Mittwoch, 9. Oktober 2013

27

Okay, ich kann wieder schreiben. Es hat ein wenig gedauert, aber hier bin ich wieder, schätze ich. Seit Monaten habe ich nichts geschrieben; keine Blog-Einträge, keine Notizen, Rezensionen, Songs oder Weltbestseller, nichts, aber irgendwie fehlt es mir. Auch meiner Gitarre gehe ich aus dem Weg, wie einem Freund, bei dem man sich zu lang nicht gemeldet hat. Wenn ich den schwarzen Martin-Koffer in der Ecke im Wohnzimmer stehen sehe, zuckt zwar das Gefühl, irgendwelche Moll-Akkorde zu spielen, durch meine Finger, aber ich gebe dem so gut wie nie nach. Die Wochen und Monate sind nur so an mir vorbeigeflogen, während ich an Wände und Wolken gestarrt und meine Zeit hauptsächlich in Wartezimmern und im Bett verbracht habe. Wenn ich aufwache, fühle ich mich meistens geschaffter als vor dem Einschlafen. Aber was ist schon passiert?

Bundestagswahlen. Man wählt eine Partei und bekommt dazu auch noch ihren erklärten Wahlgegner. Große Koalitionen sind eine Verhöhnung eigentlicher Wahlprinzipien. Die Wahlbeteiligung nach der letzten Großen Koalition hat doch auf eindrucksvolle Weise demonstriert, dass kaum etwas verschreckender auf dummbatzige, politisch-verdrossene Nichtwähler wirkt, als wenn sich die beiden großen Volksparteien grinsend zu einem Brei verbinden. Ja, selbst die schlechten Erinnerungen halten die SPD nicht davon ab, dem Geschmack der Macht zu erliegen. Aber was soll's! Die Opposition besteht aus der Linken, die Grünen sind kopf- und identitätslos. Die CDU als gesamtdeutsche Einheitspartei und sozialdemokratischer Hegemon, zu der sie unter Angela I. geworden ist, ist so gut für den deutschen Parlamentarismus wie die Klitschko-Brüder für das Schwergewichtsboxen. Und so hat selbst die Agonie der FDP irgendwie einen faden Beigeschmack. Natürlich ist es ein Verlust für den Bundestag, wenn eine freiheitlich-orientierte Partei des Liberalismus ihre Relevanz verliert und vom politischen Parkett verschwindet. Natürlich hatte die zuletzt zur unsympathischen Zahnarztpartei verkommene Rösler-FDP nichts mehr mit einer solchen Partei gemein, weswegen jede Trauer auch falsch und verspätet wäre. Trotzdem wirft es doch ein komisches Licht auf unsere Popularitäts-Demokratie, wenn eine Regierungspartei aus dem Parlament fliegt - und ihr Koalitionspartner ein so strahlendes Rekordergebnis einfährt, dass coole Alt-Punks wie Volker Kauder "Tage wie diese" durchs Adenauer-Haus grölen. Es ist nie gut, wenn eine Meinung verschwindet. Und eine winzige, unbedeutende Opposition ist natürlich scheiße! Ich könnte mich stundenlang über all das aufregen, aber mit den politischen Parteien ist es wie mit dem miesen Fernsehprogramm: Wir sind verantwortlich und bekommen, was wir verdienen.

Die Jahreszeiten wechseln sich ab. Feiner Regen weht mit dem Wind vom grauen Himmel wie Staub hinunter. Der Nebel verhüllt meinen Blick auf das Meer und lässt die herabgefallenen, gelblichen Blätter im Garten glänzen. Ich liebe den Herbst. Er liegt mir mehr als die drückende Wärme und das grelle Licht des Sommers. Keine zusammengekniffenen Augen, keine kurzen Ärmel mehr. Das kältere Wetter und der Wind stehen mir besser: Strickjacken, Pullover und Schals. Außerdem habe ich im Herbst Geburtstag.

27. Siebenundzwanzig. Das klingt furchtbar. Als Fußballer würde ich nun wahrscheinlich den letzten großen Vertrag meiner Karriere unterschreiben - und als Rockstar müsste ich meine Hinterlassenschaften regeln. Noch drei Jahre bis zur großen Dreißig und ich komme mir noch immer wie ein Kind vor. Wenigstens geht die Bartwuchsentwicklung in meinem Gesicht ganz allmählich Richtung Flächendeckung. Naja, das ist auch wieder übertrieben. Vielleicht dann mit 40. Irgendwann werde ich einen fiesen Leonidas-Bart haben und euch alle anschreien. Irgendwann, irgendwann, irgendwann. Ich kann mich nicht zum Erwachsenwerden aufraffen. Und der Gummi-T-Rex, der mich von meinem Schreibtisch aus ansieht, gibt mir da recht. Auch der Zauberwürfel, den ich nie werde lösen können, und der Indoor-Bumerang, den mir ein Freund kürzlich von einer Messe mitgebracht hat, sind da ganz seiner Meinung. Ich frage mich, wann ich mich zum letzten Mal auf einen Geburtstag gefreut habe. Auf Geschenke habe ich mich immer gefreut, da bin ich ganz pragmatisch, aber das Älterwerden hatte glaube ich zuletzt irgendeinen Reiz, als die Volljährigkeit anstand. Endlich Schnaps in Kneipen bestellen und Eintritt in Clubs, die eigentlich nur so lange cool und reizvoll waren, wie man draußen zu bleiben hatte. Danach kam irgendwie nichts mehr. Strafmündigkeit? Hm, nicht wirklich spannend - habe ich auch irgendwie nie genutzt.

Ach, es lief alles wie immer: Die Autofahrt nach Hause fühlte sich an wie Weihnachten, Kaffeetassen klirren auf Untersetzern, Marzipan-Torte, Entenbraten, Gutscheine für Buchläden und lächelnde Augen von Großeltern, während mein Vater irgendwo in Skandinavien Gleise im regennassen Schotter verlegt, um Geld zu verdienen. Geld für ein gutes Leben. So stelle ich es mir vor: nasse, feine Steine, schwarz von Teer, die unter schweren Stiefeln nachgeben, schneidender Wind und der Geruch von öligem Metall. Als ich am Kaffeetisch sitze und meine Grußmutter das schmutzige Geschirr in die Küche bringt, ruft sie mir zu, ich solle mir das kleine Büchlein mit Sprüchen ansehen, das auf dem alten Telefonschränkchen steht. "Du würdest meine Reaktion nicht mögen, ich bin kein Freund von solchem Quatsch", rufe ich zurück in die Küche. Doch sie besteht darauf. Jedem Tag des Jahres ist ein Spruch zugewiesen. An meinem Geburtstag steht: "Die Jugend ernährt sich von Träumen, das Alter von Erinnerungen". Jiddisches Sprichwort. Ich hänge irgendwie dazwischen.

Ich bin wieder da. Es geht weiter.

A.

       

The Milk Carton Kids - Michigan : Audiotree Live from Audiotree Live on Vimeo.

Kommentare:

  1. hatte vergessen,dass ich deinem blog folge,aber jetzt bin ich froh.

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  2. Ich auch
    Gut, spannend und berührend wie immer
    Und alles Gute nachträglich!

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  3. Welcome back.
    Ist ja auch nicht so einfach seinen ganz persönlichen Weg zu finden.
    Lebe das was du liebst und umgehe das was dich stört..kämpfe um dein Leben, und gebe die Hoffnung nie auf.
    Wenn man erst einmal den Dreh raus hat, ist alles gar nicht mehr so schwer...man muss nur lediglich anfangen...

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