Samstag, 22. Juni 2013

Das Mädchen vom Strand: White Rabbit

2: White Rabbit
Der Himmel ist grau und sieht aus, als wäre er wütend. Dicke Regentropfen rasen so schnell zu Boden und klatschen in braune Pfützen, dass man meinen könnte, es würde in beide Richtungen regnen; nach oben und nach unten. Wir rennen so schnell wir können vom Auto zur Tür des Clubs. "Hier ist noch nicht auf", sagt ein glatzköpfiger Typ, der heute offenbar den patzigen Türsteher spielt. "Für uns ist auf, wir sind wegen des Soundchecks hier, Dicker", antwortet ihm unser Gitarrist mindestens genauso feindselig. Die Beiden sehen sich kurz wütend in die Augen. Wie in so einem Scheißwildwestduell. Der Türsteher knickt ein: "Okay, geht rein". "Was für ein Kinderscheiß hier mit den Hoschis", sagt der Gitarrist in unsere Richtung - jedoch in einer Lautstärke, dass es jeder hier hören sollte. Ich lache aufgeregt. Regen hämmert auf das Wellblechdach und sein dröhnendes Staccato hallt durch die hohen, alten Räume, wie eine Armee, die in der Ferne aufzieht. Die Wände sind aus kaltem Stein und überall ragen Holzbalken aus dem Boden, die die hohe Decke stützen. Alles hier wirkt noch immer eher wie eine Scheune oder ein altes Bauernhaus, als wie ein Club, in dem nachher ein Konzert stattfindet.

Der Tonmann ist ungepflegt, desinteressiert und sieht auch sonst so aus, als hätte ihn ein Traum überfahren. Er drückt uns einen Zettel in die Hand, auf den wir die Namen unserer Songs schreiben und eventuelle Cover kennzeichnen sollen, wegen der GEMA. Pflichtbewusst setzen wir hinter unseren zweiten Song, "White Rabbit", eine Klammer, in die wir das Wort "Cover" in Großbuchstaben schreiben - mit dem Zusatz: "von Jefferson Airplane". Ich bezweifele, dass die Band jemals Tantiemen dafür kassiert hat, dass vier großmäulige Jungs an einem verregneten Abend in einem heruntergekommenen Jugendclub irgendwo im Scheißnirgendwo einen ihrer Drogensongs gecovert haben.

Der Soundcheck läuft wie üblich: Das Schlagzeug klingt blechern und komisch über die billige, alte Anlage, Gitarre und Bass dröhnen und sind zu laut, weil Gitarrist und Bassist sich selbst immer wieder lauter drehen - und der Gesang ist verwaschen und undeutlich, was wohl dem Umstand geschuldet ist, dass ich mir die Lautsprecher mit dem Drummer teile und mein Kanal zehnmal so laut hätte sein müssen. Aber wenigstens hatte ich zwei eigene Monitorboxen. Das war Luxus, denn so konnte ich immerhin hören, dass niemand meine Texte verstehen würde. Doch das ist das Los aller Sänger in Teenager-Regional-Rockbands - deswegen schreien die bestimmt alle auch immer so scheiße. Riot, Riot, fuck yeah. Ich hätte auch Nazi-Parolen oder Robert-Frost-Gedichte singen können und kaum jemand hätte es gemerkt. Trotzdem gab ich mir immer Mühe beim Schreiben. Dass unsere Texte auf Englisch waren, verhüllte den Rest.

"So, ich werd' noch mal nach Hause. Das dauert doch noch ewig, bis es losgeht", sagt der Gitarrist. "Was, wie assi bist du denn? Schön Xbox zocken, wa?", antwortet ihm der Drummer. "Leck mich, du Heuler, ich werd' noch bisschen pennen." Er sieht mich und den Bassisten an: "Besauft euch nicht, ehrlich jetzt, besauft euch nicht". Wir lachen. Er haut ab.

