Donnerstag, 16. Mai 2013

Die Arien der Könige der Nacht

Das Telefon klingelt. Einmal. Zweimal. Ich tippe auf das grüne Symbol.
     "Ja, Dr. Dreys hier, Neurologie, Sie hatten um Rückruf gebeten. Was kann ich für Sie tun?", sagt die etwas fahrige Stimme meines Arztes. Er hat keine Ahnung, wer ich bin, schätze ich.
      "Ja, guten Morgen. Sie sagten, ich solle mich melden, sollten die Symptome sich verschlimmern. Nun, die Symptome haben sich verschlimmert, schätze ich", sage ich und erkläre ihm, was ich meine.
      Er wählt seine Worte mit Bedacht und lässt lange Pausen zwischen seinen Worten. Am Telefon wirkt diese Eigenschaft noch dämlicher als von Angesicht zu Angesicht. Er rät mir, mich zur Notaufnahme der Neurologie zu begeben. Jetzt bereue ich den Anruf.
     "Aber reicht es nicht, wenn ich nächste Woche einfach die Ultraschalluntersuchung mache?", frage ich, eine Spur zu weinerlich, so als wäre die Verzweiflung in meiner Stimme gespielt und schlecht dosiert.
     "Wenn es etwas Ernstes ist, was ich am Telefon ja nun schwerlich ausschließen kann, bin ich überzeugt, Sie wüssten es lieber schon diese Woche. Abgesehen davon müssen Untersuchungen durchgeführt werden, die ich hier und jetzt sowieso nicht machen könnte, kämen Sie in die Praxis", antwortet er.

Die Sonne wirft grelles Licht in meine Augen, so, dass ich sie zusammenkneifen muss. Irgendwie fühle ich mich befreit, auch, wenn ich nicht weiß, warum. Niemand kann mich fahren. Busse sind mir zu voll, ein Taxi zu teuer. Ich gehe. Ich bin immer gegangen. Google sagt, dass ich dreizig Minuten bis zu meinem Ziel brauchen würde. Als ich an der Straße stehe und schnell von rechts nach links sehe, gibt die der Bordstein kurz nach und das Bild verschwimmt. Mein Kopf zittert. Ich reiße mich zusammen und gehe weiter. Ein Schritt nach dem anderen. Mir ist heiß. Das T-Shirt beginnt, an meinem Rücken zu kleben. Die Menschen sehen geschäftig aus. Wie auf Schienen eilen sie durch die Gassen, können kaum an den Ampeln warten. Vorm Bäcker sitzen zwei unrasierte Arbeiter und pusten den Rauch ihrer Zigaretten in die Luft.

Irgendwann werden Wohnhäuser und Geschäfte zu Verwaltungsgebäuden und Bettenhäusern: Ich bin auf dem Campus der Universitätsklinik. In der Notaufnahme des Neurozentrums laufe ich direkt einer Schwester in die Arme. Sie fängt mich ab.
     "Kann ich Ihnen helfen?", fragt sie, als hätte ich mich auf verbotenes Gebiet begeben oder wäre in einem Laden beim Klauen erwischt worden.

Ich erzähle ihr alles, unverblümt und unaufgefordert, als wäre sie der letzte Arzt und mein Leben würde von nun an von ihren Entscheidungen abhängen. Ich kann gar nicht anders. Und dann lande ich in den Mühlen des Krankenhausbetriebs. Ich fülle irgendeinen Anmeldebogen aus und bemühe mich dabei nach Kräften, nicht wie ein siebenjähriger Idiot zu schreiben, was mir nur halb gelingt. Rau und unbeholfen kratzt der Kugelschreiber in das abgewetzte, dünne Papier und hinterlässt unvollkommene Eckdaten eines Lebens: Name, Vorname, Geburtsdatum, Adresse, Hausarzt, Allergien, Medikamente, Beschwerden. Das Wartezimmer ist klein und leer. Ich muss pinkeln, aber fürchte, meinen Aufruf zu verpassen, sollte ich nachgeben und hinter der Toilettentür mit dem H zu verschwinden. Eine Stunde vergeht. Zwei Stunden vergehen. Ich denke an das Buch, das neben mir in meiner Tasche liegt. Ich könnte es einfach herausholen und die Zeit würde nicht mehr ins Gewicht fallen. Ich wusste schließlich ungefähr, wie es in der Notaufnahme laufen kann, wenn man nicht blutet oder im Liegen eintrifft. Wie oft bin ich während meines Zivildienstes an der vollbesetzten Notaufnahme vorbeistolziert, um hinter den automatischen Türen eine zu rauchen, unberührt von den Schicksalen der Wartenden? Doch ich bilde mir ein, der ganzen Institution hier Unrecht zu tun, sollte ich jetzt einfach so lesen, respektlos gegenüber den Patienten mit gewichtigeren Problemen, die vielleicht nach mir an der Reihe sind. Ein Mann im weißen Kittel betritt das Wartezimmer. Er ist höchstens in meinem Alter. Dreitagebart, blondes, etwas längeres Haar und eine Retro-Brille. Er stellt sich mir als Student im praktischen Jahr vor. Ich bin unvoreingenommen und froh, dass das verdammte Warten ein Ende hat. Ich erzähle ihm alles.

