Donnerstag, 31. Oktober 2013

Samhain

Ich war nie ein Freund von Halloween. Zum einen, weil ich es für einen ebenso erfundenen Feiertag wie den Valentinstag halte (wobei natürlich alle Feiertage irgendwann erfunden wurden und dies eigentlich kein Kriterium sein dürfte), zum anderen, weil ich einfach Angst vor Horrorfilmen habe und an Halloween laufen nun mal viele Horrorfilme - schließlich geht es ja um Geister, Monster und den ganzen Kram. Und ich finde, es nervig, dass ständig die Gören von irgendwelchen Assis klingeln, um Süßigkeiten abzugreifen - nur weil sie es in amerikanischen Serien gesehen haben. Warum feiern wir nicht auch noch den beschissenen St. Patrick's Day und zelebrieren unser irisches Erbe? Scheiße, das sagt der Junge, der an mindestens drei Mittagen die Woche bei McDonald's isst und Burger King dann als Abwechslung empfindet. Ach, ich will auch gar kein überkritischer Nörgler sein; ich weiß, das sind Äpfel und Birnen.

Jedenfalls fürchte ich mich vor Horrorscheiße. Ich geh' nicht einmal in Geisterbahnen oder so. Und in einem dieser hippen Grusellabyrinthe, wo man hinter jeder Ecke von irgendwelchen geschminkten Arschlöchern angeschrien wird, würde ich vermutlich panisch um mich schlagen. Das war schon immer so. Ich weiß noch, wie ich 1993 heulend von meiner Mutter in das Geisterhaus in Disneyland gezogen wurde. Ich habe konsequent meine Augen zusammengepresst und mir vorgestellt, ich würde in meinem Bett über das nächtliche London fliegen. Ich habe wirklich nichts gesehen. Aber die verdammten Geräusche haben mir schon gereicht. "Aber der Eintritt war so teuer, Alexander, da darf man sich nichts entgehen lassen", sagte meine Mutter. Am Arsch. Ich hätte mein Taschengeld gegeben, ob dort nicht hinein zu müssen. Hab' ich eine Szene gemacht, während neben mir viel jüngere Kinder standen uns sich ihres Lebens gefreut haben! Und ich hasse so etwas noch immer! Das hat nichts damit zu tun, dass ich irgendwie unmännlich bin, nein! Ich habe einen gigantischen Penis, Freunde. Aber Papa steht eben nicht auf Gruselfilme oder scharfes Essen, sondern mehr so auf zuckrige Donuts und Filme wie "Lovesong for Bobby Long" oder "Big Fish". Die Filme, die man früher auf DVD-Abenden geguckt hat, bei denen man eigentlich irgendein Mädchen rumkriegen wollte! Ich mag sie immer noch. Es ging also, fürchte ich, nie darum, deren Geschmack zu treffen, wie ich gerade feststellen muss.

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Semesterdämmerung

Ich habe mich überreden lassen. Aber mein Freund Robert hat recht: Die besten Noten haben wir in den dämlichsten Kursen eingefahren. Am Anfang lachen wir sicher und ein Haufen von Trotteln wird mit uns im Seminarraum sitzen und es wird scheiße langweilig, aber am Ende kommt etwas Gutes dabei heraus. Je beknackter das Thema, desto entspannter das Seminar. Soweit die Theorie. Und sein bestes Argument ist die mündliche Prüfung, die wir in einem Seminar über die Eisenbahn in Schleswig-Holstein und Dänemark mit Note 1 abgeschlossen haben. Meine Fresse, war das ein Quatsch das ganze Semester über! Mein Thema, "Die Reichsbahn und ihre Rolle im 2. Weltkrieg", ging da noch relativ in Ordnung. Und was für ein Menschenschlag von so einer Veranstaltung angezogen wird! Nur weil das Wort "Eisenbahn" im Titel vorkommt? Ich weiß schon, warum ich mich nie in Roboterethik verirrt habe. Vorurteile sind wenigstens irgendwelche Urteile! Und jetzt also Philosophie der Pflanzen.

Ich bin ja nun schon eine ganze Zeit dabei, aber Scheiße, so voll wie heute war der verfluchte Parkplatz noch nie! Auf den Rasenflächen, in den Einfahrten, auf den Bürgersteigen, überall standen Autos. Alles war voll. Aussichtslos drehen Erstis, mit Abi-2013-Aufschriften ihre Runden auf dem brechend vollen Parkplatz, mit Angst in den Augen. Nächste Woche kommt das dämliche Ordnungsamt dann wahrscheinlich das erste Mal auf die Idee, hier abzukassieren. Doch was sollen die Studenten tun? Die Parkplätze bieten nicht genug Platz und fast überall herrscht Anwesenheitspflicht. Gott segne die Bologna-Reform! Die Busse sind so voll wie die Fahrradständer. Und dann stehen wieder 5 Bullen an der Straße und kontrollieren, ob die scheiß Fahrräder der Studenten auch verkehrssicher sind. Die Uni hat inzwischen mehr als halb so viele Studenten, wie meine Heimatstadt Einwohner hat. Nur scheinen die Kapazitäten nicht erweitert zu werden. Mehr und mehr Leute stürmen jedes Semester an die Uni, stehen sich in den Fluren und Bussen die Beine in den Bauch und bekommen nicht einmal Sitzplätze in den überfüllten Seminaren und begrüßen verheißungsvoll diesen traumhaft schönen, neuen Lebensabschnitt. All die interessanten neuen Leute und die vielen Eindrücke. Man möchte brechen.

