Mittwoch, 27. November 2013

#schockstarre

Ich bin nicht stolz auf mich. Überhaupt nicht stolz. Als ich heute Morgen in den Spiegel gesehen habe, hat mein Kopf gezittert und kurz habe ich an die wertenden Blicke gedacht. Ich konnte mich nicht dazu aufraffen, mich dem zu stellen und jetzt schäme ich mich. Ich will nicht freakig aussehen, ich will cool aussehen und lässig, so als ob mir die ganze Welt egal wäre und ich im Bus immer hinten sitzen würde. Vielleicht bin ich ein bisschen hängen geblieben, aber verfickt noch mal, das ist meine Vorstellung von Coolness. Zigarette im Mundwinkel, hochgezogene Augenbrauen und so. Ich hab schon keine Lederjacke oder ein altes Motorrad. Ich habe nicht einmal ein Fahrrad, weil ich finde, dass ich dämlich beim Fahren aussehe - außerdem habe ich Angst vor dem Verkehr der Großstadt. Großstadt, Kiel, haha. In Wismar musste ich nie auf der Straße fahren. Und damals, vor 1000 Jahren, gab es auch noch keine Verkehrsregeln.

Jazz hat gesagt, dass er jeden verprügelt, der mich auch nur falsch ansieht in der Uni. Und seine Worte sind immer etwas wert. Zumindest ist das ein wenig wie im Film. Gute Freunde sind rar. Aber ich kann nicht gehen, wenn ich zittere. Das ist mir klar, als ich rauchend auf dem Balkon stehe, in den eiskalten Sonnenschein blicke und Jazz anrufe, um zu fragen, ob er mich in die Anwesenheitsliste eintragen kann. Inzwischen beherrscht er meine Unterschrift vermutlich besser als ich selbst. "Was kümmert es dich, was irgendwelche Spastis von dir halten?", hat er gefragt. Dasselbe hatte mich Sophia auch schon gefragt, und meine Antwort bleibt die dieselbe, auch wenn ich mir ihrer maßlosen Unreife bewusst bin: Ich will scheinbar auch von den Spastis cool gefunden werden, so traurig das ist. Meine Fußsohlen kribbeln, was dazu führt, dass es sich anfühlt, als würde sich der Boden bewegen. Geschlagen ziehe ich mich zurück ins Bett, die Kapuze meines Sweatshirts tief ins Gesicht gezogen, und höre das neue Album von Farewell Milwaukee.


Kurz frage ich mich, ob ich die Band nur so exzessiv höre, weil mich die Stimme des Sängers und das Songwriting so unglaublich an Ryan Adams erinnern. Sind Farewell Milwaukee etwa nur meine Musikhure für mich, während ich ewig auf ein neues Album von Adams warten muss? Nein, sie sind wirklich gut. Das Schöne an den Neuen Medien ist, dass sie einem die Möglichkeit geben, diese noch nicht so richtig erfolgreichen Bands einfach mal anzuschleimen, wenn einem danach ist, ohne die Gewissheit zu haben, in Wahrheit mit irgendeinem PR-Arschloch zu kommunizieren. Ich habe FM zu ihrem Album gratuliert und ihnen geschrieben, dass es gut sei. Kurze Zeit später haben sie sich höflich bedankt, mir ihre Liebe versichert und sich gefreut, dass sie Hörer in Deutschland haben - und wenn es nur einer sei.

Dienstag, 26. November 2013

Geisterstunde

0:00 Uhr. Zwölf Uhr nachts. Das hat mir früher oft Angst gemacht, als ich ein Kind war. Meine Großmutter hat immer von der Geisterstunde gesprochen; von Toten, die auferstehen und auf knarrenden Dielen durch die Flure wandeln. Ich habe sie bildlich vor mir gesehen, die Verstorbenen, wie sie zurückkehren mit blassen und leeren Gesichtern und einen mitreißen, wenn man es wagt, die Augen offen zu halten zu so einer gottlosen Zeit. Also war es immer das Ziel, vorher zu schlafen. Ich kannte nicht einmal jemanden, der gestorben war, außer meinen Urgroßvater, und an den hatte ich eigentlich kaum noch irgendwelche Erinnerungen. Ein knorriger alter Mann mit ewig ernstem Gesichtsausdruck, den ich "Opa Stock" nannte, weil er stets einen hölzernen Gehstock bei sich trug, wenn wir sonntags mit der ganzen Familie unseren Spaziergang zum Friedhof antraten, wobei mir nie klar war, wen wir dort eigentlich besuchten. Ich weiß nicht, ob das wirklich meine Erinnerungen oder nur die Erzählungen der Anderen sind. Nachdem meine Mutter mir eine Geschichte oder ein Kapitel aus irgendeinem Buch vorgelesen hatte (meine liebste Geschichte war "Das Wirtshaus 'Zum Weidenbusch'"), bat ich sie immer, meine Zimmertür noch angelehnt zu lassen, damit durch den schmalen Spalt ein wenig Licht in das dunkle Zimmer fiel und ich die Geräusche hören konnte, die die Frauen beim Spülen des Geschirrs und dem Aufräumen der Küche machten. Manchmal, im Sommer, wenn mein Fenster einen Spalt geöffnet stand und der Wind günstig wehte, konnte man sogar das Heulen der Wölfe aus dem Tierpark hören. Das fand ich dann schrecklich gemütlich - und so gelang es mir, immer zu schlafen, bevor die Geisterstunde anbrach und ich Gefahr laufen würde, mit in den schwarzen Tod gerissen zu werden.

Gute Nacht,

A.

Sonntag, 24. November 2013

Abendspaziergang

Ich versuche, nicht daran zu denken, dass ich daran denken könnte, nicht daran zu denken, dass ich eigentlich daran denke, mit Gewalt nicht daran zu denken, dass die Dosiserhöhung der Tabletten sehr wahrscheinlich Nebenwirkungen zur Folge hat, doch mit einer Kette von Bluffs verhält es sich wie mit einer Reihe von Dominosteinen: Nur einer muss fallen und alles steht in Brand. Beim Domino geht es doch darum, Dinge in Brand zu setzen, oder? Tolle Metapher. Und ich habe extra nicht die Packungsbeilage gelesen, um nicht verrückt zu werden. "Wir wollen doch bis an das Maximum gehen, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen", sagte die Ärztin und ich hatte devot genickt wie ein belehrtes Schulkind. Noch einmal um 1/3 erhöht. Die neue Pille ist so groß wie ein verficktes Zäpfchen, und wenn man sie schüttelt, rasselt es richtig, wie bei einer Tic-Tac-Dose in Miniaturgröße - aber wenigstens hat sie keinen ekligen Nachgeschmack, es ist vielmehr, als verschlucke man irgendeinen Gegenstand aus Plastik oder so, einen Legostein mit abgerundeten Kanten. Naja, zumindest stelle ich es mir so vor. 