Mein T-Shirt riecht nach Schweiß, während ich demonstriere, wie toll ich nicht mit geschlossenen Augen laufen kann. Ich schäme mich für den Geruch. Schäme mich dafür, dass es ihm bestimmt auffällt.
     "Gut, das würde ich jetzt gern noch einmal mit meinem Vorgesetzten klären", sagt er und lässt mich im Behandlungszimmer der Notaufnahme zurück.

Als sich die Tür erneut kurz öffnet, drängt ein wohlbekannter Geruch in meine Nase: diese leicht-süßliche Mischung aus dem Duft von Desinfektionsmittel und dem Gestank vieler beengter Menschen. Der Geruch der Vergangenheit, der Geruch meines zwanzigsten Lebensjahres. Der Kittel des neuen Arztes hat eine andere Farbe, Orden oder Dienstgrade sucht man vergeblich. Russischer Akzent. Osteuropäischer Akzent? Ich verstehe seinen Namen nicht. Der Student ist ihm dicht auf den Fersen wie ein Schatten. Obwohl er das Klemmbrett mit den Notizen seines Vorgängers in den Händen hält, muss ich von Neuem beginnen. Ich erzähle ihm alles. Natürlich. Er fragt, ob ich momentan viel Stress hätte. Vorsichtig versucht er, sich heranzutasten: Er will wissen, ob es psychisch ist. Ich sage ihm, ich sei nicht der Typ für sowas. Macht mich das nicht viel verdächtiger? Trotzdem würde er mich gern hier behalten.
     "Ich muss das noch einmal mit meinem Oberarzt abklären, doch dann würde ich sie gern stationär aufnehmen" Beide verschwinden hinter der automatischen Tür. Hierachiemäßig muss das hier wie eine riesige Pyramide aufgebaut sein, in der niemand ohne die Erlaubnis des Oberen pissen gehen darf.

Eine halbe Stunde vergeht. Als sie zurückkehren, wird mir gesagt, dass ich gleich abgeholt werde, man würde mich auf mein Zimmer begleiten, ich würde mindestens eine Woche bleiben, der ganzen Sache würde auf den Grund gegangen werden, ich solle mir keine Sorgen mehr machen.
      "Alles Gute!", sagt er und schüttelt mir die Hand.
      Alles Gute, Dimitri, denke dich. "Danke, äh" sage ich.

Vier-Bett-Zimmer. Schon kurz, nachdem ich auf meinem Bett platzgenommen habe, desinfiziere ich in Gedanken meinen gesamten Körper; ich sehe mich am Rande einer gigantischen Badewanne, gefüllt mit Stirillium-Virugard. Ich springe hinein. Mein "Moin" verhallt in der stickigen Luft des viel zu warmen Patientenzimmers. Betretenes Schweigen. Ich komme mir vor, als sei mir eine Zelle zugewiesen worden, voller erfahrener Verbrecher. Im Zimmer stehen sich jeweils zwei Betten gegenüber. An der Decke hängen zwei Fernseher: der eine auf unsere, der andere auf die gegenüberliegende Seite gerichtet. In dem Bett neben mir liegt ein Pärchen, etwa in meinem Alter, das mich jedoch keines Blickes und auch keines Wortes würdigt. Auf der Gegenseite liegen zwei Männer jenseits der Achtzig. Die Frau im Nachbarbett lacht auf, so, dass ich aus meiner Benommenheit gerissen werde. Two and Half Men. Ich kann darüber nicht mehr lachen. Die Serie wurde zur Hure gemacht. Rar und frisch, wie sie früher war, ist sie längst nicht mehr. Kein Sitcom-Highlight am Samstag-Nachmittag. Sie wurde gefreit von all den lachenden RTL-Asis, die Pro7 zu ihrem Seriensender gemacht haben. Geil ablachen den ganzen verfickten Tag lang. Wiederholung für Wiederholung für Wiederholung. Und jetzt läuft die Serie faltig, stinkend und benutzt durch die dunkelsten Straßen der Stadt. Neben ihr stehen die Simpsons und der verfluchte King of Queens und halten ihre wabbernden Oberschenkel ins Scheinwerferlicht vorbeifahrender Kunden. How I Met Your Mother, Big Bang Theory - sie sind die Nächsten. Scrubs! Täglich werden sie gefickt, bis sie ausgeleiert und abgestanden sind. Keine Reize mehr durch Überflutung. Pro7 ist ein gieriger gottverdammter Zuhälter.