Mein Blick ist etwas verschwommen, aber damit kann ich leben. Routiniert schneiden wir durch die umherirrenden Massen von Menschen auf dem Weg zum richtigen Seminargebäude. Wir zünden uns eine Zigarette an. Ein Typ stürmt durch die Glastür hinaus. Er hat eine Minipli-Vokuhila-Frisur und einen Schnäuzer, aber einen mit eingekräuselten langen Spitzen. "Gewichst", sagt man, glaube ich. Dazu trägt er eine ganz merkwürdig geschnittene Hose; zu breit, dafür aber mit Hochwasser. "Manche Leute können auch wirklich nur innerhalb des Uni-Kosmos existieren, ne?", sage ich zu Rob. Er lacht. "Fuck, der sieht aus wie einer von den New Kids", antwortet er. Wir verpassen den Fahrstuhl. Im dritten Stock angekommen, atme ich fast meine Lunge aus. Auch Rob ist außer Atem. "Das machen wir nie wieder, verdammte Scheiße. Nächstes Mal warten wir einfach auf den Fahrstuhl", sagt er. Ich nicke. Kann nicht sprechen. Der Raum ist voll. Natürlich. Wir sind extra eine halbe Stunde zu früh. "Handtuch werfen?", wendet sich Rob an mich. Ich nicke. Wir werfen unsere Taschen auf zwei Stühle in der letzten Reihe, um sie zu reservieren und gehen wieder raus an die Luft. Ich rauche zehnmal so viel, wenn ich mit Rob irgendwo bin.

Fahrstuhl. Meine Beine sind zitterig. "Wie geht's Dir, alles gut?", fragt Rob mich. Er liest meine verfluchten Gedanken. "Es geht, klappt schon", antworte ich. "Es muss", flüstere ich mich geschlossenen Lippen. Der Raum ist brechend voll und die Ersten haben keine Stühle mehr. Ich hasse es, wenn es so überfüllt ist. Neben mir sitzt ein Mädchen mit blauen Fingernägeln. Sie trägt eine dieser Cowboy-Lederjacken. So mit Fransen. Das Leder riecht so intensiv und wir sitzen so eng, dass mir der Geruch in die Nase zieht. Sie riecht wie ein verficktes Paar Winterstiefel. Ich starre durch den Raum und gucke, rein interessehalber, ob auch heiße Mädchen da sind. Gute Quote für ein Philosophie-Seminar. Lana Del Rey ist auch da: ausgeblichen blonde 90'er-Grunge-Haare, in einer lässigen Welle, eine Jeans-Hot-Pant, bis zu den Titten hochgezogen, und eine Collegejacke. Summertime Sadness im Herbst. Natürlich ist der hässliche Typ, den wir vor der Tür gesehen haben, der Dozent des Kurses. Ich frage mich, ob irgendwo jemand im Raum sitzt und sich fragt, wer der Typ mit der blassen Haut, den wuschligen Haaren und dem gequälten Blick ist, der dort hinten in der Ecke hockt und nicht still sitzen kann.

A.

*Rob, der natürlich nicht wirklich Robert heißt, sondern nur zum Schutze seiner Privatssphäre so von mir genannt wurde, hat mich vorhin angerufen und sich darüber beschwert, dass ich ihm dieses Pseudonym verpasst habe. Wörtlich sagte er: "Ich hasse den Namen Robert, Mann, weil der wirklich scheiße ist. Robert, ey, da würde ich ja sogar lieber Jason heißen". Kommen wir also seinem Wunsch nach und nennen ihn von nun an Jason bzw. Jazz. Don't cross the boss!

Montag, 28. Oktober 2013

Zu Stein

Eine Oma hat einen Anfall oder so. Spastiken und leere Augen. Sie zittert und ihre Bewegungen wirken, als würde sie jeden Moment zu Stein erstarren. Ich versuche, nicht zu sehr hinzusehen. Ich will nicht, dass es ihr unangenehm ist, aber ich glaube, sie bekommt sowieso nichts mehr mit. Ihr Sohn und ihre Tochter (vielleicht sind es auch ihre Enkelkinder) stützen sie, geben ihr Wasser, halten ihre Jacke. Sie spricht nicht, das scheint für alle jedoch normal zu sein. Die anderen Verrückten im Wartezimmer macht das nervös: Beine wippen, Blicke rasen, Dinge werden ins Nichts geflüstert. Es ist nirgends so schön wie daheim. Es ist nirgends so schön wie daheim. 
 
