Dienstag, 25. Juni 2013

Das Mädchen vom Strand: Der Turm auf dem Russenberg

3: Der Turm auf dem Russenberg
Ich drücke den Knopf, der die Tür unten öffnet, und lausche den Schritten, wie sie im Treppenhaus widerhallen und langsam näher kommen. Ich will eigentlich cool und beiläufig aussehen, aber ich muss lächeln, als mir Anna entgegenkommt. Sie lächelt auch. Wir umarmen uns wie alte Freunde, obwohl wir eigentlich Fremde sind. Sie trägt einen kurzen Rock und ihre langen braunen Beine enden in schwarzen Sneakers. Sie ist nur ein paar Zentimeter kleiner als ich; hohe Schuhe sind nicht notwendig. Ich frage, ob sie gut hergefunden hätte und bitte sie in mein Zimmer. Meine Eltern sind nicht zu Hause. Sie nimmt auf meiner Schlafcouch platz und studiert den Raum mit all seinen Details. An den Wänden hängen Fotos, die ich in den Straßen von Paris gemacht habe, ein paar Bilder von Leuchttürmen und südnorwegischen Landschaften, ein Poster von Cobain und ein selbst gemaltes Bild; ein A4-Blatt, das ich mit farbiger Tinte, jeder Menge Peace-Zeichen und abstrusen Formen zugeschmiert hatte, als ich breit und dumm war. Gegenüber der Couch stehen mein alter Fernseher und meine Playstation. Treue alte Freunde. Ein Furby, eine blaue Lavalampe und die einzigen beiden Bücher, die ich besitze: Die Cobain-Tagebücher und eine Che-Biografie, die ich nicht einmal gelesen hatte. Was sagt all das wohl über mich aus? Ich versuche es durch ihre Augen zu sehen, doch das klappt nicht. Ich habe die Namen von Bands mit Edding auf meine Anbauwand geschmiert. In der Ecke stehen meine Gitarren. Ihr Blick ruht kurz auf ihnen. "Spielst du mir mal was vor?", fragt sie. Vielleicht ein andermal.

Ich bin nervös und habe Probleme, ihr zuzuhören. Sie erzählt irgendwas, doch plötzlich, als wären es nicht wirklich meine Bewegungen, küsse ich sie ohne Vorwarnung. Ich sehe, wie sich ihre Augen schließen und sie ihren Kopf leicht in den Nacken legt. Unsere Zungen berühren sich und ich schmecke Pfefferminz. War sie darauf vorbereitet? Ich war es nicht. Ich schließe auch meine Augen. Sie atmet ein wenig schneller. Wir küssen uns ewig, und als wir die Augen wieder öffnen, lächelt sie herzlich, als hätte ich ihr ein Geschenk gemacht. Dabei war es eigentlich für mich. Ehe ich irgendetwas sagen kann, küsst sie mich. Ausgleich. Langsam lege ich mich hin und lasse mich vorsichtig auf den Rücken gleiten. Sie folgt mir und ich ziehe sie auf mich rauf. Ihre Bewegungen sind vorsichtig und ein wenig unsicher, was mich ruhiger werden lässt. Meine Hände suchen sich, wie automatisch, den Weg über Annas Rücken. Das geht stundenlang so. Wir hören nicht einmal Musik. Alles ist still - nur Atmen und das Geräusch von Streichelein und Kleidung, die sich durch die Bewegungen in Falten legt. Ihr T-Shirt rutscht hoch und legt den Blick auf ihren Rücken frei. Sie hat eine Tätowierung über dem Steiß, ein Arschgeweih, wie man so schön sagt. Die Tinte schimmert in einem stumpfen Blaugrün. Es war also nicht neu. Wie alt war sie nochmal? Ich komme mir wie ein Bad Boy vor, immerhin liegt ein tätowiertes Mädchen auf mir und meinem Schwanz und ihre Zunge ist in meinem Mund - auch wenn wir nicht nackt sind, egal. Als ich gerade ihren Arsch mit meinen Händen umfasse, blicke ich kurz über ihre Schulter und sehe ein Foto von meiner Freundin und mir im Regal stehen. Kann ihr das tatsächlich egal sein? Naja, sie hat ein Tattoo, das ist ihr bestimmt egal. Ist es mir egal?