Die Bar ist noch geschlossen. Zumindest ist der bemalte Tresen, der der Bezeichnung "Bar" am nächsten gekommen wäre, nicht besetzt. "Hier wird schon irgendwo ein Getränkemarkt oder 'ne Tankstelle oder so sein", sage ich zu den Anderen. Der Regen hat kein bisschen nachgelassen; unnachgiebig schlägt er auf den schmutzigen Boden. Wir latschen mitten über irgendein Feld. Der Dreck frisst sich langsam meine Turnschuhe hoch. Wir finden einen Getränkemarkt und decken uns mit Bier ein. Der Rückweg scheint Stunden gedauert zu haben; der Parkplatz hat sich mit Gruppen von Menschen gefüllt. Ich kenne kaum jemanden und fühle mich unwohl und beobachtet. Meine Jeans ist total durchnässt und klebt an meinen Beinen. Ich habe Mühe, mein Handy aus der Hosentasche zu drücken. "Kommt ihr noch?", frage ich, während ich mir das andere Ohr zuhalte. Ja, sie kommen. Es gibt nichts, das deprimierender ist, als so einen Auftritt ohne Freunde im Publikum zu spielen. Schließlich sind alle nur wegen irgendwelcher Freunde hier und nicht wegen der Musik. In der Zwischenzeit hat der Drummer einen Kasten Bier unter das Vordach geschleppt. "Das ist unsere Gage", sagt er, "wir spielen zum Schluss. Das ist gut. Zum Ende des Abends spielen ist, wie im Bus hintensitzen.

Lampenfieber. Ich kann mich kaum auf die fürchterliche Punkband konzentrieren, die den Abend eröffnet. Ich verstehe nicht, wieso die das machen. Das kann denen doch selbst nicht gefallen. Aus Höflichkeit wippe ich mit dem Kopf und versuche, nicht zu abfällig zu gucken, obwohl ihnen wahrscheinlich scheißegal ist, was ich denke und sie vermutlich auch nicht wissen, wer ich bin. Ich bin Alex und ich bin immun gegen den Alkohol: Das Adrenalin, die Aufregung, bändigt ihn und lässt all seine Gewalt verkümmert in irgendeinem Winkel meines Körpers schlummern. Meine Hände zittern, weswegen ich sie in meinen nassen Hosentaschen verstecke. Warum mache ich all das überhaupt? Ich hasste die Aufmerksamkeit so sehr, wie ich sie liebte. Sicher, es war cool, Applaus für etwas zu bekommen, dass man selbst gemacht hatte, nur mit Fantasie, ein paar Tönen und einigen Worten. Und ich mochte es, wenn ich sah, dass die Leute sich zu unserer Musik bewegten oder die Songs mitsangen. Na gut, die Wenigsten sangen mit - woher sollten sie auch die Texte kennen? Aber diese verschissene Aufregung! Ich war ein selbstzweifelnder Angeber - und bin es wahrscheinlich noch immer. "Ey, geh' mal ein Stück zur Seite, ich kann nichts sehen", sagte ein Mädchen hinter mir unfreundlich. Ihr Freund sieht mich wütend an. Ich entschuldige mich, obwohl ich mir nicht sicher bin, warum ich das tue.

"Alter? Die Andern sind da. Komm' mal mit raus", sagte der Bassist und reißt mich aus meinen Gedanken. Wenn ich aufgeregt war, vergaß ich manchmal zu sprechen. Unsere Freunde hatten ein Schild gebastelt, auf das ein riesiger Stinkefinger mit Kohle gezeichnet war. Darunter stand: "Ihr seid ja so cool!" - darüber konnte ich lachen. Eine Anspielung auf den Herrentag.

In der nächsten Einstellung stehe ich auf der Bühne. Die Blicke bohren sich durch meine Haut direkt in meine Seele. Ich bin steif; nur ab und an wechsele ich die Hand, mit der ich den Mikroständer halte - beziehungsweise mich daran festhalte. Einige Monate später fragte mich mal ein Mädchen vor einem Konzert, ob ich wieder so tun würde, als ob ich keinen Bock auf den ganzen Scheiß hätte und darüber stehen würde. Ich sagte: "Ja, äh, na klar, das ist mein Ding".

Die Leute tanzten, das war gut. Nach dem dritten oder vierten Song wurde ich ein wenig lockerer. Ich ließ den Mikrofonständer los, beugte meinen Rücken ein wenig durch und ging leicht schief in die Knie, während ich sang. Die Pose hatte ich mir bei Liam Gallagher abgeguckt. Und Gallagher hatte sie sich bei Ian Brown abgeguckt. Mein Gerede zwischen den Songs beschränkte sich jedoch auf ein "Dankeschööön" und das Ansagen des nächsten Songtitels. Ich hätte einen wunderbaren Showmaster abgegeben. Die Leute klatschen. Zugabe. Wir spielen den dreizehnten Song, dann ist Schluss. Ich zünde mir noch auf der Bühne eine Zigarette an, als hätte ich sie gevögelt.

