Freitag, 8. November 2013

Fliegende Affen

Man sagt vielleicht, dass die Nacht am Dunkelsten vor der Dämmerung ist, der Himmel jedoch, ist am Schönsten, kurz bevor die Dunkelheit einsetzt; wenn die Wolken allmählich verschwinden und das Licht langsam in vielen Farben seinen Abschied ankündigt. So viele Töne von Grau, Grün und Blau. Die Autobahn ist voll: Wie eine rote Schlange zieht sich die Kette aus Rücklichtern langsam auf dem Asphalt durch all die Felder Mecklenburgs. Die Abenddämmerung lässt den Wald am Rande der Straße tiefschwarz wie einen Schattenriss aussehen; spitz ragen die Silhouetten der riesigen Nadelbäume hinein in die Farbe des Himmels.

Je näher Kiel kommt, desto kälter wird es. Regen setzt ein und langsam sind erste Sterne im stärker werdenden Dunkelgrau zu entdecken. Das Licht der Scheinwerfer bricht sich in den Regentropfen, jedoch immer nur so lange, bis sie von den Scheibenwischern fast geräuschlos zur Seite, ins Abseits, geschoben werden. Ich versuche andere Gesichter hinter den Autofenstern zu erkennen, aber sie fliegen zu schnell an mir vorbei, verschwimmen zwischen Licht, Regen und Dunkelheit. Wir reden nicht, wir fahren nur.


Ich überlege, wie ich meine Bar nennen würde, hätte ich eine. Nach einigen guten Vorschlägen entscheidet sich mein Verstand für "Winged Monkey". "Flying Monkey" klingt viel zu sehr nach einer fiktiven Hollywood-Bar. Außerdem hat sich L. Frank Baum schon etwas dabei gedacht, dass die Viecher "geflügelte Affen" hießen und eben nicht "fliegende Affen". "Ich bin noch kurz auf ein Bier im Winged Monkey". Coole Kids sagen dann: "Wir schießen uns heute hart im Monkey ab, du Wichser". So reden doch coole Kids heute noch, oder? Wir haben so geredet, und wir waren coole Kids, du Wichser. Oder doch "Flying Monkey"? Immerhin müsste ich es dann nicht jedes Mal erklären. Ich hasse solche Wiederholungen. Und Scheiße, ich weiß, wovon ich rede: Ich war so schlau, mir mit achtzehn ein japanisches Kanji auf den Ellenbogen tätowieren zu lassen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass mich von nun an jeder Idiot nach der Bedeutung des Symbols fragen würde - und sei es nur aus Höflichkeit, weil er glaubt, damit einem bestimmten Protokoll zu entsprechen; schließlich haben viele ja auch solch kryptische Scheiße, weil sie danach gefragt werden wollen. Mir hingegen gefiel die Form und die Ästhetik einfach. Die Bedeutung war da eher zweitrangig und Ballast. Solange es nicht "Crackhure" bedeutet hätte, wäre es mir egal gewesen. Mir gefielen die scharfen Kanten. Ich hatte mir vorgenommen, mir immer irgendeine Scheiße auszudenken, wenn mich jemand nach der Bedeutung fragen würde - die meiste Zeit, brachte ich das jedoch aus Höflichkeit nicht über meine Lippen. "Er wandelt unter uns, aber er ist keiner von uns", das wär' mal eine Bedeutung, was? Ist ja auch egal. Flying Monkey. "Wicked Wodka": grün eingefärbter Wodka, das wäre unser Hausdrink.

2007

Im Radio singt Ryan Adams: "Blue sky, when you gonna learn to rain?". Als der Wagen parkt, ist es finster. Keine Sterne sind mehr zu sehen. Der eisige Wind drückt die Wagentür fast wieder zu, als ich sie öffnen will und die Luft hier riecht nach gar nichts. Verhüllte Stimmen hallen durch die Türen in den kalten und dunklen Hausflur. Das Rasierwasser alter Menschen liegt wie ein Nebel in der Luft. Im zweiten Stock kommt eine Note von Sonntagsbraten hinzu. Irgendwann ist es immer Sonntag. Der Schlüssel dreht sich im Schloss, ich trete auf ein paar Briefe auf dem Fußboden, knipse das Licht an und bin zu Hause.

A.

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