Der Boden schwankte ein wenig, meine Fußsohlen kribbelten und ich hatte das Gefühl, die Schwerkraft hätte plötzlich ein wenig zugenommen. Manchmal hilft Bewegung, also beschloss ich, mir noch einmal kurz die Beine vertreten zu gehen und Zigaretten zu kaufen. Im Fernsehen läuft sowieso nur Scheiße. Meine Füße steigen schwach und ein wenig zitternd, die dunklen Treppenstufen hinunter. Draußen ist schwarze Nacht, die nur vom orangefarbenen Licht der Straßenlaternen durchschnitten wird. Mir ist übel. Obwohl erheblich weniger Autos unterwegs sind, bleibe ich an der Straße stehen und sehe immer wieder von rechts nach links, als würde ich den eigenen Sinnen nicht trauen können, dann erst setze ich mich in Bewegung, ruhig und behebig, einen Schritt vor den anderen. Ich habe meine Jacke bis oben hin zugezogen, aber so kalt ist es gar nicht. Ein bisschen windig vielleicht, aber das ist nur die Nähe zum Meer. Die Lichter verschwimmen vor meinen Augen und ab und an muss ich einen Ausfallschritt hinnehmen.

Bierflaschen klirren aneinander, als ich die Tankstelle betrete. Ein paar Typen kaufen offenbar Nachschub. Als sie gehen, mustern sie mich kritisch, doch ich halte ihrem Blick stand. Das helle Verkaufslicht brennt in meinen Augen. Gauloises Blondes für sechs Euro. Es ist mir unbegreiflich, warum Shell Geld in diesen bescheuerten Automaten investiert hat, der einem jetzt das Wechselgeld rausgibt. Ich könnte schwören, das ging früher schneller. Und Verkäufer und Kunde standen sich so auch keine zwanzig Sekunden nutzlos gegenüber und haben sich angeglotzt. Ich reiße die Schachtel bereits beim Hinausgehen auf und merke, wie sehr meine Hände dabei zittern. Dann schäme ich mich und frage mich, wie das wohl auf den Überwachungsaufnahmen aussehen muss. Wahrscheinlich guckt sich die jedoch nur jemand an, wenn irgendetwas vorgefallen sein sollte. Ich klemme die Zigarette zwischen meine Lippen, vergrabe meine Hände tief in den Jackentaschen und versuche, mit sicheren Schritten wieder nach Hause zu laufen.

Es kommt mir schrecklich heiß zu Hause vor. Mein graues Star-Wars-T-Shirt klebt an meinem Rücken. Ich reiße die Balkontüren auf, lasse die Nacht hinein wehen und lege mich auf mein Bett. Ich schiebe mir die Kopfhörer meines MP3-Players in die Ohren und wähle James Vincent McMorrows großartiges 2011'er Album "Early in the Morning" aus, dann schließe ich meine Augen und sehe Paris im August, das sich vielleicht nach einem abendlichen Sommerregen von einem heißen und geschäftigen Tag erholt und endlich ein wenig abkühlt. Es sind nicht mehr so viele Leute im Tuileriengarten und rings um die Springbrunnen sind nun auch einige der tagsüber sehr begehrten Liegen frei geworden, von denen aus es sich so herrlich die Leute beobachten lässt, wie sie auf ihrem Weg vom Place de la Concorde zur gläsernen Pyramide des Louvre hier vorbeikommen. Auch die Straßenhändler in der Rue de Rivoli, die sich an solch heißen Tagen mit ihren mit Eis und Plastikflaschen gefüllten Eimern an die Hauswände lehnen und ausgedörrten Touristen "Mineralwasser" verkaufen, haben sich inzwischen zurückgezogen oder verhökern jetzt kitschig blinkende Miniatur-Eiffeltürme auf dem Plateau des Palais de Chaillot, von dem aus sich so klassische abendliche Fotomotive schießen lassen, wenn im Hintergrund der beleuchtete Eiffelturm zu sehen ist.

Am Ufer der Seine haben die Bouquinisten inzwischen ihre kleinen hölzernen Läden versperrt, weiter unten jedoch, direkt an der Promenade, zu beiden Seiten des Wassers, sieht man vereinzelt Paare auf Decken sitzen, die, mit einer Flasche Wein zu ihren Füßen, den Touristendampfern dabei zu sehen, wie sie noch immer ihre routinierten Bahnen durch den Fluss ziehen, das ganze Außendeck erleuchtet von den Blitzlichtern der Kameras. Jetzt, im Schutze der immer mächtiger werdenden Dunkelheit, wagen sich auch die Obdachlosen, die Clochards, zurück in ihre Burgen aus Kartons, Bauzäunen und Plastikmüll, ihr Reich am Rande der Welt, unter den meisten, der geschichtsträchtigen und reichverzierten Brücken, die jeden Tag von Millionen von Touristen überquert werden, nichtsahndend, was zu ihren Füßen geschiet. Der Kreisverkehr auf dem Place de la Bastille scheint ob der unglaublichen Menge an Autos niemals wieder ein Ende zu finden, obwohl man meinen möchte, die ganze Welt befände sich gerade bereits in den Stationen und Waggons der Metro, die wie ein Netzwerk von Adern unter dem Kopfsteinpflaster, den undurchdringlichen Straßenzügen, dem Fluss und den Parks den Menschen die einzige Möglichkeit zu bieten scheint, bepackt mit Einkaufstüten, Rucksäcken oder Aktentaschen endlich ihren Weg nach Hause zu finden. Währenddessen erwachen Pigalle und Montmartre zum Leben und die Lichter der Bars, Stripclubs und Bordelle wirken nun nicht mehr so zahnlos wie noch bei Tage. Der Norden der Stadt und das Quartier des Halles werden düsterer, und finstere Gestalten mit skeptischen Augen rotten sich in kleinen Gassen zusammen, werten den Tag aus und pusten Rauch in den Himmel. Zigaretten glimmen in Ecken, in die kein Licht mehr fällt.

Doch wenn man im Herzen der Stadt bleibt, während die Dunkelheit hereinbricht, kann man nicht nur dabei zusehen, wie sich die Straßen langsam leeren und es den Abendstunden gelingt, Paris jegliche Hektik zu nehmen, es zu beruhigen und zur schönsten Stadt der Welt zu machen. Steht man auch an der richtigen Ecke, in der richtigen Straße, kann es sein, dass man Zeuge wird, wie die Nacht mehr und mehr die Beweise unserer Gegenwart zu tilgen scheint und die Stadt zu einem Ort macht, von dem man meint, die Zeit würde rückwärts laufen und nichts auf dieser Welt könnte einem gefährlich werden oder der Romantik dieses Augenblicks berauben.