Auf dem Weg zur Bushaltestelle kommen wir an einer Party im Park vorbei. "California" von Phantom Planet schallt über die Wiese. Ich singe mit und wir lächeln uns an. Sie greift nach meiner Hand. An der Haltestelle umarmen wir uns und sagen fast synchron, dass es schön war und wir uns hoffentlich bald wieder sehen würden. Als sie im Bus verschwindet, warte ich, bis sich die Türen schließen und ich Anna am Fenster sehen kann. Sie lächelt und ich hebe den Arm. Dann fährt sie davon und lächele nicht mehr. Ich hatte meine Entscheidung getroffen. Jetzt kam der unangenehme Teil.

Zu Hause laufe ich meiner Mutter in die Arme. "Hattest du Besuch?", fragt sie. "Nein", lüge ich und verschwinde hinter meiner Zimmertür. Ich bin unruhig und kann mich nicht hinsetzen - und ich widere mich selbst an. Annas Küsse brennen wie Gift auf meinen Lippen. Ich finde kaum Zeit zum Atmen. "Du weißt, dass ich eigentlich eine Freundin habe", tippe ich ins Handy. Senden. Mir ist kalt. "Oh nein, Alex! Das ist nicht dein Ernst" kommt zurück. "Doch, ich dachte du wüsstest das. Hast du die Fotos nicht gesehen?". Meine falsche moralische Überlegenheit bröckelt. Wer ist hier der Böse? "Ich dachte, das wäre deine Schwester". Meine Schwester? Meine Schwester? Ich habe doch keine verdammte Schwester. "Wir können uns nicht mehr sehen", schreibt sie, ohne meine Reaktion abzuwarten. Das Handy landet auf meinem Schreibtisch. Gerechtigkeit. Ich nehme ein Foto von mir und meiner Freundin aus dem Regal, das wir zu unserem Einjährigen hatten machen lassen, und ich fühle mich wie Scheiße. Die Beiden auf dem Bild sehen glücklich aus: Dieses gute und liebe Mädchen, das man eigentlich sofort heiraten müsste, im Arm dieses lächelnden Typen, den es inzwischen gar nicht mehr gab. Sie wusste das nur noch nicht und lächelte weiter und war glücklich und war liebevoll. Was ist nur aus mir geworden? In mir waren all diese Wut und dieser unstillbare Hunger nach mehr, immer und immer mehr. Nichts schien von Dauer oder Bedeutung. Alles drehte sich viel zu schnell weiter. Ich liebte sie schon längst nicht mehr. Nur war ich nicht mutig genug, sie darüber in Kenntnis zu setzen. Ich wusste nicht, wie ich das hätte erklären sollen, denn eigentlich war sie wunderbar. Sie war immer großartig zu mir, verzieh mir alles, gestand mir jeden Freiraum zu und hatte Verständnis für jede bescheuerte Idee, jeden schlechten Charakterzug und jedes Wort des Zorns, das aus mir heraussprudelte. Zum ersten Mal tat mir jemand anderes mehr leid, als ich mir selbst. Ich musste sie von alledem, von mir, erlösen. Das erschien mir wie der erste richtige Gedanke seit Jahren zu sein. "Wir müssen reden. Morgen. Alex", schreibe ich meiner Freundin.

Die Sonne brennt in meinen Augen. Es kam mir vor, als hätte ich nur Sekunden vom Klassenraum bis raus auf die Straße gebraucht. Ich stand auf, als es klingelte, packte meine Federtasche und meinen Collegeblock ein und plötzlich, ohne ein Zwinkern, ohne einen Atemzug, ohne einen Gedanken war ich hier draußen, zwischen all den anderen Schülern, die zu ihren Fahrrädern, Autos und Bussen pilgerten. Alles ging so verfickt schnell. Ich redete mit einem Kumpel, mit dem ich mir immer den Nachhauseweg teilte, aber ich hörte weder ihm noch mir selbst wirklich zu. Nach ein paar Häuserblocks zeichnete sich bereits die Spitze des Aussichtsturms ab, an dessen Fuß ich mich mit dem Mädchen verabredet hatte, dass vor Anbruch der Dunkelheit nicht mehr meine Freundin sein würde. "Vielleicht wäre es besser, wenn du schon nach Hause gehst. Das könnte länger dauern", sage ich, als müsste ich noch mal zur Bank oder irgendetwas aus dem Baumarkt holen. "Du willst wirklich mit ihr schlussmachen, oder?", sagt er und sieht mir in die Augen. Ich versuchte mich aus den Worten und seinem Blick herauszuwinden. "Ja, muss wohl, ne? Hilft ja nichts", antworte ich. Er hatte in meine Seele gesehen, er war ein guter Freund. "Okay, meld' dich, wenn irgendwas ist", sagt er und geht extra einen Umweg, um ihr nicht zu begegnen.

