Sonntag, 10. November 2013

Im Rausch der Kälte I

"So, Jungs, wir haben auch alle anderen geschafft, dann packen wir jetzt auch die! Verstanden, Männer?", sagt der Einzige von uns, der im Verein spielt, und muss dabei selbst lachen. Wir lachen auch. Er ist nicht der Typ für Motivationsreden, aber wahrscheinlich kennt er das so und hatte das Gefühl, dass zumindest vor dem wichtigsten Spiel irgendwer etwas Feierliches sagen muss. Mein Magen krampft und meine Luftröhre fühlt sich an, als hätte sie innen ein dichtes Fell, das kaum durchlässig ist. Ich habe die halbe Nacht mit Freunden in einer Kneipe gesessen, und bin anschließend bei Minusgraden über eine Stunde zu Fuß nach Hause gelaufen. In den Gesichtern von Andreas und dem Bassisten lässt sich Ähnliches ablesen. Die waren auch mit. Im Nachhinein war das wohl eine ziemlich beschissene Idee. Kurzzeitig habe ich in einer Hecke gelegen und es war so kalt, dass ich mich kaum zum Weitergehen aufraffen konnte. Im Schnee sieht alles so friedlich und still aus. Ich kann besoffen einfach nicht richtig geradeaus laufen und so bin ich gestolpert und in die verfluchte Hecke gefallen. Der Bassist hat sich aus Solidarität daneben gelegt. Die schneebedeckten Äste und Blätter unter mir wurden immer weicher und bequemer, bis uns Andreas anschrie und uns als Vollidioten beschimpfte. Widerwillig gingen wir weiter, noch immer torkelnd und kurz vorm Einschlafen.

Die Tür zur Umkleide öffnet sich. Der Name unserer Klasse wird aufgerufen. "Ihr habt noch zehn Minuten, dann ist Finale!", sagt die Stimme eines der Organisatoren. Es riecht nach Schweiß und Füßen. Zehn Minuten? Dann gehe ich noch eine rauchen, denke ich. Mein rechter Fuß schmerzt beim Auftreten. Unangenehm. Ich hatte morgens in all der verkaterten Hektik vergessen, meine Schuhe einzupacken und musste mir hier welche leihen. Leider nicht in meiner Größe. Statt der normalen 45 trage ich nun 40. In den ersten Spielen ging es noch, aber nun wird es immer schlimmer, mit jedem Schritt. Der Rauch der Zigarette brennt in meinem Hals. "So ist's richtig, Alex, noch schnell eine durchziehen vor dem Sport. Das ist richtig gut für die Kondition", brüllt mein Sportlehrer im Vorbeigehen. Er ist Schiedsrichter heute. Seine silberne Pfeife trägt er an einer Kette um den Hals.

Durch die verglaste Tür sehe ich einen meiner Mitspieler im Gang zum Innenraum stehen. Er sieht mich direkt an und klatscht in die Hände. Ich weiß, was das heißt. Ich trete meine Kippe aus und gehe gemächlich zurück in die Halle. Als wir aufs Feld laufen, ertönt kein Applaus, niemand liest unsere Namen vor. Alles, was zu hören ist, ist das Gemurmel von den Rängen und das Quietschen unserer Schuhe auf dem Parkett. Unser Gegner ist unsere Parallelklasse. Ein bisschen sind wir, glaube ich, alle überrascht, dass wir die anderen Teams besiegt haben - immerhin sind wir die beiden jüngsten Klassen der Schule. Der schrille Pfiff des Schiedsrichters durchschneidet meine Gedanken und hallt von den Wänden der Sporthalle zurück.

Bereits nach ein paar Sekunden merkt man, dass dieses Spiel erheblich schwerer wird als die vorherigen. Wir hatten sicherlich auch ein bisschen Glück gehabt bisher. Verfickt, sind die schnell! Immer wieder gelingt es uns erst in letzter Minute, den grün leuchtenden Ball unmittelbar vor unserem Strafraum zu klären und gegen die Bande zu dreschen. Torchancen haben wir so gut wie keine. Jeder gelaufene Schritt tut weh. Dann kassieren wir das erste Gegentor. Es wird ruppiger. Andreas und einer der Gegenspieler liefern sich kleine Scharmützel und bearbeiten sich immer wieder mit ihren Ellenbogen. Ich komme kaum noch hinterher und es werden immer wieder Fouls gegen mich gepfiffen. Ich sehe die gelbe Karte und werde ermahnt.