Als ich die Augen wieder öffne, geht es mir besser. Seit Tagen brenne ich vor Ideen und guten Gedanken, langsam scheint es aufwärts zu gehen, irgendwann wird auch mein Körper wieder mitmachen.

Habt eine schöne Woche,

A.      


James Vincent McMorrow - This Old Dark Machine from Vagrant Records on Vimeo.

Samstag, 23. November 2013

Offener Brief #1

Liebe Menschen des Jahres 2013 nach Christus,

versteht mich bitte nicht falsch, ich bin einer von Euch, aber Ihr seid da in etwas hineingeraten, das langsam wirklich abartig wird - und extrem penetrante Züge annimmt. Ich weiß, wie so etwas passiert: Man erliegt einfach der Gewohnheit und bekommt es am Ende nicht einmal mehr mit. Langsam und nahezu unauffällig hat es sich eingeschlichen, sich im eigenen Bewusstsein breitgemacht, und versteckt sich nun tief in der undurchsichtigen, grauen Routine des Alltags, kaum noch wahrzunehmen für die getrübten Augen und Ohren. Es ist selbstverständlich geworden und Ihr seid nicht allein: Eure Freunde tun es, auch Eure Kollegen, Mitschüler oder Kommilitonen sind davon betroffen, die Politiker, Moderatoren im Fernsehen, das lustige Duo aus der Morgensendung Eures Radiosenders, Schauspieler, Musiker, der Bundestrainer, ja selbst Eure gute Frau Mama tut es wahrscheinlich manchmal.

Und doch ist es schrecklich und muss aufhören! Lange genug haben wir mit angesehen, wie unsere Fähigkeiten und unsere Art zu leben korrumpiert und beeinträchtigt wurden, wie bei einer Epidemie; einem Virus, das sich unaufhörlich ausbreitet, immer mehr Menschen infiziert, nur, dass wir es erst mitbekommen, wenn es zu spät ist. Es ist wie ein brennendes Streichholz, das in ein von Dürre vertrocknetes Feld geworfen wurde.

In aller Höflichkeit, bitte hört auf, "von daher" zu sagen. Und noch wichtiger: Bitte benutzt es nicht mehr als Satz-Schluss-Formel mit den gedachten drei Punkten als Nachklang. Das ist ganz, ganz, ganz scheußlich. Sprachliche Vielfalt ist wichtig und schön. Benutzt Kraftausdrücke, tristen Bürokratenschick oder seid Poeten, aber Hölle, bitte sagt keine Sätze wie "Naja, ich bin ja sowieso ein Mensch, dem Gerechtigkeit echt viel bedeutet, ne? Von daher..." oder "Ich habe mich gut darauf vorbereitet, mir kann relativ wenig passieren, von daher..." mehr, denn das ist absolut abscheulich. Scheiße, und niemand, wirklich niemand, sollte mehr "Kopfkino" sagen. Das ist nämlich eine sehr behinderte Alliteration. Wenn jemand "Kopfkino" sagt, erzeugt das bei mir ein Bild des grinsenden Mario Barth vor meinem inneren Auge - und das mag ich ganz und gar nicht.

Es gibt Worte, die klingen einfach schön, Worte wie "Imperium" oder "Velociraptor", "Zauberstab" oder "Holzglasur", natürlich gibt es auch Worte, die einfach scheiße klingen, zum Beispiel "Kartoffel", "Nagelknipser" oder "Pümpel", aber das ist natürlich rein subjektiv. Bei keiner anderen blöden Floskel jedoch schwingen für mich so viel Dummheit und Selbstgerechtigkeit, so viel stumpfe Arroganz und süffisantes Arschloch-Lächeln mit wie bei "von daher...".

Achtet mal darauf, es ist nämlich überall. Ständig sagt das irgendwer und wird dabei unsympathischer. Wir können das nicht länger hinnehmen. Es muss aufhören. Nur wir können das beenden, und zwar gemeinsam. Macht mit, werdet ein Teil der Bewegung und nennt ab jetzt jeden, der "von daher" sagt, einen Schwanz. Das ist erwachsen und kultiviert. Auf diese Weise können wir die Gefahr bannen, dass wir irgendwann nicht mehr merken, wie kacke wir klingen, wenn wir das sagen - und zwar geschmackvoll.

Höflichst,
Ihr Alexander von Zolldan, 
Bundespräsident und Piratenkapitän

Freitag, 22. November 2013

35'000 Meilen auf dem Meer

Liebe Leser,
in dieser Nacht hat sich der fünfunddreißigtausendste Besucher auf IADST verirrt. Eine schöne Zahl. Das waren also fast 1 1/2 Jahre Bloggen, und nach einigen Höhen und Tiefen macht es mir gerade wieder so richtig Spaß, hier mit Euch meine Scheiße zu teilen, Ihr süßen Mäuse. Ich weiß die Aufmerksamkeit sehr zu schätzen und möchte mich für die Treue, die Kommentare und E-Mails, die Beschimpfungen und Liebesbriefe und dafür, dass Ihr mir meistens gewogen seid, von Herzen bedanken. So bin ich nie allein mit dem, was in meinem Kopf vorgeht, denn Ihr lest meine Gedanken, Ihr hört meine Stimme. Und bei allem Größenwahn, all der Selbstverliebtheit, all der Melancholie, Nostalgie und Bosheit, scheint Ihr dem Ganzen etwas abgewinnen zu können. Und vielleicht gehe ich meinen Freunden durch das hier auch nicht mehr so sehr mit den immer gleichen Geschichten und Anekdoten auf den Sack. Ah, falsche Hoffnung; wenn ich mich erst einmal wohlfühle, kann ich mein Maul nicht halten, ich bin ein Geschichtenerzähler.

Ich habe nie Tagebuch geführt. Naja, doch einmal kurz, als ich zwölf war oder so: ein Didl-Maus-Tagebuch in Weiß und Rosa mit einem kleinen Vorhängeschloss in Herzform, in das ich Sätze geschrieben habe wie "Ich möchte von ganzem Herzen Mitglied im Lego-World-Club sein und ich hoffe, dass meine Eltern nicht rausbekommen, dass ich mich heimlich angemeldet und ihre Unterschriften gefälscht habe" oder "Heute war ich mit Claudia im Kino zu 'Spice World' und sie hat kurz meine Hand berührt". Gott, "Spice World" war ein beschissener Film. Was man sich nicht alles schon für miese Filme ansehen musste, um Mädchen abzuschleppen. Wenigstens stand in dem Alter noch niemand auf Horrorfilme. Es hat Ewigkeiten gedauert, bis ich darauf gekommen bin, dass auch ich einfach immer die Filme aussuchen könnte. Aber das waren dann andere Zeiten. 

