Freitag, 22. November 2013

35'000 Meilen auf dem Meer

Liebe Leser,
in dieser Nacht hat sich der fünfunddreißigtausendste Besucher auf IADST verirrt. Eine schöne Zahl. Das waren also fast 1 1/2 Jahre Bloggen, und nach einigen Höhen und Tiefen macht es mir gerade wieder so richtig Spaß, hier mit Euch meine Scheiße zu teilen, Ihr süßen Mäuse. Ich weiß die Aufmerksamkeit sehr zu schätzen und möchte mich für die Treue, die Kommentare und E-Mails, die Beschimpfungen und Liebesbriefe und dafür, dass Ihr mir meistens gewogen seid, von Herzen bedanken. So bin ich nie allein mit dem, was in meinem Kopf vorgeht, denn Ihr lest meine Gedanken, Ihr hört meine Stimme. Und bei allem Größenwahn, all der Selbstverliebtheit, all der Melancholie, Nostalgie und Bosheit, scheint Ihr dem Ganzen etwas abgewinnen zu können. Und vielleicht gehe ich meinen Freunden durch das hier auch nicht mehr so sehr mit den immer gleichen Geschichten und Anekdoten auf den Sack. Ah, falsche Hoffnung; wenn ich mich erst einmal wohlfühle, kann ich mein Maul nicht halten, ich bin ein Geschichtenerzähler.

Ich habe nie Tagebuch geführt. Naja, doch einmal kurz, als ich zwölf war oder so: ein Didl-Maus-Tagebuch in Weiß und Rosa mit einem kleinen Vorhängeschloss in Herzform, in das ich Sätze geschrieben habe wie "Ich möchte von ganzem Herzen Mitglied im Lego-World-Club sein und ich hoffe, dass meine Eltern nicht rausbekommen, dass ich mich heimlich angemeldet und ihre Unterschriften gefälscht habe" oder "Heute war ich mit Claudia im Kino zu 'Spice World' und sie hat kurz meine Hand berührt". Gott, "Spice World" war ein beschissener Film. Was man sich nicht alles schon für miese Filme ansehen musste, um Mädchen abzuschleppen. Wenigstens stand in dem Alter noch niemand auf Horrorfilme. Es hat Ewigkeiten gedauert, bis ich darauf gekommen bin, dass auch ich einfach immer die Filme aussuchen könnte. Aber das waren dann andere Zeiten. 

Claudias Spitzname war auch damals schon "Muschi". Ich hätte wissen müssen, dass ich sie nicht würde halten können, aber ich war unsterblich verliebt, auch ohne mit ihren namensgebenden Elementen in Kontakt gekommen zu sein. Das waren unschuldige Zeiten. Ich weiß noch wie schockiert und verletzt ich war, als sie mir einmal, an einem Abend auf dem Spielplatz, gesagt hatte, dass sie noch nicht wisse, ob sie mich heiraten und mit mir Kinder bekommen werde, wenn wir alt seien. Als ich dann aus Schüchternheit kurze Zeit später freitags nicht mit in die einzige Disco der Stadt fuhr, in der zu diesen Zeiten wirklich nur bratzige Dancemusik lief, war unser gemeinsames Schicksal besiegelt und ich wurde ersetzt. Und auch wenn es mich traurig machte, irgendwie verstand ich sie. Später hat sie sich in einen Nazi verliebt, ist in die rechte Szene abgerutscht und inzwischen hat sie, soweit ich weiß, mehrere Kinder, die bereits in die Schule gehen. 

Scheiße, wie bin ich jetzt dahin gekommen? Ach ja, ich habe nie Tagebuch geführt, also fast nie. Jetzt verstehe ich jedoch endlich, warum das Tagebuch so eine lange und romantische Tradition hat. Es geht natürlich auch um Angeberei und Gefasel, aber: Die eigenen Gedanken zu fassen, hilft nicht nur bei der Reflexion und dem Verständnis von allem, sondern ist auch ein wunderbarer Weg, Struktur ins eigene Leben und die eigene Gedankenwelt zu bringen. Mir hilft es, Gedanken, Erinnerungen und Emotionen zu artikulieren, die mir manchmal erst während des Schreibens klar werden. Die meiste Zeit nehme ich mir nicht einmal vor, worüber ich schreiben werde, wenn ich das Fenster öffne, um einen Artikel zu beginnen. Ich schreibe einfach los und lasse alldem hier seinen freien Lauf. Und das gefällt mir und befreit. 

Und so freut es mich umso mehr, dass ich damit dann auch noch auf Interesse bei anderen stoße. Das wollte ich loswerden. 

Danke.

A.


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