Sonntag, 24. November 2013

Abendspaziergang

Ich versuche, nicht daran zu denken, dass ich daran denken könnte, nicht daran zu denken, dass ich eigentlich daran denke, mit Gewalt nicht daran zu denken, dass die Dosiserhöhung der Tabletten sehr wahrscheinlich Nebenwirkungen zur Folge hat, doch mit einer Kette von Bluffs verhält es sich wie mit einer Reihe von Dominosteinen: Nur einer muss fallen und alles steht in Brand. Beim Domino geht es doch darum, Dinge in Brand zu setzen, oder? Tolle Metapher. Und ich habe extra nicht die Packungsbeilage gelesen, um nicht verrückt zu werden. "Wir wollen doch bis an das Maximum gehen, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen", sagte die Ärztin und ich hatte devot genickt wie ein belehrtes Schulkind. Noch einmal um 1/3 erhöht. Die neue Pille ist so groß wie ein verficktes Zäpfchen, und wenn man sie schüttelt, rasselt es richtig, wie bei einer Tic-Tac-Dose in Miniaturgröße - aber wenigstens hat sie keinen ekligen Nachgeschmack, es ist vielmehr, als verschlucke man irgendeinen Gegenstand aus Plastik oder so, einen Legostein mit abgerundeten Kanten. Naja, zumindest stelle ich es mir so vor. 

Der Boden schwankte ein wenig, meine Fußsohlen kribbelten und ich hatte das Gefühl, die Schwerkraft hätte plötzlich ein wenig zugenommen. Manchmal hilft Bewegung, also beschloss ich, mir noch einmal kurz die Beine vertreten zu gehen und Zigaretten zu kaufen. Im Fernsehen läuft sowieso nur Scheiße. Meine Füße steigen schwach und ein wenig zitternd, die dunklen Treppenstufen hinunter. Draußen ist schwarze Nacht, die nur vom orangefarbenen Licht der Straßenlaternen durchschnitten wird. Mir ist übel. Obwohl erheblich weniger Autos unterwegs sind, bleibe ich an der Straße stehen und sehe immer wieder von rechts nach links, als würde ich den eigenen Sinnen nicht trauen können, dann erst setze ich mich in Bewegung, ruhig und behebig, einen Schritt vor den anderen. Ich habe meine Jacke bis oben hin zugezogen, aber so kalt ist es gar nicht. Ein bisschen windig vielleicht, aber das ist nur die Nähe zum Meer. Die Lichter verschwimmen vor meinen Augen und ab und an muss ich einen Ausfallschritt hinnehmen.

Bierflaschen klirren aneinander, als ich die Tankstelle betrete. Ein paar Typen kaufen offenbar Nachschub. Als sie gehen, mustern sie mich kritisch, doch ich halte ihrem Blick stand. Das helle Verkaufslicht brennt in meinen Augen. Gauloises Blondes für sechs Euro. Es ist mir unbegreiflich, warum Shell Geld in diesen bescheuerten Automaten investiert hat, der einem jetzt das Wechselgeld rausgibt. Ich könnte schwören, das ging früher schneller. Und Verkäufer und Kunde standen sich so auch keine zwanzig Sekunden nutzlos gegenüber und haben sich angeglotzt. Ich reiße die Schachtel bereits beim Hinausgehen auf und merke, wie sehr meine Hände dabei zittern. Dann schäme ich mich und frage mich, wie das wohl auf den Überwachungsaufnahmen aussehen muss. Wahrscheinlich guckt sich die jedoch nur jemand an, wenn irgendetwas vorgefallen sein sollte. Ich klemme die Zigarette zwischen meine Lippen, vergrabe meine Hände tief in den Jackentaschen und versuche, mit sicheren Schritten wieder nach Hause zu laufen.

