See. Ich weiß nicht einmal, was für ein Tag heute ist, denke ich. Ist auch nicht wichtig, es sind Ferien. Kurz kommen mir Gedanken an das richtige Leben. An die Zukunft und das bedrückende Gefühl der Ungewissheit. Ich wische sie mit einer Handbewegung davon und taste anschließend meine Klamotten nach Zigaretten ab. Die Packung ist zerdrückt und irgendwie feucht. Hatte es nachts geregnet? Bis auf ein verbogenes und leicht lädiertes Exemplar sind die Kippen nicht mehr zu gebrauchen. Ich schiebe das krumme Ding zwischen meine Zähne, grinse schief und komme mir vor wie Hannibal Smith. Was für ein unsagbar schöner Tag. Die Schuhe an meinen Füßen sind definitiv nicht meine: vom Licht gegerbte, braune Stiefel, offen und ausgelatscht. Hässliche Dinger. Aber wo sind meine Schuhe? Wenigstens trage ich welche. Das wird sich schon fügen. Alles wird sich fügen.

Ich laufe seit mehr als einer halben Stunde, denke ich. Genau weiß ich es nicht: Ich habe keine Uhr. Irgendwann lichten sich die Büsche und Bäume am Ufer und ich komme an die kleine Wiese mit dem Steg, auf der wir gestern ein Feuer gemacht hatten. Die Anderen liegen neben der erloschenen Feuerstelle wie die Überbleibsel einer verlorenen Schlacht. Geschlagen und müde. Ihre Klamotten sind ebenso schmutzig und zerknittert wie meine.
     "Ihr Scheißidioten habt mich einfach auf dem Feld liegen lassen! Ich hatte keinen Plan, wo ich bin, als ich eben aufgewacht bin. Scheiße, ey! Ihr könnt mich doch nicht da liegen lassen", brülle ich mit überschlagender Stimme in die toten Gesichter.
     "Mann, beruhig' dich. Du wolltest nicht mit. Wir haben gesagt, dass wir zurückgehen - du hast nicht reagiert", antwortet einer und kämpft gegen ein Grinsen.
     "Ja, weil ich weg war, du Idiot", antworte ich und drehe mich weg. Ach, fickt euch, denke ich. "Ach, fickt euch!", sage ich.

Ich gehe hinunter zu dem kleinen hölzernen Steg und lasse das Gekicher hinter mir. Das Holz ist so dicht über der trüben Wasseroberfläche, dass die Vibrationen meiner Schritte kleine Wellen auslösen, die langsam von mir weg gleiten, bis sie allmählich im Nichts verschwinden. Ich lege mich auf den Bauch, um mich zu waschen. Als sich das verzerrte Farbenspiel im Wasser langsam zu meinem Spiegelbild formt, bemerke ich, dass das, was ich auf den ersten Blick für Schmutz gehalten hatte, in Wahrheit Farbe oder Schminke ist. Ich erkenne nachgezogene Augen, eine schwarze Nasenspitze und Schnurrhaare. Was zur Hölle? Ich bin geschminkt wie eine beschissene Katze. Konzentrier' dich! Das Make-up verläuft. Konzentrier' dich! Nein, es fällt mir nicht ein. Mehr Wasser. Erinnerungen kehren zurück, werden klarer: Es war genau hier. Der Mond spiegelt sich im Wasser des Sees. Ein dunkelhaariges Mädchen sitzt vor mir. Wie heißt sie? Caro. Sie malt in meinem Gesicht herum und mahnt mich, stillzuhalten. Ich sehe direkt in ihre Augen. Eine Freundin hatte mir gesagt, dass Caro mich süß finden würde. Hieß sie so? Ohne es zu wollen, suchte ich ihre Nähe. Guck', wo das geendet hat, du Trottel. Es kommt mir vor, als sei ich seit Tagen wach. Soll ich sie küssen? Ich weiß nicht einmal mehr, wie ich hergekommen bin.
     "Das ist so schwul! Ich fühle mich schmutzig", ruft eine Stimme hinter mir. Einer meiner Freunde sitzt auf der anderen Seite des Stegs. Er hat ein Katzengesicht. Wie ich.

In der nächsten Einstellung torkele ich auf dem Steg umher, mache ab und an das, was ich für eine Ballett-Bewegung halte und singe, nein, ich schreie aus vollem Hals in die Nacht: "Memory. All alone in the moonlight. I can smile at the old days. Da, da, da, da, da, daaaam." Ausfallschritt. Irgendwann stehe ich bis zu den Knien im Wasser und mache alberne Armbewegungen in Richtung des Mondes. Ah, meine Schuhe!

Ich muss sie ausgezogen haben, nachdem ich im Wasser war. Kluger Junge. Nur wessen Schuhe trug ich? Als ich zurück zur Gruppe ging, war jeder Gram vergessen und ich lachte wieder. In einiger Entfernung kamen die Mädchen zurück.

Im weiteren Verlauf des Tages sollte ich meine Schuhe wiederfinden, noch mehr merkwürdige Leute kennenlernen, mit einem der Mädchen im Schlafsack landen, erleben wie ein Mädchen, das mit mir im Schlafsack gelandet ist, von einer riesigen Spinne gebissen wird (Keine Metapher), besoffen herzzerreißende Duette singen, Gitarre spielen, bis meine Finger bluten, ein Tagebuch stehlen, es durch witzige Einträge erweitern und anschließend zurückbringen, versehentlich Schweineblut trinken, den Film "Identität" sehen, so tun, als mache mir der Film "Identität" keine Angst - und unendlich viel lachen und glücklich sein.

Das ist zehn Jahre her.

A.            

Kommentare:

  1. Ich hoffe, das ist ein (Alb)Traum von vor zehn Jahren. Ich fürchte, ich täusche mich.

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    1. Tatsächlich ist das wirklich passiert.

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    2. Wenn's wirklich passiert ist, macht's den Text nur noch dreimal großartiger. Bei welchem Verlag erscheinst du noch mal?

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    3. Vielen Dank! Ich bin offen für Angebote.

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