Claudias Spitzname war auch damals schon "Muschi". Ich hätte wissen müssen, dass ich sie nicht würde halten können, aber ich war unsterblich verliebt, auch ohne mit ihren namensgebenden Elementen in Kontakt gekommen zu sein. Das waren unschuldige Zeiten. Ich weiß noch wie schockiert und verletzt ich war, als sie mir einmal, an einem Abend auf dem Spielplatz, gesagt hatte, dass sie noch nicht wisse, ob sie mich heiraten und mit mir Kinder bekommen werde, wenn wir alt seien. Als ich dann aus Schüchternheit kurze Zeit später freitags nicht mit in die einzige Disco der Stadt fuhr, in der zu diesen Zeiten wirklich nur bratzige Dancemusik lief, war unser gemeinsames Schicksal besiegelt und ich wurde ersetzt. Und auch wenn es mich traurig machte, irgendwie verstand ich sie. Später hat sie sich in einen Nazi verliebt, ist in die rechte Szene abgerutscht und inzwischen hat sie, soweit ich weiß, mehrere Kinder, die bereits in die Schule gehen. 

Scheiße, wie bin ich jetzt dahin gekommen? Ach ja, ich habe nie Tagebuch geführt, also fast nie. Jetzt verstehe ich jedoch endlich, warum das Tagebuch so eine lange und romantische Tradition hat. Es geht natürlich auch um Angeberei und Gefasel, aber: Die eigenen Gedanken zu fassen, hilft nicht nur bei der Reflexion und dem Verständnis von allem, sondern ist auch ein wunderbarer Weg, Struktur ins eigene Leben und die eigene Gedankenwelt zu bringen. Mir hilft es, Gedanken, Erinnerungen und Emotionen zu artikulieren, die mir manchmal erst während des Schreibens klar werden. Die meiste Zeit nehme ich mir nicht einmal vor, worüber ich schreiben werde, wenn ich das Fenster öffne, um einen Artikel zu beginnen. Ich schreibe einfach los und lasse alldem hier seinen freien Lauf. Und das gefällt mir und befreit. 

Und so freut es mich umso mehr, dass ich damit dann auch noch auf Interesse bei anderen stoße. Das wollte ich loswerden. 

Danke.

A.


Donnerstag, 21. November 2013

No more Mr. Night Sky

Liebes Tagebuch,
in meinen jüngeren und verwundbareren Jahren gab mein Vater mir einen Rat, der mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. "Wann immer du an jemandem etwas auszusetzen hast", sagte er, "vergiss nicht, dass nicht alle auf dieser Welt einen so leichten Start hatten wie du." Gute Worte, die vor Voreingenommenheit schützen - im Bezug auf alles, nicht nur auf Kohle. Nein, das hat er nicht gesagt. Das war eine Lüge. Das sind nicht die Worte meines Vaters, das sind die Eröffnungssätze von Fitzgeralds großem Gatsby. Der einzige Rat, an den ich mich erinnere, ist: "Alex, weißt du, du musst versuchen, so viele Weiber wie möglich zu bumsen, solange du jung bist." Es ist nicht so, dass er mir sonst keine Ratschläge gegeben hätte, vermutlich waren sogar weit bessere dabei, ich erinnere mich einfach nur am ehesten an diesen Rat, weil die Situation so furchtbar befremdlich war. Wir standen beide auf dem Balkon und sahen in den dichten Nebel. Ein Mädchen aus meiner Klasse läuft die Auffahrt hinunter; sie und ich, wir hatten gerade unsere Hausaufgaben zusammen gemacht. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich, glaube ich, noch überhaupt kein Mädchen gevögelt. Ach, mein Vater.

Es ist schon lange her, dass ich das letzte Mal allein eine Freistunde auf dem Campus verbringen musste, denke ich, als ich mich auf die kalten Treppenstufen eines der Fakultätsgebäude setze und eine Kippe anzünde. Naja, "Freistunde" ist vielleicht das falsche Wort. Ich bin vielmehr einfach im Seminar aufgestanden und gegangen, bevor der Dozent mich entdecken konnte. Und jetzt sitz ich draußen und blase Rauch in den Himmel. Es ist so schrecklich grau hier überall. Ein übermächtiges und erdrückendes Grau, das sich auf die Haut legt, wenn man nicht aufpasst. Hinter mir redet ein kurzhaariges, dickliches Mädchen lautstark mit ihren hässlichen Freundinnen darüber, warum sie Lehrerin werden will. Ich muss fast kotzen. Sie hält ein grandioses Plädoyer mit Sätzen wie "Mit jungen Menschen kann man wenigstens noch normal reden, ne?" oder "Und, selbst wenn es 'ne Herausforderung ist, da sage ich 'Bring it on, immer her damit'". Dass die sich nicht selbst krankmachen.

Dienstag, 19. November 2013

Die Regen von Castamere

Verdammte Scheiße. Wär' ich nur nicht immer so ein ignoranter Großkotz, dann könnte ich viel öfter in den Genuss toller Sachen kommen. Es fällt mir furchtbar schwer, Sachen cool zu finden, auf die ich nicht allein gestoßen bin. Es geht kaum selbstverliebter. Und wo wir hier gerade bei der Beichte sind: Mir sind Bücher suspekt, in denen Frauen die Hauptfiguren sind. Das habe ich heute im Buchladen mal wieder bemerkt. Ja, jetzt ist es raus. Nein, ich bin nicht in den 50'ern hängen geblieben. Ich respektiere Frauen, ja. Und ich bewundere ihre Fähigkeiten und ihre wohlgeformten Körper gern und häufig. War nur Spaß! Oder?

Naja, jedenfalls sind mir durch diesen miesen Charakterzug (nicht das mit den Frauen, das geht nämlich klar) öfters schon Dinge durch die Lappen gegangen, die sich dann später als doch gar nicht sooooooo blöd herausstellten. Ich erinnere mich noch genau daran, wie Andreas mir vor zehn Jahren oder so sagte, dass ich mir unbedingt diese neue Band, "The Killers", anhören müsste, während ich so etwas wie "Pah, Synthies in Rocksongs, ich glaube, die 80'er haben angerufen" antwortete. Ein paar Jahre später stand ich in der dritten Reihe bei einem der Deutschland-Konzerte der Band und brüllte mit, dass ich "Mr. Brightside" sei. Hab' ich das schon einmal erzählt? Ich komm' mir vor wie ein Rentner. Oder "Into the Wild". Unbedingt müsse ich den gucken, sagte Jazz, wirklich unbedingt. Und ich dachte: Pah, Aussteiger-Hippie-Kram. Und dann sah ich den Film irgendwann im Spätpogramm, weil wirklich nichts anderes kam und der Lexman immer ein wenig Probleme hat, den Tag loszulassen und zu schlafen, und stand dann anschließend um 03:00 Uhr nachts völlig fassungslos auf meinem Balkon und wollte die Zivilisation verlassen und in der Wildnis leben.