Es kommt mir schrecklich heiß zu Hause vor. Mein graues Star-Wars-T-Shirt klebt an meinem Rücken. Ich reiße die Balkontüren auf, lasse die Nacht hinein wehen und lege mich auf mein Bett. Ich schiebe mir die Kopfhörer meines MP3-Players in die Ohren und wähle James Vincent McMorrows großartiges 2011'er Album "Early in the Morning" aus, dann schließe ich meine Augen und sehe Paris im August, das sich vielleicht nach einem abendlichen Sommerregen von einem heißen und geschäftigen Tag erholt und endlich ein wenig abkühlt. Es sind nicht mehr so viele Leute im Tuileriengarten und rings um die Springbrunnen sind nun auch einige der tagsüber sehr begehrten Liegen frei geworden, von denen aus es sich so herrlich die Leute beobachten lässt, wie sie auf ihrem Weg vom Place de la Concorde zur gläsernen Pyramide des Louvre hier vorbeikommen. Auch die Straßenhändler in der Rue de Rivoli, die sich an solch heißen Tagen mit ihren mit Eis und Plastikflaschen gefüllten Eimern an die Hauswände lehnen und ausgedörrten Touristen "Mineralwasser" verkaufen, haben sich inzwischen zurückgezogen oder verhökern jetzt kitschig blinkende Miniatur-Eiffeltürme auf dem Plateau des Palais de Chaillot, von dem aus sich so klassische abendliche Fotomotive schießen lassen, wenn im Hintergrund der beleuchtete Eiffelturm zu sehen ist.

Am Ufer der Seine haben die Bouquinisten inzwischen ihre kleinen hölzernen Läden versperrt, weiter unten jedoch, direkt an der Promenade, zu beiden Seiten des Wassers, sieht man vereinzelt Paare auf Decken sitzen, die, mit einer Flasche Wein zu ihren Füßen, den Touristendampfern dabei zu sehen, wie sie noch immer ihre routinierten Bahnen durch den Fluss ziehen, das ganze Außendeck erleuchtet von den Blitzlichtern der Kameras. Jetzt, im Schutze der immer mächtiger werdenden Dunkelheit, wagen sich auch die Obdachlosen, die Clochards, zurück in ihre Burgen aus Kartons, Bauzäunen und Plastikmüll, ihr Reich am Rande der Welt, unter den meisten, der geschichtsträchtigen und reichverzierten Brücken, die jeden Tag von Millionen von Touristen überquert werden, nichtsahndend, was zu ihren Füßen geschiet. Der Kreisverkehr auf dem Place de la Bastille scheint ob der unglaublichen Menge an Autos niemals wieder ein Ende zu finden, obwohl man meinen möchte, die ganze Welt befände sich gerade bereits in den Stationen und Waggons der Metro, die wie ein Netzwerk von Adern unter dem Kopfsteinpflaster, den undurchdringlichen Straßenzügen, dem Fluss und den Parks den Menschen die einzige Möglichkeit zu bieten scheint, bepackt mit Einkaufstüten, Rucksäcken oder Aktentaschen endlich ihren Weg nach Hause zu finden. Währenddessen erwachen Pigalle und Montmartre zum Leben und die Lichter der Bars, Stripclubs und Bordelle wirken nun nicht mehr so zahnlos wie noch bei Tage. Der Norden der Stadt und das Quartier des Halles werden düsterer, und finstere Gestalten mit skeptischen Augen rotten sich in kleinen Gassen zusammen, werten den Tag aus und pusten Rauch in den Himmel. Zigaretten glimmen in Ecken, in die kein Licht mehr fällt.

Doch wenn man im Herzen der Stadt bleibt, während die Dunkelheit hereinbricht, kann man nicht nur dabei zusehen, wie sich die Straßen langsam leeren und es den Abendstunden gelingt, Paris jegliche Hektik zu nehmen, es zu beruhigen und zur schönsten Stadt der Welt zu machen. Steht man auch an der richtigen Ecke, in der richtigen Straße, kann es sein, dass man Zeuge wird, wie die Nacht mehr und mehr die Beweise unserer Gegenwart zu tilgen scheint und die Stadt zu einem Ort macht, von dem man meint, die Zeit würde rückwärts laufen und nichts auf dieser Welt könnte einem gefährlich werden oder der Romantik dieses Augenblicks berauben.

Als ich die Augen wieder öffne, geht es mir besser. Seit Tagen brenne ich vor Ideen und guten Gedanken, langsam scheint es aufwärts zu gehen, irgendwann wird auch mein Körper wieder mitmachen.

Habt eine schöne Woche,

A.      


James Vincent McMorrow - This Old Dark Machine from Vagrant Records on Vimeo.

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