A. 

Samstag, 26. Oktober 2013

Wellen

Die Luft riecht nach Herbst; nach Nässe, Wind und gelben Blättern, die im Dreck auf dem Boden zertreten werden. Ich höre, dass draußen, im Dunkeln, der Regen einsetzt. Es ist warm, so warm, dass ich die Balkontüren weit offen lassen muss über Nacht. Im Fernsehen laufen alte Bilder von den Flutwellen, die über Japan hinwegfegen. Ein erneutes Erdbeben vor Fukushima scheint ein Segen für die Programmchefs zu sein. Als hätten sie nur darauf gewartet, senden sie die alten Dokus, als hätten wir alle so etwas Schlimmes noch niemals gesehen. Doch auf irgendeine Art ist es beruhigend, den Wellen dabei zuzusehen, wie sie genährt von Schmutz, Wasser und Kraft über das Land walzen und alles mit sich reißen; Häuser, Autos und Boote, als würden sie alle Anzeichen unserer Zivilisation hinweg spülen wollen. Eine einzige große Rache an uns allen, eine Sintflut. Und am Ende bleibt nichts außer endlosem Müll und Dreck. 5000 Jahre Kultur und Technik und am Ende bleibt Schrott, Schlamm und Chaos. Das alles hat so etwas Ohnmächtiges und Gewaltiges, dass es schon fast wieder schön ist, wären da nicht die vielen schrecklichen Schicksale, die einer solchen Katastrophe natürlich und zurecht jede Ästhetik nehmen. Nachdem das Wasser verschwunden ist, wird ein alter Mann gezeigt, der auf einem Berg von Müll steht und laut und verzweifelt nach seinen Kindern ruft. Doch alles, was zur Antwort schallt, sind die Rufe anderer, auf der Suche nach ihren Angehörigen.

A.

Die Katzen Kroatiens und die Mechanik des Herzens und die Monate eines Jahres

"Wirklich", sage ich, "ich kann mir das sehr gut vorstellen und mache es zu Hause". "Nein", insistiert sie, "die Vorschriften besagen, dass ich Ihnen das ganze Geschirr einmal anlegen muss, damit Sie es sich für Zuhause merken". Sie schiebt mir ansatzlos die beiden Hörner des durchsichtigen Schlauches in die Nase. "Das misst nicht nur ihre Atemfrequenz, sondern auch die Sauerstoffsättigung", sagt sie währenddessen. Vorher hat sie mir schon den Herzfrequenzmesser an den Zeigefinger geknipst, den Bauchsensor umgeschnallt und den kleinen Kasten, der wie ein in Stoff gewickeltes Walkie-Talkie aussieht, um meinen Brustkorb gezurrt. "Und damit soll ich schlafen können? Ich werde paranoid alle zehn Minuten aufwachen und gucken müssen, ob noch alles an seinem Platz ist", sage ich.

Ich muss aufschreiben, wie groß und schwer ich bin. "Wann werden Sie heute Abend schlafen?", fragt sie. "Weiß nicht, um ehrlich zu sein, wohl frühestens gegen 0:00 Uhr, denke ich". "Und wann wachen sie morgen früh auf?", sagt sie und sieht mich gespannt an. "Hm, gegen acht oder neun bestimmt", antworte ich. "Also nehme ich an, Sie haben keinen Beruf", sagt sie und schreibt irgendetwas auf. "Ich bin Student". "Na klar". Sie erzählt mir, dass sie eigentlich eine richtige Nachteule sei, also gewesen sei, früher einmal. Aber sie wäre tagsüber viel zu müde, würde sie spät ins Bett gehen. Wenn sie wüsste, dass ich mich dazu zwingen muss, überhaupt gegen zwölf oder eins zu schlafen. Als ich mich erhebe, um zu gehen, sagt die Schwester: "Wissen Sie, Sie sehen nicht aus wie mein sonstiges Klientel". "Denn das sieht normalerweise wie aus?", frage ich. "Naja, alt und adipös. Genau genommen sind Sie da ja eher das Gegenteil, aber es wird schon seinen Grund haben, dass der Doktor das angeordnet hat", sagt sie. Freut mich.

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Mein Zuhause ist ihr Schloss

Mir ist kalt, schrecklich kalt. Mit einer Frau zusammenzuleben bringt viele Vorteile mit sich. Natürlich, man hat öfters Sex, die Wohnung ist sauber, das Essen ist besser und es riecht gut überall - auch man selbst. Zumindest meistens. Ich mag es, dass jahreszeitenbedingt dekoriert wird, dass es auch warm in Zimmern ist, in denen man sich gerade nicht aufhält, dass jemand neben einem liegt, auf der anderen Seite des Bettes. Ich mag es, dass ich das Klo nicht mehr putzen muss (dafür bringe ich ganz oft den Müll runter, Frau Schwarzer!), dass Pflanzen überleben und ich mag den Geruch von Kaffee, den jemand in der Küche kocht, gemeinsames Frühstück, dass der Kühlschrank wie der einer Familie aussieht. Man kommt sich gleich viel männlicher vor, wenn jemand sieht, wie man einen Nagel in die Wand haut, ein Loch bohrt oder die Senderliste des Fernsehers programmiert.

