Dienstag, 26. November 2013

Geisterstunde

0:00 Uhr. Zwölf Uhr nachts. Das hat mir früher oft Angst gemacht, als ich ein Kind war. Meine Großmutter hat immer von der Geisterstunde gesprochen; von Toten, die auferstehen und auf knarrenden Dielen durch die Flure wandeln. Ich habe sie bildlich vor mir gesehen, die Verstorbenen, wie sie zurückkehren mit blassen und leeren Gesichtern und einen mitreißen, wenn man es wagt, die Augen offen zu halten zu so einer gottlosen Zeit. Also war es immer das Ziel, vorher zu schlafen. Ich kannte nicht einmal jemanden, der gestorben war, außer meinen Urgroßvater, und an den hatte ich eigentlich kaum noch irgendwelche Erinnerungen. Ein knorriger alter Mann mit ewig ernstem Gesichtsausdruck, den ich "Opa Stock" nannte, weil er stets einen hölzernen Gehstock bei sich trug, wenn wir sonntags mit der ganzen Familie unseren Spaziergang zum Friedhof antraten, wobei mir nie klar war, wen wir dort eigentlich besuchten. Ich weiß nicht, ob das wirklich meine Erinnerungen oder nur die Erzählungen der Anderen sind. Nachdem meine Mutter mir eine Geschichte oder ein Kapitel aus irgendeinem Buch vorgelesen hatte (meine liebste Geschichte war "Das Wirtshaus 'Zum Weidenbusch'"), bat ich sie immer, meine Zimmertür noch angelehnt zu lassen, damit durch den schmalen Spalt ein wenig Licht in das dunkle Zimmer fiel und ich die Geräusche hören konnte, die die Frauen beim Spülen des Geschirrs und dem Aufräumen der Küche machten. Manchmal, im Sommer, wenn mein Fenster einen Spalt geöffnet stand und der Wind günstig wehte, konnte man sogar das Heulen der Wölfe aus dem Tierpark hören. Das fand ich dann schrecklich gemütlich - und so gelang es mir, immer zu schlafen, bevor die Geisterstunde anbrach und ich Gefahr laufen würde, mit in den schwarzen Tod gerissen zu werden.

Gute Nacht,

A.

Kommentare:

  1. ich sollte mir abgewöhnen deine posts vor dem einschlafen zu lesen...

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  2. das tut nichts zur sache ^^
    ich scheiß mir eh schon jeden tag ein, weil hier so n verfickter messerstecher rumrennt, der frauen überfällt. gruselig! da isses also wurscht.

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