Mittwoch, 30. Oktober 2013

Semesterdämmerung

Ich habe mich überreden lassen. Aber mein Freund Robert hat recht: Die besten Noten haben wir in den dämlichsten Kursen eingefahren. Am Anfang lachen wir sicher und ein Haufen von Trotteln wird mit uns im Seminarraum sitzen und es wird scheiße langweilig, aber am Ende kommt etwas Gutes dabei heraus. Je beknackter das Thema, desto entspannter das Seminar. Soweit die Theorie. Und sein bestes Argument ist die mündliche Prüfung, die wir in einem Seminar über die Eisenbahn in Schleswig-Holstein und Dänemark mit Note 1 abgeschlossen haben. Meine Fresse, war das ein Quatsch das ganze Semester über! Mein Thema, "Die Reichsbahn und ihre Rolle im 2. Weltkrieg", ging da noch relativ in Ordnung. Und was für ein Menschenschlag von so einer Veranstaltung angezogen wird! Nur weil das Wort "Eisenbahn" im Titel vorkommt? Ich weiß schon, warum ich mich nie in Roboterethik verirrt habe. Vorurteile sind wenigstens irgendwelche Urteile! Und jetzt also Philosophie der Pflanzen.

Ich bin ja nun schon eine ganze Zeit dabei, aber Scheiße, so voll wie heute war der verfluchte Parkplatz noch nie! Auf den Rasenflächen, in den Einfahrten, auf den Bürgersteigen, überall standen Autos. Alles war voll. Aussichtslos drehen Erstis, mit Abi-2013-Aufschriften ihre Runden auf dem brechend vollen Parkplatz, mit Angst in den Augen. Nächste Woche kommt das dämliche Ordnungsamt dann wahrscheinlich das erste Mal auf die Idee, hier abzukassieren. Doch was sollen die Studenten tun? Die Parkplätze bieten nicht genug Platz und fast überall herrscht Anwesenheitspflicht. Gott segne die Bologna-Reform! Die Busse sind so voll wie die Fahrradständer. Und dann stehen wieder 5 Bullen an der Straße und kontrollieren, ob die scheiß Fahrräder der Studenten auch verkehrssicher sind. Die Uni hat inzwischen mehr als halb so viele Studenten, wie meine Heimatstadt Einwohner hat. Nur scheinen die Kapazitäten nicht erweitert zu werden. Mehr und mehr Leute stürmen jedes Semester an die Uni, stehen sich in den Fluren und Bussen die Beine in den Bauch und bekommen nicht einmal Sitzplätze in den überfüllten Seminaren und begrüßen verheißungsvoll diesen traumhaft schönen, neuen Lebensabschnitt. All die interessanten neuen Leute und die vielen Eindrücke. Man möchte brechen.

Mein Blick ist etwas verschwommen, aber damit kann ich leben. Routiniert schneiden wir durch die umherirrenden Massen von Menschen auf dem Weg zum richtigen Seminargebäude. Wir zünden uns eine Zigarette an. Ein Typ stürmt durch die Glastür hinaus. Er hat eine Minipli-Vokuhila-Frisur und einen Schnäuzer, aber einen mit eingekräuselten langen Spitzen. "Gewichst", sagt man, glaube ich. Dazu trägt er eine ganz merkwürdig geschnittene Hose; zu breit, dafür aber mit Hochwasser. "Manche Leute können auch wirklich nur innerhalb des Uni-Kosmos existieren, ne?", sage ich zu Rob. Er lacht. "Fuck, der sieht aus wie einer von den New Kids", antwortet er. Wir verpassen den Fahrstuhl. Im dritten Stock angekommen, atme ich fast meine Lunge aus. Auch Rob ist außer Atem. "Das machen wir nie wieder, verdammte Scheiße. Nächstes Mal warten wir einfach auf den Fahrstuhl", sagt er. Ich nicke. Kann nicht sprechen. Der Raum ist voll. Natürlich. Wir sind extra eine halbe Stunde zu früh. "Handtuch werfen?", wendet sich Rob an mich. Ich nicke. Wir werfen unsere Taschen auf zwei Stühle in der letzten Reihe, um sie zu reservieren und gehen wieder raus an die Luft. Ich rauche zehnmal so viel, wenn ich mit Rob irgendwo bin.

Fahrstuhl. Meine Beine sind zitterig. "Wie geht's Dir, alles gut?", fragt Rob mich. Er liest meine verfluchten Gedanken. "Es geht, klappt schon", antworte ich. "Es muss", flüstere ich mich geschlossenen Lippen. Der Raum ist brechend voll und die Ersten haben keine Stühle mehr. Ich hasse es, wenn es so überfüllt ist. Neben mir sitzt ein Mädchen mit blauen Fingernägeln. Sie trägt eine dieser Cowboy-Lederjacken. So mit Fransen. Das Leder riecht so intensiv und wir sitzen so eng, dass mir der Geruch in die Nase zieht. Sie riecht wie ein verficktes Paar Winterstiefel. Ich starre durch den Raum und gucke, rein interessehalber, ob auch heiße Mädchen da sind. Gute Quote für ein Philosophie-Seminar. Lana Del Rey ist auch da: ausgeblichen blonde 90'er-Grunge-Haare, in einer lässigen Welle, eine Jeans-Hot-Pant, bis zu den Titten hochgezogen, und eine Collegejacke. Summertime Sadness im Herbst. Natürlich ist der hässliche Typ, den wir vor der Tür gesehen haben, der Dozent des Kurses. Ich frage mich, ob irgendwo jemand im Raum sitzt und sich fragt, wer der Typ mit der blassen Haut, den wuschligen Haaren und dem gequälten Blick ist, der dort hinten in der Ecke hockt und nicht still sitzen kann.

A.

*Rob, der natürlich nicht wirklich Robert heißt, sondern nur zum Schutze seiner Privatssphäre so von mir genannt wurde, hat mich vorhin angerufen und sich darüber beschwert, dass ich ihm dieses Pseudonym verpasst habe. Wörtlich sagte er: "Ich hasse den Namen Robert, Mann, weil der wirklich scheiße ist. Robert, ey, da würde ich ja sogar lieber Jason heißen". Kommen wir also seinem Wunsch nach und nennen ihn von nun an Jason bzw. Jazz. Don't cross the boss!

Kommentare:

  1. Robert. Rob. Da war doch mal was!
    Kryptische Kommentare - kann ich.

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    1. Alles beruht immer auf wahren Begebenheiten, du aufmerksames Ding, du!

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