Ja, und unter Umständen habe ich auch gesagt, dass "Caspers" Stimme viel zu rough sei für Rap. Ich sollte recht behalten. Okay, ich habe damals auch "Lost" und "Stromberg" geguckt, aber irgendwann gingen mir die Jungs auf dem Schulhof, die in jeder verschissenen Hofpause die jeweils letzte Folge ausgewertet haben, so damit auf die Eier, dass ich es aus Trotz nicht mehr geguckt habe. Als ich dann dieses Jahr noch einmal mit "Lost" angefangen habe, konnte ich kaum anders, als es zu verschlingen und alle sechs Staffeln in kürzester Zeit zu bewältigen, jeden damit vollzulabern und mir Merchandise zu bestellen. Ich habe eine Tasse der "Dharma Initiative". Es war vielleicht doch ganz okay. Aber "Ted" war wirklich scheiße, obwohl alle sich ja so weggelacht haben - da müssen wir uns echt nichts vormachen. Ich bin einfach ein bisschen hype-empfindlich oder vielmehr -allergisch.

Aber verdammter Mist, wie krass ist bitte "Game of Thrones"? Ich habe damals die erste Folge bei RTL2 gesehen und gedacht: Pah, Herr der Ringe mit Inzest; ich mach wieder aus. Aber wie falsch ich doch lag! Wie falsch ich doch lag! "Herr der Ringe", "Harry Potter", alles schwuler Zirkus gegen "Game of Thrones". Ich war noch nie so begeistert von einer Serie. Ich habe in den letzten sieben Tage alle drei Staffeln gesehen und höre seit Tagen ununterfuckingbrochen den Soundtrack. Ich stehe wirklich nicht auf Schwerter und Mittelalterkram, aber das ist tatsächlich die beste Serie aller Zeiten. Ich bin heute morgen zum Buchladen stolziert, um das erste Buch der Romanvorlage zu kaufen, einfach, um mehr Details zu erfahren. Diejenigen von Euch, die mir auf Facebook folgen habe ich schon damit genervt, aber dieses Lied bekomme ich nicht aus meinem Kopf. Wenn ich es nicht höre, singe ich es.


Ja, diesmal hätte man dem Hype glauben können - ohne es zu bereuen. Lieber spät als nie. Ihr solltet das alle gucken oder lesen, um bessere Menschen zu werden. Also, erster guter Vorsatz fürs neue Jahr: Nicht mehr so ignorant sein, wenn alle etwas mögen und dich damit nerven.

Der Winter naht,

A.

Sonntag, 17. November 2013

Die Ballade von Kassandra

Die Schreie der Krähen im Hof wecken mich. Ich schlafe nicht gut, wenn das Fenster geschlossen ist. Naja, wirklich gut habe ich trotzdem nicht geschlafen. Aus der Ferne läuten die Kirchenglocken. Ich drehe mich auf die Seite und sehe den Spitzen der Tannen dabei zu, wie sie vom Wind hin und her gewogen werden. Draußen ist es noch nicht richtig hell, aber das scheint schon seit Tagen so zu sein. Der Winter wirft seine Schatten und Nebel voraus. Ich kann mir kaum noch vorstellen, wie jemals die Sonne über Kiel geschienen hat. Diese hässliche graue Stadt. Es ist still in der Wohnung, doch von oben hört man stampfende Schritte. Die ganze Welt ist fett und laut. Wenn ich mich darauf konzentriere, werde ich zu zornig. Wut ist ein falscher Freund - und doch mein ständiger Begleiter. So wie viele dazu neigen, mehr mit ihrem Schwanz als mit ihrem Kopf zu denken, macht mich die Wut oft blind, während Schwanz und Kopf um die Vorherrschaft streiten. Vorsichtig ziehe ich die Wohnungstür hinter mir zu. Die Treppen fallen mir schon erheblich leichter als vor Monaten. Mit meinen langen, schlaksigen Beinen nehme ich gleich mehrere Stufen auf einmal. 

Der Wind lässt meine Haare wehen. Ich müsste dringend zum Friseur; mit meiner blassen Haut, dem dünnen Körper und meinem zersausten dunklen Haar sehe ich bald aus wie eine Tim-Burton-Figur. Ich ziehe den Schal bis über meinen Mund und mache mich auf den Weg. Unglaublich, wie viele Leute um diese Zeit bereits einkaufen gehen! Ich greife mir ein irisches Rindersteak an der Fleischtheke und stelle mich in die Kassenschlange, dabei ist es noch nicht einmal neun. Der Tankwart in der Shell öffnet mir die Tür und wünscht einen guten Morgen. Ich nicke ihm zu. "Gauloises, die Blauen, Big Box, ja, die 23'er", sage ich. Eine feste, eiserne Formel, tausendmal mit meinen Lippen gesprochen. Ich weiß gar nicht, wie viel die Dinger kosten im Moment. Die werden schließlich alle zwei Wochen teurer und irgendwie ist mir das Geld egal. Ich wünschte, es wäre nicht so, aber die Kohle interessiert mich immer erst, wenn sie alle ist. 

Ich stelle mich in die Schlange vorm Bäcker. Während ich zwischen Vätern mit ihren Kindern, Studenten und alten Männern darauf warte, endlich die verfickten Brötchen kaufen zu können, muss ich - und ich schwöre, ich habe nicht den verschissenen Hauch einer Ahnung, warum es so ist - an den Mythos der Kassandra denken.

Freitag, 15. November 2013

Im Rausch der Kälte II

Wie lange ich schon hier bin, weiß ich nicht. Habe ich geschlafen? Vielleicht. Mein Bier ist schal, also ich habe ich wohl geschlafen oder zumindest seit einer Stunde oder länger nichts getrunken. Ich lasse mir nichts anmerken und trinke weiter. So läuft das. Wie spät es wohl sein mag? Wir starren Kelis an, wie sie tanzt und etwas über ihren Milkshake singt. Langsam habe ich das Gefühl, es geht gar nicht um Milchshakes! Seit wann sehen wir wohl Musikvideos? Ich mag Kelis nicht. Dass die Anderen sie mögen, ist überhaupt nicht Rock'n'Roll! Meine Augen sind schwer und ich spüre die vielen Fußballspiele vom Morgen deutlich in meinen Knochen und mein großer Zeh brennt ein bisschen. Als ich den anderen beiden erzählt habe, dass gerade mein Zehnagel abgegangen ist, haben sie mich begeisterungslos angestarrt. Ich hatte mir eben so viel Euphorie erhofft, wie ich selbst empfunden habe. Wahrscheinlich haben sie gedacht, dass nur ein bisschen abgeplatzt ist, wie bei einem Reißnagel oder so und nicht der ganze beschissene Zehnagel. Ach, ist ja auch egal. Fickt euch doch. Scheiße, noch ein Kelis-Video. "Warum gucken wir das eigentlich?", frage ich ins Leere. "Weil es cool ist, du Hoschi", antwortet der Bassist. 