Sicher, ab und an gibt es auch Streit: Auf einmal sind Star-Wars-Poster nicht mehr cool oder ein T-Rex auf dem Schreibtisch unpassend oder Gitarrenkoffer gehören nicht ins Wohnzimmer oder ich habe zu viele Bücher oder weiße Wände sind ja so langweilig oder "Warum darf ich nicht im selben Raum sein, wenn du Playstation spielst?" oder meine Sachen stinken nach Rauch. Aber das gehört alles dazu, wie ein routiniertes Spiel. Ich bin ein verlorener Junge; ich werde immer Schwachsinn und Bücher kaufen oder blöde Ideen und Träume haben. Ich denke, sie mag genau das an mir. Ich will einen Weihnachtsbaum. Einen echten. Ich freue mich auf Weihnachten. Nur Frauen schaffen es, dass aus einer Wohnung ein Zuhause wird.

Doch nach spätestens zwei Jahren hat man keine Ahnung mehr, wo irgendetwas ist. Ich weiß nicht einmal, wo meine eigenen Unterlagen sind. Rechnungen, Kontoauszüge, Versicherungskram, keine Ahnung. Es ist, als hätte ich Verantwortung abgegeben und wäre in einem großen 25°C-warmen 50'er-Jahre-Traum aufgegangen - mit allen Annehmlichkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung des 21. Jahrhunderts. Ich bin auf der Suche nach dicken Socken - doch alles, was ich finde, sind blau-weiß gestreifte Ringelsöckchen aus Plüsch oder so. Kombiniert mit meiner weiß-grau-karierten Pyjama-Hose sehe ich jetzt aus wie Beetlejuice. Die Älteren werden sich erinnern.


Als ich heute in der Küche stand und darauf wartete, dass das Wasser zu kochen beginnt, ist mir zum ersten Mal das unglaublich schöne Bild aufgefallen, das diesen Monat auf dem Kalender in der Küche zu sehen ist: Eine Villa im Schweizer Stil, gelegen am Hang des Sognefjord. Das sagt die Beschreibung. Ich war vor einigen Jahren mal am Sognefjord. Ich weiß nicht mehr, ob es mir gefallen hat. In diesem Haus würde ich gern leben. Mit Blick aufs Wasser. Für immer.

A.

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Mixtape

Vor ein paar Tagen lag ich in der Badewanne und dachte: Alex, es wäre doch fantastisch, wenn es dir irgendwie gelingen würde, eine Art Mixtape in deinem Blog zu installieren; eine Playlist von zehn Songs, die du jeden Monat aktualisierst. So wäre es möglich, Lieder, die du magst, mit den Millionen von Lesern zu teilen, die sich jeden Tag auf IADST verirren. Und das Ganze müsste natürlich völlig legal sein! Doch schon mein nächster Gedanke war: Alex, du bist ein Schwachkopf, du wirst technisch niemals dazu in der Lage sein, so etwas umzusetzen. Es ist vielmehr unglaublich, dass du das/den Blog überhaupt auf die Beine gestellt hast, anstatt einfach aufzugeben und Playstation zu spielen, wie du es in der Regel sonst bei deinen kolossalen Ideen tust.

Doch dann kam Spotify. Dieser lang gehegte Traum ist möglich. Alles, was ihr nun braucht, ist ein Spotify-Account. Wahlweise könnt ihr euch auch via Facebook bei Spotify anmelden - und schon könnt ihr auf Play drücken und die sexuelle Verbindung unserer Gehörgänge genießen. Ihr findet das Mixtape auf der rechten Seite unter dem Foto des attraktiven jungen Mannes. Ich werde im Dezember sowasvon eine Weihnachtsplaylist machen!

God rest 'ye merry gentlemen,

A.

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Chim Chim Cher-ee

Sonnenlicht durchflutet das Schlafzimmer, als ich meine Augen öffne. Kurz weiß ich nicht, wo ich bin. Ich frage, wie spät es ist, aber ich bin schon allein. Alles ist schwarz-weiß, es blendet. Mir ist heiß, unglaublich heiß. Als ich meine Beine auf den Boden setze, zittern meine Knie. Ich fühle mich, als hätte ich seit Tagen nicht geschlafen. Mein Plan hat also nicht funktioniert. Vor Jahren, während vieler seekranker Überfahrten von Hirtshals nach Kristiansand hatte ich eine Entdeckung gemacht: Mein Körper hat irgendeine natürliche Unverträglichkeit gegen den Hauptbestandteil von Reise- und Übelkeitstabletten, Dimenhydrinat. Nehme ich ein Medikament, das diesen Wirkstoff enthält, bin ich nach spätestens einer halben Stunde so benebelt, dass ich nur noch einschlafen kann. Und dann schlafe und schlafe ich für Ewigkeiten und es dauert, bis ich wieder klar bin. Da ich nun seit Wochen schlecht schlafe, immer wieder aufwache und mies träume, dachte ich, es wäre doch eine gute Idee, die natürlichen Mechanismen meines Körpers zu nutzen und mich schön damit wegzuballern, um selig zu schlafen, ruhig, unschuldig und ganz ohne Träume. Am Arsch. Ich war Agent des Römischen Imperiums, habe eine feindliche Armee sabotiert und bin durch eine unfassbar schöne, lila-leuchtende Waldlandschaft voller Glühwürmchen geflohen, die Trommeln der Feinde im Rücken. Irgendwann wurde das ständige Trommeln zu einem Hämmern in der Etage über mir und ich bin aufgewacht. Die Hausmeisterin ist gestorben und nun wird ihre Wohnung renoviert. Der Lärm brennt in meinen Ohren.

