Freitag, 11. Oktober 2013

Pappeln im Sturm

Wisst ihr, Mecklenburg ist irgendwie wie ein Museum. Nicht nur, weil es, für mich, die leeren Schauplätze und Erinnerungen meiner Jugend beherbergt, sondern auch, weil es im Sommer, vornehmlich in den Ferien, voll von Menschen ist, die so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind, all das mögen und doch nicht bleiben. Wenn der goldene Raps von den Feldern verschwunden ist und die leuchtenden Strände in ein herbstliches Grau übergehen und wenn die Luft nicht mehr nach Sonne riecht, dann ist alles wieder vorbei, alles vergessen, als rette sich das Land in diesem Teil lediglich von Sommer zu Sommer. Was bleibt sind die Assis mit den Hunden, die in Jogginghosen einkaufen gehen und auf ihren Sofas Kippen stopfen, alte Menschen in bunten Jacken, Schüler, die, sofern sie einen Abschluss machen, kurz darauf das Weite suchen, verwitterte Backsteinkirchen und düstere Pappeln im Sturm.

Ich habe schlecht geschlafen.Trotzdem von zu Hause geträumt. Kiel ist grau. Draußen hat sich der Himmel verdunkelt. Über dem Meer scheint ein Sturm aufzuziehen, denn der Wind weht stark von der See und lässt das Windspiel auf meinem Balkon singen und das Holz der Bäume im Garten knacken. Der dickliche Großvater aus dem Nachbaraufgang mäht seinen Rasen, was jedoch einem Kampf gegen Windmühlen gleichkommt, denn man sieht kaum Grün unter all dem herabgefallenen Herbstlaub.

Die Random-House-Verlagsgruppe war so großzügig, mir ein Presseexemplar von "Die Juliette Society" zu schicken. Sicher, der Titel ist schon ziemlich behindert, aber der Name der Autorin lautet Sasha Grey. Nun werden vermutlich höchstens die männlichen Leser von IADST damit etwas anzufangen wissen, aber so viel sei gesagt: Sasha Grey ist bzw. war bis vor Kurzem eine Pornodarstellerin in den Staaten - und noch dazu eine ziemlich außergewöhnliche. Ja, es klingt unglaubwürdig, aber ich bin über einen Artikel im Rolling Stone (und nicht über ihre Schmuddelfilmchen, auf die ich inzwischen jedoch natürlich, selbstverständlich zu Recherchezwecken, einen Blick geworfen habe) auf sie aufmerksam geworden. Miss Grey interessiere sich laut eigener Aussage unter anderem sehr für Literatur, Philosophie und avantgardistische Musik und Film und würde ihre Filmorgasmen nicht einmal faken, sondern sei einfach sehr verdorben. Der Rolling Stone titelte damals, glaube ich, "The dirtiest Girl in the world". Wir haben es also mit einer vermeintlich Intellektuellen unter all den, Pardon, Fickschnitzeln zu tun. Das hat meine Aufmerksamkeit erregt. Vielleicht ist das auch lediglich Kalkül, aber ich bin gespannt, ob es sich bei "Die Juliette Society" um ein weiteres literarisch-verzichtbares Machwerk (im wörtlichsten Sinne) handelt, welches lediglich die klebrig verklemmten Fantasien hässlicher Sekretärinnen anzusprechen in der Lage ist und ansonsten eher eine Verhöhnung der Natur darstellt, da Bäume gefällt wurden, um einen solchen Mist auf Papier zu drucken. Vielleicht ist ihr ja tatsächlich etwas Besonderes gelungen. Oder vielleicht ist sie auch nur eine eingebildete Schaumschlägerin. Wir sind gespannt. Eigentlich lese ich gerade ein gutes Buch, aber diesmal muss ich wohl etwas dazwischen schieben. Versteht Ihr, dazwischen schieben? Hach. Meine stets objektive und immer sachliche journalistische Integrität zwingt mich jetzt also dazu, mir die große Packung klebriger Donuts aus der Küche zu holen und mich ganz und gar Sasha Grey hinzugeben.

A.

Yourstru.ly Presents: Blind Pilot "Half Moon" from Blind Pilot on Vimeo.

1 Kommentar:

  1. Von der guten Frau habe ich erst gelesen. Ihre Aussage über sich selbst klang ungefähr so: "Ich tue Dinge vor der Kamera, an die eine normale Frau nicht einmal wagt zu denken."

    Gut, das kann und darf dann mal jeder selbst interpretieren.

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