Samstag, 26. Oktober 2013

Die Katzen Kroatiens und die Mechanik des Herzens und die Monate eines Jahres

"Wirklich", sage ich, "ich kann mir das sehr gut vorstellen und mache es zu Hause". "Nein", insistiert sie, "die Vorschriften besagen, dass ich Ihnen das ganze Geschirr einmal anlegen muss, damit Sie es sich für Zuhause merken". Sie schiebt mir ansatzlos die beiden Hörner des durchsichtigen Schlauches in die Nase. "Das misst nicht nur ihre Atemfrequenz, sondern auch die Sauerstoffsättigung", sagt sie währenddessen. Vorher hat sie mir schon den Herzfrequenzmesser an den Zeigefinger geknipst, den Bauchsensor umgeschnallt und den kleinen Kasten, der wie ein in Stoff gewickeltes Walkie-Talkie aussieht, um meinen Brustkorb gezurrt. "Und damit soll ich schlafen können? Ich werde paranoid alle zehn Minuten aufwachen und gucken müssen, ob noch alles an seinem Platz ist", sage ich.

Ich muss aufschreiben, wie groß und schwer ich bin. "Wann werden Sie heute Abend schlafen?", fragt sie. "Weiß nicht, um ehrlich zu sein, wohl frühestens gegen 0:00 Uhr, denke ich". "Und wann wachen sie morgen früh auf?", sagt sie und sieht mich gespannt an. "Hm, gegen acht oder neun bestimmt", antworte ich. "Also nehme ich an, Sie haben keinen Beruf", sagt sie und schreibt irgendetwas auf. "Ich bin Student". "Na klar". Sie erzählt mir, dass sie eigentlich eine richtige Nachteule sei, also gewesen sei, früher einmal. Aber sie wäre tagsüber viel zu müde, würde sie spät ins Bett gehen. Wenn sie wüsste, dass ich mich dazu zwingen muss, überhaupt gegen zwölf oder eins zu schlafen. Als ich mich erhebe, um zu gehen, sagt die Schwester: "Wissen Sie, Sie sehen nicht aus wie mein sonstiges Klientel". "Denn das sieht normalerweise wie aus?", frage ich. "Naja, alt und adipös. Genau genommen sind Sie da ja eher das Gegenteil, aber es wird schon seinen Grund haben, dass der Doktor das angeordnet hat", sagt sie. Freut mich.

Abends bei der Krankengymnastik warte ich Ewigkeiten. Eine Dänin, deren Akzent eher nach Russin klingt, sitzt neben mir und müsste sich dringend die Nase putzen - stattdessen zieht sie hoch. In Gedanken durchsuche ich meine Taschen nach Tempos. Ich wünschte, ich könnte ihr ein Taschentuch geben. Ein junges Mädchen, vielleicht ein bis zwei Jahre jünger als ich (aber wie kann man das heute schon genau sagen?) kommt in die Praxis. Um diese Zeit ist keine Sprechstundenhilfe mehr hier, weswegen sie das Wort an mich und die Dänin richtet. "Ich weiß nicht, wo ich parken kann! Ich stehe jetzt hier direkt vor der Tür, da sind solche Poller. Geht das in Ordnung?", sagt sie und lächelt mich an. Die ist bummsbar, denke ich, ziehe mein Handy aus der Tasche, rufe die Homepage des Kicker auf und ignoriere sie. Die Dänin antwortet ihr. Mein Termin war vor fünfzehn Minuten. Ich wünschte, die Spastis könnten mein vorwurfsvolles Ausatmen hören. Ich stehe auf und schlendere zum Tresen, an dem tagsüber eine Sprechstundenhilfe sitzt. Ich lese kopfüber das Terminheft und stelle fest, dass mein Nachname durchgestrichen und in eine andere Spalte eingetragen wurde. Ich hasse Überraschungen.