Wie eine Maschine gehe ich zum Schrank mit den Medikamenten, so wie jeden Tag. Der Mann im Spiegel sieht scheußlich aus; seine Haare stehen ab, er ist unrasiert und seine Augen werfen tiefe dunkle Schatten. Ich muss fast kotzen vom Nachgeschmack der Pillen, aber ich spüle sie artig mit Leitungswasser herunter. Nur die letzte Tablette lasse ich aus. Langsam drehe ich sie zwischen meinen Fingern, bevor sie wieder in der Schublade verschwindet. Meine Hände zittern. Ich steige in die Badewanne. Sonst habe ich immer ein Buch dabei, aber der Roman von Sasha Grey hat mich so verärgert, dass ich nichts lesen möchte. Als ich den Kopf unter Wasser tauche, werden die Geräusche der Handwerker zu dumpfen Vibrationen, als lege man sein Ohr an die Haut einer riesigen blechernen Maschine.

Nachdem ich mich rasiert habe, sehe ich nicht mehr so furchtbar aus. Schal und Mantel und schon weht mir der Wind der Stadt ins Gesicht: hupende Autos, Fahrradklingeln, Hundegebell. Meine Schritte auf der Treppe sind nicht so flüssig wie gewohnt und ich muss an den Blechmann, an den eisernen Holzfäller, denken. Während mir die Frau im Tabakladen eine Schachtel Gauloises aus dem Regal holt, starre ich die Schlagzeilen der Bild-Zeitung an, jedoch ohne auch nur ein Wort zu lesen, als könnte ich die einzelnen Buchstaben nicht zusammensetzen, sodass sie Sinn ergeben. Mir ist schrecklich heiß. Ich wickle meinen schwarzen Wollschal ab und knöpfe den Mantel auf. Meine Haare sind noch immer nass vom Baden. Während ich die Straße entlang starre, verschwimmt immer wieder mein Blick. Meine Augen schmerzen. Es ist so warm. Auf dem Weg zur Praxis kommt mir ein Schornsteinfeger entgegen. Wie lange habe ich wohl keinen mehr gesehen? Die sind wie Telefonzellen; Relikte vergangener Zeiten, dem Untergang geweiht, ihre eigenen verdammten Erinnerungsfotos.

Als ich mich in das volle Wartezimmer setze, merke ich plötzlich, dass es keine gute Idee war, die letzte Pille nicht zu nehmen. Als ich zum ersten Mal hier war, habe ich noch alle angestarrt und mich gefragt, wie die es wohl alle schaffen, so verflucht freakig und kaputt auszusehen. Und jetzt? Ich schwitze und ich merke, dass das Stillsitzen unmöglich wird. Sobald ich meine Beine nicht bewege, steigt ein widerwärtiges Kribbeln von meinen Fußsohlen auf, als würden meine Beine sofort einschlafen. Ich weiß nicht, wohin mit meinen Händen. Es ist so warm hier. Ich krempel meine Ärmel hoch und bemerke, wie der Blick einer älteren Frau auf der Tätowierung auf meinem rechten Arm ruht. Ich atme schwer. Als ich meinen Scheitel nachstreiche, merke ich, dass auch meine Haare nass sind. Ich schätze, alle hier halten mich für einen Junkie. Das kann man ihnen nicht einmal verdenken - ich würde mich auch für einen Junkie halten. Ich überlege, aufzustehen und zu gehen. Eine halbe Stunde ist vergangen. Mir wird schwindelig. Ich versuche gleichmäßig zu atmen und an diesen einen Freitag in Norwegen zu denken, im November. Ich versuche die Sonne zu sehen, wie sich im Wasser und in den Wellen spiegelt, als ich an der steinigen Küste stehe. Ich versuche den Sturm zu riechen und den Fels und das Moos unter meinen Schuhsohlen zu fühlen, die Möven zu hören, das gleichmäßige Tuckern eines entfernten Bootsmotors, das warme Licht auf meiner Haut, ihre blonden Haare im Wind.       
"Wir sagen nicht Entzugserscheinungen. Wir sagen Absetzungserscheinungen", belehrt sie mich, während ihre Brille auf ihre Nasenspitze herunterrutscht. Ich spüre die Schweißperlen auf meiner Stirn. Das T-Shirt klebt an meinem Rücken. "Aber es ist natürlich sehr gut möglich, dass sie jetzt an welchen leiden, gerade, wenn sie die Tabletten ohne Absprache absetzen, so von heute auf morgen - das geht natürlich nicht", fährt sie fort. "Aber ich dachte, dass", sage ich, breche aber ab, "Sie haben vermutlich recht". "Ja, vermutlich", antwortet sie ironisch. Ich bekomme einen Zettel mit einem genauen Tagesplan zum Absetzen. Danach gibt es wieder andere Pillen. Nervig. Ich stehe auf und ziehe meinen Mantel wieder an, klappe den Kragen nach oben. "Bis nächste Woche", sagt sie. "Ja, bis nächste Woche", sage ich.