Ich habe kein Kopfkissen! Mein Magen knurrt. Statt Büchern hätte ich mir lieber einen verfluchten Schokoriegel mitnehmen sollen. Eine Stunde vergeht. Niemand im Zimmer sagt ein Wort. Die Kopfschmerzen kehren zurück. Die Schwester würde gleich kommen, hieß es. Am Arsch. Ich gehe auf den Flur und quatsche blindlinks die erste Tussi in 'nem Kittel an, die ich sehe. Sie sagt mir, dass sie zwar Physiotherapeutin sei, sich jedoch um mein Kissen kümmern würde. Russischer Akzent.

Ich kann nicht still sitzen. Niemand spricht. Die Tür wird aufgerissen. Die Schwester spricht laut und gibt mir die Hand, als wäre ich ein Kind auf einer Geburtstagsfeier. Hier sei jede Schwester für bestimmte Patienten verantwortlich. Sie sei für mich zuständig.
     "Ich heiße Hanna!", sagt sie bestimmt.
     Keine Ahnung, wie ich darauf reagieren soll. "Alex, ich heiße Alex". Das ist ja hier wie bei IKEA.
   Abendbrot gäbe es erst gegen 18.00 Uhr. Notfallkontakte. Allergien. Medikamente. Vollkost. Keine weiteren Fragen.

16.00 Uhr. Noch immer kein Wort. Ich habe bestialischen Hunger. Ich schlüpfe in meine Schuhe und lasse das stimmlose Zimmer hinter mir und gehe den langen Gang hinunter, vorbei am Tresen der Schwestern. Die Sonne brennt auf den Vorplatz der Notaufnahme, das kann ich durch die Fenster sehen. Ich beschließe, das Gelände nach irgendeinem Snack zu durchforsten. Während des Zivildienstes haben wir immer Joghurts und kleine Kuchen von den Stationen geklaut. Nach so etwas scheint man hier vergebens zu suchen. Langsam, wie auf fremden Beinen, durchquere ich die Vorhalle der Neurologie. Nichts. Wenn das hier die verfluchte Uni-Klinik ist, wo sind dann diese ganzen Automaten, an denen man Schokoriegel kaufen? Wenn dies ein Konsulatsschiff ist, wo ist dann der Botschafter? Eine große Selbstbedienungskantine. Na super, ich hasse SB-Restaurants. Ich suche weiter. Irgendwann scheine ich den Campus der Klinik zu verlassen. Einfach geradeaus, irgendwo wird schon ein Bäcker oder so etwas sein. Darf ich mich überhaupt vom Gelände entfernen? Minuten vergehen. Eine halbe Stunde? Mit Erstaunen stelle ich nach einer ganzen Weile fest, dass ich die Umgebung langsam erkenne. Ich stehe inmitten meiner Straße. Tatsächlich. Sobald alles Konturen angenommen hat, gehe ich so schnell ich kann zu meinem Lieblingswurstimbis. Zuhause ist nur eine Querstraße entfernt. Ich bestelle eine doppelte Currywurst mit Kartoffelsalat und eine Cola. 8,60€. Jetzt habe ich kein Geld mehr. So schnell ich kann, schlinge ich das heiße Essen herunter. Trotz der Geschwindigkeit ist es unglaublich gut und intensiv. Auf dem Rückweg fühle ich mich fast ein wenig beschwingt, als hätte ich etwas Verbotenes getan. Vielleicht habe ich das ja.