Jemand übernimmt mich heute. Zwanzig Minuten Verspätung. "Hi, ich bin Lars, ist es okay, wenn wir uns duzen?", fragt mich ein kleiner Mann in Weiß. Aber sichi. Eine besondere Therapie, ich solle mich nicht erschrecken. Ich liege auf dem Bauch und habe mein Gesicht in der Aushöhlung des Massagetisches. Auf einmal reißt er so fest an meinen Haaren, dass ich fast lachen muss, weil es so weh tut - erst nach oben, dann nach unten, eine halbe Stunde lang. Fuck! "Du musst sagen, wenn es zu doll wird, ne?", sagt Lars. Ich tue unbeeindruckt, aber mir steigen fast Tränen in die Augen. Verrückte Scheiße. "Was machst du denn Leuten, die 'ne Glatze haben?", frag' ich ihn. Als ich mich hochstemme, gleitet mein Blick kurz ins Leere. "Alles gut, der Kreislauf, hey, alles gut?", sagt er. Ich höre seine Stimme. "Ja, alles klar", sage ich und höre, wie mein Handy aus meiner Hand zu Boden fällt.

Abends, vor dem Schlafengehen, lege ich das verrückte Analyse-Geschirr an und halte mich dabei genau an die kleine Zeichnung auf der Box. Mit dem Schlauch in der Nase sehe ich aus wie eines dieser Leukämie-Kinder, denen im Fernsehen letzte Wünsche erfüllt werden. Ich erschrecke mich vor meinem Spiegelbild und mache ein Foto. Ist das ein Tiefpunkt oder sieht es nur so aus? Ob das andere auch schon gedacht haben? Ich schäme mich meiner Gedanken. Vielleicht kommt ja gleich Philipp Lahm in mein Schlafzimmer und drückt mir einen unterschriebenen DFB-Ball in meine zitternden Hände. Ein Foto für Facebook und weiter.

Ich knipse Licht und Fernseher aus und kneife die Augen zu. Oder lese ich doch noch? Nein, nur noch eine halbe Stunde, bis das Gerät mit der Aufzeichnung beginnt. Vorher sollte ich schlafen. Ich würde gern lesen. Eine Freundin hat mir ein Buch zum Geburtstag geschickt. Bereits auf den ersten Seiten merkt man, wie schön die Sprache des Autoren ist. Gute Bücher erkennt man an den ersten Sätzen. "Die Mechanik des Herzens", ein großartiger Titel. Ideen jagen durch die Dunkelheit in meinen Kopf. Schlaf! Neulich habe ich in einem Blog den fantastischen Posttitel "Cats of Croatia" gelesen. Ich will wieder Musik machen. Ich will Gitarre spielen. Ich will eine Platte machen, die so heißt. Mache ich auch. Ich denke mir Songtitel aus. Schlaf! Ich will eine Katze. Ich sollte mal bei Ebay-Kleinanzeigen gucken. Eine Britische Kurzhaarkatze, so ein Sheba-Vieh. Wie sollte sie heißen? Ringo? Schlaf! Ich überlege mir ein Themen-Mixtape. 12 Songs, benannt nach Monatsnamen. Aber ohne "November Rain"! Fick dich, Axl Rose. Ich suche in meiner Erinnerung nach Songtiteln, in denen Monate vorkommen. Und dann schlafe ich endlich. Rechtzeitig.

Punkt 0.00 Uhr piept das Gerät zum Start und ich wache auf.

A.

 

Kommentare:

  1. Die "besondere Therapie" ist ja wohl nicht deren Ernst gewesen?!!! Wieso hast Du das so lange mitgemacht? Oder war es nur einer deiner bösen Träume? Ich wünschte wirklich letzteres.

    Wieder Musik machen hört sich gut an. Mach mal!

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    1. Das war kein Traum, sondern unangenehm, schmerzhaft und real, aber weißt du, am nächsten Tag hat es sich ein wenig besser angefühlt als vorher. Manchmal muss man wohl hart an sich reißen lassen im Leben.

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    2. Es hat etwas gebracht? Dann will ich nichts gesagt haben.
      Schön.

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