A. 

Freitag, 11. Oktober 2013

Pappeln im Sturm

Wisst ihr, Mecklenburg ist irgendwie wie ein Museum. Nicht nur, weil es, für mich, die leeren Schauplätze und Erinnerungen meiner Jugend beherbergt, sondern auch, weil es im Sommer, vornehmlich in den Ferien, voll von Menschen ist, die so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind, all das mögen und doch nicht bleiben. Wenn der goldene Raps von den Feldern verschwunden ist und die leuchtenden Strände in ein herbstliches Grau übergehen und wenn die Luft nicht mehr nach Sonne riecht, dann ist alles wieder vorbei, alles vergessen, als rette sich das Land in diesem Teil lediglich von Sommer zu Sommer. Was bleibt sind die Assis mit den Hunden, die in Jogginghosen einkaufen gehen und auf ihren Sofas Kippen stopfen, alte Menschen in bunten Jacken, Schüler, die, sofern sie einen Abschluss machen, kurz darauf das Weite suchen, verwitterte Backsteinkirchen und düstere Pappeln im Sturm.

Ich habe schlecht geschlafen.Trotzdem von zu Hause geträumt. Kiel ist grau. Draußen hat sich der Himmel verdunkelt. Über dem Meer scheint ein Sturm aufzuziehen, denn der Wind weht stark von der See und lässt das Windspiel auf meinem Balkon singen und das Holz der Bäume im Garten knacken. Der dickliche Großvater aus dem Nachbaraufgang mäht seinen Rasen, was jedoch einem Kampf gegen Windmühlen gleichkommt, denn man sieht kaum Grün unter all dem herabgefallenen Herbstlaub.

Die Random-House-Verlagsgruppe war so großzügig, mir ein Presseexemplar von "Die Juliette Society" zu schicken. Sicher, der Titel ist schon ziemlich behindert, aber der Name der Autorin lautet Sasha Grey. Nun werden vermutlich höchstens die männlichen Leser von IADST damit etwas anzufangen wissen, aber so viel sei gesagt: Sasha Grey ist bzw. war bis vor Kurzem eine Pornodarstellerin in den Staaten - und noch dazu eine ziemlich außergewöhnliche. Ja, es klingt unglaubwürdig, aber ich bin über einen Artikel im Rolling Stone (und nicht über ihre Schmuddelfilmchen, auf die ich inzwischen jedoch natürlich, selbstverständlich zu Recherchezwecken, einen Blick geworfen habe) auf sie aufmerksam geworden. Miss Grey interessiere sich laut eigener Aussage unter anderem sehr für Literatur, Philosophie und avantgardistische Musik und Film und würde ihre Filmorgasmen nicht einmal faken, sondern sei einfach sehr verdorben. Der Rolling Stone titelte damals, glaube ich, "The dirtiest Girl in the world". Wir haben es also mit einer vermeintlich Intellektuellen unter all den, Pardon, Fickschnitzeln zu tun. Das hat meine Aufmerksamkeit erregt. Vielleicht ist das auch lediglich Kalkül, aber ich bin gespannt, ob es sich bei "Die Juliette Society" um ein weiteres literarisch-verzichtbares Machwerk (im wörtlichsten Sinne) handelt, welches lediglich die klebrig verklemmten Fantasien hässlicher Sekretärinnen anzusprechen in der Lage ist und ansonsten eher eine Verhöhnung der Natur darstellt, da Bäume gefällt wurden, um einen solchen Mist auf Papier zu drucken. Vielleicht ist ihr ja tatsächlich etwas Besonderes gelungen. Oder vielleicht ist sie auch nur eine eingebildete Schaumschlägerin. Wir sind gespannt. Eigentlich lese ich gerade ein gutes Buch, aber diesmal muss ich wohl etwas dazwischen schieben. Versteht Ihr, dazwischen schieben? Hach. Meine stets objektive und immer sachliche journalistische Integrität zwingt mich jetzt also dazu, mir die große Packung klebriger Donuts aus der Küche zu holen und mich ganz und gar Sasha Grey hinzugeben.

A.

Yourstru.ly Presents: Blind Pilot "Half Moon" from Blind Pilot on Vimeo.