Im Zimmer hat sich kaum etwas verändert. Die Frau ist weg. Genau wie alle Worte. Ich tausche meine Jeans gegen eine Jogginghose und verschwimme im Krankenhausalltag. Das Abendessen ist ein erbärmlicher Witz. Ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt, dass man nicht immer warm essen muss abends. Die Männer in meiner Familie waren - bis auf mich - alle ehrliche Arbeiter, die am Abend, mit schmutzigen Sachen und rauen Händen nach Hause kamen, geschafft und hungrig. Meine Mutter und meiner Großmutter sorgten dann immer dafür, dass alle auch ja satt wurden. Die Abende waren erfüllt von dem Geruch guten Essens. Immer.

Während die Stunden dahin streichen, klingelt ab und an mein Handy, eine Schwester kommt rein, ich muss pinkeln oder gehe eine rauchen. Meine Armbanduhr habe ich längst abgenommen, das Bett ist in der richtigen Position eingestellt und ich habe einen Roman auf dem Schoß, der von einem Familienschicksal im regnerischen Norden der USA erzählt. Die Geschichte einer Fischerfamilie. Keinen Beruf habe ich jemals mehr verklärt. Ich bin nicht mal seefest, aber den Gedanken, in aller Frühe, im Licht der aufgehenden Sonne, hinaus auf das Meer zu fahren, um die Netze einzuholen, während die Möwen über mir kreischen und das hölzerne Boot unter mir in der Gischt der Wellen vor sich hin knarrt, mochte ich immer. Zu Hause würde meine Frau auf mich warten, in unserem kleinen Häuschen mit Blick auf den Ozean. Ein Leben mit dem Geruch von salzigem Wasser und Wind. Ich weiß, dass der Alltag so nicht mehr aussieht, aber das ist egal. Was macht das schon? Es ist nur eine Fantasie; die Vorstellung eines Lebens, das ich niemals führen werde.

Dunkelheit legt sich auf die Welt außerhalb der Fenster meines Zimmers. Es ist warm und ich merke, dass ich nicht einmal mehr den Gestank des Raumes wahrnehme. Ich bin in ihm aufgegangen, leiste meinen Beitrag, wir sind eins. Als ich kurz von meinem Buch hochblicke, sehe ich, dass der Alte, schräg gegenüber, seine Tasse in den zitternden Händen hält und kritisch beäugt. Auf einmal, und mir läuft es kalt den Rücken runter, leckt er an der Außenseite seiner vergilbten Kaffeetasse. Er greift eine schmutzige Serviette und wischt darüber. Dann fährt seine Zunge erneut über das Porzellan. Ganz langsam. Er putzt sie. In mir zieht sich alles zusammen. Ich stütze mich auf und verschwinde im Badezimmer. Unter dem Spiegel steht ein Glas, in dessen trüben Wasser, ein Gebiss schwimmt und eine Zahnbürste steckt. Ich muss duschen, doch ekele mich schrecklich vor diesem Bad. Vorsichtig balanciere ich auf Zehenspitzen unter die Dusche und bin erleichtert, als ich den etwas verhaltenen jedoch warmen Wasserschwall auf meiner Haut spüre. Fast krampfhaft versuche ich, dabei so wenig Dinge wie nötig zu berühren. Doch es beruhigt mich.