Ein Handy vibriert auf dem zerkratzten Tisch vor uns. "Martin ist da, er steht vor der Tür", sagt eine Stimme. Sind meine Augen geschlossen? Ich will es gar nicht wissen. "Ey, penn' mal hier nicht weg. Es geht doch erst richtig los", sagt Felix. Ich weiß, dass er mich meint und ich öffne widerwillig die Augen, langsam und zäh wie ein altes Garagentor. Ich ziehe mein Handy aus meiner Hosentasche. "Hey, geht's dir gut? Seid ihr schon bei der Party? Liebe dich", steht in der SMS, die schon vor zwei Stunden gekommen ist. "Ja, alles gut. Ist ganz cool hier. Ich melde mich", schicke ich als Antwort zurück. Schon diese paar Worte vielen mir schwer. "Na, Herr Alex, Sie sehen aber schon fertig aus. Das wird doch hier nicht etwa eine 'Drogenparty'"?, sagt Martin zur Begrüßung und gibt mir die Hand. Das Wort "Drogenparty" betont er wie einer dieser Sprecher aus der Wochenschau während des Zweiten Weltkrieges. "Oh, die gute Kelis!", sagt er, als er auf den Bildschirm sieht. Na super.

Mittwoch, 13. November 2013

Die Schlachtbank der Geschichte

Manchmal, nach dem Aufstehen, wenn alles noch ein bisschen langsam und still ist, frage ich mich, wie unsere Epoche wohl durch den Abstand der Zeit aussehen muss. Modernität ist ein verräterischer Freund und wir sind mit Sicherheit ziemlich bescheuert durch die Schatten der Retrospektive. Fortschritt, Erfolg und Vernunft sind nichts als relative Größen und arrogante Illusionen, das sollte man sich immer wieder bewusst machen.

Mit Erstaunen blickt man doch auf die medizinischen Methoden der Ärzte des Mittelalters zurück, oder ist erschrocken von der Gleichgültigkeit und der Dekadenz des europäischen Adels gegenüber dem eigenen hungernden Volk. Kinder waren nicht immer die kleinen Lieblinge ihrer Eltern; das emotional geprägte Verhältnis, wie wir es kennen, ist in seinen gröbsten Zügen erst eine Errungenschaft der letzten paar hundert Jahre. Die Schrecken des Imperialismus und der Inquisition - überhaupt all die unsäglichen Dummheiten, die im Namen eines Glaubens begangen wurden (Na gut, ist Letzteres wirklich Geschichte?), wirken heute manchmal so unvorstellbar absurd. Die Gräueltaten der Menschen von Sklaverei und Massenmord bis hin zur Jahrtausende andauernden gesellschaftlichen Unterdrückung der Frau - wir fühlen uns so rein und gut, blicken wir auf all das zurück. All die Kriege und die Willkür. Am Arsch.

Pathetischer Posttitel

Ich deprimiere mich. Und Lotte Kestner macht die Sache nicht unbedingt besser. Aber zumindest irgendwie stilvoller, denke ich. Oh Gott, ey. Manchmal gehe ich mir selbst auf den Sack mit meinem Gerede. Aber nur manchmal. Die meiste Zeit geht es. Man gewöhnt sich daran.

Ich habe in den letzten Tagen so viel "Game of Thrones" gesehen, dass ich nachts davon träume, irgendwelche Idioten in Mittelalterkostümen mit "Gewiss, my Lord" oder "Natürlich, my Lady" zu verabschieden. Ich kann solche Sachen einfach nicht locker sehen. Das war bei "Lost", "Star Wars", Fußball und Scheiße, sogar bei "Harry Potter" schon genauso schlimm. Ich weiß nicht, warum, aber ich muss den ganzen Schwachsinn dann immer auswendig lernen und über jede kleine Fußnote bescheid wissen. Das ist total bescheuert, mit welch einem manischen Eifer ich dann plötzlich dabei bin. Ich wünschte, ich könnte diese ehrgeizige Jagd nach Wissen auch mal in andere, in sinnvolle Richtungen lenken. Ich lese viel und gern - nur nie in den Büchern, die ich lesen sollte.

Ich weiß, welche Farben die aktuellen Schuhe von Toni Kroos haben und wer sein Ausrüster ist, bei welchen Vereinen er gespielt hat, wer seine Trainer waren, dass sein Bruder bei Bremen spielt, aber beide in Greifswald geboren sind und aus der Jugend von Hansa Rostock stammen, fragt mich jedoch mal nach dem beschissenen Amtsantrittsjahr von Julius Cäsar. Und ich studiere seit fünf Jahren Geschichtswissenschaften. Oder sind es schon sechs? Und Scheiße, ich mag Toni Kroos nicht einmal! Ich bin auch kein Bayernfan. Ich geh' nicht einmal ins Stadion, weil mir die Leute dort zuwider sind. Das sollte nicht so versnobt klingen. Klang es aber. Als ich zum letzten Mal im Stadion war, wurde ich 90 Minuten vom Gästeblock neben mir beschimpft, hinter mir saßen Nazis in Camouflagehosen, die mich ständig mit ihren Knien berührten, und gegen Mitte der zweiten Halbzeit sah ich, wie ein alter Freund von mir von den Ordnern abgeführt wurde, nachdem er die Gästefans mit einem Bierbecher voll Pisse beworfen hatte. Und wenn ich nur an diese ganze Stehplatz-Traditions-Pyro-Fankultur-Debatte denke, muss ich fast kotzen. Ich habe Liebe für das Spiel, unglaublich viel Liebe, aber Idioten sind Idioten, überall.

Eigentlich wollte ich über meine Gefühle schreiben, aber alles, was aus mir rauskommt, ist dieses Zeug. So richtig emotionales Rehkitz-Gefasel, ganz ohne pseudocoole Maskerade, aber es geht nicht. Vielleicht morgen. Langsam erkenne ich auch die Tasten nicht mehr in der Dunkelheit und das verfickte Licht vom Laptop blendet in meinen Augen, aber ich knipse die Nachttischlampe nicht an, weil sie sonst aufwacht.

Morgen lacht die Sonne wieder!

