Donnerstag, 27. Juni 2013

Coal War

Joshua James!


Joshua James - Coal War : Audiotree Live from Audiotree Live on Vimeo.

Noch wenn ich schlafe singe ich diesen Song! Gottverdammter Ohrwurm.

A.

Mittwoch, 26. Juni 2013

We Don't Eat

Ich sitze im Lufthansa-Terminal des Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle. Ich hätte vorher noch zehn Zigaretten rauchen sollen, denn hier gibt es keinen Raucherbereich, wie mir ein braungebrannter Mitarbeiter mit gestärktem Hemd und Zahnarzt-Lächeln erklärt. Und raus kann ich auch nicht: Düstere, französische Sicherheitsbeamte mit Maschinengewehren und dem Körpervolumen von Profiwrestlern versperren mir den Weg. Mein Flug geht in drei Stunden. "Das Phantom der Oper" ist außerdem ein Scheißbuch. Nachdem ich alle meine Schokoriegel und den sonstigen Süßkram aus meiner Tasche aufgegessen hatte, starrte ich einfach nur noch dumm in die Gesichter der anderen Passagiere und sah dabei zu, wie sie sich einen Café nach dem anderen in ihre Münder schütteten. Wäre ich bloß nie in eines dieser unsäglichen Flugzeuge gestiegen. Was war es immer schön, mit dem Bus nach Paris zu fahren! Ich scheiße herzlich auf Zeitersparnis. Fliegen ist nur was für Droiden! Lieber ratter' ich fünfzehn Stunden mit einem alten Reisebus durch ganz Deutschland und Belgien, als eine Stunde in diesen abenteuerlichen Kerosinschleudern zu sitzen, unfähig einen Blick aus dem Fenster zu werfen oder auch nur ein Wort mit der Stewardess zu wechseln. Eine Gruppe von gackernden Büroweibern mit Übergewicht nimmt neben mir Platz. Ich setze meine Kopfhörer auf und drücke auf Play. Es beginnt dieser Song:


Ja,

A.  

Dienstag, 25. Juni 2013

Das Mädchen vom Strand: Der Turm auf dem Russenberg

3: Der Turm auf dem Russenberg
Ich drücke den Knopf, der die Tür unten öffnet, und lausche den Schritten, wie sie im Treppenhaus widerhallen und langsam näher kommen. Ich will eigentlich cool und beiläufig aussehen, aber ich muss lächeln, als mir Anna entgegenkommt. Sie lächelt auch. Wir umarmen uns wie alte Freunde, obwohl wir eigentlich Fremde sind. Sie trägt einen kurzen Rock und ihre langen braunen Beine enden in schwarzen Sneakers. Sie ist nur ein paar Zentimeter kleiner als ich; hohe Schuhe sind nicht notwendig. Ich frage, ob sie gut hergefunden hätte und bitte sie in mein Zimmer. Meine Eltern sind nicht zu Hause. Sie nimmt auf meiner Schlafcouch platz und studiert den Raum mit all seinen Details. An den Wänden hängen Fotos, die ich in den Straßen von Paris gemacht habe, ein paar Bilder von Leuchttürmen und südnorwegischen Landschaften, ein Poster von Cobain und ein selbst gemaltes Bild; ein A4-Blatt, das ich mit farbiger Tinte, jeder Menge Peace-Zeichen und abstrusen Formen zugeschmiert hatte, als ich breit und dumm war. Gegenüber der Couch stehen mein alter Fernseher und meine Playstation. Treue alte Freunde. Ein Furby, eine blaue Lavalampe und die einzigen beiden Bücher, die ich besitze: Die Cobain-Tagebücher und eine Che-Biografie, die ich nicht einmal gelesen hatte. Was sagt all das wohl über mich aus? Ich versuche es durch ihre Augen zu sehen, doch das klappt nicht. Ich habe die Namen von Bands mit Edding auf meine Anbauwand geschmiert. In der Ecke stehen meine Gitarren. Ihr Blick ruht kurz auf ihnen. "Spielst du mir mal was vor?", fragt sie. Vielleicht ein andermal.

Samstag, 22. Juni 2013

Das Mädchen vom Strand: White Rabbit

2: White Rabbit
Der Himmel ist grau und sieht aus, als wäre er wütend. Dicke Regentropfen rasen so schnell zu Boden und klatschen in braune Pfützen, dass man meinen könnte, es würde in beide Richtungen regnen; nach oben und nach unten. Wir rennen so schnell wir können vom Auto zur Tür des Clubs. "Hier ist noch nicht auf", sagt ein glatzköpfiger Typ, der heute offenbar den patzigen Türsteher spielt. "Für uns ist auf, wir sind wegen des Soundchecks hier, Dicker", antwortet ihm unser Gitarrist mindestens genauso feindselig. Die Beiden sehen sich kurz wütend in die Augen. Wie in so einem Scheißwildwestduell. Der Türsteher knickt ein: "Okay, geht rein". "Was für ein Kinderscheiß hier mit den Hoschis", sagt der Gitarrist in unsere Richtung - jedoch in einer Lautstärke, dass es jeder hier hören sollte. Ich lache aufgeregt. Regen hämmert auf das Wellblechdach und sein dröhnendes Staccato hallt durch die hohen, alten Räume, wie eine Armee, die in der Ferne aufzieht. Die Wände sind aus kaltem Stein und überall ragen Holzbalken aus dem Boden, die die hohe Decke stützen. Alles hier wirkt noch immer eher wie eine Scheune oder ein altes Bauernhaus, als wie ein Club, in dem nachher ein Konzert stattfindet.