Als ich wieder ins Zimmer komme, nimmt niemand Notiz von mir. Mein Nebenmann sieht sich noch immer Snooker an. Ironischerweise spielt der einzige Snookerspieler, den ich kenne: Ronnie O'Sullivan, "The Rocket". Er wird Weltmeister oder was auch immer. Er kriegt einen Pokal. Den Ton hört nur mein Nachbar. Ich kenne O'Sullivan, weil ein Kumpel und ich früher manchmal bekifft Snooker geguckt haben. Die Regeln habe ich bis heute nicht verstanden. Schwarze Nacht drückt nun ihre Grimasse gegen die Fenster. Ohne ein Wort, beginnen wir vier uns auf die Nacht einzustellen. Es kommt mir vor, als sei ich schon Monate hier. Die Lichter gehen aus. Nach ungefähr zehn Minuten geht es los: Von gegenüber kommt ein Schnarchen. Aus der Ecke. Das müsste der Alte sein, der eben noch seine Tasse abgeleckt hat. Dann das Nächste, von nebenan. Irgendwann setzt auch der Dritte mit ein. Dann ein Husten. Jeder für sich hat eine Arie der beschissenen Geräusche angestimmt. Ich schiebe mir die Kopfhörer meines MP3-Players in die Ohren und versuche, mich zu entspannen. Nach ein paar Minuten sind die Batterien leer. Als säßen die drei Männer am Kopfende meines Bettes kriechen ihre Schnarchlaute in meine Ohren. Dann ein Furzen. Ein Husten. Wieder Geschnarche. Ich drehe mich auf die Seite und gehe die Liste der Gedanken durch, die ich immer anwende, wenn ich nicht einschlafen kann: ein Spaziergang an der steinernen Südküste Norwegens, ein verschneiter Wald, der Weg durchs Bodetal im Harz, ein stürmischer, verregneter Abend an der Nordsee, meine Großmutter, die mir meine Lieblingsgeschichte, "Das Wirtshaus 'Zum Weidenbusch'", vorliest oder das Geheul der Wölfe aus dem Tierpark, das ich manchmal hören konnte, wenn mein Kinderzimmerfenster  nachts offenstand. Ich dämmere weg.

Licht. Eine Silhouette am Fuß meines Bettes. Erschrocken richte ich mich auf. Wie ein Geist geht langsam einer der Alten an meinem Bett vorbei, muss jedoch immer mal wieder eine Pause einlegen. Wie spät ist es? 02:30 Uhr. Er lässt sein Licht an, obwohl er wahrscheinlich schon wieder eingeschlafen ist. Ich rolle mich zur Seite und schlüpfe in meine Schuhe. Verdammte Scheiße. Ein Krankenpfleger kommt mir auf dem leeren Gang entgegen. Er sieht mich verdutzt an, während ich ihn mit einem "N'abend" bedenke. Die Nacht ist warm, aber sternenleer.

     "Guten Morgen, die Herrschaften!", bellt eine Stimme wie grelles Licht, das in einen Keller fällt.
    "Moin", entgegne ich, ehe ich wirklich aufgewacht bin. Mein Blutdruck wird gemessen. Die Schwester sagt mir eine Zahl, aber ich kann nichts damit anfangen. "Wann ist Visite heute?", frage ich benommen.
    "Das kann man nicht genau sagen, irgendwann im Laufe des Vormittags, ne? Also nicht weglaufen", antwortet sie. He He.

Der Geruch von Scheiße liegt in der Luft. Die Alten waren offenbar schon länger wach und haben ihr Geschäft verrichtet. Zuckersüß. Ich gehe eine rauchen, obwohl ich weiß, dass der Geruch wohlmöglich noch schlimmer ist, wenn man von außen das Zimmer betritt.

Was gestern noch Stille war, ist heute Gelaber. Der Alte, der an der Tasse geleckt hat, kriegt sich kaum wieder ein vor Gepfeife und Gebrabbel über die alten Tage. Jeder Satz scheint mit "Man kann ja", "Man hat ja" oder "Man musste ja" zu beginnen. Er drückt seine Bewunderung für stramme CSU-Politiker aus und erinnert sich laut an die Heimat, Masuren. Ich schaue kurz skeptisch von meinem Buch auf. Dann pfeift er wieder die Melodie eines traurigen Soldatenliedes. Oder ist es ein Heimatlied? Die Stunden ziehen da hin. Routiniert habe ich mich in mein Schicksal ergeben. Ab und an eine Zigarette, Frühstück und Lesen. Als die Visite das Zimmer betritt, wird mir gleich zu Beginn gesagt, dass mit mir ein anderer Arzt sprechen würde. Die eine Assistenzärztin ist relativ scharf. Ich versuche, die Konturen ihres Körpers unter dem Kittel zu erahnen. Abgehetzt taucht eine halbe Stunde später mein Arzt auf, gibt mir einen Belehrungsbogen, auf dem das ekelige Prozedere einer Lumbalpunktion bildlich dargestellt ist und unterrichtet mich darüber, dass er mir noch heute Vormittag eine lange Nadel ins Rückenmark stechen werde, um mehrere Kanülen Hirnwasser zu entnehmen. Ich tue cool. In zwei Stunden wird es losgehen. Er sagt, dass es schon ein unangenehmer Eingriff werden würde und die Gefahren darin liegen, dass sich das Ganze infiziert könnte oder sie einen Nerv treffen könnten, der Lähmungen nach sich ziehen würde. Ich tue cool.