Ich spüre, wie mein Gesicht Hitze abstrahlt, meine Haare kleben an meiner Stirn. Jeder Zweikampf wird härter. Sie laufen, als hätten sie noch kein Spiel gemacht. Ausgleich. Morgenluft. Mehr Glück als Verstand. Ich laufe mit ausgestrecktem Arm in einen Zweikampf. Mit einem Mal zieht ein beißender Schmerz von der Spitze meines rechten Fußes mein Bein hinauf, selbst in den Fingerspitzen spüre ich es. Ich gehe zu Boden. Ein Pfiff ertönt. Meine Knie machen ein dumpfes Geräusch, als sie auf das Parkett aufschlagen. Mein Gegenspieler ist mir direkt auf die Zehen gesprungen. Das war Absicht - sie hatten mein Humpeln bemerkt, das hatte ich gehört. Ich war mir sicher. "Du Scheißwichser", sage ich, während ich mich hochdrücke. Ein Spieler meiner Mannschaft kommt angelaufen und schubst den Jungen weg. Blutrausch. Gelbe Karte, lächerlich. "Das war Rot, glatt Rot", pöbele ich in Richtung Schiedsrichter, während ich mühsam zur Bank humpele. Ich kann nicht weiterspielen. Ich öffne vorsichtig den Schuh: Es ist Blut an meinen Socken. Verdammt. Ich stülpe ihn wieder über. Blut sehen, ist schlimmer als der Schmerz.

Dann das Tor für uns. Die Wut lässt mich bösartig mit heiserer Stimme jubeln und die Faust ballen. Die Luft brennt in meinen Lungen. Und dann Schlusspfiff: Das Spiel ist tatsächlich zu Ende. Wir haben in unserem ersten Jahr das Fußballturnier gewonnen, gegen all die älteren Mannschaften und die beschissenen Arschlöcher aus der Parallelklasse. Ich laufe zurück auf den Platz und wir liegen uns in den Armen, skandieren immer wieder, zur Melodie der Internationalen, den Namen unsere Klasse. Vor der Halle steht bereits ein Kasten Bier. Kein Pokal, nichts, nur Erinnerungen.

Die kalte Luft schmerzt beim Atmen. Wir trinken zwei Bier mit den Anderen, dann brechen der Bassist und ich auf. Wir haben einen Plan. Mit dem Überlandbus gelangen wir in ein kleines Dorf außerhalb der Stadt. Er ist genervt von meinem Gerede über das Turnier, also höre ich auf. Ihm bedeutet es nichts, aber er hat ja auch nicht gespielt. Alles wirkt grau und der Schnee ist dreckig. In der Nacht war alles so malerisch, so still und leise, so rein und weiß. "Da müssen wir hin", sagt Bassist und deutet durch die Busscheibe auf den höchsten Punkt des kleinen Ortes. "Scheiße, wir müssen in die Kirche?", frage ich den ihn, als wir aussteigen. "Nein, Mann, nicht direkt zumindest", antwortet er mit einem Lachen. Wir sind in einem dieser Dörfer, in denen es außer Zigarettenautomaten, einer Kneipe und einer Kirche so gut wie nichts zu geben scheint. Ich werfe mir meinen Rucksack über die Schulter und gehe ihm nach in Richtung des großen roten Backsteinturms der Dorfkirche. "Wir müssen zum Haus des Pastors", ruft der Bassist mir zu, als wir über die Straße laufen. Ich muss über den Bordstein springen, da sich so viel schmutziger Schnee am Rand der Straße aufgetürmt hat. Die Landung schmerzt in meinen Zehen.

"Er ist der Sohn des Pastors?", frage ich erstaunt. "Ja, Pastor oder Pfarrer. Keine Ahnung, wo da der Scheißunterschied ist, Alter", antwortet der Bassist. "Im Ernst, er ist wirklich der Sohn? Wo sind seine Eltern?", frage ich, noch immer überrascht und irgendwie belustigt. Ich kannte sonst keine Kirchenmänner oder Gläubige im Allgemeinen. "Urlaub", sagt der Bassist kurz. Das Haus ist riesig und niemand öffnet. Er wird unruhig. "Wie der Scheißidiot wahrscheinlich einfach die Klingel nicht mitbekommt, weil er bekifft Musik hört oder so", sagt er mehr zu sich selbst als zu mir. Die kleine Kirche sieht aus wie tausend andere hier in der Gegend: Sie steht, aus verwehtem roten Backstein gemauert, auf einem kleinen Hügel, umgeben von einem schiefen schmalen Friedhof, der sie wie einen Zaun umzingelt. Ein rostiger Wetterhahn ist auf ihre Spitze montiert. Vermutlich kann man von dort oben das Meer sehen. Ich stecke mir eine Kippe an und der Bassist versucht in der Zeit, den Typen auf dem Handy zu erreichen. "Scheiße Mann, du Penner, wir stehen schon vor der Tür", höre ich ihn sagen.

Weitere fünf Minuten später öffnet sich die große und schwere Tür des großen Hauses neben der Kirche, das wie das eines Bauern aussieht, ganz allmählich. Die beiden begrüßen sich. Sie kennen sich viele Jahre. "Moin, ich bin Alex", sage ich und reiche ihm meine Hand. Er ist riesengroß, dürr und schlaksig und ein langer Scheitel aus braunem Haar fällt ihm über die Augen. Ich bin schon groß und schlaksig, aber verflucht, der Typ ist bestimmt zwei Köpfe höher als ich. "Felix", antwortet er.