Ich sehe sie schon von Weitem am Turm auf mich warten. Das Wetter ist viel zu schön für so etwas. Zwar ist die Gartenschau schon einige Jahre her, für die dieses Gelände angelegt worden war, doch ein paar der Blumenrabatten wurden noch immer von der Stadt gepflegt. Die Wege waren ordentlich und gaben einem irgendwie das Gefühl, man laufe durch eine Erinnerung oder einen Traum. Alles war so unecht und glänzend. Als die Planierraupen das alte Militärgelände der Roten Armee, das früher hier war, plattmachten, gab es wieder Gerüchte in der Stadt, dass irgendwo hier ein Schatz vergraben lag. Das Gelände war sagenumwogen, so wie alles, das lange unter Verschluss liegt. Doch die Russen hatten nichts außer Dreck, Ruinen und Gasmasken zurückgelassen. Ihren Schatz hatten sie wohl mitgenommen, als sie von einem Tag auf den anderen plötzlich abzogen und das Gelände sich selbst überließen. Irgendwann, während meiner Grundschulzeit, fanden ein paar Kinder eine Tellermine in dem kleinen Fluss, der am Fuße des Russenbergs verlief. "Projekttag: Saubere Umwelt" oder so ein Quatsch. Die Erwachsenen sagten uns immer, wir dürften auf keinen Fall auf das Gelände. Wilde Hunde und dunkle Gestalten würden hier leben. Als Halloween irgendwann auch in Wismar angekommen war, schlichen wir uns dann in einer dieser Nächte im Oktober und im Schutze der Dunkelheit durch die Löcher im alten Stacheldrahtzaun. Ich sehe noch den Lichtschein meiner Taschenlampe vor mir auf dem kaputten Gehweg zittern. Außerdem lernte ich in jener Nacht, dass ich nicht unbedingt klüger wurde, sobald Mädchen in der Nähe waren, denn ehe ich es so richtig mitbekam, fand ich mich im Keller einer alten Kaserne wieder, an deren bröckelnder Außenfassade noch immer ein roter Stern über allem wachte. Die Mädchen kreischten, als das Licht unserer Taschenlampen auf die Gitterstäbe und die zerkratzen Zellentrakte uns gegenüber fiel. Zersplittertes Glas ließ das Mondlicht hinein und der Abendwind schien den alten Mauern eine Stimme zu geben. "Was ist hier passiert? Ist das ein Gefängnis gewesen?", fragte eines der Mädchen. "Bestimmt", sagte ich, als hätte ich schon tausende gesehen. Ich tat cool und benahm mich, als wäre ich der erfahrene Führer dieser Expedition. Ich hatte schreckliche Angst und hoffte, dass endlich jemand einbrach und wir uns zurück in den Schutz der Straßenlaternen, jenseits der düsteren Zäunen dieses schrecklichen Ortes würden flüchten können. Einfach rennen, wie Kinder es eben tun. Die Art Rennen, bei der es sich so anfühlt, als würde die Vergangenheit hinter einem brennen. Man flieht vor ihr und schüttelt die Füße fast beim Laufen, weil die Flammen sie ansenken, sobald man langsamer wird. Und die Kaserne mit ihren Gefängniszellen, ihren zerbrochenen Fenstern und dem alten roten Stern ist verschwunden. Alles, was früher hier war, all die Verbote, die Geschichte und die gruseligen Märchen, die wilden Hunde, die dunklen Gestalten, alles ist verschwunden, zusammengefegt, entsorgt und aufgegangen in dieser riesigen, unechten Wiese mit lachenden Kindern, die ihre Drachen steigen lassen, Blumen, einem Beachvolleyball-Feld und einem Aussichtsturm.