Die Tür schließt sich wieder und ich kann an nichts anderes mehr denken. Mir schießen die Milliarden von Berichten ein, die von verhängnisvollen Infektionen mit Krankenhausbakterien berichten. Hölle, ich bin sogar schon beim Blutabnehmen mehrfach umgekippt. Cool bleiben, Lexman, cool bleiben. Scheiße, ich gehe eine rauchen. Ach, ich rauche gleich noch eine. Die Zeit vergeht nicht. Ich versuche mich damit zu beruhigen, dass ich auch schon mehrere Stunden beim Tätowierer gesessen hatte. Viel unangenehmer würde das auch nicht sein. Mein Nachbar wird entlassen. Keine zehn Minuten später wird er durch einen neuen Patienten ersetzt, auch ungefähr in meinem Alter, Ingenieur. Plötzliche Konzentrationsschwierigkeiten und Taubheitsgefühle in den Gliedmaßen. Auf seinem Nachttisch liegt das Belehrungsblatt zur Lumbalpunktion.    
     
Meine Hände sind schwitzig. Die Tür öffnet sich und ich höre eine Stimme sagen: "Hier, gleich das vordere Bett". Ich schlucke. Drei Ärzte, bzw. zwei angehende Ärzte und mein Arzt, betreten das Zimmer. Was, es wird hier gemacht, verflucht? Sie stellen sich vor und sagen mir, wie ich mich hinzusetzen habe. Hinsetzen, Alter? Ich hatte gedacht, ich würde irgendwo hingefahren und angemessen betäubt werden. Ich tue cool. Ein Arzt stellt sich vor mich und drückt mir ein Kissen auf den Schoß. Ich soll mit meinem Rücken ein C formen, damit sich irgendetwas öffnet. Ich kann nicht zuhören.
    "Ich muss sie vorwarnen: Ab und an bin ich ein Softie bei solchen Sachen. Zeigen Sie mir bitte keine Spritzen oder Kanülen oder sagen, was da passiert", sage ich.
     "Machen Sie sich keine Sorgen, wir halten Sie schon fest, sollte irgendetwas sein. Die Stelle wird jetzt noch desinfiziert und dann geht es los", wird mir geantwortet. Wer hat das gesagt?

Ich sehe an die Wand und warte auf den Einstich. Spray. Wieder nur desinfiziert. Mein Arzt scheint das Ganze nur zu beobachten, soweit ich das akustisch beurteilen kann. Cool bleiben. Dann ein Einstich. Gut, das ist schon ziemlich unangenehm, aber erträglich. Eine Stimme sagt: "Das ist noch nicht tief genug". Die Stimme hinter mir sagt: "Nein, das geht so. Das muss gar nicht immer so tief sein". Die Stimme meines Arztes sagt: "Das muss tiefer".

Wasser. Ich höre Wasser rauschen. Dann ist es, als ob mich irgendwer mit Lichtgeschwindigkeit in den Himmel reißt. Die Konturen eines Traumes verschwinden unter meinen Füßen. Wo verfickt nochmal bin ich? Ich blicke auf den Kittel eines Arztes. Ich werde festgehalten. Seit wann bin ich hier? Ich zwinge mich, nachzudenken. Lumbalpunktion. Ich flüstere das Wort mit geschlossenen Lippen.
     "Okay, ich war vielleicht kurz weg", sage ich unbeholfen. "Und ich schwitze ein bisschen, glaube ich", schiebe ich hinterher.
     "Das ist völlig okay. Schwitzen Sie und werden Sie ohnmächtig so viel sie wollen", antwortet die Stimme meines Arztes.

So ganz habe ich noch immer nicht verstanden, was passiert. Ich spüre, wie meine Haare an meiner Stirn kleben. Schweiß und Hitze rinnen aus jeder Pore meiner Haut. Mein rechtes Bein hängt schlaf nach unten. Ich bewege kurz meinen großen Zeh, was einen Schmerz mein ganzes Bein hochziehen lässt. Ein Gefühl von Feuer in den Venen, dass ich bis in meine Eier spüre. Das fühlt sich alles nicht wie eine Spritze an, sondern vielmehr so, als greife jemand mit bloßen Händen in mein Rückenmark, um etwas davon zu stehlen. Ich überlege, ob dies das Unangenehmste ist, was jemals mit mir gemacht wurde. Mir fällt nicht viel anderes ein.
     "Wie lange noch?", frage ich. Ich tue nicht mehr cool.
     "Eine Kanüle. Ist gleich geschafft", antwortet mein Arzt.

