Sonntag, 17. November 2013

Die Ballade von Kassandra

Die Schreie der Krähen im Hof wecken mich. Ich schlafe nicht gut, wenn das Fenster geschlossen ist. Naja, wirklich gut habe ich trotzdem nicht geschlafen. Aus der Ferne läuten die Kirchenglocken. Ich drehe mich auf die Seite und sehe den Spitzen der Tannen dabei zu, wie sie vom Wind hin und her gewogen werden. Draußen ist es noch nicht richtig hell, aber das scheint schon seit Tagen so zu sein. Der Winter wirft seine Schatten und Nebel voraus. Ich kann mir kaum noch vorstellen, wie jemals die Sonne über Kiel geschienen hat. Diese hässliche graue Stadt. Es ist still in der Wohnung, doch von oben hört man stampfende Schritte. Die ganze Welt ist fett und laut. Wenn ich mich darauf konzentriere, werde ich zu zornig. Wut ist ein falscher Freund - und doch mein ständiger Begleiter. So wie viele dazu neigen, mehr mit ihrem Schwanz als mit ihrem Kopf zu denken, macht mich die Wut oft blind, während Schwanz und Kopf um die Vorherrschaft streiten. Vorsichtig ziehe ich die Wohnungstür hinter mir zu. Die Treppen fallen mir schon erheblich leichter als vor Monaten. Mit meinen langen, schlaksigen Beinen nehme ich gleich mehrere Stufen auf einmal. 

Der Wind lässt meine Haare wehen. Ich müsste dringend zum Friseur; mit meiner blassen Haut, dem dünnen Körper und meinem zersausten dunklen Haar sehe ich bald aus wie eine Tim-Burton-Figur. Ich ziehe den Schal bis über meinen Mund und mache mich auf den Weg. Unglaublich, wie viele Leute um diese Zeit bereits einkaufen gehen! Ich greife mir ein irisches Rindersteak an der Fleischtheke und stelle mich in die Kassenschlange, dabei ist es noch nicht einmal neun. Der Tankwart in der Shell öffnet mir die Tür und wünscht einen guten Morgen. Ich nicke ihm zu. "Gauloises, die Blauen, Big Box, ja, die 23'er", sage ich. Eine feste, eiserne Formel, tausendmal mit meinen Lippen gesprochen. Ich weiß gar nicht, wie viel die Dinger kosten im Moment. Die werden schließlich alle zwei Wochen teurer und irgendwie ist mir das Geld egal. Ich wünschte, es wäre nicht so, aber die Kohle interessiert mich immer erst, wenn sie alle ist. 

Ich stelle mich in die Schlange vorm Bäcker. Während ich zwischen Vätern mit ihren Kindern, Studenten und alten Männern darauf warte, endlich die verfickten Brötchen kaufen zu können, muss ich - und ich schwöre, ich habe nicht den verschissenen Hauch einer Ahnung, warum es so ist - an den Mythos der Kassandra denken.

Habt Ihr schon einmal die Geschichte von Kassandra gehört? Vor wirklich vielen Jahren wuchs in einem entfernten Land die schöne Kassandra als Tochter eines Königs, wohlbehütet hinter den undurchdringlichen Mauern ihrer Heimat, auf. Als die Königstochter zu einer schönen jungen Frau heranreifte, stand sie in dem Ruf, die Männer stets um den Finger wickeln zu können. Und sogar die Unsterblichen nahmen von ihr Notiz: Der Gott Apoll verliebte sich in Kassandra und sagte ihr, er würde ihr ein Geschenk machen, wenn sie ihn auch liebte. Apollon würde die Prinzessin zu einer großen Seherin machen; ihr die Gabe schenken, hinter die Mauern der Zeit zu blicken und die Zukunft vorherzusagen und alles, was sie dafür tun müsse, ist, sich ihm hinzugeben und seine Liebe zu erwidern. Kassandra willigte ein und der Gott hielt Wort.

Als die Königstochter ihre Gabe jedoch erhalten hatte, verweigerte sie sich Apollon. Sie hatte den Gott in ihrem Leichtsinn betrogen. Rasend vor Zorn verwünschte er sie in all seiner Wut und kehrte die Gabe in einen schrecklichen Fluch um: Kassandra würde weiterhin alles Elend und all das Schlechte sehen, was in Zukunft lauern würde, doch ihre Warnungen würden von nun an bis zu ihrem Tod auf taube Ohren stoßen; niemand würde der Prophetin mehr glauben, sondern sie stattdessen für bemitleidenswert und verrückt halten.

Doch die Götter erschienen auch Kassandras Bruder, einem jungen Prinzen namens Paris. Drei Göttinnen stritten sich darum, wer die Schönste von ihnen sei; der junge Mann sollte nun die Entscheidung fällen. Doch die drei Göttinnen spielten nicht fair: Jede von ihnen versuchte, Paris zu bestechen. Eine versprach ihm die Herrschaft über die Welt, sollte er sie zur Hübschesten wählen, die andere versprach ihm Weisheit, die dritte Göttin jedoch würde ihm die Hand der schönsten Frau auf Erden schenken, sollte er ihr seine Gunst erweisen. Der Jüngling wählte die dritte Göttin. Was diese jedoch nicht erwähnt hatte, war, dass die schönste Frau der Welt bereits die Gemahlin eines Anderen, eines mächtigen Königs jenseits des Meeres, war. Paris lässt sich jedoch nicht von Vernunft leiten, und raubt die schönste sterbliche Frau der Welt aus dem fernen Königreich, um sie selbst zu freien. Der fremde König scharrt daraufhin rasend vor Zorn seinen Bruder, einen weiteren mächtigen König und seine restlichen Verbündeten um sich und zieht mit einem gewaltigen Heer in den Krieg gegen das kleine Königreich, um seine Gemahlin zurückzuholen. Kassandra sieht, welches Unheil sich abzeichnet, doch wie angekündigt bleiben ihre Warnungen vergebens und die Hochzeit findet statt. Traurig und verzweifelt hält sie sich im Hintergrund der Feierlichkeiten.

