Mittwoch, 16. Oktober 2013

Chim Chim Cher-ee

Sonnenlicht durchflutet das Schlafzimmer, als ich meine Augen öffne. Kurz weiß ich nicht, wo ich bin. Ich frage, wie spät es ist, aber ich bin schon allein. Alles ist schwarz-weiß, es blendet. Mir ist heiß, unglaublich heiß. Als ich meine Beine auf den Boden setze, zittern meine Knie. Ich fühle mich, als hätte ich seit Tagen nicht geschlafen. Mein Plan hat also nicht funktioniert. Vor Jahren, während vieler seekranker Überfahrten von Hirtshals nach Kristiansand hatte ich eine Entdeckung gemacht: Mein Körper hat irgendeine natürliche Unverträglichkeit gegen den Hauptbestandteil von Reise- und Übelkeitstabletten, Dimenhydrinat. Nehme ich ein Medikament, das diesen Wirkstoff enthält, bin ich nach spätestens einer halben Stunde so benebelt, dass ich nur noch einschlafen kann. Und dann schlafe und schlafe ich für Ewigkeiten und es dauert, bis ich wieder klar bin. Da ich nun seit Wochen schlecht schlafe, immer wieder aufwache und mies träume, dachte ich, es wäre doch eine gute Idee, die natürlichen Mechanismen meines Körpers zu nutzen und mich schön damit wegzuballern, um selig zu schlafen, ruhig, unschuldig und ganz ohne Träume. Am Arsch. Ich war Agent des Römischen Imperiums, habe eine feindliche Armee sabotiert und bin durch eine unfassbar schöne, lila-leuchtende Waldlandschaft voller Glühwürmchen geflohen, die Trommeln der Feinde im Rücken. Irgendwann wurde das ständige Trommeln zu einem Hämmern in der Etage über mir und ich bin aufgewacht. Die Hausmeisterin ist gestorben und nun wird ihre Wohnung renoviert. Der Lärm brennt in meinen Ohren.

Wie eine Maschine gehe ich zum Schrank mit den Medikamenten, so wie jeden Tag. Der Mann im Spiegel sieht scheußlich aus; seine Haare stehen ab, er ist unrasiert und seine Augen werfen tiefe dunkle Schatten. Ich muss fast kotzen vom Nachgeschmack der Pillen, aber ich spüle sie artig mit Leitungswasser herunter. Nur die letzte Tablette lasse ich aus. Langsam drehe ich sie zwischen meinen Fingern, bevor sie wieder in der Schublade verschwindet. Meine Hände zittern. Ich steige in die Badewanne. Sonst habe ich immer ein Buch dabei, aber der Roman von Sasha Grey hat mich so verärgert, dass ich nichts lesen möchte. Als ich den Kopf unter Wasser tauche, werden die Geräusche der Handwerker zu dumpfen Vibrationen, als lege man sein Ohr an die Haut einer riesigen blechernen Maschine.

Nachdem ich mich rasiert habe, sehe ich nicht mehr so furchtbar aus. Schal und Mantel und schon weht mir der Wind der Stadt ins Gesicht: hupende Autos, Fahrradklingeln, Hundegebell. Meine Schritte auf der Treppe sind nicht so flüssig wie gewohnt und ich muss an den Blechmann, an den eisernen Holzfäller, denken. Während mir die Frau im Tabakladen eine Schachtel Gauloises aus dem Regal holt, starre ich die Schlagzeilen der Bild-Zeitung an, jedoch ohne auch nur ein Wort zu lesen, als könnte ich die einzelnen Buchstaben nicht zusammensetzen, sodass sie Sinn ergeben. Mir ist schrecklich heiß. Ich wickle meinen schwarzen Wollschal ab und knöpfe den Mantel auf. Meine Haare sind noch immer nass vom Baden. Während ich die Straße entlang starre, verschwimmt immer wieder mein Blick. Meine Augen schmerzen. Es ist so warm. Auf dem Weg zur Praxis kommt mir ein Schornsteinfeger entgegen. Wie lange habe ich wohl keinen mehr gesehen? Die sind wie Telefonzellen; Relikte vergangener Zeiten, dem Untergang geweiht, ihre eigenen verdammten Erinnerungsfotos.

Als ich mich in das volle Wartezimmer setze, merke ich plötzlich, dass es keine gute Idee war, die letzte Pille nicht zu nehmen. Als ich zum ersten Mal hier war, habe ich noch alle angestarrt und mich gefragt, wie die es wohl alle schaffen, so verflucht freakig und kaputt auszusehen. Und jetzt? Ich schwitze und ich merke, dass das Stillsitzen unmöglich wird. Sobald ich meine Beine nicht bewege, steigt ein widerwärtiges Kribbeln von meinen Fußsohlen auf, als würden meine Beine sofort einschlafen. Ich weiß nicht, wohin mit meinen Händen. Es ist so warm hier. Ich krempel meine Ärmel hoch und bemerke, wie der Blick einer älteren Frau auf der Tätowierung auf meinem rechten Arm ruht. Ich atme schwer. Als ich meinen Scheitel nachstreiche, merke ich, dass auch meine Haare nass sind. Ich schätze, alle hier halten mich für einen Junkie. Das kann man ihnen nicht einmal verdenken - ich würde mich auch für einen Junkie halten. Ich überlege, aufzustehen und zu gehen. Eine halbe Stunde ist vergangen. Mir wird schwindelig. Ich versuche gleichmäßig zu atmen und an diesen einen Freitag in Norwegen zu denken, im November. Ich versuche die Sonne zu sehen, wie sich im Wasser und in den Wellen spiegelt, als ich an der steinigen Küste stehe. Ich versuche den Sturm zu riechen und den Fels und das Moos unter meinen Schuhsohlen zu fühlen, die Möven zu hören, das gleichmäßige Tuckern eines entfernten Bootsmotors, das warme Licht auf meiner Haut, ihre blonden Haare im Wind.       
"Wir sagen nicht Entzugserscheinungen. Wir sagen Absetzungserscheinungen", belehrt sie mich, während ihre Brille auf ihre Nasenspitze herunterrutscht. Ich spüre die Schweißperlen auf meiner Stirn. Das T-Shirt klebt an meinem Rücken. "Aber es ist natürlich sehr gut möglich, dass sie jetzt an welchen leiden, gerade, wenn sie die Tabletten ohne Absprache absetzen, so von heute auf morgen - das geht natürlich nicht", fährt sie fort. "Aber ich dachte, dass", sage ich, breche aber ab, "Sie haben vermutlich recht". "Ja, vermutlich", antwortet sie ironisch. Ich bekomme einen Zettel mit einem genauen Tagesplan zum Absetzen. Danach gibt es wieder andere Pillen. Nervig. Ich stehe auf und ziehe meinen Mantel wieder an, klappe den Kragen nach oben. "Bis nächste Woche", sagt sie. "Ja, bis nächste Woche", sage ich.

A. 

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