Als sie die Spritze herausziehen und mich ein wenig aufrichten, fühle ich mich, als hätte mich irgendetwas ausgespuckt. Ich sage: "Na das war ja gar nicht so schlimm". Sarkasmus. Zuflucht der Schwächlinge. Einer der Ärzte lacht über meine Bemerkung. Wie in Zeitlupe legen sie mich auf den Rücken. Mein Körper glänzt vor Schweiß. Mein T-Shirt liegt zusammengeknüllt am Fußende meines Bettes. Sie nehmen mir Blut ab und sagen, dass ich jetzt mindestens eine Stunde lang ruhig auf dem Rücken liegen müsste. Irgendwas mit Unterdruck und harten Kopfschmerzen. Sie lassen mich liegen. Irgendwo läutet eine Kirchturmglocke. Es muss 12.00 Uhr sein. Eine Schwester kommt rein und fragt: "Na, alles gut?". Ich zeige ihr meinen erhobenen Daumen. Wie viel Zeit ist vergangen? Ich will nach Hause. Ich greife nach meinem Handy und zähle die Minuten. Nach einer Stunde rege ich mich, ich stütze mich langsam hoch und streife mein Shirt über, schlüpfe in meine Schuhe, ich bin zurück. Meine Bewegungen sind wackelig und ich fürchte mich, meinen Rücken irgendwie einzuknicken. Das war ein Ritt. Der Typ im Nebenbett sieht mich erschrocken an. Alle Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen. Ihm steht dasselbe bevor.
     "Wie war das? War das schmerzhaft? Was ist das für'n Schmerz?", seine Worte überschlagen sich wie Geröll, das einen Berg hinunter fällt.
      "Es war nicht so geil, aber mach' dir keinen Kopf, ich habe auch ein kleines Drama daraus gemacht, schätze ich. Du steckst das bestimmt gut weg", sage ich. Hallo, Alexander, der Patron der Ängstlichen. Ich spüre, wie sein skeptischer Blick meinen Bewegungen folgt. Die Alten nehmen keine Notiz von mir. Sie haben sowas sicher schon tausende Male hinter sich gebracht und nicht so gejammert und den Krieg überlebt und so.

Meine Bewegungen und mein Gang erinnern mich an Ozzy, aber das macht nichts. Mit stotternden Schritten finden meine Füßen ihren Weg aus dem Zimmer, den Gang herunter, dann die Treppe, die Treppe schmerzt, dann durch die automatische Tür der Notaufnahme in die Freiheit. Zigarette. Die Sonne zeichnet die Umrisse der Bäume mit Schatten auf den Boden. Ein paar Vögel zwitschern. Mir fallen fast die Augen zu, bevor ich die Kippe fertig geraucht habe. Kopfschmerzen setzen ein. Ob ich mir die Kopfschmerzen einbilde, weil der Arzt gesagt hat, ich würde bestimmt welche bekommen? Auf dem Rückweg halte ich kurz am Tresen der Schwestern und frage nach einer Schmerztablette. Ich bekomme einen kleinen Becher mit einer süßlich riechenden Flüssigkeit. Verrücktes 21. Jahrhundert. Ich proste der Schwester zu und gehe wieder in das Zimmer. Hitze und Gestank. Ich verschwinde darin. Stunden verfliegen. Das Essen beginnt, mir zu schmecken. Der Arzt kommt und gibt Entwarnung. Einen Tag später werde ich entlassen.
Das ist sieben Tage her.

A.
   

Kommentare:

  1. Du hast es, Alex.
    Deine Worte üben einen Sog aus, der letzte Punkt ist wie ein gellendes Weckerklingeln.

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    1. Vielen Dank! Das war ein schönes Kompliment.

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  2. Heavy stuff.
    Das ist wirklich gut. Ich neige mein Haupt.

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  3. Habe es - leider! - erst heute gelesen. Ganz große Klasse! Packend geschrieben, die Geschichte saugt einen ein, lässt nicht mehr los, man möchte am Liebsten immer schneller lesen ... Kompliment!

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