Ihm Haus riecht es nach Kälte und Platz. Wir gehen durch die Küche. "Guckt mal, geil, oder?", sagt Felix und zeigt auf einen großen Zettel, der an den Kühlschrank geheftet wurde. "Keine Drogenpartys!", steht dort in zornigen Lettern. Wir lachen alle drei. Sein Zimmer ist dunkel und verhangen. Poster, Filme und Platten sind überall. Es riecht nach Gras und Duftstäbchen und es läuft Air. Ich bitte um ein Handtuch und verschwinde erst einmal im Badezimmer.

Das heiße Wasser rinnt meinen Körper hinunter und lässt mich erst bemerken, wie kalt es wirklich ist. Meine Waden ziehen und irgendwie bin ich noch immer außer Atem. Ohne wirklich hinzusehen, wasche ich das Blut von meinem rechten Fuß. Ich kann einfach den Anblick meines eigenen Blutes nicht ertragen und es wäre furchtbar peinlich, hier in Ohnmacht zu fallen. Nackt das Bewusstsein zu verlieren ist immer unangenehm, das weiß ich aus erster Hand. Als der Wasserstrahl dann meinen großen Zeh trifft, brennt es kurz und ich schaue doch hin. Langsam löst sich der Nagel aus dem Fleisch, hängt am seidenen Faden und lässt dann los, ganz ohne ein Geräusch. Rosa Fleisch kommt zum Vorschein, während der Zehnagel Richtung Abfluss schwimmt, jedoch nicht durch die schmalen Löcher passt, und so auf dem Sieb zwischen dem abfließenden Wasser umher tanzt. Eigentlich tut es nicht weh. Ich hebe ihn auf und werfe ihn ins Klo.

"All I need is time to get behind the sun cast my weight", hallt es aus den Boxen, als ich zurück in das dunkle Zimmer komme. Meine Haare sind noch nass und Zigarettenrauch liegt in der Luft wie Nebel. Felix wirft mir eine prall gefülltes Plastikpäckchen zu. Ich fange es und bin froh darüber. Alles andere hätte wirklich nicht souverän ausgesehen und das ist meine größte Angst. Immer. Durch die Folie erkenne ich die schrumpligen, getrockneten Pilze. Es ist nicht das erste Mal, trotzdem habe ich keine Ahnung, was mir ihr Anblick sagen soll. Über die Qualität kann ich jedenfalls nicht urteilen also sage ich: "Sieht gut aus! Wie viel bekommst du von mir?".

Mit meinem Feuerzeug öffne ich eine Flasche Bier und setze mich, während Felix eine Zigarette über die Flamme einer Kerze hält und ihr Papier gleichmäßig schwarz färbt. Dann öffnet er sie mit dem Fingernagel, um an den warmen Tabak zu gelangen. Vorsichtig bröselt er ihn auf ein Long Paper, bevor er die kleine Dose vor sich öffnet und mit den Fingerspitzen das Gras hervorkramt. Ich versuche, nicht zu sehr hinzusehen, aber diese routinierten Prozesse, die bei fast jedem anders sind, haben mich immer schon fasziniert. Der Bassist wählt Titel für eine Playlist aus und zieht sie nach und nach in den Media Player. Die Drums von "Lust for Life" ertönen und der Bassist beginnt, mit dem Kopf zu nicken und den Takt mit dem Zeigefinger in die Luft zu zeichnen. Mit schmal geöffnet Lippen bläst Felix eine gewaltige hellgraue Wolke auf den Bildschirm. Ich komme mir vor wie in einem Film. "Scheißseitenbrenner", stößt er halb gehustet nach dem zweiten Zug aus. "Du kriegst heut' noch 'nen Kuss", sagt der Bassist ironisch. Einer muss das immer sagen. Felix reicht mir den Joint. Vorher nehme ich noch einen großen Schluck Bier, dann ziehe ich. Meine Lungen füllen sich und beim Ausatmen krampft es ein wenig, aber ich huste nicht. Das ist wichtig. "Hast du auch 'The Passenger' von Iggy?", frage ich. Der Bassist nickt. "Dann skip' mal, ich hab' Bock auf 'Passenger '", schiebe ich nach. Zug. "Chill dich mal, Mann, kommt gleich danach", antwortet der Bassist. Zug. Ich reiche ihm den Joint rüber.

Dann ertönen die vier Akkorde von "The Passenger" und ich bin glücklich. Ich konnte mich noch nie an dem Song satthören, obwohl er so simpel ist. Ein fantastisches Lied, das wird mir klar. "Das ist ein so fantastischer Song", sage ich und klinge dabei ein bisschen behindert. Die anderen reagieren nicht. Fantastisches Lied.

Fortsetzung folgt.

A.           

Kommentare:

  1. Irgendwie fühle ich mich gerade in die 80er zurückversetzt, da haben wir auch so einen Sch... gemacht.
    Nein, ich meine nicht Fußball spielen, das habe ich nie. So verrückt war ich dann doch nicht;-)

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