Dienstag, 5. November 2013

Aus den Träumen

Geträumt, ich sei wieder in der Schule: Mathe-AG am Nachmittag mit meiner Grundschullehrerin. Ich wache auf: Habe die Fernbedienung in meiner Hand. Ich sehe meine Finger, wie sie auf den Powerschalter drücken. Der Fernseher geht aus. Er war an? Ich drücke nochmal: Er geht wieder an. Es ist kurz vor vier. Neben mir bewegt sich jemand unter der Decke. "Er ist einfach so wieder angegangen", sage ich, obwohl ich nicht weiß warum und obwohl mich niemand danach gefragt hat. Ich falle zurück auf mein Kissen. 

Man versucht, mich zu vergiften. Ich versuche, zu fliehen, kann meine Beine jedoch nicht bewegen. Ein Labor. Anschließend in Jugendnervenheilanstalt. Zeitreisen. Gefängnisinnenhof. Diamanten gestohlen. Reich geworden. In Sicherheit. Happy End.

"Alles Okay?", fragt eine Stimme aus der anderen Ecke des Zimmers. "Du hast geredet im Schlaf", fügt sie noch hinzu, als müsse sie sich rechtfertigen. Ich höre die Schnalle eines Gürtels zuschnappen.
"Ja, alles gut", sage ich, wundere mich jedoch gleichzeitig, wie mein Mund die Worte formt. Langsam erkenne ich die Umrisse des Zimmers. Auf der großen Wanduhr sehe ich verschwommen, dass es erst 5:40 Uhr ist. "Scheiße, ist das kalt", sage ich.
"Wir haben November, das hast du selbst gesagt. Da ist es nunmal kalt. Versuche, noch ein wenig zu schlafen", antwortet sie. "Wann musst du zur Uni?"
"Keine Ahnung", sage ich in mein Kopfkissen. Ich höre die Wohnungstür und bin plötzlich allein. Habe ich wieder geschlafen? Ich knipse meine Nachttischlampe an und nehme mir ein Buch von dem Stapel, der neben meinem Bett liegt. 

Mein Wecker klingelt. Das Licht brennt. Auf meinem Bauch liegt aufgeklappt der Roman; ich habe nicht einen Satz gelesen. Dann habe ich stattdessen wohl wieder geschlafen? Fuck, ist das kalt hier, verdammte Scheiße. Ich drehe die Heizung hoch, fluche ein wenig in mich hinein und gehe mit tapsigen Schritten ins Badezimmer, um zu pinkeln. Währenddessen frage ich mich, ob die anderen im Haus wohl auch hören, wie der Strahl das Wasser trifft. Ich höre sie immer. Ein komisch hallendes Geräusch der Vertrautheit. Ich versuche, mit meinen Füßen so wenig Boden wie nur möglich zu berühren. Verfickter Winter. Mein Handy klingelt erneut. Selbstgestellter Sicherheitsalarm mit dem Titel "Hast du deine Pillen genommen?". Nein, habe ich noch nicht, Klugscheißer. Ich muss dringend meine Alarmtöne ändern. Das ist ja widerlich. Kurz überlege ich, mir deswegen einen Alarm zu stellen.

Einladend lacht mich meine aufgeschlagene Bettdecke an, als ich wieder im Schlafzimmer bin, aber ich muss ihr widerstehen. Ich drücke die Tabletten aus ihren Schutzhüllen und halte sie zwischen meinen Fingern vor das Balkonfenster. Die Sonne leuchtet hindurch und lässt die vielen kleinen Kapseln innerhalb der Kapsel sichtbar werden wie bei einer Matrjoschka, so konzipiert, dass sich allmählich, über 24 Stunden versteilt, eine nach der anderen auflöst und eins wird mit meinem Blut. Die andere Pille ist einfach nur milchig weiß. Eins, zwei, drei und runter damit. Ein Schluck Kakao hinterher. Rock'n'Roll-Lifestyle. Ich habe die Dosis erhöhen müssen, aber bisher halten sich Nebenwirkungen in Grenzen.

Ich kann nicht still sitzen. Mohrrübe und Schokotoast zum Frühstück. Als ich zum Rauchen auf den Balkon gehe, merke ich, wie mein Blick verschwimmt, sobald ich versuche, in die Ferne zu sehen. Die See ist grau. Weit weg sehe ich eine Fähre, auf dem Weg nach Norden. Sie flackert.

Das Telefon klingelt. "Na Bruder, alles gut?", fragt die tiefe Stimme am anderen Ende.
"Jo, und bei dir?", antworte ich. Jazz ruft immer an, wenn er wach ist. So können wir eine rauchen, das Wochenende auswerten und uns für die Uni verabreden. Wir können stundenlang telefonieren wie Waschweiber. Ich lese ihm meine Rezension des Sasha-Grey-Romans vor und bitte ihn, mich in die Anwesenheitsliste im heutigen Seminar einzutragen. Die Vorlesung haben wir schon verschlafen. Ich scheiß' auf die Geschichte des Imperialismus.
"Alter, du weißt, dass das nicht ewig so gehen kann, ne? Du musst dich dem Ganzen stellen", sagt er. Er hat recht, das weiß ich.
"Ich sehe flimmerig. Ich habe keinen Bock, dass es mir schlecht geht, wenn ich erst einmal da bin. Dann halten mich alle für einen Freak. Würde ich auch. Ich kann keinem einen Vorwurf machen. Und der Scheißraum ist sowieso so voll. Ich habe keine Angst oder so. Ich habe nur keinen Bock, dass ich abspacke, weil doch die Tabletten gerade eingestellt werden, weißt? Machst du das?", erkläre ich mich.
"Ja, na klar, was bleibt mir anderes übrig?", antwortet er.
"Weil du mein BFF bist, Alter! Auf dich ist Verlass, danke", sage ich. Ob er weiß, dass das mein Ernst war? Ich bin so oft zynisch, dass ich meinem Tonfall manchmal selbst nicht glaube.

Es kribbelt in meinen Beinen. Ich lasse mir Badewasser ein und kippe fast die halbe Flasche "Rückenwohl" hinterher. Irgendwann werde ich mir in dem glitschigen Film auf dem Wannenboden mein Scheißgenick brechen. In der Reflexion der Mischbatterie sehe ich mein Gesicht. Meine Augen sehen traurig aus.

A.          

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