Als ich mich von der Bühne durch die Reste des Publikums nach draußen drängele, tippt mir das Mädchen auf die Schulter, dass sich vorhin noch beschwert hatte, dass sie wegen mir die Bühne nicht sehen würde. Sie lächelt und sagt irgendetwas, das ich nicht verstehe. Ich gehe weiter. Jetzt bin ich jemand anders. Draußen umarme ich meine Kumpel, als hätte ich einen wichtigen Elfmeter verwandelt. Der Regen fällt auf uns herab, doch auf einmal ist er warm und ich emfange ihn wie einen Freund. Ich bin übermütig und laut. Die anderen Mitglieder der Band stehen auch dabei und wir lachen über die Fehler, die wir während der Songs gemacht haben. Niemand hat irgendetwas gemerkt. "Cooler Auftritt, Jungs", sagt eine Stimme hinter mir. Anna. Ich drehe mich um, sage "Hey" und zögere kurz, während ich mit dem Zeigefinger auf sie zeige. Ich tue so, als wäre ihr Name mir nicht gleich eingefallen: "Hey, Anna, richtig?" Sie sieht fantastisch aus. Ihr pechschwarzes, endloses Haar ist zu einem Zopf gebunden und ruht auf ihre Schulter. Sie trägt eine enge Jeans und ein weißes Shirt mit orangefarbenen Streifen, auf dem sich der Regen abzeichnet.

Ich gehe auf sie zu, während die Anderen hinter mir johlen. Sie sagt nochmals "Hey" und geht vor, zurück in den Club. Meine Schuhe quietschen auf dem Boden. Überall ist der Dreck, den die Leute von außen herein getreten haben. Ich starre auf ihren Arsch. Wir suchen uns eine ruhige Ecke und lassen uns auf einer alten lila Couch nieder. Die Worte prasseln aus mir heraus, wie der Regen, der draußen auf die Anderen fällt. Ich rede über mich und den Auftritt. Ich sage ihr, wo wir nächstes Wochenende spielen würden; frage sie, ob sie Lust hätte zu kommen. Sie sagt, dass sie uns am liebsten möge von den ganzen Bands hier. Das andere heiße Mädchen, das mit den blonden Haaren, das vom Herrentag, ruft von Weitem Annas Namen. Sie kennen sich. Sie erkennt nun auch mich und zwinkert mir zu. Sie trägt dasselbe Top wie Anna. Und dann sage ich: "Willst du mir nicht deine Nummer geben? Du könntest mir doch mal die Gegend hier zeigen" und ich schäme mich schon, während ich die letzten Worte davon ausspreche. Wer bin ich? Wer sagt denn sowas? Doch es funktioniert. Sie nimmt mein Handy und tippt ihre Nummer ein. Ich klingele sie kurz an, damit sie auch meine hat. Wir umarmen uns, länger als notwendig, wobei ich ihre Brüste an meinem Körper spüre. Dann gehe ich wieder raus zu meinen Freunden.

Kurz vorm Ausgang treffe ich auf die Freundin des Bassisten. Sie sieht Anna und grinst mich an. Ich nehme sie kurz zur Seite. "Weiß die, dass ich 'ne Freundin habe?", frage ich. "Ja, ich glaub' schon, aber ich schätze, das ist ihr egal, ich hab' sowas gehört", antwortet sie. Ich lächele und gehe weiter. Draußen stoßen mich die Jungs an und labern irgendetwas mit Groupies. Ich zucke großkotzig mit den Schultern. Der Himmel ist tiefschwarz. Der Alkohol kehrt zurück und gewinnt doch noch den Kampf gegen das Adrenalin, als hätte er nur auf einen schwachen Moment gewartet. Meine Beine werden weich, das Gleichgewicht verabschiedet sich immer wieder. Ich fühle mich, als müsste ich tagelang schlafen. Wir verabschieden uns und ich falle auf den Rücksitz eines Wagens, der mich nach Hause, nach Wismar bringt.

Die Straßenlaternen rasen an den Fenstern des Wagens vorbei, bis die Dunkelheit der Landstraßen um sich greift und nur noch ab und an das Licht der entgegenkommenden Autos in mein Gesicht fällt. Ich ziehe mein Handy aus der Hosentasche, um mit letzter Kraft meiner Freundin zu schreiben, dass der Gig ganz gut gelaufen sei. Auf dem Display blinkt das SMS-Symbol. "War schön, dich wiederzusehen", steht dort. Ich stecke das Handy wieder weg und grinse zufrieden hinaus ins Dunkel.

Das ist acht Jahre her.

A.       

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