Schritt für Schritt gehe auf die Wahrheit in Form dieses wartenden Mädchens zu. Der Rasen ist frisch gemäht, das riecht man. "Hey", sage ich. "Hey", antwortet sie. Sie ist um Fassung bemüht und hat sich wahrscheinlich den ganzen Tag mit ihren Freundinnen darauf vorbereitet, nicht ihr Gesicht zu verlieren. Sie wusste, was kommt. Meine Worte sind schwerfällig und vorsichtig, doch jedes einzelne scheint sie zu schneiden wie eine Klinge. Sie weint und nickt immer wieder. Ich versichere, dass ich die Zeit mit ihr immer genossen hätte, dass sie toll wäre, sich nichts vorzuwerfen hätte, dass es nicht an ihr lag, dass ich an allem schuld wäre und dass es nicht mehr weitergeht von nun an. Machte das Sinn? Ich konnte sie nicht weinen sehen. Aber das musste ich nun und es war gerecht. Ich umarme sie und küsse ihre Stirn, als wäre ihr etwas Schlechtes passiert, für das weder ich oder noch sonst irgendjemand etwas können würde, Schicksal oder irgendein Scheiß. "Gibt es jemand anders?", fragt sie und blickt mich von unten an, "Sei ehrlich", schiebt sie hinterher. Ihr Make-up ist von Tränen zerlaufen. "Nein", lüge ich. "Nein", als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Ich bin widerwärtig. Ich rede stundenlang, aber meine Worte können natürlich nichts besser machen. Ich fühle mich scheußlich und sie weint die ganze Zeit. Als ihr Vater auf dem Parkplatz vorfährt und sieht, wie seine Tochter aufgelöst und kaputt auf ihn zugeht, blickt er mich kalt und reglos an. Ich hebe den Arm und dann verschwinde ich aus ihrem Leben.

Meine Mutter steht hinter der Wohnungstür, als ich sie aufschließe. "Du hast dich von ihr getrennt, oder?", fragt sie, obwohl sie die Antwort kennt. Für manche bin ich ein verfluchtes offenes Buch. Ich nicke und sie sieht mich böse an. "Und, jetzt zufrieden?", fragt sie. Tränen schießen in ihre Augen. Sie war nicht in meinem Team. Ich verschwinde in meinem Zimmer und nehme die Pärchenfotos aus ihren Rahmen und muss fast heulen, als ich die kleine Plüschente sehe, die meine Freundin mir geschenkt hatte. Sie war nicht mehr meine Freundin.

Am nächsten Morgen zerreiße ich die Fotos und werfe sie weg. Um meinen Hals trug ich noch immer ein schwarzes Lederband mit einem kleinen Anhänger, auf den unsere Initialen graviert waren. Ich nahm die Kette ab und wickelte sie der Plüschente um den Hals. Beide verschwanden in meiner Jackentasche. Nur widerwillig hatte meine Mutter mir Frühstück gemacht. Vor dem Haus heulte ein Motorrad auf. Ich wurde abgeholt. Ich nahm meine Schultasche und meinen Helm und ging hinaus. Der Wind treibt graue Wolken vor sich her. Ich steige hinten auf die Maschine und gebe dem Fahrer durch einen leichten Schlag auf die Schulter zu verstehen, dass wir los könnten. Es regnet und die Luft ist kalt. Auf der Schnellstraße greife ich in meine Jackentasche und hole die Ente heraus. Ein letzter Blick, dann lasse ich sie fallen; sie verschwindet im Dreck und der Geschwindigkeit der Straße.

"Ich bin Single. Ich könnte verstehen, wenn du mich nicht mehr sehen willst, aber wenn du es doch willst, würde ich mich freuen", tippe ich in mein Handy, als ich abends in einem Zimmer stehe. Ich sehe in den Spiegel, doch ich erkenne nicht viel Vertrautes. Das bin jetzt ich, damit musste ich leben. Mein Handy vibriert: "Ich würde dich gern wiedersehen und ich freue mich darauf", schreibt Anna zurück. Das Spiegelbild lächelt.  
     
Das ist acht Jahre her.

A.    

Kommentare:

  1. Das Leben wäre um vieles leichter, wenn man den Menschen, der gut für einen ist, der einen liebt, einfach auch lieben könnte. Leider funktioniert das wohl eher selten.
    Ich finde es gut, dann ehrlich zu sein, eine Beziehung zu beenden, alles andere wäre auch nichts anderes als Betrug. Vielleicht hast Du nur die falsche Reihenfolge gewählt, damals, vor acht Jahren. Aber vielleicht hat es auch genau das gebraucht, um Dir die Augen zu öffnen...

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  2. tja...und jetzt? willst du plötzlich nicht immer mehr? bist du angekommen? woran machst du das fest, dass es nicht eines tages wieder so kommt wie vor 8 jahren?

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