Der Tonmann ist ungepflegt, desinteressiert und sieht auch sonst so aus, als hätte ihn ein Traum überfahren. Er drückt uns einen Zettel in die Hand, auf den wir die Namen unserer Songs schreiben und eventuelle Cover kennzeichnen sollen, wegen der GEMA. Pflichtbewusst setzen wir hinter unseren zweiten Song, "White Rabbit", eine Klammer, in die wir das Wort "Cover" in Großbuchstaben schreiben - mit dem Zusatz: "von Jefferson Airplane". Ich bezweifele, dass die Band jemals Tantiemen dafür kassiert hat, dass vier großmäulige Jungs an einem verregneten Abend in einem heruntergekommenen Jugendclub irgendwo im Scheißnirgendwo einen ihrer Drogensongs gecovert haben.

Der Soundcheck läuft wie üblich: Das Schlagzeug klingt blechern und komisch über die billige, alte Anlage, Gitarre und Bass dröhnen und sind zu laut, weil Gitarrist und Bassist sich selbst immer wieder lauter drehen - und der Gesang ist verwaschen und undeutlich, was wohl dem Umstand geschuldet ist, dass ich mir die Lautsprecher mit dem Drummer teile und mein Kanal zehnmal so laut hätte sein müssen. Aber wenigstens hatte ich zwei eigene Monitorboxen. Das war Luxus, denn so konnte ich immerhin hören, dass niemand meine Texte verstehen würde. Doch das ist das Los aller Sänger in Teenager-Regional-Rockbands - deswegen schreien die bestimmt alle auch immer so scheiße. Riot, Riot, fuck yeah. Ich hätte auch Nazi-Parolen oder Robert-Frost-Gedichte singen können und kaum jemand hätte es gemerkt. Trotzdem gab ich mir immer Mühe beim Schreiben. Dass unsere Texte auf Englisch waren, verhüllte den Rest.

Donnerstag, 20. Juni 2013

Youth

Wenn ich den Song höre, meine ich fast, die Wogen zu spüren, wie sie den Rumpf des Schiffes umschließen und uns alle langsam über das Meer tragen. Die Reisetablettten hatten mich ausgeknockt und ich hatte Mühe, während der vierstündigen Überfahrt aufrecht zu sitzen. Doch so richtig schlafen konnte ich auch nicht. Ich lag mit geschlossenen Augen auf einer Sitzbank im Schiffsrestaurant und hörte Daughter zu, auf Repeat.

A.
 
 

Mittwoch, 19. Juni 2013

Sommergewitter


Ich bin zurück aus der Bar. Ein wenig vom Geschmack des letzten Getränks liegt noch auf meinen Lippen. Jetzt, wo ich hier auf meinem Balkon stehe, rauche und den Blitzen und dem Regen über dem Meer zusehe, fällt mir nicht viel ein, dass ich schöner finde. Sommergewitter sind etwas Wunderbares und ich mag mein Leben. Ich mag meine Freunde und den ganzen Kram. Ich werd' richtig rührselig. Immer wieder wird die Nacht aus ihrer Dunkelheit gerissen. Donner hallt durch alles hindurch. Die Lichter der Schiffe flackern auf dem schwarzen Ozean. Die Luft ist noch immer warm und angenehm und der leichte Wind berührt meine Arme und mein Gesicht. Die kleine Lichterkette glimmt gemütlich vor sich hin, während nach und nach immer mehr Wasser auf das Fensterbrett plätschert. Aus der Dunkelheit meines Schlafzimmers singt Joshua James, als sei die Musik für den Regen und das Gewitter gemacht. Wenn es warm ist, dann ist kein Unwetter schlimm. Ich kann keinem Sommerregen böse sein, selbst wenn ich nass werde.

A.

Sonntag, 16. Juni 2013

Das Mädchen vom Strand: Das Leuchten der Felder

Eigentlich wollte ich nur einen weiteren Erinnerungspost schreiben, aber irgendwie ist da mehr draus geworden. Also poste ich jetzt nach und nach die einzelnen Teile und gebe ihnen Namen, als wären sie Filme. Ja, das ist der Plan. Los geht's.

