Donnerstag, 31. Oktober 2013

Samhain

Ich war nie ein Freund von Halloween. Zum einen, weil ich es für einen ebenso erfundenen Feiertag wie den Valentinstag halte (wobei natürlich alle Feiertage irgendwann erfunden wurden und dies eigentlich kein Kriterium sein dürfte), zum anderen, weil ich einfach Angst vor Horrorfilmen habe und an Halloween laufen nun mal viele Horrorfilme - schließlich geht es ja um Geister, Monster und den ganzen Kram. Und ich finde, es nervig, dass ständig die Gören von irgendwelchen Assis klingeln, um Süßigkeiten abzugreifen - nur weil sie es in amerikanischen Serien gesehen haben. Warum feiern wir nicht auch noch den beschissenen St. Patrick's Day und zelebrieren unser irisches Erbe? Scheiße, das sagt der Junge, der an mindestens drei Mittagen die Woche bei McDonald's isst und Burger King dann als Abwechslung empfindet. Ach, ich will auch gar kein überkritischer Nörgler sein; ich weiß, das sind Äpfel und Birnen.

Jedenfalls fürchte ich mich vor Horrorscheiße. Ich geh' nicht einmal in Geisterbahnen oder so. Und in einem dieser hippen Grusellabyrinthe, wo man hinter jeder Ecke von irgendwelchen geschminkten Arschlöchern angeschrien wird, würde ich vermutlich panisch um mich schlagen. Das war schon immer so. Ich weiß noch, wie ich 1993 heulend von meiner Mutter in das Geisterhaus in Disneyland gezogen wurde. Ich habe konsequent meine Augen zusammengepresst und mir vorgestellt, ich würde in meinem Bett über das nächtliche London fliegen. Ich habe wirklich nichts gesehen. Aber die verdammten Geräusche haben mir schon gereicht. "Aber der Eintritt war so teuer, Alexander, da darf man sich nichts entgehen lassen", sagte meine Mutter. Am Arsch. Ich hätte mein Taschengeld gegeben, ob dort nicht hinein zu müssen. Hab' ich eine Szene gemacht, während neben mir viel jüngere Kinder standen uns sich ihres Lebens gefreut haben! Und ich hasse so etwas noch immer! Das hat nichts damit zu tun, dass ich irgendwie unmännlich bin, nein! Ich habe einen gigantischen Penis, Freunde. Aber Papa steht eben nicht auf Gruselfilme oder scharfes Essen, sondern mehr so auf zuckrige Donuts und Filme wie "Lovesong for Bobby Long" oder "Big Fish". Die Filme, die man früher auf DVD-Abenden geguckt hat, bei denen man eigentlich irgendein Mädchen rumkriegen wollte! Ich mag sie immer noch. Es ging also, fürchte ich, nie darum, deren Geschmack zu treffen, wie ich gerade feststellen muss.

Aber wie es so ist, kam ich natürlich nicht immer um Horrorfilme herum. Es gab einfach Situationen, in denen ich mir wirklich nicht anmerken lassen konnte, wie große Angst ich eigentlich hatte. Gott, zum Beispiel auf Klassenfahrt. Über 20 Stunden hat die Busfahrt in die Toskana gedauert, und irgendwann waren all die Filme, die ich mitgebracht hatte, um zu verhindern, dass ich die DVDs meiner Klassenkameraden ertragen musste, einfach aufgebraucht. Und meine Klasse stand wirklich nicht auf "Per Anhalter durch die Galaxis", was ich bis heute nicht verstehe. Idioten. Jedenfalls durften sie dann entscheiden. Die Wahl viel auf "The Ring" und "Saw" hintereinander. Bei "Saw" ist mir schwindelig geworden! Aber das kann man natürlich nicht sagen. Und ich saß hinten - bei den Coolen. Also tat ich, als wäre ich plötzlich schrecklich müde. Wäre da nur nicht meine verschissene Neugier. Natürlich musste ich immer wieder hinsehen. Und bei "The Grudge", den ich mit einer ziemlich heißen Tussi gesehen habe, starrte ich bestimmt die Hälfte des Films ganz knapp über den Fernseher. Aber wie gesagt, harter Mann, große Hoden und so.

Einmal an Halloween, also in genau dieser Nacht vor vielen Jahren, haben mir Gruppenzwang und das Schicksal besonders übel mitgespielt. Zu dieser Zeit verbrachte ich fast jedes Wochenende mit meinen Freunden in einem kleinen Kaff in der Nähe meiner Heimatstadt. Hier war mein Lebensmittelpunkt. Dort hatte ich auch eine Freundin. Und ich war verliebt und ich hatte die Zeit meines Lebens. Der ganze Ort war, wie es in Mecklenburg noch immer vorkommt, von einem dichten und dunklen Wald umrahmt, wie ein undurchdringlicher Zaun, der es vom Rest der Welt schützt und verborgen hält. Am Tag war es wunderschön und alles duftete so, wie es nur zwischen dichten Tannennadeln und Moos duften kann. Licht fällt dann wie ein Schleier durch die Bäume auf den Waldboden. Ein kleiner Fluss schlängelt sich von See zu See durch das Gehölz. Auf knarrenden Holzbrücken überquert man ihn ab und an. Doch bei Nacht war alles düster und in schwarze Schatten gehüllt. Kein Stern vermochte sein Licht hinunter auf diejenigen zu werfen, die sich in der Dunkelheit ihren Weg durch den Wald suchen mussten. Immer schon kursierten Gerüchte von Satanisten und ominösen Verbrechen in den Wäldern und auch ich hatte so manches Merkwürdige hier erlebt.