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Die Tür

Es klingelt zweimal. Schrill hallt es in meinen Ohren nach. Neben mir rührt sich nichts und alles ist dunkel. Ich werfe die Bettdecke zur Seite und laufe barfuß in den Flur. Meine Schritte klingen wie Ohrfeigen auf dem Parkett. Ich reiße die Tür zum Zimmer meines Mitbewohners auf und schreie ihn an: "Was hast du für dämliche Freunde, die hier mitten in der Nacht klingeln?". Er beteuert seine Unschuld, woraufhin ich, ohne es wirklich stoppen zu können, damit beginne, seine Einrichtung zu demolieren. Ich werfe den Schrank um, packe ein Regal und kippe seinen Inhalt auf den Fußboden. Ich knalle seine Tür wieder zu und gehe mit leisen Schritten durch den dunklen Flur. Unter der Wohnungstür schimmert Licht aus dem Treppenhaus auf den finsteren Boden. Krümel von Sand, der an Straßenschuhen hereingetragen wurde, kleben an meinen nackten Füßen. "Wer ist da?", frage ich, ohne die Tür zum Hausflur zu öffnen. Ich meine, ein Atmen und Schritte zu hören. Die Geräusche bewegen sich weg, also nehme ich meinen Mut zusammen, lege meine Hand auf den Knauf und öffne vorsichtig die Wohnungstür. Schritte hallen plötzlich schnell auf der Treppe. Jemand läuft auf mich zu. Ein Schritt zurück und dann wird die Tür von außen aufgerissen.

"Alles in Ordnung, Alex?", fragt eine vertraute Stimme. Ich öffne die Augen und sehe nur ihr blondes Haar. "Hattest du wieder einen Albtraum? Du hast geschrien im Schlaf, das war ziemlich gruselig", sagt sie und streichelt mein Gesicht. Ein gedämpfter und tiefer Schrei steckt noch immer in meiner Kehle, wie etwas Fremdes, das nicht mir gehört. "Ja, alles okay, war nur ein Traum", antworte ich, als die Überraschung über all das hier aus meinen Augen gewichen ist. Es ist noch dunkel draußen, 5:16 Uhr. "Du bist schon auf?", frage ich. "Naja, ich muss zur Arbeit", antwortet sie mit einem Anflug lächelnden Unverständnisses in der Stimme. Ich schiebe die Bettdecke zur Seite und laufe barfuß in den Flur. Meine Schritte machen kaum einen Laut auf dem Parkett. Kein Licht fällt unter der Wohnungstür hindurch. Die Badezimmertür knarrt hinter mir und irgendwo im Haus pinkelt noch jemand. Man ist nie allein in Mietwohnungen. Ich wasche kalt mein Gesicht und lege mich wieder ins Bett. "Versuch', zu schlafen, versuch', besser zu schlafen", sagt sie.

A.

  

KOPECKY FAMILY BAND "HOPE" OFFICIAL MUSIC VIDEO from AK Hottman on Vimeo.

Mittwoch, 9. Oktober 2013

27

Okay, ich kann wieder schreiben. Es hat ein wenig gedauert, aber hier bin ich wieder, schätze ich. Seit Monaten habe ich nichts geschrieben; keine Blog-Einträge, keine Notizen, Rezensionen, Songs oder Weltbestseller, nichts, aber irgendwie fehlt es mir. Auch meiner Gitarre gehe ich aus dem Weg, wie einem Freund, bei dem man sich zu lang nicht gemeldet hat. Wenn ich den schwarzen Martin-Koffer in der Ecke im Wohnzimmer stehen sehe, zuckt zwar das Gefühl, irgendwelche Moll-Akkorde zu spielen, durch meine Finger, aber ich gebe dem so gut wie nie nach. Die Wochen und Monate sind nur so an mir vorbeigeflogen, während ich an Wände und Wolken gestarrt und meine Zeit hauptsächlich in Wartezimmern und im Bett verbracht habe. Wenn ich aufwache, fühle ich mich meistens geschaffter als vor dem Einschlafen. Aber was ist schon passiert?

