Donnerstag, 25. April 2013

Morgendämmerung

Das Auto hält vor dem alten, grau-verputzten Gebäude, das ich in meiner Kindheit immer für die Überreste einer Burg gehalten hatte. Ob es wirklich alt ist, weiß ich gar nicht genau. Eher nicht. Aber es war vor mir hier. Mein Opa zeigte immer darauf und sagte dann, dass diese Kerben am Dach "Schießscharten" seien und dass dort die Stasi sitzen würde. "Schießscharten". Immer wieder sagte ich dieses Wort im Geiste. Mit der Stasi konnte ich nichts anfangen, aber sie musste etwas Schlechtes sein, so viel stand fest. Sonst hätte mein Opa es nicht in diesem Ton gesagt. Nach der Wende bezog die örtliche Polizei das Gebäude. Oder war sie schon vorher da? Den Produzenten einer ZDF-Serie, die in unserer Stadt spielt, war das Revier jedenfalls zu hässlich, weswegen sie sich einfach ein neues ausdachten, irgendwo in einem Berliner Filmstudio. Als Außenkulisse verwenden sie eine Musikschule in der Altstadt. Das fand' ich immer total bescheuert, aber wen kümmerte das schon? Im Fernsehen funktioniert so etwas. Ich war noch nie hier. Ich war nervös.

     "Erzähl' da keinen Scheiß. Du hast doch Nichts zu verbergen, das weißt du, oder? Reiß' dich zusammen!", sagt mein Vater, kurz bevor ich aus dem Wagen steige. Ich nicke wortlos, knall' die Tür hinter mir zu und zünde mir mit zittrigen Händen eine Zigarette an. Ich blicke zurück und sehe, wie mein Vater meine Bewegungen imitiert und mir anschließend einen Vogel zeigt. Dann fährt das Auto davon und verschwindet im Verkehr.

Halb-geraucht werfe ich die Kippe auf den Bürgersteig und komme mir dabei bereits vor, als würde ich eine Straftat begehen. Und das unter den Augen des Gesetzes. Ich muss mich gegen die schwere, riesige Tür stemmen, um sie überhaupt zu bewegen. Niemand zu sehen. Ich entdecke so etwas wie einen Wartebereich, an dessen Ende eine Art Durchreiche ist. Wie in Irrenanstalten in amerikanischen Filmen. Als ob ich dort meine Medikamente bekommen würde. Sagt man noch Irrenanstalt? Ich denke nicht. 
     "Tag, ich komme wegen einer Anhörung", sage ich fast eine Spur zu devot und zögerlich. Pokerface, Lexman, Pokerface! Emotionslos blickt mich der Beamte an. Ich lege meine Papiere vor ihm auf den Tisch.
     "Setzen Sie sich. Sie werden dann gerufen." Forscher Ton. Freundlichkeit und Unschuldsvermutung hat man auf eurer dämlichen Sportberufsschule wohl nicht unterrichtet, aber ihr seid ja auch keine Dienstleister, sondern Übermenschen-Samurais, oder? 
     "Danke, ja, mach' ich", antworte ich und setze mich auf eine der sterilen Metallbänke hinter mir. Oben hängt eine große Bahnhofsuhr, die nun wirklich penetrant laut tickt. Psychologische Kriegsführung I.

Ein untersetzter Beamter mit schwindendem Haar und Schnurrbart öffnet eine Tür und sagt laut meinen Namen. Er fügt noch sowas wie "Dann wollen'we mal" hinzu. Er führt mich eine Treppe hoch. Meine Sneaker machen quietschende Geräusche auf den Stufen. Es riecht wie früher in der Schule. Und es fühlt sich auch so an. Linoleum auf den Fluren. Der Beamte schließt eine Tür auf, während ich mich frage, wann er wohl das letzte Mal den Sporttest der Sporthochschule Köln absolvieren musste, von dem immer alle reden.
     "Sie nehmen Platz. Es geht gleich los." Tür zu.

