Mittwoch, 13. November 2013

Die Schlachtbank der Geschichte

Manchmal, nach dem Aufstehen, wenn alles noch ein bisschen langsam und still ist, frage ich mich, wie unsere Epoche wohl durch den Abstand der Zeit aussehen muss. Modernität ist ein verräterischer Freund und wir sind mit Sicherheit ziemlich bescheuert durch die Schatten der Retrospektive. Fortschritt, Erfolg und Vernunft sind nichts als relative Größen und arrogante Illusionen, das sollte man sich immer wieder bewusst machen.

Mit Erstaunen blickt man doch auf die medizinischen Methoden der Ärzte des Mittelalters zurück, oder ist erschrocken von der Gleichgültigkeit und der Dekadenz des europäischen Adels gegenüber dem eigenen hungernden Volk. Kinder waren nicht immer die kleinen Lieblinge ihrer Eltern; das emotional geprägte Verhältnis, wie wir es kennen, ist in seinen gröbsten Zügen erst eine Errungenschaft der letzten paar hundert Jahre. Die Schrecken des Imperialismus und der Inquisition - überhaupt all die unsäglichen Dummheiten, die im Namen eines Glaubens begangen wurden (Na gut, ist Letzteres wirklich Geschichte?), wirken heute manchmal so unvorstellbar absurd. Die Gräueltaten der Menschen von Sklaverei und Massenmord bis hin zur Jahrtausende andauernden gesellschaftlichen Unterdrückung der Frau - wir fühlen uns so rein und gut, blicken wir auf all das zurück. All die Kriege und die Willkür. Am Arsch.

Würden wir, die wir im Jetzt leben, die Menschen der Vergangenheit nach den Gründen ihres Handelns fragen, so hätten sie größtenteils wenigstens die Entschuldigung, dass sie es einfach nicht besser gewusst hätten. Sie spielten nach den Regeln ihrer Zeit. Die Schlachtbank der Geschichte und so. Es ging immer um dieselben Dinge: Sex, Gier und Angst. Die Verkleidungen dieser drei Triebfedern wechseln natürlich im Laufe der Zeiten immer wieder.

Fragt man jedoch uns, wie wir es zulassen konnten, dass wir uns nicht mehr einfach nur selbst ausbeuteten, sondern auch unseren Planeten und unsere Umwelt so sehr beschädigten, dass wir unserer aller Existenz dadurch gefährdeten; fragt man uns danach, wieso wir nichts dagegen taten, dass Tausende von Tierarten unwiderruflich ausstarben; wieso wir der Hälfte der Welt einfach in den Abendnachrichten dabei zusahen, wie sie von Hunger, Krankheit und Durst dahingerafft wurde, dann können wir nur antworten, dass wir zwar so getan haben, als sei es nicht so, aber dass uns im Grunde genommen einfach scheißegal war.

Sicher, wir fanden wirklich nicht cool, was da passierte, aber so lange es den Menschen, die wir mochten, gut ging und unserer Kühlschrank und unsere Geldbörse gefüllt waren, ließ es sich ganz gut mit dieser Schuld leben, um ehrlich zu sein. Ein paar von uns verzichteten sogar auf Fleisch und kauften in Bioläden, den man einfach immer trauen konnte. Na klar, sie trugen trotzdem noch Lederschuhe, schrieben auf toten Bäumen und verpesteten die Umwelt mit ihrem alten Wagen, aber der Wille zählt doch. Man durfte es ja auch nicht übertreiben, sonst wurde man schließlich zu einem nervigen Öko-Arschloch. Pflanzen sind ja außerdem etwas ganz anderes als Tiere! Sie sind doch keine Lebewesen, oder? Wären sie welche, könnten sie ja wohl schreien! So ist das mit den Tieren auch: Es gibt eben süße Tiere und andere, die man nunmal töten sollte. Katzen und Hunde sind so niedlich, Ratten und Spinnen sind Monster.

Wir haben es besser gewusst als all die Menschen in den Epochen zuvor. Wir wissen, dass wir dumme Dinge tun und wir scheißen einfach darauf. Und das macht uns zu den schlimmsten Arschlöchern aller Zeiten, denn wir ficken uns nicht mehr einfach nur gegenseitig, sondern wir ficken einfach alles, unsere ganze Welt.

Ich stelle mir dann immer vor, wie ich in einen leeren, weiß strahlenden Raum trete, von den Toten wieder zum Leben erweckt, um Rechenschaft abzulegen. Alles leuchtet. Vor mir stehen weißhaarige Kinder in langen Roben und fragen mich: "Alexander, wenn ihr so aufgeklärt gewesen seid, wie du sagst, was für einen Grund hatte es, dass Ihr in Euren wissenschaftlichen Einrichtungen menschliche Ohren auf dem Rücken von Labormäusen habt wachsen lassen, anstatt Euch um den Hunger und den Durst, die Ressourcenknappheit und das Artensterben zu kümmern? Habt Ihr nicht gemerkt, dass Eure neuen Herrscher Anzüge statt Kronen trugen, dass Konzerne und die Finanzwirtschaft Euer Leben regierten, und Ihr nichts getan habt, außer stumpfsinnige Arbeiten zu verrichten, um Geld für ein Leben zu verdienen, das aufhörte, nachdem ihr nicht mehr gearbeitet habt? Wie konntet Ihr all Eure Geheimnisse und Euer Leben an sie verschenken? Wieso waren Euch Eure Hunde lieber als Menschen, die Ihr nicht kanntet? Warum habt Ihr jeden Schnupfen mit Antibiotika bekämpft und sogar die Tiere, die Ihr aßt, damit gefüttert, bis Ihr schließlich wieder von Krankheiten heimgesucht wurdet, die Ihr eigentlich schon besiegt hattet? Warum seid Ihr immer wieder Nationalismen erlegen, obwohl sie Euch mehrfach an den Rande der Vernichtung geführt haben? Was ist mit den Generationen nach Euch? Warum habt Ihr nicht verstanden, dass es einen Unterschied zwischen Ehrgeiz und Gier gibt und wie konntet Ihr nur so lange so blind und taub gegenüber Eurem eigenen Gewissen sein?"

Und ich würde antworten: "Ohren auf den Rücken von Mäusen? Wieso? Das ist doch witzig!"

A.         

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