Gute Nacht,

A.

  

Lotte Kestner / Wrestler from Edgardo Flores on Vimeo.

Sonntag, 10. November 2013

Im Rausch der Kälte I

"So, Jungs, wir haben auch alle anderen geschafft, dann packen wir jetzt auch die! Verstanden, Männer?", sagt der Einzige von uns, der im Verein spielt, und muss dabei selbst lachen. Wir lachen auch. Er ist nicht der Typ für Motivationsreden, aber wahrscheinlich kennt er das so und hatte das Gefühl, dass zumindest vor dem wichtigsten Spiel irgendwer etwas Feierliches sagen muss. Mein Magen krampft und meine Luftröhre fühlt sich an, als hätte sie innen ein dichtes Fell, das kaum durchlässig ist. Ich habe die halbe Nacht mit Freunden in einer Kneipe gesessen, und bin anschließend bei Minusgraden über eine Stunde zu Fuß nach Hause gelaufen. In den Gesichtern von Andreas und dem Bassisten lässt sich Ähnliches ablesen. Die waren auch mit. Im Nachhinein war das wohl eine ziemlich beschissene Idee. Kurzzeitig habe ich in einer Hecke gelegen und es war so kalt, dass ich mich kaum zum Weitergehen aufraffen konnte. Im Schnee sieht alles so friedlich und still aus. Ich kann besoffen einfach nicht richtig geradeaus laufen und so bin ich gestolpert und in die verfluchte Hecke gefallen. Der Bassist hat sich aus Solidarität daneben gelegt. Die schneebedeckten Äste und Blätter unter mir wurden immer weicher und bequemer, bis uns Andreas anschrie und uns als Vollidioten beschimpfte. Widerwillig gingen wir weiter, noch immer torkelnd und kurz vorm Einschlafen.

Die Tür zur Umkleide öffnet sich. Der Name unserer Klasse wird aufgerufen. "Ihr habt noch zehn Minuten, dann ist Finale!", sagt die Stimme eines der Organisatoren. Es riecht nach Schweiß und Füßen. Zehn Minuten? Dann gehe ich noch eine rauchen, denke ich. Mein rechter Fuß schmerzt beim Auftreten. Unangenehm. Ich hatte morgens in all der verkaterten Hektik vergessen, meine Schuhe einzupacken und musste mir hier welche leihen. Leider nicht in meiner Größe. Statt der normalen 45 trage ich nun 40. In den ersten Spielen ging es noch, aber nun wird es immer schlimmer, mit jedem Schritt. Der Rauch der Zigarette brennt in meinem Hals. "So ist's richtig, Alex, noch schnell eine durchziehen vor dem Sport. Das ist richtig gut für die Kondition", brüllt mein Sportlehrer im Vorbeigehen. Er ist Schiedsrichter heute. Seine silberne Pfeife trägt er an einer Kette um den Hals.

Durch die verglaste Tür sehe ich einen meiner Mitspieler im Gang zum Innenraum stehen. Er sieht mich direkt an und klatscht in die Hände. Ich weiß, was das heißt. Ich trete meine Kippe aus und gehe gemächlich zurück in die Halle. Als wir aufs Feld laufen, ertönt kein Applaus, niemand liest unsere Namen vor. Alles, was zu hören ist, ist das Gemurmel von den Rängen und das Quietschen unserer Schuhe auf dem Parkett. Unser Gegner ist unsere Parallelklasse. Ein bisschen sind wir, glaube ich, alle überrascht, dass wir die anderen Teams besiegt haben - immerhin sind wir die beiden jüngsten Klassen der Schule. Der schrille Pfiff des Schiedsrichters durchschneidet meine Gedanken und hallt von den Wänden der Sporthalle zurück.

Freitag, 8. November 2013

Fliegende Affen

Man sagt vielleicht, dass die Nacht am Dunkelsten vor der Dämmerung ist, der Himmel jedoch, ist am Schönsten, kurz bevor die Dunkelheit einsetzt; wenn die Wolken allmählich verschwinden und das Licht langsam in vielen Farben seinen Abschied ankündigt. So viele Töne von Grau, Grün und Blau. Die Autobahn ist voll: Wie eine rote Schlange zieht sich die Kette aus Rücklichtern langsam auf dem Asphalt durch all die Felder Mecklenburgs. Die Abenddämmerung lässt den Wald am Rande der Straße tiefschwarz wie einen Schattenriss aussehen; spitz ragen die Silhouetten der riesigen Nadelbäume hinein in die Farbe des Himmels.

Je näher Kiel kommt, desto kälter wird es. Regen setzt ein und langsam sind erste Sterne im stärker werdenden Dunkelgrau zu entdecken. Das Licht der Scheinwerfer bricht sich in den Regentropfen, jedoch immer nur so lange, bis sie von den Scheibenwischern fast geräuschlos zur Seite, ins Abseits, geschoben werden. Ich versuche andere Gesichter hinter den Autofenstern zu erkennen, aber sie fliegen zu schnell an mir vorbei, verschwimmen zwischen Licht, Regen und Dunkelheit. Wir reden nicht, wir fahren nur.

Mittwoch, 6. November 2013

Remember, remember äh the Sixth of November

Gut, einen Tag zu spät, aber ich erinnere mich, ich erinnere mich an dich, Natalie Portman mit kurzgeschorenen Haaren. Selbst damit warst du heiß, du hübsches Ding. Im Ernst, du hattest mich schon mit all der komischen Schminke und den albernen Kostümen in Episode I. Dich in "Léon - Der Profi" schon heiß zu finden, wäre allerdings irgendwie ein bisschen merkwürdig, trotzdem, du, Natalie Portman, du hast das hübscheste Lächeln der Welt! Darum ging es doch am 5. November oder habe ich da etwas missverstanden? 

Ach, war nur Spaß. Gunpowder Treason, gegen das System und so! Guy-Fawkes-Masken gegen Windmühlen. Natalie ist natürlich wirklich superscharf, aber die Message ist wichtig! Im Ernst, es ist eine Schande, dass sich die öffentliche Empörung über die blockadeartige Haltung der Regierung zum Snowden-Asyl so in Grenzen hält. Es muss die Bevölkerung sein, die fordert, lauthals, denn schließlich hat Edward Snowden nun wirklich eher ihr einen Gefallen getan als der Politik, der die Wirtschaftsbeziehungen weit mehr bedeuten als die Privatsphäresicherung des Einzelnen. Gott, ich klinge wie irgendein Dreadlock-Idiot aus dem zweiten Semester, der in einer WG-Küche ein besoffenes Plädoyer für politische Wachsamkeit hält, um irgendeine hässliche Frutte zu beeindrucken. Nennt mich ruhig einen idealistischen Naivling, aber Scheiße, warum scheint das denn allen am Arsch vorbei zu gehen? Diese ganze Affäre könnte zu einem wichtigen Moment unseres noch jungen Jahrhunderts werden - und kaum jemanden interessiert's? Politjournalisten und die Opposition zählen nicht. Es muss ein unverfälschtes wütendes Interesse daran sein, dass die ganze Scheiße aufgeklärt wird, und zwar hier und man darf keine Angst vor den Resultaten haben. Dissidenten sind nicht nur in China und Russland cool - wo es uns sattgefressenen Ignoranten in den Kram passt!