Ich erinnere mich an die Worte meines Großvaters und bilde mir nun ein, die Gegenwart des Geistes der Staatssicherheit spüren zu können. Eine nackte Glühbirne surrt über dem metallernen Tisch, an dem ich sitze und auf mein Urteil warte. Psychologische Kriegsführung II. Es gibt sogar eine verspiegelte Glasscheibe. Wie im Film. Nur irgendwie hässlicher. Für meinen Fall wird sich wohl kaum jemand so sehr interessieren, dass er mich von der anderen Seite beobachten würde, um mein Verhalten zu studieren. Meine wackeligen Bewegungen und mein unruhiger Blick würden mich jedoch seit jeher für nahezu jedes begangene Verbrechen dieser Welt verdächtig machen, ganz gleich, ob ich es tatsächlich begangen hätte. In mir ist ein merkwürdiges Schuldbewusstsein für alles. Schon immer. Ich wäre kein guter Verbrecher. Bin ich einer?
     "Schöne Scheiße habt ihr da gemacht, ne?", sagt der Beamte, als er zurückkehrt. Man spürt, dass er sich darum bemüht, möglichst so zu tun, als sei unser Fall die ganze Zeit bei ihm präsent gewesen. Er wusste immer, worum es ging. Immer Herr der Lage bleiben, wie beim Poker. Er manövriert seinen massigen Körper langsam um den Tisch herum, bis er schließlich mir gegenüber Platz nimmt und mich eindringlich ansieht.
     "Wenigstens ein ordentlich schlechtes Gewissen jetzt?, fragt er.
     "Na klar, und wie. Was da...", antworte ich, doch er schneidet mir sofort das Wort ab. Psychologische Kriegsführung III.
     "Fangen wir mal von vorne an", sagt er forsch. Er ist offenbar guter und böser Bulle. "Wir sprechen hier von den Ereignissen der Nacht vom 14. auf den 15. Dezember, richtig?"
     "Ja", antworte ich pflichtbewusst. Dann unterschreibe ich irgendetwas.
     "Dann erzähl' das Ganze mal aus deiner Sicht", sagt er und macht sich irgendwelche Notizen. Ich wische meine schweißnassen Hände an meinen Hosenbeinen ab und lasse mich auf meine Erinnerungen ein.

Der gesamte Abend existiert nur noch in Episoden vor meinem inneren Auge. Die Freitage gingen ineinander über; ich konnte sie kaum noch unterscheiden, kaum voneinander trennen. Alles, was diesen Abend bemerkenswert machte, war sein Ende.

Bevor wir in den Club gingen, in dem wir jeden Freitag waren, um unser Zivildienstgehalt zu versaufen, fuhren wir an diesem Abend in eine Bar in der Altstadt. Ein Irish Pub. Ich liebte die Bar. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr ging ich hier so lange ein aus, bis die Kellnerinnen meinen Namen kannten und ich anschreiben lassen durfte. Hier küsste ich Mädchen auf dem Klo, fasste große Pläne, spielte Poker und verbrachte Millionen von Abenden damit, den Rauch meiner Zigarette in die kleinen Tonlampen zu pusten, die über den glänzenden, roten Holztischen hingen. Günter Grass und Astrid Lindgren seien sogar mal hier gewesen, doch die einzigen Zeugen dessen, sind zwei kleine gravierte Metallplättchen, die an die Plätze montiert wurden, an denen die beiden Autoren angeblich gesessen hätten. Ich versuche mich zu erinnern, wer noch dabei war. Die Gesichter verschwimmen. Ein paar Bier, ein paar Kurze und weiter. Wir mussten auf jeden Fall vor 23.00 Uhr im Club sein, sonst hätten wir Eintritt bezahlen müssen. Die Zeit war uns davon gelaufen, was aber nichts machte, da einer der Jungs sein Auto dabei hatte. Wie viel hatte er getrunken? Egal, ist ja nur ein kurzes Stück.
Die Schlange reichte bereits bis weit nach draußen, doch das hieß nichts. Auf die Minute genau bekamen wir unseren Stempel und verschwanden im Kellergewölbe des Studentenclubs. Keiner meiner Freunde war ein Student. Überhaupt kannte ich kaum jemanden, der hier studierte. Ein kurzer Blick zur Tanzfläche. Der DJ schien die einzige Person im Raum zu sein. Wir gehen an die Bar. Desperados. Ich ziehe das Limettenstück aus dem Flaschenhals und lasse es vor mir auf den Boden fallen. Ich trete darauf, als wäre es der glimmende Rest einer Zigarette und spüre das schleimige Stück Frucht unter meiner Sohle. Dann verschwimmt alles. Jeder geht seines Weges, trifft andere Leute, Freunde, und redet mit Menschen, die einen eigentlich nur noch besoffen kennen. Dunkel.