Dieses Halloween, wir waren ungefähr zu zehnt und wussten wie so oft, nicht, wohin mit uns, beschlossen ein paar meiner Freunde, einen tragbaren DVD-Player zu organisieren, um, der Nacht angemessen, einen Film zu sehen - im Freien. Vielleicht waren auch ein paar Drogen und Alkohol im Spiel. Die Sonne befand sich bereits auf dem Rückweg, die Straßenlaternen begannen langsam zu glimmen und einige Kinder zogen in ihren Kostümen von Haus zu Haus. Sie bekamen jedoch bei Weitem nicht überall etwas. Damals waren es noch weniger Kinder, die so etwas taten und die meisten Alten in Mecklenburg hatten auch keine Ahnung, was der ganze Mist überhaupt sollte. Als ich im Alter der Kinder war, gab es das Ganze hier schließlich noch gar nicht.

Man stritt sich, wo wohl der gruseligste Ort für einen Film wäre. Ich weiß noch, dass ich tragbare DVD-Player verfluchte. Einer der Jungs hatte so ein Teil. Ich griff die Hand meiner Freundin und fragte, ob wir nicht einfach zu ihr gehen wollen. Sex schien mir doch die bessere Alternative zu sein. Es half alles nichts. Die Mehrheit stimmte für ein stillgelegtes Militärgelände der Roten Armee, mitten im Wald. "Ihr wisst, dass das wie der Anfang eines Horrorfilms klingt", sagte irgendwer, vielleicht auch ich selbst.

Stundenlang liefen wir durch die Dunkelheit, bis wir es tatsächlich fanden. Stöcke knacken unter meinen Schuhsohlen. "Passt auf, wo ihr hintretet! Hier sollen noch Mienen liegen", brüllt irgendjemand. Bullshit. Überall ragen Betonteile und Eisen aus dem Boden. Riesige düstere Lagerhallen und haufenweise alter Schrott; Autoreifen, Farbkanister und Dinge, die ich nicht identifizieren kann. Wir beziehen auf dem Dach eines aus dem Dreck schauenden Bunkers unser Lager. Immer wieder brüllt irgendjemand von uns in die Schluchten aus vergangenem Stein um uns alle herum. Echos hallen.

Tragbare DVD-Player sind ziemlich kleine Scheißdinger, die sich nicht ohne Grund, nie wirklich durchgesetzt haben: Winziger Bildschirm, mieser Sound, geringe Akkuleistung. Sonst hätten wir vermutlich heute alle so ein Ding. Damals hatte jedoch noch niemand von uns einen Laptop; das waren da noch überteuerte Anzugträger-Spielzeuge. Jedenfalls saßen wir mit zehn Mann vor diesem kleinen Scheißding. Immer laberte irgendwer, dann küsste sich ein Paar - man verstand kaum etwas. Zigarettenrauch stieg in die Nacht auf und unser Lachen schallte durch den Wald. Man war sich sicher: So ein alberner Kinderscheiß, ja, und die Zombies sähen ja auch überhaupt nicht echt aus.

Als der Film jedoch zu Ende war, wir den Player zusammenklappten und uns tiefer Nacht auf den Rückweg durch den Wald machten, wurden alle ruhiger. Wie alberten nicht mehr herum. Der Schritte wurden schneller. Man wollte denn ja nun jetzt doch nach Hause, ne? Es sei Zeit.

Natürlich fehlten irgendwann Leute aus der Gruppe, weil sie heimlich im Wald vorgelaufen waren, um den Rest zu erschrecken. Ich rauchte, umklammerte die Hand meiner Freundin und sah auf den Boden vor meinen Füßen - oder zumindest dahin, wo ich diesen vermutete. Vielleicht war es auch London, das da unter meinen Füßen lag - nur konnte ich die Lichter nicht sehen.

Happy Halloween,

A.  

Kommentare:

  1. Danke für diese Worte.
    PS: ich muss nicht beweisen, dass ich kein Robot bin. iPhone und captchas vertragen sich einfach nicht...

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    1. Gern! Das mit dem Captcha tut mir leid, aber ich hatte hier eine Spam-Inavsion aus Russland, die sich nur dadurch unterbinden ließ.

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    2. Hui, dann ist das natürlich verstandlich..

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  2. Schöner Text - ich mag deinen Stil...

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