Gleich checke ich wieder Facebook und teile diesen Artikel und in drei Wochen hole ich mir die neue Playsation mit Gesichtserkennung und Kamera - so kann mir die NSA demnächst auch endlich beim Vögeln zusehen. 

Es ist fünf vor zwölf, Sylvester 1983! *dramatische Streicher im Hintergrund

A.

Dienstag, 5. November 2013

Aus den Träumen

Geträumt, ich sei wieder in der Schule: Mathe-AG am Nachmittag mit meiner Grundschullehrerin. Ich wache auf: Habe die Fernbedienung in meiner Hand. Ich sehe meine Finger, wie sie auf den Powerschalter drücken. Der Fernseher geht aus. Er war an? Ich drücke nochmal: Er geht wieder an. Es ist kurz vor vier. Neben mir bewegt sich jemand unter der Decke. "Er ist einfach so wieder angegangen", sage ich, obwohl ich nicht weiß warum und obwohl mich niemand danach gefragt hat. Ich falle zurück auf mein Kissen. 

Man versucht, mich zu vergiften. Ich versuche, zu fliehen, kann meine Beine jedoch nicht bewegen. Ein Labor. Anschließend in Jugendnervenheilanstalt. Zeitreisen. Gefängnisinnenhof. Diamanten gestohlen. Reich geworden. In Sicherheit. Happy End.

"Alles Okay?", fragt eine Stimme aus der anderen Ecke des Zimmers. "Du hast geredet im Schlaf", fügt sie noch hinzu, als müsse sie sich rechtfertigen. Ich höre die Schnalle eines Gürtels zuschnappen.
"Ja, alles gut", sage ich, wundere mich jedoch gleichzeitig, wie mein Mund die Worte formt. Langsam erkenne ich die Umrisse des Zimmers. Auf der großen Wanduhr sehe ich verschwommen, dass es erst 5:40 Uhr ist. "Scheiße, ist das kalt", sage ich.
"Wir haben November, das hast du selbst gesagt. Da ist es nunmal kalt. Versuche, noch ein wenig zu schlafen", antwortet sie. "Wann musst du zur Uni?"
"Keine Ahnung", sage ich in mein Kopfkissen. Ich höre die Wohnungstür und bin plötzlich allein. Habe ich wieder geschlafen? Ich knipse meine Nachttischlampe an und nehme mir ein Buch von dem Stapel, der neben meinem Bett liegt. 

Montag, 4. November 2013

Nicht-Lesetipp

Hey, ich habe gedacht, es wäre doch mal wieder Zeit, dass auch hier eine Rezension zu finden ist. Also! Falls Ihr Interesse an mehr haben solltet, besucht: Buchpiraten!

Genre: Roman, Erotik
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Heyne 
Erscheinungsdatum: 23. September 2013
ISBN: 978-3-453-26886-9
 
Ich will gar nicht lang um den oft zitierten heißen Brei herumreden. Eigentlich sollte man Sasha Grey dankbar sein, denn mit "Die Juliette Society" ist der ehemaligen Porno-Actrice ein Denkmal, nein, was sag ich, ein Mahnmal gelungen, erinnert es uns doch schmerzhaft an vieles, das Literatur nicht sein sollte. Jetzt immer nur auf der Vergangenheit Marina Hantzis, so Greys bürgerlicher Name, herumzureiten, mag unfair erscheinen, aber es entspricht doch schließlich genau dem Kalkül, welches sich die Autorin, ihr Management und ihre Verleger selbst zu eigen machen, denn ohne die Pornovergangenheit Sasha Greys hätte diese Sammlung an Papierverschwendung vermutlich nicht einmal einen Platz in der Kummer gewohnten Erotikliteraturlandschaft gefunden.

Sasha Grey mag, gemessen an den meisten ihrer ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, sicherlich etwas Besonderes sein, interessiert sie sich doch so herzzerreißend für Filmgeschichte, beschäftigt sich mit Philosophie, liest fast ununterbrochen und vergöttert avantgardistische Musik vergangener Jahrzehnte. Der Kunst, der Kunst, ja der Kunst habe sich dieser gebildete Sonderling im Körper eines scharfen Dirty-Girls verschrieben. Und auch ich habe ihr geglaubt, als der Rolling Stone vor ein paar Jahren Sasha Grey mit einem Interview und einer Feature-Story mit einem weltweiten Publikum bekannt zu machen versuchte.

Freitag, 1. November 2013

The King is Back, Organisatorisches und November-Mixtape

Sam Hain wäre auch ein cooles Pseudonym. Da ist bestimmt vor mir noch absolut niemand drauf gekommen! Wie Ihr zweifelsohne mitbekommen haben dürftet, macht mir das Schreiben wieder Spaß und hilft tatsächlich ein wenig dabei, mich selbst zu ordnen, Bla. Außerdem erzähle ich einfach gern Geschichten! So arbeite ich zum Beispiel gerade mal wieder an einem endlosen langen Superpost über das 20. Jahrhundert. Richtig mit Recherche und so. Ja, think big und so! Außerdem will ich auch die Erinnerungs-Reihe um Das Mädchen vom Strand fortsetzen. Diese Geschichte wurde schließlich nie zu Ende erzählt. Das alles natürlich zusätzlich zum normalen Betrieb. Wenn ich das Gefühl habe, mich zu übernehmen, dauert es halt ein wenig länger. Desweiteren ist eine feste Rubrik geplant, in der die Mixtapes aufgelistet werden, so dass man immer auf sie zugreifen kann. Mein Team und ich arbeiten bereits auf Hochtouren daran. Natürlich habe ich kein Team. Dann werden auch thematisch ausgerichtete Playlists ihren Platz finden (Weihnachten, Soundtracks etc.). Auch werden in Kürze wieder mehr Buch-Rezensionen bei den Buchpiraten von mir zu finden sein. Große Pläne, große Pläne.

Erst einmal möchte ich mich jedoch bei Euch bedanken, dass Ihr mir trotz meiner langen Abstinenz noch immer gewogen seid und den ganzen Kram hier lest. Danke für die Kommentare, die Mails und die Aufmerksamkeit. You guys are so awesome!