Irgendwann stehe ich auf der Tanzfläche. Die Luft ist heiß und feucht. Ich beobachte meine Arme im Stroboskoplicht. Meine Hände sind zu Fäusten geballt. Die Decke ist so niedrig, dass ich sie berühren kann. Es ist egal, ob ich den Takt treffe. Ich schiebe mir eine Zigarette zwischen die Zähne und irgendwer zündet sie an. Mein Gesicht formt sich zu einem Grinsen.

     "Wie muss ich mir das vorstellen? In diesem Club, waren sie dort die ganze Zeit zusammen, also Sie und ihre Freunde?", fragt der Beamte. Er ist wieder zum Sie gewechselt.
     "Nee, natürlich nicht. Das sind viele andere Leute, die man kennt. Ab und an trifft man sich wieder, aber man hängt da nicht den ganzen Abend zusammen." Ich merke, worauf seine Frage abgezielt hat. Ich werde ruhiger.
     "Also wussten sie auch nicht, wie viel die Anderen, vor allem natürlich der Beschuldigte getrunken hatten?"
     "Nein."
Ich stolpere von der Tanzfläche und laufe in irgendeinen Händedruck. Dann eine Umarmung. Jemand richtet eine Kamera auf mich und ich spüre den Körper irgendeines alten Freundes neben mir. Ich stecke meine Zunge heraus und tue so, als würde ich an seiner oder ihrer Wange lecken - und lecke dabei an seiner oder ihrer Wange. Keine Ahnung, wer das war. Schwankend greife ich nach der Toilettentür. Ich summe die Musik mit, die durch die Wände dröhnt, und suche mir eine freie Kabine. Meine Ohren pfeifen. Die Fugen der Fliesen an den Wänden verschwimmen. Kotze klatscht auf Porzellan. Das T-Shirt klebt an meinem Rücken.

     "Also hatten Sie tatsächlich keine Ahnung, was da vor sich ging und wo das Ganze hinführen könnte? Sie müssen doch auch etwas gemerkt haben", sagt der Beamte und sieht mich streng an.
     "Ich war selbst ziemlich betrunken. Ich hatte auch die Kontrolle verloren."

Die schwankenden Zeiger meiner Uhr sagen mir rein gar nichts. Ich will gehen und suche die Anderen, um Bescheid zu sagen. Dunkel.

In der nächsten Einstellung bin ich draußen auf dem Parkplatz und pöbele irgendeinen Typen an, der bei meinen Freunden steht. Ein Kumpel von mir geht dazwischen und sagt lallend, dass der Kerl okay sei und bei uns mitfahren würde. Ich ziehe die Augenbrauen hoch und sage: "Ich fahr' Taxi" Dunkel.

Ich sitze auf dem Beifahrersitz und blicke in meinen Schoß: Ich zähle mein Taxigeld. Die Anderen im Auto grölen. Der Fremde vom Parkplatz sitzt hinter mir. Als der Fahrer los will, versperrt uns plötzlich ein Auto den Weg und fordert durch Handzeichen dazu auf, das Fahrerfenster herunterzukurbeln. Sie reden laut. Ich verstehe kaum etwas. Einer von ihnen ruft: "Ihr wollt doch nicht etwa noch fahren. Ihr seid doch zu. Hier stehen überall Bullen, Mann, lasst das Auto einfach stehen." Der Fahrer bepöbelt sie und ich rufe: "Fickt euch" vom Beifahrersitz. Wir lachen. Alles Idioten. Keine Ahnung, warum. Irgendwann geben die Typen auf und machen den Weg frei. Ich sehe zurück nach unten und zähle mein Taxigeld. Dunkel.