Bundestagswahlen. Man wählt eine Partei und bekommt dazu auch noch ihren erklärten Wahlgegner. Große Koalitionen sind eine Verhöhnung eigentlicher Wahlprinzipien. Die Wahlbeteiligung nach der letzten Großen Koalition hat doch auf eindrucksvolle Weise demonstriert, dass kaum etwas verschreckender auf dummbatzige, politisch-verdrossene Nichtwähler wirkt, als wenn sich die beiden großen Volksparteien grinsend zu einem Brei verbinden. Ja, selbst die schlechten Erinnerungen halten die SPD nicht davon ab, dem Geschmack der Macht zu erliegen. Aber was soll's! Die Opposition besteht aus der Linken, die Grünen sind kopf- und identitätslos. Die CDU als gesamtdeutsche Einheitspartei und sozialdemokratischer Hegemon, zu der sie unter Angela I. geworden ist, ist so gut für den deutschen Parlamentarismus wie die Klitschko-Brüder für das Schwergewichtsboxen. Und so hat selbst die Agonie der FDP irgendwie einen faden Beigeschmack. Natürlich ist es ein Verlust für den Bundestag, wenn eine freiheitlich-orientierte Partei des Liberalismus ihre Relevanz verliert und vom politischen Parkett verschwindet. Natürlich hatte die zuletzt zur unsympathischen Zahnarztpartei verkommene Rösler-FDP nichts mehr mit einer solchen Partei gemein, weswegen jede Trauer auch falsch und verspätet wäre. Trotzdem wirft es doch ein komisches Licht auf unsere Popularitäts-Demokratie, wenn eine Regierungspartei aus dem Parlament fliegt - und ihr Koalitionspartner ein so strahlendes Rekordergebnis einfährt, dass coole Alt-Punks wie Volker Kauder "Tage wie diese" durchs Adenauer-Haus grölen. Es ist nie gut, wenn eine Meinung verschwindet. Und eine winzige, unbedeutende Opposition ist natürlich scheiße! Ich könnte mich stundenlang über all das aufregen, aber mit den politischen Parteien ist es wie mit dem miesen Fernsehprogramm: Wir sind verantwortlich und bekommen, was wir verdienen.

Die Jahreszeiten wechseln sich ab. Feiner Regen weht mit dem Wind vom grauen Himmel wie Staub hinunter. Der Nebel verhüllt meinen Blick auf das Meer und lässt die herabgefallenen, gelblichen Blätter im Garten glänzen. Ich liebe den Herbst. Er liegt mir mehr als die drückende Wärme und das grelle Licht des Sommers. Keine zusammengekniffenen Augen, keine kurzen Ärmel mehr. Das kältere Wetter und der Wind stehen mir besser: Strickjacken, Pullover und Schals. Außerdem habe ich im Herbst Geburtstag.

27. Siebenundzwanzig. Das klingt furchtbar. Als Fußballer würde ich nun wahrscheinlich den letzten großen Vertrag meiner Karriere unterschreiben - und als Rockstar müsste ich meine Hinterlassenschaften regeln. Noch drei Jahre bis zur großen Dreißig und ich komme mir noch immer wie ein Kind vor. Wenigstens geht die Bartwuchsentwicklung in meinem Gesicht ganz allmählich Richtung Flächendeckung. Naja, das ist auch wieder übertrieben. Vielleicht dann mit 40. Irgendwann werde ich einen fiesen Leonidas-Bart haben und euch alle anschreien. Irgendwann, irgendwann, irgendwann. Ich kann mich nicht zum Erwachsenwerden aufraffen. Und der Gummi-T-Rex, der mich von meinem Schreibtisch aus ansieht, gibt mir da recht. Auch der Zauberwürfel, den ich nie werde lösen können, und der Indoor-Bumerang, den mir ein Freund kürzlich von einer Messe mitgebracht hat, sind da ganz seiner Meinung. Ich frage mich, wann ich mich zum letzten Mal auf einen Geburtstag gefreut habe. Auf Geschenke habe ich mich immer gefreut, da bin ich ganz pragmatisch, aber das Älterwerden hatte glaube ich zuletzt irgendeinen Reiz, als die Volljährigkeit anstand. Endlich Schnaps in Kneipen bestellen und Eintritt in Clubs, die eigentlich nur so lange cool und reizvoll waren, wie man draußen zu bleiben hatte. Danach kam irgendwie nichts mehr. Strafmündigkeit? Hm, nicht wirklich spannend - habe ich auch irgendwie nie genutzt.

Ach, es lief alles wie immer: Die Autofahrt nach Hause fühlte sich an wie Weihnachten, Kaffeetassen klirren auf Untersetzern, Marzipan-Torte, Entenbraten, Gutscheine für Buchläden und lächelnde Augen von Großeltern, während mein Vater irgendwo in Skandinavien Gleise im regennassen Schotter verlegt, um Geld zu verdienen. Geld für ein gutes Leben. So stelle ich es mir vor: nasse, feine Steine, schwarz von Teer, die unter schweren Stiefeln nachgeben, schneidender Wind und der Geruch von öligem Metall. Als ich am Kaffeetisch sitze und meine Grußmutter das schmutzige Geschirr in die Küche bringt, ruft sie mir zu, ich solle mir das kleine Büchlein mit Sprüchen ansehen, das auf dem alten Telefonschränkchen steht. "Du würdest meine Reaktion nicht mögen, ich bin kein Freund von solchem Quatsch", rufe ich zurück in die Küche. Doch sie besteht darauf. Jedem Tag des Jahres ist ein Spruch zugewiesen. An meinem Geburtstag steht: "Die Jugend ernährt sich von Träumen, das Alter von Erinnerungen". Jiddisches Sprichwort. Ich hänge irgendwie dazwischen.

Ich bin wieder da. Es geht weiter.

A.

       

The Milk Carton Kids - Michigan : Audiotree Live from Audiotree Live on Vimeo.