Das Mädchen vom Strand
Was ich Euch nun erzähle, ist eigentlich nichts Besonderes, zumindest nicht im engeren Sinne. Es ist wirklich nichts, das nur mir passiert ist. In ähnlicher Weise wird so etwas jedem von Euch auch schon einmal wiederfahren sein - im besten Falle versteht sich. Doch das soll nichts hiervon schmälern. Eigentlich ist sogar das genaue Gegenteil der Fall. Ich erzähle Euch die Geschichte einer Liebe, einer grausamen und wunderbaren Liebe; berauschend, großartig und schrecklich zugleich. Es ist eine wahre Geschichte und sie hat sich vor einigen Jahren im Herzen Norddeutschlands zugetragen, im Nordwesten Mecklenburgs - gar nicht mal so weit von hier entfernt. Der Sommer stand vor der Tür und schickte bereits einige warme und angenehme Tage wie Boten voraus. Die endlosen Alleen waren wieder grün und die ewigen Rapsfelder blühten so leuchtend, dass man nur schwer sagen konnte, was mehr strahlte; sie oder die übermütige Sonne, die auf uns alle herab schien.
     
Niemand in Mecklenburg schien sich besonders um irgendwelche Feiertage zu scheren - schon gar nicht um kirchliche. Das muss so ein Relikt des Sozialismus gewesen sein. Meine Großmutter war noch getauft worden, tatsächlich ging jedoch niemand in meiner Familie oder meinem Freundeskreis in die Kirche oder schien sonst irgendetwas mit dem lieben Gott am Hut zu haben, das über eine Redewendung oder kurze metaphysische Anwandlungen hinausging. Man schätzte die Feiertage, weil sie im besten Fall bedeuteten, dass man nicht zur Arbeit musste. Ich verstand im Übrigen jedoch nie, warum am Tag der Arbeit niemand arbeiten musste. Weihnachten war da eine Ausnahme, Ostern auch ein wenig, wegen der Geschenke. Das war super. Mit zunehmendem Alter beobachtete ich jedoch, dass Himmelfahrt einen größeren Stellenwert zu besitzen schien, als ich immer angenommen hatte - obwohl es keine Geschenke gab, also zumindest nicht im engeren Sinne. Himmelfahrt. Jedoch nannte niemand, den ich kannte, diesen Tag so: Es war Herrentag. Und jetzt war ich mittendrin.

Boltenhagen, das weiße Bad an der Ostsee, war so etwas wie das Epizentrum des Herrentags für alle, die nicht in einer richtigen Stadt wohnten. Wie vom Licht angezogene Insekten strömte alles an diesem Donnerstag aus den kleinen Orten und Dörfern westlich von Wismar in die kleine Stadt am Meer, um sich am Strand zu betrinken. Für mich war es eine zügellose, eine wilde Zeit. Ich war großkotzig und moralisch nicht immer einwandfrei, aber alles hatte gerade so richtig Fahrt aufgenommen.

1: Das Leuchten der Felder
Als das Auto hielt, war ich nervös. Ich wusste nicht, wohin mit meinen Händen, wie so oft. Das Bier war alle - lange konnte ich mich daran nicht mehr festhalten. Wieso konnten mich die Anderen nur dazu überreden, mitzufahren? Ich wollte doch gar nicht. Neben uns kam ein weiterer Wagen zum Stehen, aus dem mich mehr bekannte Gesichter angrienten. Ich knallte die Autotür hinter mir zu und steckte mir eine Zigarette an. Das also war nun Boltenhagen, das Miami Mecklenburg-Vorpommerns? Wir standen mitten in einem kleinen Plattenbaugebiet. "Hübsch hier", sagte ich in Richtung derer, die unbedingt herwollten. Jeder griff in seinen Rucksack oder Beutel und nahm sich eine neue Flasche Bier. "Auf uns!", sagte irgendjemand. Herrentag, Vatertag, Himmelfahrt, wie auch immer, hatte für mich nie eine besonders große Bedeutung. So sehr ich mich auch anstrenge, mir fällt nicht einmal ein, was ich im letzten Jahr gemacht habe. "Wir müssen zum Strand", sagte einer der Jungen. Ich war aufgeregt, aber ich zwang mich zur Ruhe: Dein altes, dein schüchternes Leben liegt hinter dir. Du hast Nichts zu befürchten und bist unbesiegbar. Und doch bleibt eine gewisse Unruhe, die erst nachlässt, als ich das Bier zur Hälfte ausgetrunken habe. Die Worte des Bassisten fielen mir plötzlich ein; vor ein paar Wochen zeigte er mir das erste Kapitel seines Romans, der wohl schon wieder in Vergessenheit geraten war. Ich war eine der Figuren. Er beschrieb, wie ich eine mir unbekannte Bar betrat und mein Blick skeptisch durch den Raum schoss. "Wie ein Raubtier", nannte er es und ich muss zugeben, die Formulierung schmeichelte mir, selbst wenn das nicht positiv gemeint war.