Der Motor heult auf. Wir singen laut irgendetwas. In meinen Händen halte ich noch immer das Kleingeld. Ob ich noch immer auf ein Taxi warte? Straßenlaternen und Dunkelheit fliegen an den Fenstern vorbei. Wie schnell sind wir? Der Fahrer brüllt und lacht wie wir alle. Dann verliert der Wagen kurz die Spur. Ein Aufprall, noch ein Aufprall. Wie im Zeitraffer dreht sich das Auto. Einmal, zweimal, keine Ahnung. Wir kommen zum Stehen. Fuck, was war das? Der Fahrer versucht, den Wagen zu starten. Der Motor röchelt kraftlos wie ein sterbendes Tier; Rauch legt sich auf die Frontscheibe. "Wir müssen hier raus!" Wer hat das gesagt? Mein Kopf und meine Knie schmerzen. Bin ich irgendwo angeschlagen? Die Beifahrertür lässt sich nicht öffnen, so sehr ich auch an ihr reiße. Ich kurbel das Seitenfenster herunter und klettere unglaublich schnell aus dem Wagen. Mir ist völlig unklar, wie ich das so schnell bewerkstelligen konnte. Die Angst, das Adrenalin, lässt mich aufklaren. Der Fremde vom Rücksitz klettert aus dem Auto und verschwindet humpelnd und wortlos in einem Wohngebiet. Wer verfickt noch mal war das? Ich sehe mich um: Eine Straßenlaterne ragt umgeknickt über die Fahrbahn. Das Licht ist allen Laternen ist ausgefallen. Zwei bis drei Meter neben der Straßenlampe steht eine verdrehte Ampel - die müssen wir ebenfalls gerammt haben. Ein weiterer Freund klettert vom Rücksitz nach draußen. Das Auto sieht scheußlich aus: Die gesamte Front ist zerrissen und gequetscht. Die Achse sieht aus, als wär' sie gebrochen. Der Fahrer sitzt noch immer hinter dem Steuer und versucht, den Wagen zu starten. "Alles in Ordnung? Geht es euch gut? Ich habe die Polizei gerufen", ruft eine Stimme aus der Dunkelheit. Mein Blick ist verschwommen. Wer hat das gesagt? "Schiebt mal! Schiebt den Wagen, Mann!", ruft der Fahrer. Völlig überfordert mit allem, gehorchen wir. Nichts, das Auto ist wie verkeilt. Immer wieder versucht er, den Wagen zu zünden. Noch mehr Rauch dringt nach außen. "Er muss daraus", sagt irgendwer, vielleicht auch ich selbst. Wir ziehen ihn aus dem Wagen. Erst jetzt, als er das zerstörte Auto sieht, scheint auch er zu realisieren, was passiert war. Ich weiß nicht, was ich sagen oder denken soll. "Fuck!", brüllt er, "Fuck" und schlägt mit seinen Händen auf das Dach des Wagens. "Ich bin tot. Ich bin tot, ey. Fuck. Meine Eltern bringen mich um."

     "Können Sie den Unfallhergang noch einmal genau wiedergeben?", fragt der Beamte.
     "Eigentlich nur ein bisschen. Die ganze Strecke hätte eigentlich nur so fünf Minuten gedauert. Das ist halt kein weiter Weg, ne? Ich hab' kaum etwas mitbekommen, weil ich relativ betrunken war. Wir waren auf gerader Strecke, höchstens so zwei Minuten unterwegs, da ist es passiert", antworte ich.
      "Haben Sie denn mitbekommen, wieso der Fahrer die Straße verlassen hat?"
      "Nee, das ging alles furchtbar schnell. Erst durch den Schock, als es denn passiert war, hab' ich das alles erst verstanden." 

Machtlos sehe ich dem Fahrer zu, wie er auf das Dach des verbeulten Wagens trommelt und in die Nacht schreit. Er ist einer meiner besten Freunde und ich weiß, dass er recht hat. Jedes Lächeln ist gestorben. Ein Mädchen mit Fahrrad steht neben uns auf dem Bürgersteig. Sie hat die Polizei gerufen. "Moment, kannst du, ich meine, kannst du nicht sagen, dass du gefahren bist? Du warst immerhin auch dabei. Ich krieg' sonst echte Probleme", sagt der Fahrer zum Mädchen. Er weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie überhaupt nicht bei uns mitgefahren ist. Mehr und mehr merke ich, was passiert war. Und was für unglaublich besoffene Idioten wir sind. Ein Polizeiwagen hält neben uns: "N'Abend, die Herren". Das Licht einer Taschenlampe brennt grell in meinen Augen. "Ausweise!", "Wer ist gefahren?", "Gut, dann einmal mitkommen zum Pusten". Ein Beamter bleibt bei mir und dem Anderen zurück, während der Fahrer ein paar Meter weiter getestet wird. Den kaputten Wagen würdigen sie kaum eines Blickes. "Seid ihr verletzt? Irgendetwas gebrochen? Nee, ne? Ihr seid unbeschadet, oder?", fragt er schroff, während er mich erneut mit der Taschenlampe blendet. "Ja, ich denke schon", sage ich. Wir haben keine Freundlichkeit zu erwarten - und auch keine verdient.