Zehn blutige Jahre lang belagern die Armeen der beiden Könige das kleine Reich, dessen Mauern tapfer aushalten, bis die Feinde eines Tages auf eine List gebracht werden. Kurze Zeit später scheint es, als sei der Krieg vorüber. Die Späher vermelden, dass die Truppen der beiden Könige abgezogen seien. Alles, was noch übrig geblieben ist, ist ein gigantisches hölzernes Pferd, das vor den Toren der Stadt steht. Ein Geschenk, eine Geste des Abschieds und der Versöhnung meinen die Meisten. Der Sieg scheint endlich wahr zu sein. Kassandra warnt, doch sie warnt vergebens. Das Pferd trägt den Bauch voller Soldaten, die das kleine Königreich von innen niedermetzeln; Troja fällt und die Seherin wusste es, doch musste machtlos mit ansehen, wie ihre Heimat brannte, ihre Familie ermordet und die Frauen und auch sie selbst geschändet wurden. Sie hatte es immer gewusst. 

Doch die Götter haben kein Erbarmen: Der Bruder des fremden Königs nahm Kassandra nach der Schlacht gefangen, machte sie zu seiner Sklavin und Hure und verschleppte sie als Kriegsbeute in seine Heimat, ins feindliche Königreich Mykene. Der Palast des Königs ist ein dunkler Ort voller Intrigen und Blutdurst. Das Haus und sein Regent sind verflucht und die eigene Familie trachtet nach seinem Leben. Die Königin Mykenes wird ihren Mann töten. Kassandra sieht, was geschehen wird, und die Visionen werden schlimmer: Zukunft, Vergangenheit, Blut und Verrat, alles verschwimmt vor den Augen der verzweifelten Seherin. Die Realität entgleitet ihr. Sie sieht den Tod des fremden Königs, ermordet durch die eigene Frau und sie sieht auch den eigenen Tod von der Hand der Königsmörderin. Verzweifelt wirft sich Kassandra in den Staub vor den Toren des Palastes. Sie weiß, dass ihren Warnungen nicht geglaubt wird. In ihrer Not schreit sie auf, schreit den Namen Apollons, des Gottes, der sie verfluchte, nachdem sie ihn einst in ihrer Jugend betrog. Sie bittet um Gnade, und sie fleht darum, dass er sie verschonen möge, nach einem ganzen Leben voller Leid und Schmerz. Sie erkennt ihre Schuld an, weiß, dass sie auch ihr eigenes Haus mit ins Verderben stürzte. Der Wahnsinn ergreift Besitz von Kassandra. Doch der Gott schweigt, er kennt keine Gnade. Ein paar alte Männer, die abseitsstehen, hören die Worte der manischen Seherin und sie glauben ihr. Endlich schenkt jemand ihren Prophezeiungen Glauben. Kassandra jedoch steht auf und geht erhobenen Hauptes durch die Tore des blutigen Palastes, geradewegs in den eigenen Tod.

Nicht unbedingt eine Geschichte mit Happy End, oder? Vielleicht auch nichts, das man seinen Kindern vor dem Schlafengehen erzählen sollte. Die Verkäuferin drückt mir meine Tüte in die Hand und sagt: "Ich hab' noch ein Milchbrötchen mit dazu gepackt". "Oh, vielen Dank", antworte ich und lächele ihr zu. Die Schlange hinter mir ist länger und länger geworden und ich muss darum bitten, nach außen gelassen zu werden. Während sich mein Lächeln wieder verliert, trete ich hinaus in die Kälte und den Wind. Über das Kopfsteinpflaster der Querstraße blicke ich auf das Haus am Ende des Weges.

Seit über fünf Jahren wohne ich nun darin und noch immer ist es irgendwie fremd. Für einen Moment bleibe ich stehen, zünde mir eine Zigarette an und starre auf das siebenstöckige Stadthaus aus den 50'er Jahren. Wegen der Nähe zum Wasser hat man es einst für höhere Mitglieder der Marine bauen lassen. Der letzte Marineangehörige, unser Nachbar, starb jedoch letzten Winter - nur deswegen weiß ich das überhaupt. Er erzählte mir, dass man früher aus jedem Fenster das Meer sehen konnte. Inzwischen versperren Bäume und andere Häuser den meisten Bewohnern den Blick. Von meinem Schlafzimmerfenster aus sieht man jedoch noch immer das offene Meer und all die vielen Schiffe, die langsam und behebig Richtung Hafen fahren und weiße Bahnen ins Wasser ziehen. Am Anfang habe ich mich noch mit dem alten Mann von nebenan unterhalten können, wenn man sich zufällig im Hausflur traf oder etwas brauchte, irgendwann jedoch hat er mich nicht einmal mehr erkannt. Dann konnte er das Bett nicht mehr verlassen und dann starb er, ohne zu wissen, wo er überhaupt war und ohne die eigene Frau zu erkennen, wenn sie ihm abends die Hand hielt. Ein verirrter Schatten in einem sterbenden Körper. Das Alter kann ebenso grausam sein wie der Zorn der Götter. Je näher ich dem Haus komme, desto mehr scheint es den Himmel zu verdunkeln, bis ich den Schlüssel im Schloss drehe und es betrete.

A.

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