Dienstag, 2. Juli 2013

The Way We Move

In meinem Magen lodert die bittere Hölle; ich habe gestern Abend kiloweise Erbsenschoten in mich reingestopft. Aber es ist doch nur einmal im Jahr! Als ich am Wochenende die Heimat besuchte, hatten mir meine Großeltern einen riesigen Korb zurückgelassen. Nichts schmeckt unverfälschter nach Kindheit. Es ist fast etwas Spirituelles, die Schoten mit einer routinierten Bewegung aufzuknacken und die einzelnen kleinen Erbsen direkt mit dem Mund herauszunehmen. Der süßliche Geschmack, wenn sie noch nicht ausgewachsen sind. Das klingt nach 'ner ordentlich perversen Metapher! Fast sehe ich mich wieder im Dreck zwischen den Pflanzen sitzen, in einer Zeit, in der ich nur so groß war, wie die Stauden um mich herum. Das Sonnenlicht fällt in Stücken durch den riesigen Holunderbusch und die Weiden. Nach dem Mittag, wenn die Sonne sich langsam wieder auf den Rückweg machte, übergab mir mein Großvater wie in einer feierlichen Zeremonie den Gartenschlauch mit Pistolenaufsatz. Das war das Größte! Dann war ich Han Solo oder irgendein Fantasieheld oder Schurke.

Obwohl man nur eine halbe Stunde mit dem Fahrrad hier hinausfahren musste, kam ich mir vor wie in abenteuerlicher Wildnis; hier verschwand ich in Wäldern und dichten Wiesen, kletterte auf der alten Eisenbahnbrücke herum und beobachtete die Fische, wie sie im klaren Wasser vor der Schleuse nicht wussten, ob sie loslassen oder weiterkämpfen sollten, unwissend, dass sie irgendwann sowieso hineingesogen würden, ohne dass ihnen etwas dabei passierte. Der Geruch von Spargelsuppe und Regen steigt in meine Nase. Auf wackeligen Beinen balancierte ich über das große Abflussrohr unter der Eisenbahnbrücke hindurch. Auf der anderen Seite war irgendein unzugängliches Sperrgebiet. Hier baute ich Höhlen und improvisierte Baumhäuser. Ich schoss mit dem alten kaputten Luftgewehr, das ein Nachbar mir geschenkt hatte, fiktive Salven auf die Bäume, Vögel und imaginäre Feinde. Eine große Trauerweide stand dort. Wenn die Arbeit getan war, rauchte ich eine selbst gebaute Zigarette aus Klopapier und Stroh und blickte zufrieden auf das Tagwerk.

Alles war erfüllt von dem Geruch von Grillfleisch, dem Zwitschern der Vögel und dem weit entfernten Geräusch, wenn ein Zug über die alte Brücke donnerte. Mit einem zärtlichen Rot versank die Sonne dann in den Karpfenteichen und Sümpfen, verabschiedete sich von den Wiesen, den Weiden und den Weinbergschnecken überall. Meine Mutter sang in der kleinen Küche, während sie und meine Oma Salate und Kartoffeln zubereiteten und mein Großvater draußen den alten Grill einheizte. Ich saß auf der Terrasse, summte die Melodien mit und sah der Sonne beim Gehen zu, bevor die Grillen und Frösche einsetzten, um die Stille zu füllen, die das Licht hinterlassen hatten.

Das muss zwanzig Jahre her sein,

A.

Langhorne Slim - The Way We Move from Langhorne Slim on Vimeo.

 

Kommentare:

  1. "...bevor die Grillen und Frösche einsetzten, um die Stille zu füllen, die das Licht hinterlassen hatte."
    Hach!

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  2. Sir? Ich habe gar keine aktuelle E-Mail von Ihnen. Eigentlich wollte ich nur sagen, dass mein Blog demnächst samt E-Mail gelöscht wird und Kontkaktversuche nur noch über facebook (würde mich nicht wundern, wenn du da nicht wumhängst) möglich ist...

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    1. Wenn ich jetzt hier meinen Facebook-Kontakt reinstelle (natürlich bin ich bei Facebook! Ich muss doch am Puls der Zeit bleiben und mich über Dinge aufregen und meine persönlichen Daten hinaus in die Welt blasen), werde ich doch von lüsternen Fans überrannt. Ich würde vorschlagen, du erreichst mich über lex.empire@aol.com.

      Gruß und Kuss
      A.

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