"Eins-sieben", brüllt der eine Beamte dem anderen zu. Dieser zieht zynisch seine Augenbrauen nach oben und sagt: "Nicht schlecht, nicht schlecht". Der Fahrer wird sofort auf den Rücksitz des Streifenwagens bugsiert. "Wo bringen sie ihn hin?", sage ich laut. Keine Antwort. Die Beamten steigen in den Wagen. Ich gehe auf den Streifenwagen zu und klopfe ans Fahrerfenster. "Wo bringen Sie ihn hin?", frage ich erneut. "Der kommt jetzt erst einmal ins Krankenhaus zur Blutuntersuchung. Geht nach Hause!", antworten die Bullen, teils belustigt, teils genervt von mir. Ich gebe den beiden meine Adresse, damit sie den Fahrer bei mir abliefern, statt ihn auf der Wache oder bei seinen Eltern sich selbst zu überlassen. Dann fährt das Polizeiauto los. Und wir stehen in der Dunkelheit. Ich verabschiede mich von dem letzten verbliebenen Insassen, fast wortlos. Nur ein Nicken.

Ich laufe allein durch dunkle Straßen. Und ich schäme mich. Jetzt sind wir wie die Trottel aus den Nachrichten. Keinen Deut besser. So leicht urteilt man immer über solche Dinge - und ist selbst genauso ein Schwachkopf. Wir müssten erwachsen werden. Wir hätten irgendwen überfahren können; irgendein unbeteiligtes Auto rammen können, sterben können. Ein paar Zentimeter weiter links und es hätte für mich und die Anderen schlimm ausgesehen - in einem Auto ohne wirkliche Knautschzone. Meine Gedanken rasen und ich kämpfe gegen Konjunktive wie gegen Windmühlen. Meine Hände zittern so sehr, dass ich kaum die Tür aufschließen kann. Statt in mein Zimmer zu gehen, laufe ich gerade aus, den Flur runter, und wecke meine Eltern. Sie sind schockiert, aber sie bleiben ruhig. Kein schlechtes Wort. Sicher, wir seien Idioten, aber zum Glück sei nichts Schlimmeres passiert. Sie machen mir Tee und gemeinsam warten wir, bis die Bullen den Fahrer zu uns bringen.

Als es an der Tür klingelt, zieht schon langsam das Licht der Morgendämmerung über den Himmel. Der Fahrer ist wie paralysiert. Ich gebe ihm eine Zigarette aus der zerdrückten Schachtel in meiner Tasche. Ich weiß nicht, was ich sonst tun soll - und klopfe ihm auf die Schulter. Unsere Blicke treffen sich kurz und wir wissen beide, dass das Schlimmste ihm bevorsteht und nicht mir. 

     "Ich brauche Dir nicht zu sagen, dass Ihr eigentlich noch Glück hattet, oder?", sagt der Beamte.
     "Nein, natürlich nicht. Das brauchen Sie nicht", antworte ich zögerlich.
     "Ich kann also auch davon ausgehen, dass so etwas nie wieder passiert?
     "Definitiv" Er steht auf und geht zur Tür.
     Als er wiederkommt, legt er ein Formular auf den Tisch und bittet mich, meine Aussage zu unterschreiben. Ich kann die Buchstaben kaum zu Worten formen. Ich unterschreibe einfach. Die Sache sei für mich erledigt, sagt der Beamte. Ich hätte Glück im Unglück gehabt. Für meinen Freund würde es hingegen ernster werden. Er streckt mir die Hand entgegen und sagt: "Ich hoffe, wir sehen uns nie wieder". Das hoffe ich auch.

Das ist sechs Jahre her.

A.       

Kommentare:

  1. "Wir gehen an die Bar. Desperados. Ich ziehe das Limettenstück aus dem Flaschenhals und lasse es vor mir auf den Boden fallen. Ich trete darauf, als wäre es der glimmende Rest einer Zigarette und spüre das schleimige Stück Frucht unter meiner Sohle."

    Ganz groß. Ziehe meinen Hut.

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